Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 79 (Oktober 1953)
- Date
- 1953-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 IMK STIMME Nr: 79 Herber! Freeden in Wien Begegnungen in London Von Z. F. Finkeistein (Jerusalem) Ilm- Dr. Herbert Freeden. Organis-itbuiHei ter des Hauptbüros des K ereil- K av emetli in Jerusalem nahm auf seiner I nfnrmntioiisreise durch mehrere Länder Europas Gelegenheit. Wien /u besuelien. um mit zi tiiistisehen Kreisen, insbesondere mit Freunden des KKL l iili- Iung zu nehmen. Das Vufbauwerk Israels trat in eine neue Phase ein. weshalb e'' yehuten erscheint. sämtliche Juden Oesterreichs zur Mitarbeit einzuladen, um die Basis der Tätigkeit des W iener Büros, das an sich schöne Leistungen aufzuueisen hat. wesentlich zu erweitern. zum W olde Israels und zum Nutzen aller Jischuwim der W elt, die den \ufbau. (len Bestand und das Gedeihen des Landes der Juden als Lebcnsimtw endigkeit betrachten. Die Zionistische Föderation in Oesterreich. ebenso die erweiterte Leitung des Keren Kayemcth in Wien veranstalteten für Dr. Freeden je einen Empfang, wobei aktuelle Fragen, die mit der Bodenentw icklung^p ditik des Nationalfonds Zusammenhängen. erörtert wurden. Am Sonntag, den II. Oktober d. J. lud das W iener KKL-Biiru eine Anzahl von \skanim zu sich, die Dr. Freeden \orgestellt wurden und in deren Kreis er einen konstruktiven \ nr'trag hielt, den w bnachstebend auszugsweise Wiedergabe \ tung dem heiteren Genre und dem Tanz und \ ergnücgn gewidmet, doch kamen die nicht mehr ganz jungen Freunde und Mitglieder der W IZO durch die künstlerischen Darbietungen auch reichlich auf die Kosten ihrer l nterhaltung. Herr Ernst Deutsch vom Burgtheuter erfreute in liebenswürdiger Weise die Anwesenden durch Rezitationen von Beerlioffmann, Altenberg und Heine. Die junge israelische Sängerin Xorah Goldwasser brachte neue hebräische Lieder zum Vortrag und bewies mit der Pagen- .Arie aus ..Maskenball" und dem italienischen Walzer ..11 ßaceio” ihren künstlerisch ausgefeilten Koloraturgesang und ihre große Musikalität. Von seinen Freunden stürmisch empfangen. erheiterte Staatsopernsänger Kurt Preger durch .Arien das Publikum und erntete, wie immer, durch seinen W itz und seine Laune Beifallsstürme und frohen Dank. Mit Ungeduld erwartet, konnten Hugo Wiener und Cissy Kraner zur restlosen Erheiterung der Anwesenden beitragen und immer neue Beifallsstürme erzwangen Zugaben. Nach der von der Jugend mit Begeisterung getanzten Horuh kamen alle Tanzlustigen auf ihre Rechnung. Das Ergebnis dieser Feier zugunsten der W IZO-Israel wurde noch erhöht durch die von Frau Direktor Friedrich gespendete Biesen-W/undertortc. deren mehrmalige \ ersteigerung zufolge der Generosität der glücklichen Gewinner ein namhaftes Ergebnis für W IZO einbrachte. W IZO dankt Frau Ada Eshel für die warme Förderung dieser Veranstaltung und allen Mitgliedern und Freunden für die Teilnahme an dieser Veranstaltung! W IZO hofft, daß sich auch bei den geselligen Zusammenkünften der kommenden Winter-Saison diese treue Anhängerschaft einfinden wird. Ein Ruf an die jüdische Jugend! Komm auf ein Jahr nach Israel Lnscr Shnut-Sherut-Progrumm sieht eine kurze Haehseharah in Frankreich vor, worauf ein Arbeits- und Studienjahr in Israel folgt. Alle Auskünfte erteilt der Zionistische Landesverband, 9., Universitätsstr. 4 Tel. A 26-4-73. Für den Zi mLtischeii L.imL’sv ei b m.l nahmen dir Herren Dr. IL'izbcra. W ill ’L'-.rlunkel und Heinrich Stein an dem Treffen teil, fün die ..Stimme" war Herr Bernhard Braver erschienen. Israel ist ein souveräner Staat — da> heißt aber nicht, daß aller Boden iimci halb de Staatsgebiete' etwa dem Staat gebärt, \ulgrbaut nach den Prinzipien westlich» r Demokratien, respektiert Israel privat1''- Eigentum, und (las jüdische V olk, d i'- so oft in seiner Geschiehte zum Oplcr v.m Expropriationen geworden ist. salbe gewiß nullt in seinem eigenen St aal zu solch unmoralischen Mitteln grelle;). Wenn man Boden behauen will, muß man ihn besitzen, mul um ihn zu besitzen, muß man ihn käuflich erwerben. I nd die große Mehrheit des Bodens in Israel ist noch W iislc, l'els, Sumpf und Sanddime. Erst ein Fünftel des gesamten Staatsgebietes ist kultiviert, Daraus erklärt sieb zu einem wesentlichen Peil der sihwerc w irtsc haftliehe Kampf Israels. Im vergangene» Jahr mußten allein 75 Millionen Dollar für den Import der notwendigsten .Nahrungsmittel ausgegeben werden. Aber jene vbhängigkeit v.m ausländischen landw irtschaf Uichcn Erzeug-- nissen stellt nicht nur eine ungeheure ökonomische Belastung dar. Ein Staat muß imstande sein, sieh im Notfall von den Produkten des eigenen Bodens zu ernähren, es sei denn er hat die mächtigste Motte der Welt, wie sie einmal das industrialisierte England hatte. Aber Israel kann es sieh sicherheitspolitisch nicht leisten, sein tägliche- Brot über tausende von Meilen hinweg zu transportieren, über Verbindungslinien, die exponiert sind und leicht durch kriegerische Zwischenfälle irgendwo in der Welt zerschnitten werden können. Die Forderung nach agrarischer Autarkie ist deshalb vom Standpunkt der W irtsehaft. wie Sicherheit eine unumgängliche Notwendigkeit für Israel. Lud dahin zu arbeiten, ist die Aufgabe des Keren Kav emetli. Das Programm für das laufende Jahr sieht große Projekte vor, die diesem Ziel dienen. Das erste ist die l rbannaeliung des Bcrggcbictcs, jener riesigeiy Strecken von \\ ildnis, die einen großen Teil von Judäa und des Galils ausmachen. Gerade durch jenes Berggebiet läuft ein hoher Prozentsatz von Israels Grenzen, und gerade hier ist es, wo Infiltranten und Schmuggler von jenseits der Grenzen auf israelisches Gebiet dringen und unter dem Schutz der Dunkelheit morden und rauben. Man kann jene Grenzen nicht durch eine ,,\laginot”-Ljnie von toten Befcstigungsw erke/v sichern, sondern nur durch eine lebendige Kette von Dörfern, mit Siedlern, die bereit sipd. ihr Land in Frieden zu bestellen, aber im Kriegsfall zu verteidigen. Mit anderen Worten: jenes Grenzgebiet pi* den Bergen muß bevölkert werden, aber Dörfer brauchen Erde und Bauern Land, das sie bestellen können. Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Programm des Keren Kayemcth in Israel. B e r n h a r d B r u, v e v Angenehme Fahrt Eine besonders günstige Gelegenheit zur Durchführung einer angenehmen Heise von Italien nach Zenlralumcriku bietet sich den Passagieren der Gesellschaft „ITALIA" an Bord der „GONTE BIAN¬ CA.VIA Nü", anläßlich der drei bereits bekanntgegebenen Ueberfahrten des genannten Schiffes im Laufe des Jahres 1954 nach Venezuela, Curacao und Kolumbien. Der „GONTE BLANCAMANO". der vor kurzem vollkommen umgcbuul und modernisiert wurde, bietet den Passagieren das Beste an Komfort und Annehmlichkeit und wirkliche Gastfreundschaft au fhoher See. Gedeckte und ungedeckte Promenade und die offenen Decks sowie die verschiedenen Sportanlagen gehen dem Bordlehen während des Tages fröhliche Abwechslung und die Möglichkeit, frische Seeluft besonders zu genießen. Das Schill’ verfügt über eine vollständige Klimaanlage im Speisesaal der 1. Klussc und über eine transozeanische Kudiolclepliou - anlage, die während der Fuhrt auf hoher See die Verbindung mit allen Kontinenten herslellt. 1. Im ZrgamMtlrtdrn von Sigmund Freuds Sohn. Durch einen Zufall geriet ich auf dem Ibomwcg vom British Museum in einen naheliegenden, kaum auffälligen Laden. Zigarren suchte ich und war wie vom Blitz getroffen, als ich in dem Gentleman mit dem weißen Kittel eines Ladenbesit- /(rs drn leibhaftigen Sohn Sigmund Freuds zu erkennen glaubte. Ich traute kaum meinen Augen, als mein Begleiter kaum hörbar meine Vermutung he-tät igle. Der Selm Sigmund Freuds als Verkäufe: in einem kleinen Zigarrenladen in der Great Kussel Street in London! ln einem I.adtn in dem noch obendrein Zeitungen, Baucliutcnsilicn und allerlei da/.ugtHöriger Land leilgehotcn wird! Ich gedachte vorerst meine Anonymität zu wählen, um den sichtlich abgehärmten und mit Kunden beschäftigten älteren Herrn nicht in Verlegenheit zu bringen, als ich mich doch faßte und zu erkennen gali. ich erinnerte ihn an meinen letzten Besuch in seinem Eltcnihausc in der Berggasse, als sich der braune l urat über die \\ iener Stadt ergoß und ich von der ..Jew ish Telegraphie Agency", in New 1 ork die dringende Aufiordcrung erhielt, über die Abreisemöglichkeiten des weithin iihmlcn Sigmund Freud Erkundigungen ein/ulmlen, Veil! wie schauerlich kam miv nun dieser Besuch eines mit dein 'Tode bereits ringenden Genies vor, dem auch die Wiener W üstiiuge nichts mehr anhabeu konnten! Ich starrte in die gleichgültig und kühl blickenden Augen des Sohnes^ die' weil in einem Bruchteil d‘H' Sekunde das Bild eines gurgelnden. stammelnden und ächzenden Titanen vor mir uuftanchte. Fünfzehn .Jahre sincls, seit Sigmund Freud mit Söhnen und Tochter sich nach London rettete, wo er bald danach seiner Krankheit erlag, und doch kamen mir erst in diesem Blickfang des Ladens diese Jahre wie ein wüster Traum vor, der den einen Sohn des Genies als Fotografen nach Nizza und den anderen als biederen Zigurrenverkäufer just in die nächste Nähe des British Museums verschlugen hat. Kinder eines Genies! Nur die einzige 'Jochter Anna ging in den Fußtapfen des V aters und genießt internationalen Huf als Schöpferin der Psychoanalyse der Kinder und Ehrendoktor der Lniversität in Harvard. Fast liuillo;, und mit dem „Thunk Von" rgyou englischer Manier verabschiedete mieh der Verkäufer, indem er nur die gewünschten Zigarren reichte. Kein Wort der Erinnerung! Kein Erkennen und kein W icderhall. trotz leiser Anspielung des W ieners, von anno dazumal und mm des Zigarrenkäufers aus Israel. Trokken, sachlich und einsilbig, wie es sich für einen englischen Verkäufer geziemt. Geistigkeit. Genie und sein Sohn! in tiefste Abgründe der Seele stieg eins« der Vater herab und sab dabei das Weltbild im Ketlcnbild seiner ewig rauchenden Zigarren. War nicht gerade die Erinnerung an diese Zigurren**ler Ercudsrlic Komplex, der dem Sohn nach den Hei litsstudien und mißglückten l nterneniimngeii schließlich den Weg ins Freie durch den Zigarrenhandel erüffnete? ... II. Im Hause Nahuin Sokolow.s. Ion Moder der Geschichte umweht dieses Haus im Londoner ,,! lamstead!" Als ob es Imndertc Jahre wären seitdem der springlebendige, von Schaffens-, Mehr - und Lerndrahg iiberschäiimende Nuhuni Sakolow diese Stätte seiner Wirksamkeit verlassen hätte! Altertümlich die Architektur und musealartig die Zimmer, Stiegen, Alkoven und Möbel. Obendrein an allen Ecken und Enden Haufen von Bildern, Büchern, Plaketten, Skulpturen und Iluldigungsakten aus aller Welt. Lediglich die treue Hüterin des Heiligen Grals und herrliche VVeggenossin des Vaters, die bereits .sagenhafte Grliua huscht wie ein Schulten durch all den Taiul eines heroischen Gestern, dieweil sein Sohn Florian scitJuhr und 'Tag die epochale Gestalt des Vaters in einem literarischen Werk foslzuhulleu v ersucht. Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. - Sokolow war kein Mime, doch ist vielleicht ein Schuß von Pose und Thcutrnlik in ihm und eine Art kiinstli- <hc Appretur, die er allzu sichtlich durch Monokel und Manieren eines Grand-Scigncurs zur Schau trug — daran schuld, daß er leider allzu rasch von all den zionistischen l'ührcru der V crgelMichkcit anheim fiel V ein Sokolow! Der Zeitungsmann, der für den All tag der Juden in Nalcwki zu schreiben begann. wuchs im Schatten Ifcrzls zum I' Ci hier heran, doch blich er letzten Endes auch im Schütten eines Weizmann trotz, seines Eiilnertums und geschichtlicher Bedeutsamkeit zur Balfour-Dcklaration haften. Sokolow war ein geborener Zeitungsmann und Enzyklopädist zugleich. Er war Talmudist und moderner „Maskil".. Staatsmann und grandioser Propagandist., ein meisterhafter Rhetoriker und Lehrmeister, und doch gebrach es diesem! I niversalistcn des östlichen Judentums, an der Wende des vorigen Jahrhunderts, an dieser weisen l Überlegenheit. die Ewigkeitswerte in sich birgt... So spukt geradezu schattenhaft diese geschichtliche Statur im übergroßen Arbeitszimmer mit dem riesigen Schreibtisch, auf dem noch Schriften und Schreibzeug der letzten Tage seines Lebens fast unberührt dalicgcn. In eben: diesem Zimmer wurde einst in tage- und nächtelangcn Debatten um den W ortlayyti der Balfour-Dcklaration gerungen. Kaum fünfundzwanzig Jahre siudLs her: Ein Blickfang in der Geschichte eines Volkes und doch muten uns diese Zeiten hier sagenhaft und weltentrückt an. Man starrt umher und sicht wie durch Wolken hinterm Schreibtisch die gedrungene Gestalt des polnisch-russischen Commis- Voyageurs der jüdischen Rcnuissanceb-ewegung. mit Vjonokel und schwarzer Samljaekc, der mit einem verschmitzten Lächeln die Pilpulistik von den Warschauei ..Nalcwki4, mit der Leberiegeitheil eines englischen Staatsmannes ztu v erbinden verstand. Schattenhaft nahe in dieser düsteren Behausung und doeli bereits verschwommen, im unendlichen Reigen der Vergangenheit... Leider! Dr. Hermann Flamm 60 Jahre Am 1B. Oktober 1953 vollendet unser Tmind. Dr. Hermann Flamm. das sechste Dezcnium seines Lebens, das sich vielfältig gestaltet bat. Als Sohn jüdisch - bewußter Eltern, hielt er die nationale, Idee hoch, verteidigte sie gegen linverstand und Anfeindungen und war sowohl in der Mittelwie in der Ilochschiile, für das jüdische Selbstbewußtsein in vorderster Reihe tätig. Als Arzt cntfultet Dr.. Flamm eine segensreiche 'Tätigkeit, dir nicht nur auf praktischem, sondern auch auf wissenschaftlichem Gebiet, reiche Früchte zeitigt. W ir wünschen unserem Freund und Mitarbeiter Dr. Flumin, Kruft für seine vielfältige und segensreiche Arbeit! MINTEX ERZEUGUNGSVERTRIEB GROSSHANDEL TEXTILIEN, STRICK- UND WIRKWAREN GALANTERIE- UND KURZWAREN WIEN I, NEUTORGASSE 6 TELEFON U 23 0 81 TELEGRAMM-ADRESSE: LAINTEX-WIEN