Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 76 (Juli 1953)
- Date
- 1953-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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OIE STIMME Seite 4 Einer der Letzten \ cii’ijzt'i /eit tneldeien di/;">>ten-eiildsilien i/.m s/i'imru/ii einen inyNl'ri-'- m'u I 11!. l-.iii 'irnrntiiüsrlies Ih1> 1 :ir wur- (l<- i n i i; i ü * n :i (• 11 sein. r \nknnfl in Wien im li tel/iimiier tut ui l;,ret imil/n. Eiir einen Mord fehlten dl' \n/.'ieli.’ii mul d i man in einem W a^M'rglas Spuren eines weißen lodv er>. f ind. und ' vorerst Selhstm.>r(I \er-imtet. \!>er hei einer näheren I ntt rsui liimu «Tgal) sieh, d 11> die Eheleute Op'er eines «ranz hes mders tragischen l nfalls <ieword«'n sind. Infolge eines Defekts in der Heizanlage strömte yerade aus dem II dir. das sieh im l’ade- /irnmer des Ehepaars befand, k dilenow «I aus und verursachte den T ul des ÖTjälil iuen \rchitek teil l'r 1 i v Slutzky und seiner Krau aus Burnus \irrs. Nur den ältesten Veteranen der W inner ..Hak'ah” wird wohl der Name Slutzky etwasauen, denn er £;oheiner fast gänzlich v ermessenen Eparlie an. aber einer Ep »ehe. die (Eis Fundament zur körperlichen Reyeiieration und zur geistigen Enianzipati 'ti der jüdischen Juyend leyle. die aus der Trägheit und \ erloyenlieit der \ssimilation den Weg in d e Freiheit und Wahrheit des nationalen SrcIbstheuulAtscins wies, die den .Jahrhunderte alten Galuthgeist wie einen schäbiucn. zerrissenen Mantel ab warf und die im Bewußtsein der eigenen kraft stolz in die Schranken trat zum kämpfe gegen jeden Feind. Nicht um des Ruhmes urd nicht um des Lohnes willen, auch kaum um des bloßen Spieles willen wurde Slutzky llakanhner. sondern aus reiner Begeisterung für die Sache des zionistischen Gedankens und aus dem Pflichtgefühl heraus, für das Pioniertum. das nicht nur im fernen Israel W urzel gefaßt hatte, sondern auch in der Diaspora allmählich Banner der jüdischen Jugend wurde. Slutzky war kein Champion und kein Star, sondern einer der fast \nonymen, die den Ruhm der W iener ..Haknah" begründe teil, den Ruhm, der ihren Namen hinaustrug in die ganze Welt, nicht nur als sportliche Weltmacht. sondern fast noch mehr als Symbol jüdischer Höchstleistung, die sich mit jeder anderen messen konnte und ihresgleichen suchte. Es w ar dies eine schöne, erhebende Zeit für d e W iener jüdische Jugend, eine Zeit des ehrlichen Enthusiasmus. des ehrgeizigen Ströhens, der tiefen Verbundenheit und der physischen und psychischen Genesung. Damals, als sich die Jünger in Massen um die blauwciße Flagge der ..Hakooh” zu scharen begannen, fielen die ersten Schranken zwischen Ost- und W estjudentum. wurden die Vorureiner alten Garde teilt des k lassen- und kastcndiinkels über Rud geworfen und der wirklich«' I in zlga'ist in Wien geboren. Nictit die starke. grulAc. mächtig«' ..llakoah ' zog die Mihangcr in ihren Bann, sondern cm kleiner \ crein. der Jahre hindurch in den unteren blassen ein Schattendasein führte. I eher Nacht crw uhtc sem Ehrgeiz und sein Mut. geweckt durch den lauten Ruf. der an das Ohr eines jeden Juden drang, entzündet au dem Eunken. der jedes jüdische Herz elektrisierte. Mehr als BO Jahre sind seit der Zeit \ergangon. als die ..llakoah” sich ihren Aufstieg in die Erste Masse des W iener EulAhalls erkämpfte, aber allen. die diesen triumphalen Erfolg mitnichten wird jene Zeit umergelAlirh bleiben. hatten sie doch alle ihren 'Feil daran. gleiehiiltig. oh sie Spieler. Funktionäre oder nur Zuschauer waren. Mil Spott und Verachtung \crfolte die W .ciicr Sportöffcntliclikeit \orcrst das umcrschän.lc l iiterfangen der jungen jüdischen Sportler, sich in den \ ordergrimd zu schieben. W aren doch schon die V oraussctzungen für ein solches Bemühen geradezu lächerlich. Dieser klieinc \crcin mit dem komisch klingenden Namen. hatte weder einen Spielplatz, einen Tiainer. noch einen Anhang: die Spieler mußten sich, wenn sie üben wollten, 'clhst die Torstangen anschlcppen. die Fußballs« Imlic kaufen und den Ball aufpumpen. Es gehörte schon eine ordcntli- «he Portion Idealismus dazu. Hakoahner zu sein. Aber rasch sollte den Spöttern das frohlockende Lachen vergehen. Von Sieg zu Sieg eilte die junge Mannschaft, in hellen Scharen sammelten sich die Eieunde. Helfer und Anhänger. einer sagt«' es dem anderen, zuerst kamen die Gymnasiasten, dann die reiferen Studenten und dann die Männer, die bis dahin für den Sport nichts und für den Zionismus mm wenig übrig hatten und nun vom Elan der Jugend mitgerissen wurden. Bald bildeten sie einen starken fanatifiion Anhang, der leidenschaftlich die 11 Spieler aufpulverte, die Sonntag für Sonntag in blau-weißen Dressen mit dem Magen Dawid auf der Brust für und um d e jüdisch«' Ehre kämpften. Mail machte es der „llakoah” wahrhaftig nicht leicht. Jeder Rivale spielte gegen sie mit doppeltem Einsatz, für das ..bodenständigen” Publikum war sic nicht nur ein Gegner ..ihrer” Mannschaft, sondern ein gemeinsamer Feind und der W eg. der zur Ersten blasse führte, war buchstäblich mit Dornen besät. In aller Eile wurde aus den besten, erstklassigen Spielern ein Team mobilisiert, das unter dem typischen Namen „Germania” gegen die ..ll ik iah" in die Schranken trat, gl Mißt) Zuschauer, für jene Zeiten «'in Rekord, umsäiin len (las Spielfeld, als Bi«' beiden Mannschaften im Wiener Prater zum Enlsclieidungskampf antralcii und wurden Zeugen des großen kampfes. in dem der klein«' Dawid den gr dAen Goliath niederstrrrkte und nach dem dir ..Germanen” als Resiegte \ >m Platze schlichen. |i«'i aller \iierkemumg der großen Spieler. die den Namen der ..llakoah” in die Welt liinausgr tragen haben, ihren Ruhm haben nicht die Stars begründet, sondern jene aufopfernden und selbstlosen kämpler Slutzky. Ilalpern, Scheuer. Julm. katz und der unvergeßliche Held Isz.o Gaiisl. die in jenem denkwürdigen Jahr lPl!h als der jüdisch«' \ ereil), oline auch nur eine einzige Niederlage zu erleiden, in das Oberhaus einzig, mit und durch die Hakoali zu glanz\ollen Namen wurden. Die ..llakoah” hat der Geschichte der historischen Entwicklung bis zur Errichtung des Staates Israel eines der schönsten kapitcl brigesteuert. Ihre Heldentaten im In- und Ausland, ihr unaufhaltsamer Siegeszug zum österreichischen Meistertitel, ihre l iiumplir im Ausland leuchten auch heut; noch in schillernden Farben in jene Zeit zurück, da das Judentum aus zw citausendjährigem Dornröschenschlaf zu einem neuen Lehen erwüchse iind da die Well jüdischen Lei - stmigdi Anerkennung und Achtung zu zollen begann. 34 Jahre sind seit damals sei gongen, ereignisreiche Jahre, in denen das . indis idtialschicksal gegenüber dem Migemesnschieksa! in den I Untergrund gclicten ist. \ ielc der alten Garde weilen nicht mehr unter den Lebenden, der Rest lebt verstreut in der ganzen Welt und soii der alten ..llakoah" ist kaum mehr übrig geblieben als der Glorienschein. den die Geschichte allen Pnsterhlichcii zum kränze um ihr Haupt windet. Felis Slutzky. der nach WAen gekommen war, um einstige Freunde wiederzusehen. ist auf tragische Weise ums Loben gekommen. Ein grausames Schic'ksal hat den 57 jährigen Architekten aus Ruenos Aires frühzeitig, in der Blüte seines reifen Lehens, am Zenith seines werktätigen Schaffens dahingerafft. Aber dem allen I lakoaliner. der Wien verlassen hat, als es mit 200.000 Juden eine blühende jüdische Gemeind;' war und wiedergekommen ist. nachdem nicht mehr als armselige Zehntausend zurückgeblieben sind, wurden einige arge Enttäuschungen erspart. Denn nur sehr wenige seiner alten Freunde sind noch da. die ihm gerne die Hand gedrückt hätten. I m a n u e 1 1 u g e r Finaly-Kinder GIMGTI TNG IN ISRAEL Di« Lösung d«'s Edles der kinder Find'. wurde in Israel mit .allgemeiner Genugtuung bcgriilAt. Die Vorbereitungen zur Rückführung der kinder nach Israel haben lieg uincn. Der Jüdisch«' Weltkongreß wird für die Rückführung der Milder zum jüdischen Glauben auf eigene kosten eiiK'ii Lehrer stellen. Die Aufinlim«' \ on Rohei t FinalV. dem älteren der beiden Rriidu'. soll an seinem dreizehnten Geburtstag als größtes Nationalfest im Beisein von Ministerpräsident Ben Gurion gefeiert weiden. Der gesetzliche Vormund der beiden kimh'r. Frau Rosner, befindet sieh in Frankreich; um Robert und Gerald nach Israel zu holen. Die israelische Luftverkehrsgesellschaft El AI stellt die Passagen frei zur Verfügung, (dpa.) Ein Ruf an die jüdische Jugend! Komnf auf ein Jahr nach Israel Luser Shimt-Sherut-Programm sieht eine kurze Haehselmrah in Frankreich vor, worauf ein Arbcits- und Studienjahr in Israel folgt. Alle Auskünfte erteilt der Zionistische Landesverband, 9„ Lniversitätsstr. 4 Tel. A 26-4-73. ERNST BISCHITZ GROSSHANDEL IN TEXTILIEN SEIDEN / GARNE WIEN II., GREDLERSTRASSE 4 TELEPHON A 42 2 13 DIE MUTTER Aus dem Herzlbuch von Z. F. Finkeistein Ein Gruppenbild aus den Siebzigerjaliren. In Budapest. Eine kleinbürgerliche Idylle. Mann und Weih mit zwei aufbiiilienden kindem. Er — wuchtig, breitspurig, von scharf umrissenen Zügen reifer .Männlichkeit: sie — zart, voll weiblicher Anmut und puppenhaft schlank in der läppisch breiten krinoline. Sein Antlitz sprüht kraft und Selbslbew ußtsein. Aus einem Gesicht, umrahmt von dich (schwarzem Barthaur. lugen zwei scharfblickende Augen hervor. die nur aufs Nächstliegende gerichtet zu sein scheinen und nur das Tatsächliche im Eilige erfassen. Man erkennt den Realisten mit Leih und Seele. Als gerades Gegenteil erscheint dessen Gattin. Alles an ihr ist weich und verschwommen. Lange Haarzöpfe umschlingen ein längliches Gesiehtclien und schmiegen sich in reichen Strähnen bis an den Nacken. Lud zwei stille, verträumte Rehlingen strömen unendliche Güte eines in Liehe aufgeli enden Weihes aus. Ls sind unvergeßliche Eraiieiiaugen. halb stolz abweisend, halb von Trauer um Hut: in die Weite schweifend und doch so menschlich nahe, daß einem beim ersten Blick das süßeste Mysterium der Müllers« halt entgegendämmert. Jeanelie II e r z I — früher Nancy D i am a n t. Ein guter und stolzer Engel — so nannte man sie allgemein. Ihre mädchenhafte Anmut nahm im Fluge gefangen und eine frühreife Klugheit war mit Güte und Edelmut gepaart, Und all die guten E'genschaftcn mündeten letzten Endes in du* unendliche Quelle ewiger Weiblichkeit: die Mutterschaft. An dieses liebliche Elternpaar schmiegen sich mit ernster, fast scheuer Gebärde zwei kinder. Die kleine Poltli sitzt im kurzen Kleidchen mit ihren rundlichen Glulaugeii und daneben stellt Dori. Ein seelcnv olles Bubcnantli tz mit einem frühreifen Ernst entschwindender Kindhei t. Er schaut mit einem feuchten, träum - verlonen Blick in die Welt, wie ein aufges« heuehtes lieh, das am Rande eines Felsens in die unendliche Weite hinstarrt. Ruhe und Friede. Ein Glück im Winkel. Zufrieden, lieblich, beinahe spießbürgerlich. Alles eher als der Nährboden eines dämonischen l mstürzlcrs. Ein Mcnsclienalter später. Der Mann verkrachte si'in Vermögen im Börsenspiel, die einzige Tochter wurde in blühendem Alter von Krankheit daliingeralll und in das zartweiehe Antlitz der Mutter gruben sich liefe Furchen von kumnu'r und Sorge. Bis die ganze Glut mütterlicher Liehe und selimerzliclisler Erlcbmsse im einzigen Solm ’/.iisunmiciisclinndzen. Theodor blieb die letzte Hoffnung der Mutter. Als jedoch der erwachende Schaffensdrang des Dichters mit jähem Anprall den jugendlichen Lebcrmut aufzuw iililen begann, du entstanden die ersten Werke. Bezeichnenderweise Dramen. Erste Anzeichen frühreifer Lcbensklughei t. Er begann zu dichten als Gerichtspraktikant in Salzburg und holte sieh in der Wiener Burg seine ersten Lorbeeren. Dann kam die Reise nach Italien, Deutschland und Spanien. Die obligaten Lehr- und Wörnderjahre. I nd endlich die Landung in Paris. Wie gute Troslbolen langen mm an die Mutter zärtliche Briefe ein. „Liehe, gute Mama4', lautet der ständige Auftakt. „Es umarmt Dich Dein zärtlich liebender Dori" — der Schluß. Eine Idylle. Bis der Mutter eines Tages eine Broschüre des Sohnes zugeflogen kommt. Der Inhalt ist merkwürdig und der Titel rätselhaft. „Der J u d e n s I a a t.“ l'nd hiezu ein Brief mit Aufklärungen. Mit kleinen, krausen Schriflzügen, die Hast und Erregung verraten. Kurze Sätze und abgerissene WAirlc. Man spürt ein dumpfes Grollen, das in ein gewaltiges Dröhnen einer durch jähe Erlebnisse erschütterten Seele übergeht. ..Meine liehe, gute Mama.“ Doch die Mutter bemüht sieh Vergehens, die plötzliche Wandlung ihres Dori zu begreifen. Das verwöhnte Sölm- «heil verwandelt sich mit einem Ruck in den überlebensgroßen Solm eines ganzen Volkes -- und in die tändelnde Leichtigkeit eines Lcbenskünsllers bricht mit einem tosenden Echo die Unruhe von Jahrhunderten ein. Tausend. Gefühle und Gedanken prallen aneinander und sprengen beinahe den zähen Widerstand der ringenden Seele. Es ist die schmerzlichste Wehcstiindc eines neuen Judentypus. Der saloppe Globetrotter und der schalkhafte Scliildcrcr des „Palais Bourbon” stieg plötzlich in den Abgrund d r Judciisedc herab, und ein Ruf vom „Judenstaat” erscholl im tausendfachen Wide« hall. Bald tönen ihm Stimmen entgegen voll Anerkennung oder voll wütenden Ibisses: «Ec einen lächelten erhaben, die anderen w iiicn voll Mitgefühl. Bis von Osten und Westen ein mächtiger Ruf den Schöpfer des „Judenstaates“ zum Führer erkor. W ieviel Opfermut und Selhstentäuß '- i ung bewies die jüdische Mutter, als sie de* ganzen Familie zum 'Protz siel) an die Seite des Sohnes stellte und ilm in still«'r Demut dem ganzen Volke überließ 't W ic mußt«' ihr Mutlerlierz zittern, als sie im Antlitz ihres Sohnes immer tiefere Furchen von Kummer und Sorgen g<‘- walule? Wie krampfhaft mußte es sie schmerzen, als sie die brandende Welle von Haß und Verleumdung gewahrte, die den Sohn von allen Seiten umbrauste? Doch wie mußte ihr Multcrstolz sihwcllcu, als sic ihren Solm nach einigen Jahren schmerzlichsten Ringens erblickte < Erhaben und von blendender Männlichkeit — umgehen von einem Jubel erwachender Millionen und wie ein Fürst gebietend über die erlesenste Schar des modernen Judentums ...