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Die Stimme · 1953-07-01 · Heft 76 (Juli 1953) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1953
Issue
Heft 76 (Juli 1953)
Date
1953-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr.' 76 l'i*rt>et/iint; von Seite I Chaim Nachman Bialik Sargen um (len Lebensunterhalt beladen, wodurch er seinen sehnlichen \\ misch, eine akademische Laufbahn /u beschreiten. nicht in die Tat umzusetzen vermochte. wurde sein Gemüt elegisch. Die Leiden des Volkes in der Gallith und der Weltschmerz machten ihn pessimistisch, ln der Erkenntnis. da 6 sein Schicksal, wie das jedes einzelnen •luden vom Geschick der in abnormalen \ erhältnissen der Galuth lebenden jüdischen Gemeinschaft bedingt ist. und m der l eberzeugung. dal.' eine \ eräiulerung dieser Lebensbedingungen nur durch die Errichtung einer eigenen Heimstätte im Lande der \ äter geschehen kann, schliefst er sich der Chibbath-Zion-Bewegung ru und setzt sieh zur Aufgabe, das Volk aus der Apathie und Passivität, in die es verfiel. aufzuriittcln. Sch >n im Jahre 18PL im Alter \ ui 18 Jahren, als Schüler der Jeseh iw a in W oloschin. \ eröfentlicht Bialik seinen ersten Aufsatz ..Leraajom Ilajvschuv". in dem er das Programm einer nationalen Vereinigung: ..Nezach Jisrae!" entwickelt, die in ihren Grundsätzen tlmn \oti seinem Lehrer Aehod llaam gegründeten Orden ..Bene Moshe" ähnlich war. Sein erstes Gedieht ..El llazipor". in welchem er seine Liebe und Sehnsucht nach Zion zum Ausdruck bringt, machte großen Eindruck. Man erkannte in ihm den künftigen großen Dichter. Linen neuen Stern auf dem Himmel der hebräischen Poesie sah man aufgehen. Im nächsten Gedicht ..Hirurc Lajlu" klagt der Dichter über die Lngerechtigkeit der Welt und des Schicksals, über die großen Leiden aller Kreatur, insbesondere über die des jüdischen \ olkes, das überall gedrückt und verachtet wird, ein ständiges ruhe- und freudloses W anderleben führt, ohne eintvi Rettungsanker zu finden. Das Dasein in seiner ganzen Häßlichkeit wird in diesem Gedieht entblößt. Die Leiden des \ olkes fließen hier mit den persönlichen und den der ganzen Menschheit zusammen. Ln Gedicht ..ßassade" erblickt der Dichter das Lnglück des \ olkes in der Entfernung vom Boden: ..Wie ein Bettler steh ich da vor der Halmen Pracht, erkenne meine Armut, ach. wie groß. ..Nicht meine Hand hat euch, Halme, gehegt, nicht meine Hand euer Wachstum gepflegt. Nicht meine Kraft hab’ ich drinn verstreut. ich soll sie auch nicht sammeln!" Die zionistische Bewegung flößte dem vergrämten Dichter für eine kurze Weile Trost und Hoffnung ein und er spricht den zum ersten Kongreß in Basel versammelten Delegierten in der Hymne der ..Tcchesakna” Mut zu. aber bald verfällt er wieder in pessimistische Stimmung. Er sicht, daß nur Wenige sich der zionistischen Bewegung anschließen, die überwiegende Mehrheit des \ olkes aber in Apathie versunken ist. Im Gedichte ..Achen Chazir llaam" bringt er seine Gefühle des Mißmuts darüber zum Ausdruck: ..Wahrlich verdorrt das Volk. trmiJceVi wie Holz. Gewohnt an Rut’ und Peitsch'. soll es Schmerz empfinden. Seelenschmach in der Bcdiängung NotV Kann ein Toter erwachen, ein Toter ich regen'" Diese pessimistische Stimmung findet nach den Pogromen in Kischinew noch türkeren Ausdruck in den Gedichten: .Alischire llasaam". Sie sind ein flammender Protest gegen die l ngerechtigkeit, Grausamkeit dieser Welt: VERBILLIGTE FAHRTEN PACE B NACH 3 ANMELDUNGEN BE! REISEBÜRO CAPRI GRABEN 10 TEL R 26100 I ..Henker' Hier der Hals — Auf. schachte! Brich mir das Genick, wie ein'm Hund. Du hast einen Arm und ein Beil. Die ganze Erde — für mich ein Schaffet. lud wir — wir sind eine Minorität! Mein Blut ist erlaubt, hau' den Schädel ab! Soll bespritzen mürdriseh Blut. Blut der Säuglinge. Greise. Der Dichter ist untröstlich über die unschuldig Erschlagenen, aber noch größer ist sein Zorn über das jüdische \ ulk. das sich in das Schicksal findet und nicht zur Selbsthilfe greift. Seine Erbitterung darüber drückt der Dichter aus im Gedichte ..Beiiir llanarega": ..Kommst du an ihren Festtagen in ihre Bethüuscr. Da hörst du das W ehgeschrei ihres I nglücks. du zerfließest in Tränen... Ihr Leih schmerzt — doch sic wurden alt mit ihren Schmerzen. Schlossen Frieden mit ihrem schändlichen Leben. Was niit/t's. daß du sic tröstest V" ln seinem großen Pessimismus glaubt Bialik. das Lude des Volkes zu sehen, tröstet sich aber mit dem Blick auf das ..Betli hamidrasch", auf die große erhaltende Kraft des Judaismus (Im jesch et Naphscherha ladaath"). Im jüdischen Lehrhaus sieht der Dichter die Quelle, aus der das \ olk die Kraft schöpfte, dem Märtyrertod freudig entgegenzutreten, unendlich zu leiden und doch nicht die Hoffnung auf Erlösung zu verlieren. Die gewaltige Stille moralischer Kraft dieser Ausdauer und Zähigkeit, gegenüber an der alle Gewaltmittel der Feinde scheiterten. bringt der Dichter mit großer Kraft zum Ausdruck in einer seiner schönsten Poemen: .,\lethe Midbar". Mit Bedauern sieht Bialik aber auch diese Pflanzstätte jüdischen Geistes immer mehr verarmen: (..Al Saph Betli II amidrasch"). Auch in seiner großen Poeme: ,.Hamatmid" verherrlicht der Dichter die große moralische Kraft der Talmudjünger, die allen Verlockungen der Natur und der l mgebung Trotz bietend, nur dem jüdischen Geist leben und ihn mit ungeheurem Fleiß und Eifer pflegen. Andererseits aber tadelt der Dichter das ausschließliche Talmudstudium, die asketische Lebensweise, die Fernhaltung der Jugend von der persönlichen Berührung mit der Natur, deren Schönheit zu genießen. als eine Sünde gilt und die einseitige Ausbildung des Geistes, während dieWillenserzichung vernachlässigt wird, ln der Erziehung zu einem solchen weltfremden Leben, im Glauben, daß die ungeheuren Leiden der Galuth. die schändlichen Mordtaten der Antisemiten eine gottgewollte Strafe sind und daß die Erlösung nur durch ein Wunder geschehen kann, erblickt Bialik den Grund einer Entartung. einer Verweichlichung, die l rsache der Apathie, der Passivität, der Martyrologie und der Schwächung des Willens zu Freiheit: ..l nd die beiden Augen, die zum Schauen geschafeu wurden. V erdunkcln, verlöschen, ohne Etwas gesehen zu haben. Wozu wurden sie denn zur Zwecklosigkeit geschaffen?" (Ilomatmid") .. Alte Legenden ließen mich meine Mühseligkeit vergessen, In Träumereien und Allegorien den Schmerz ich ließ einschlafen . . . Beug den Kopf, trag1 das Joch! Für wen, wofür? Was nützt’s, daß ich leide, wer wünscht mein Opfer? Diese Gegensätze und Widersprüche in der Dichtung Bialiks widerspiegeln den Zwiespalt, den seelischen Konflikt des Dichters. Bialik befindet sich auf dem Scheideweg zweier Epochen, der I Inskni.i ( Aulklärung) und des Nationalismus. Die Ideen beider Epochen wirken auf ihn ein. Bialik ist Romantifkcr und Realist zugleich. Vis Romantiker kennt er die starke Verbundenheit der jüdischen Seele mit dem alten Judentum, die tiefen, unauslöschlichen religiösen Gefühle des V olkes. Als Realist sicht er aber auch das schöne, lustvolle und freie liehen der modernen Kultur, den Wert der W issensehaft. Technik und Kunst. Gegensätze des Romantischen. Irrationalen, Mystischen mit dem Rationalen. Naturalistischen. Riad ist i sehen begegnen wir in vielen Gedichten Bialiks. Den starken Kampf dieser beiden Elemente in seiner Brust zeichnet Bialik mit Meisterhand, mit künstlerischer Vollendung in seiner schönsten und tiefsten Schöpfung, in der allegorischen unsterblichen Poeme: ..Megilath Harsch". Eine Lösung dieser Gegensätze findet Biahk in der Synthese Aehod llaams. in der V erbindung alles Erhabenen. Wertvollen. Guten und Edlen des allen Judentums mit dem Guten und Schönen des Neuen ha allen Völkern. Nur durch eine neue Erziehung und eine Renaissance der Literatur. kann der Geist des Judentums erneuert werden. (..Le Acliad llaam"). Auch die Form Bialiks ist national. Der Lvrismus ist eine der Grundeigen - schoften des hebräischen Geistes, im Gegensatz zu dem griechischen, dessen Stärke mehr in der Epi'k. in der Plastik, der äußerlichen Form, in der Schilderung der äußeren Natur liegt. Auch die Poemen Bialiks sind lyrisch. Die Sprache Bialiks ist unübertrefflich schön. Er schuf einen neuen Stil. W ie Mendelc Mocher Sepharim der Schöpfer eines neuen Stiles in Prosa ist, so eröffnet Bialik eine neue Epoche in der Poesie. Bialik besitzt viel proheptisehen (»eist und Kraft. Seine Strafreden erinnern an .Jesaja und Jeremia. ebenso sein Pathos. Bialik schrieb auch herrliche Natur- und I, rb( sgedichte. Er übersetzte vortref fliehst den Don Quichote von Cervantes. den W ilhelm Tel! u. a. m. ins Hebräische. Auch prosaische Werke verfaßte er. Alles in einer klassischen, mustergültigen Sprache. Seine große Bedeutung aber liegt in seinen nationalen Gedichten, die ihn zum berühmtesten und gefeiertesten Dichter machten. Alljährlich wird der 21. Tag im Tamus, sein Todestag, zusammen mit dem des Schöpfers des politischen Zionismus, in der ganzen jüdischen Welt in Ehre und Würde gefeiert. JAKOB TANNENBAI VI Wiedergutmachung - ein moralisches Problem Fortsetzung von Seite I Diplomaten sind, verstehen, daß csstoatsmännischcr "Fakt und das Interesse der V erhandlungen verlangen, daß die ersten detaillierten Besprechungen mit denen stattzufinden haben, die ein entscheidendes Wort bei der Regelung mitsprechen werden. Aber ein Wort darf ich sagen, ohne zu versuchen polemisch zu sein. Wir sind nicht hergekommen, um ein spezifisch jüdisches Problem zu besprechen, und wir sind sicher nicht hergekommen, um ein vorwiegend finanzielles Problem zu besprechen. Wenn es sich darum gehandelt hätte, rein finanzielle Gespräche zu führen, so wären wir nicht hier. Es gibt bestimmt bessere Kuuflrute als ich. und cs gibt bestimmt bessere Finanzun terluindler als mein Freund Goldstein. und es gibt bestimmt bessere Statistiker und Agenten, als mein Freund •Jänner. Wir sind hergekommen und repräsentieren das. w as man ,.W eltjudentum" nennen kann, um in erster Reihe ein moralisches Problem mit den Vertretern Oesterreichs zu besprechen. I nd wenn man das Problem der Wiedergutmachung in erster Linie — wir haben das in Deutschland in derselben Weise getan — als ein moralisches Problem betrachtet, dann ist es mindestens ebensosehr ein österreichisches wie ein jüdisches Problem! Es liegt mindestens ebenso im wohlverstandenen moralischen Interesse Oesterreichs — und kleine Staaten sind an moralischen Fragen viel stärker interessiert als Staaten mit Atombomben, — wie es im moralischen Interesse aller anderen Staaten liegt, die mit diesem W iedergutmachungsproblem zu tun haben, eine würdige, anständige und gerechte Lösung dieses ungelösten Problems herbeizufiihrcn, wie es im Interesse der davon betroffenen jüdischen und nichtjüdischen Opfer des Nazismus und im Interesse des sogenannten VVel (Judentums liegt. Ich bin überzeugt, daß die verantwortlichen Leiter dieses Staates, der ein kleiner Staat mit einer großen Tradition ist — und große Traditionen legen große Verpflichtungen auf, das weiß niemand besser als das Volk mit der längsten Tradition in der Welt, das jüdische Volk —, WOLLE UND GARNE größte Auswahl ADOLF BOMZE V, Reinprechtsdorferstraße 48 XX, Wallensteinstraße 17 Telephona32008 XVI, Neulerchenfelderstraße 20 II, Rotensterngasse 5 dieselbe Auffassung haben. Sonst hätten sie uns ja nicht cinladen müssen: niemand hat sie gezwungen, es war ein Akt der freiwilligen Einsicht, daß es sieh hier um e il Problem handelt, an dessen Bereinigung — ein schlechtes neudcutschcs W ort, aber ich finde kein besseres — beide Partner mindestens in gleicher Weise interessiert sind. l'nd nur wenn die Verhandlungen in diesem Geiste geführt werden, werden sie einen Erfolg haben. Deswegen sind wir seinwenig gestört durch die Kritiken von Extremisten von Links und von Rechts gegen unsere Forderungen. Die Herren von der extremen Linken, die uns kritisieren und fast beschimpfen. gehören zu den Vertretern einer Bewegung, über die ich mich hier nicht äußern will, die aber bisher zur W iedcrgulmachuug in den Staaten, in denen sic regieren, auch nicht einen Finger gehoben haben, obwohl sie nicht nur moralisch verpflichtet sind, wie andere Staaten, sondern auch rechtlich. Die Verpflichtung ist auf dem Papier geblieben, wie viele andere übernommene Verpflichtungen. I nd Vertreter einer Richtung, die in solchen klaren Vertragsverletzungen den Rekord halten, sollten wenigstens den Takt haben, nicht andere Staaten oder Gruppen anzugreifen, die versuchen. moralische und rechtliche Verpflichtungen in anständiger Weise zu erfüllen! I nd was die Herren von der extremen Rech len betrifft, so will ich noch viel weniger dazu sagen. Es ist sehr schwer für einen Juden mit ihnen zu polemisieren. Aber V ertreter von Gruppen, die gestern eine enge Verbindung mit den Verbrechern gehabt haben, die zu diesen Wiedei gutmachungsproblcmen geführt haben, s Jllcn zum allermindesten das Gefühl der Sch im haben, um zu schweigen, wenn cs dazu kommt, eine Wiedergutmachung zu leisten! Das zu sagen habe ich für meine Pflicht gehalten als Antwort auf die freundlichen Begrüßungen, die wir in der Presse der Linken und Rechten konstatieren durften. Aber wie gesagt, wir sind liieher nicht auf Einladung der extremen Linken oder der extremen Rechten gekommen, sondern auf Einladung der verantwortlichen großen Parteien, der verantwortlichen Regierung Oesterreichs. Lud solange die verantwortlichen Führer Oesterreichs. wie wir überzeugt sind, die richtige Einstellung zu diesen Problemen haben, sollten uns die Angriffe von Links und von rechts sehr wenig berühren. Vorbeter für die Hohen Feiertage gesucht. Angebote an den Zionistischen Landesverband. Wien IX, luiversitälsstraße 4.

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