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Die Stimme · 1953-05-01 · Heft 74 (Mai 1953) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1953
Issue
Heft 74 (Mai 1953)
Date
1953-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 I) I K S T IIV! M E l\r. 74 Die Zehn Gebote | ABRAHAM REISEN .1 \KOI; TWNFAI! VI M ~ I Fünfzig Tage nach der gr »ßen. in der (le-ehichte einzig dastehendi'ii Tut des genialen Meisters M >ses. der Refreumg des \;>Ikes aus \egy pten. erfolgte seine1 /weite (’.rolAt il. die (Icset/.g.'huiig in;l" I arab sehen Wüste, Der yr »lAe. edle G.-- > ct/.gi her. der in V Ägypten das Regime der l nterdriiekung und des Kastengeistes mitcrlebte. u :ir bestrebt, dem betrei(en| Volke eine \om (leiste der Gerechtigkeit und der K ehe inspirierte \ erfassung zu geben. Dazu war es notwendig, das Volk erst für seine hoben Ideen und Ideale zu gewinnen. Ks galt, die heidnischen religiösen und moralischen \ orstellung m auszumerzen, die unter dem Einfluß der \cgypter in die Seele des \ olkes Eingang gefunden hatten, das geistige Erbgut der Vater zu bewahren, ihre Lehren und Lebensform im Bewußtsein und im Leben des Volkes zu verankern und ihm neue Ideale einzuflößen. Der Meister führte das Volk au das Sinaigebirge heran, wo er nach seiner Flucht aus Aegypten lange Zelt in Kinsomkeit und in sieh gekehrt, eben Weltanschauung, die alle inur als sekundäre Frselieinung. als Funkti m der Vlaterie betrachtet . . . Die Wahrheit ist der Inhalt des dritten I Gebotes. Mich sie ist im (lottesbegriff begründet, der als Inbegriff der W uhrhultigkeit und ’l'rem' dargestellt wird. De Meineid wird daher als Verleugnung de" (o'ilheit bezeichnet. Das (leset/, der Sobbathruhe ist ('ine der höchsten Lrr.mgeiisehaften. die der Mosaismus der Menschheit geschenkt hatte, wobei mau sogar zur Ruhehai tung des Fremd :i und der Haustiere verpflichtet ist.dleieh der Sabbathruhe wird die Arbeit als religiöses (leset/, bezeichnet: ..Sechs Page -o|Ist du arbeiten!” Durch diesen Iinficrativ erhält die Arbeit die höchste VV ei he und wird als etwas Heiliges, als eine religiöse Handlung, als Gottesdienst be- Izeichnet. Auch dies findet in der monotheistischen Weltanschauung seine Begründung: Ist die Welt eine Fiuheil. s i stellt die Menschheit einen Organismus dar, in welchem jedes Individuum seine Vufgabe findet, wie jedes Organ in Gedanken vertieft, verbrachte. In einer j iFunktion besitzt. Das Bewußtsein dio-r Landschaft, die das Gemüt mit Scliaucrljliohcn Aufgabe, verleiht dem Menschen erfüllt, sann der große (Je st über dicJfKraft und Freude an der Arbeit, die. unt efen Hätsel und Geheimnisse der \atur Iler dem Aspekt des Zwanges stehend. und des Lebens, erkannte er che Ewigkeit und die Kinheit der Natur, erfaßte das Wesen des Geistes (Eheje ascher eheje" 2. B. M. 3. 14—15). liier proklamierte er. nach der l eberliefertmg. am sechsten Sivan die ..Zehn Gebote". Die Zehn Gebote sind die Quintessen/, des Mosaismus. Sie enthalten in knapp:'r. gedrängter, prägnanter Form die beid-n Hauptbestandteile des Judaismus: Religion und Moral. Sie sind zu je fünf Geboten auf zwei Tafeln, die aus einem einzigen Stein bestanden, eingemeiß di. womit symbolisch angedeutet werden soll, daß be de Bestandteile — Religion und Moral — wohl zwei gesonderte Gebiete darstellen, aber eine Einheit biULm, die sieh gegenseitig bedingen und ergänzen. Das erste der Zehn Gebote beginnt mit: ..Ich bin..." Die Existenz einer höheren übernatürlichen Macht, als Ergründ aller Dinge, als erste Ursache und Beweger der Welt, als Gesetzgeber. als Quelle der Sittlichkeit ist der Kardinalsatz des Mosaismus. Im zweiten Gebot tritt uns das Absolute als ein geistiges, unveränderliches, übersinnliches, einheitliches Wesen, als höchster Wert. Sinn und Zweck des Daseins entgegen. Diese zwei Gebote sind die Grundlage des ethischen Monotheismus geworden, der eine Revolution im Denken der Menschheit hervorrief und später von der ganzen zivilisierten W eit übernommen wurde. Der heidnische Gottesbegriff war nicht geeignet, eine Basis einer sittlichen Gesellschaft zu bilden. D’e heidnischen Götter waren körperlich gedacht, mit körperlichen, sinnlichen und egoistischen Trieben und Leidenschaften behaftet. Sie waren unfreie Wesen, der Naturnotwendigkeit unterworfen. Dagegen besitzt die Vorstellung eines geistigen, einigen, gerechten, freien Wesens, die Fäh'gkeit, eine Stütze der .Moral zu bilden. Der bloße Claube an das V ermögen zur freien Selbstbestimmung vermag den Viensehen die Kraft zu verleihen, seine Triebe zu beherrschen. Der mon.otheisti- .'»he Einheitsgdeanke kann auch von einem anderen Gesichtspunkt aus der Moral eine Stütze verleihen: Das Ichbewußt- ‘ ein ist die Wurzel des Egoismus, alles Streites und Unrechtes. Das Bewußtsein einer Einheit der Welt in seinem l rgrund aber, vermag dagegen den Egoismus einigermaßen zu überwinden. Die gewaltige Bedeutung des Monotheismus für die Kultur der Menschheit ist unschätzbar. Bildet die Menschheit eine Einheit, so sind alle Menschen Brüder, ist kein Raum für Rassenhaß, für Völkerkrieg. Dies scheint auch der Sinn des Mythos der babylonischen Sprachverwirrung zu sein, die als Folge des Baues des bobyh iiselien Turmes dargestellt wird (I.R. M. 11 —110). Das Sprachengewirr, ein Bild des gegenseitigen Mißverstehens und der Uneinigkeit unter den Völkern, ist nur darauf zurückzuführen, daß die Menschen gleichsam den Himmel stürmen, sich gegen die Gottheit, den Begriff der Einheit auflehnen. Der Turmbau ist auch das Symbol der technischen, nierln- ^ier eiern Aspekt dem Menschen kein Vergnügen bereitet, nur aus ökonomischer Notwendigkeit verrichtet wird (viertes Gebot). \V ie ein Protest gegen den heidnischen Gebrauch, die Eltern im Alter zu verbrennen. klingt das fünfte Gebot der IIIternv crchrung. das in sich die Verpflichtung zu Gehorsam. Dankbarkeit und Liebe motiviert. Die Verehrung der Eltern schi eßt die Achtung der Obrigkeit, des Gesetzes in sich ein. Es folgt dann das sechste Gebot der I fcilighnlt.ing des Menschenlebens. Unter dem Begriff des Mordes ist auch der Angriffskrieg zu verstehen. Auch dieses Gebot her uht auf dem Gedanken der Einheit. Für den Flieden unter den Völkern ist dieses Gebot von vitaler Bedeutung. Ebenso wie der Gedanke eines Ruhetages. ist auch die Idee der ..Reinheit der Familie" eine Erfindung des hebräischen Geistes. Das Verbot des Ehebruches ((>. Geb.) oder der l nzuelit (laut Ihn Esra) basiert auf dem Begriff der ..Heiligkeit" des einigen Gottes. Die heidnischen Götter mit ihrem unzüchtigen Ehcleben konnten kein Vorbild für ihre V erehrcr abgeben. W ie die heidnischen Götter, so trieben auch ihre Anbeter Diebstahl, pflegten Lüge und Falschheit. Der einige Gott war das Vorbild der Anständigkeit und Ehrlichkeit. Er verbietet Diebstahl — dessen Begriff auch Betrug und Ueberv orteilung umlaßt — (8. Geb.) und falsche Zeugenschaft (9. Geb.) womit auch jede Lüge verboten wird. Alle diese Gebote des Rechts und der sozialen Gerechtigkeit gipfeln in dem zehnten Gebot: ,,Du sollst nicht gelüsten!". da das Hauptmotiv aller Vergehen die Begierde, die Lüsternh'lt. die Genußsucht bildet. Die Wichtigk-il einer reinen Gesinnung wird damit herv orgehoben. Viel/ach wurde der Eudämonismus gerügt, der in der Begründung der Elternliebe zum Ausdiuek kommt: ,,damit du lange lebest". Der weise Gesetzgeber stelll hier mit beiden Füßen auf dem realen Boden seiner Zeit. Er weiß, daß das Volk nur wie kleine Kinder nur mit Lockmitteln zum Lernen gebracht werden könne. Einer uei uulu ng< inicii Streiter liir die Ml,zulle \u( i k( im.mg des Jiddisch als oil. uiaispi at he. (iei Uiriiicr vbraliam lie, -eil. einer uei großen neiijiddisclien iuuo aicn. ist na viie. v.ui .. .Jahren, am oll. Marz luuö ui New-Vork verschieden. » m seinem \ ater, dem jiddisch-liebräi- ■(heu S( luil Istclicr Kalman Reisen, stammt das bekannte ..I lamavdd bell kodcscli I Ylio|". Izu1 Leidcnschai t für die Schriltstelleici war io seinem Sohne Vbraliam zu einer /'.e11 erwacht, bev or er noch die intellektuelle Reite besaß. Im Elternhaus w idiiietc er sich dem Studium des lalmuds und der Bibel und erwarb so beachtenswerte Kenntnisse, die er später durch die Aneignung weltlichen Wissens beträchtlich erweiterte. Reisen beherrschte einige Irciudc Sprachen, und war dadurch m die Lage versetzt, sieh in die Lektüre der französischen und russischen Litciatur zu vcrticlcii. Der Dichter Feie/., der (Irin jungen Reisen sehr gewogen war, inspirierte ihn zu schriftstellerischer Betätigung. Das erste literarische Werk, welches Reisen besonders fesselte, war tspektois ...Jiddische Musik”, das er, erst 11 Jahre alt, las, verstund und später Zeugnis davon ablcgtc, daß die Spuren der erworbenen Erkenntnisse, keines - talls bei ihm verwischt wurden. Reiferen Alters vertiefte sich Reisen in die Werke v.m sämtlichen bedeutenden jiddischen Schriftstellern, aber auch in die fremde Literatur; er las uuei studierte Dumas, Turgenjew, Gogol, Njekrassow, Puschkin, Dostojewski, Tschechow, Heine u. u. Hauptsächlich waren es die Liedertexte Rciscns, welche die Aufmerksamkeit Pcre/7 weckten, der ihm weitgehende Interstützung aiigedeihen ließ. Lm Jahre 1891 übernahm Pcrcz ein Lied Rciscns und druckte es in der Zeitschrift „Die jüdische Bibliothek" ab. Reisen lebte in wirtschaftlich schlechten Verhältnissen, weshalb er genötigt war, Arbeiten zu leisten, die außerhalb Der Dekalog bildet einen gewaltigen Fortschritt der Entwicklung der Kultur. Er ragt, wie ein Leuclitturni über die Gesetzgebungen des Altertums weit hinaus. Sein Geist blieb noch heute unerreicht... 33ÜU Jahre nach der Verkündigung der Zehn Gebote, brach die größte Katastrophe der Geschichte über die Menschheit herein. Ein neues Heidentum erstund, das die Materie, die rohe physische Kraft vergötterte, die nackte Gewalt auf den Thron setzte und Raub und Mord zur rügend machte. Millionen Menschen, in erster Reibe Angehörige des Volkes, das der Menschheit die Zehn Gebote geschenkt batte, wurden mit einer noch nie dagew esenen Grausamkeit und Brutalität, mit einer beispiellosen .satanisch m V ci mcbtlicit, Niederträchtigkeit und Verworfenheit zu Tode gepeinigt. Die entsetzlichsten, grauenhaftesten Greuel tat.Mi, die scheußlichsten Bestialitäten wurden mit einer unvorstellbaren Gewissenlosigkeit und zynischer Gemütsruhe begangen. Wie konnte dies geschehen? Es war die l'ädge der Abkehr vom Geiste der Zehn Gebote. Das unterw eltliche I lillcrrcginie ist gestürzt, aber sein Geist des Ibisses, der l ueinigkeit beherrschl noch die W elt. Nur der Geist der Zehn Gebote, der Gerechtigkeit, des Mitgefühls, der Einheit, der Humanität vermöchte die Menschheit vor einer neuen Katastrophe, vor dem l ntergiiijg zu erretten... WOLLE UND GARNE größte Auswahl ADOLF BOMZE V, Reinprechtsdorferstraße 48 XX, Wallensteinstraße 17 Telephona32oo8 XVI, Neulerchenfelderstraße 20 II, Rotensterngasse 5 seiner eigenen Mission lagen. Aber der überragende Dichter setzte sich doch durch. Nachdem sein Poem „Meine Rückkehr nach Hause" in Minsk veröffentlicht wurde, erlangte sein Name Popularität und Klang. Reisen ühersicdelte nach Warschau, wo für ihn eine schöne Periode des dichteri- •-(heil Schal lens und der literarischen Tätigkeit begann. Nun rückte er in die erste Reihe der Schöpfer der neuen jiddischen Literatur vor. Das von ihm im Jahre FHO gcm hricheiie Lied ..llulet, ludet böse Winde" und noch andere Piecen, haben unw icdcrlcglich bew iesen, daß er der beliebteste Sänger des jüdischen Freiheitsdranges war. Als der russisch-japanische Krieg im Jahre I904 ausbracli. verließ Reisen Rußland und wandte sich nach Wien: liier ZiMi foefU* Schmidt s. A. \\ fr bitten jene Personen, die in den Juliren!94l oder 1942 Gelegenheit hatten. mit dem Verstorbenen in Verbindung zu sein, uns ihre Adresse bekanntzugeben. Ebenso erbitten wir Kaufangebote von Schallplatten (religiöse Gesänge) und von anderen Andenken des großen Künstlers.!m Auftrag der rumänischen Verwandten : G e r t r u d e N o w o t ny, Wien lö., Ilollergassr 48/lö. Täglich von lö bis 20 l hr. fand er Anschluß an Dr. Nathan Birnbaum. der ihn sehr förderte, ln Wien gab Reisen eine Sammlung seiner jiddischen Liedertexte heraus. Das jüdische Mdicu in W ien bot ihm keine Gelegenheit. seine unbändige Kraft zu entfalten, und sie in die breite jüdische Masse zu tragen. Kr verließ daher bald Wien und zog nach Krakau, in jene Stadt, wo eine gesunde Basis für seine literarische und sa/.'ale Tätigkeit gegeben war. Hier gründete Reisen ein Wochenblatt „Das jiddische W ort". in welchem er Jiddisch als Kultur- und Nation,alsprache unentwegt propagierte. In Krakau gab der Dichter auch eine Monatsschrift für Literatur, Kunst und Kritik heraus, die einen wohltuenden Einfluß auf die jüdischen Menschen übte. Im Jahre 1903 folgte Reisen dem Rufe seiner Anhänger und Freunde und fuhr in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er mit Begeisterung aufgenommen wurde. 1909 kehrte er nach Europa zurück. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges ühersicdelte er endgültig nach Nordamerika. Hier veröffentlichte ltciscn viele literarische Arbeiten und gründete eine Monatsschrift „Literatur und Kunst“. Reisen zählen wir zu den bedeutendsten Vertretern der modernen jiddischen Literatur. Mit ungetrübtem Blick für die Leiden des jüdischen Volkes, vermochte er ein Bild unseres tragischen Zustandes in der Galutli treu zu zeichnen. Reisen 11<ntcrlicß 30 Hände Dichtungen und Novellen und 3 Bände seiner Memoiren. Seine Werke wurden in einige Sprachen übersetzt und werden bis heute in vielen Kulturländern gelesen. Der Dichter befand sieh uuf der Wanderschaft, weil er den wandernden jüdischen Massen folgen wollte und mußte; er verweilte eine zcitlung hei ihnen, um mit ihnen Leid und Freud zu teilen, über ihr Lehen zu schreiben, und der Emotion dichterischen Ausdruck zu verleihen. Reisen hing mit allen Fasern seines Ih 'r/.ens an Israel, doch trennte ihn eine Kluft: Seine Intention war, die hebräische Sprache zwar als erste, aber die jiddische Sprache als zweite zu betrachten. Wir bedauern, daß der Dichter seinen Lebensabend nicht in Israel verbrachte, wo er den Aufstieg unserer Kultur unmittelbar hätte befruchten können. Reisen war das Herz des kleinen jüdischen Menschen und zugleich der poeta laureatus des jüdischen Volkes. B e r n h a r d B r a v e r

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