Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 70 (Januar 1953)
- Date
- 1953-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70 DIE STIMME Seite 3 0b&c<Mitoe& Pcof. CUaics zum fedenkeu Am 13. Dezember 1927 durcheilte die I fiobstpost die Stadt Wien und kurz darauf die ganze jüdische Welt, daß das geistige Oberhaupt der Wiener Juden, knapp nach Vollendung seines 51. Lebensjahres, die Augen für immer geschlossen hat. Die Würdigung dieses großen Menschen fand in der in- und ausländischen Presse ein vielfaches Echo. Die erhabene Größe Professor Chajes’ vermögen wir mit eigenen Worten nicht vollkommen za» schildern, da seine Güte, die Lcbcrlcgcnheit und Klugheit sehr weit reichte. Wir zitieren daher einige Sätze aus seiner Antrittsrede, die Dr. Cliajes als Ober-Kubbincr am 3. August 1918 im Seitcnstcttcntcmpel hielt: ..Kein Priester steht vor Euch von Wcihrauchnebel umhüllt, klar und scharf soll sich das Bild meiner Persönlichkeit vor Euren Augen abheben, ein freier Mann will ich zu freien Menschen sprechen, mit freien Menschen wirken, wenn nötig und wo nötig, zur Freiheit Euch erziehen. Ich werde Euch nicht sagen: Hier ist die Wahrheit, glaubet daran, beuget demütig Euer Haupt unter ihr joch. Euer irrender Bruder bin ich, unfehlbar ist in mir nur das heiße leidenschaftliche unbeirrbare Streben nach Wahrheit. Groß ist die Macht, die in meine Hand gelegt wird. Den alten heiligen Judenstolz, die wunde» tragende, wundertätige Judenkruft kann ich Euch wieder lehren. Die Bibel ist gewissermaßen die Seele, die sich in uns ihren Körper gebaut. Sehnsüchtig, mit vor Freude zitternder Brust blicken wir nach unserem Osten, wo eine neue Morgenröte aufzugehen scheint. Wenn unser Herz wieder im Lande der Bibel schlagen wird, wenn wir wieder, wie der Sohn der Erde in der griechischen Sage, die Mutterbrust berühren werden, da werden neu uns die Kräfte wachsen und wieder wir zum auscrwähltcn Werkzeug der Gottheit werden können. ... Ich habe keinen Finger gerührt, um die höchste Würde zu erlangen, die das österreichische Judentum zu vergeben hat. Als Euer Ruf an mich erging, du mußte ich ihm folgen. Meinem Volke zu dienen, bin ich zu Euch gekommen, ihm zu dienen mit meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Vermögen. Doch sonst bin ich keines Menschen Diener. Nicht um ein Amt auszufüllen, stehe ich hier, sondern um eine Mission zu erfüllen. Wer mir meine geistige Freiheit, ineine Unabhängigkeit nimmt, der macht mich zu einem unbrauchbaren Werkzeug. Wer aber meint, durch Drohungen oder Lockungen, durch Schmähungen oder Versprechungen mich von dem Wege abzichen zu können, den ich gehen muß, mich den Ucberzcugungcn entfremden zu können, die ich in jahrzehntelangem Ringen mir erkämpft, der wird auf Granit beißen. Jeder Schlag meines Herzens, jeder Teil meiner Kruft, jede Frucht meines Geistes, jeder Tag meines Lebens soll uneingeschränkt dem Judentum gehören und seiner geschichtlichen Aufgabe, dem Beficiungswerk der Menschheit.“ In einer späteren offenen Aussprache, in der Chajcs den Beginn seiner eigentlichen Arbeit im Amt kennzeichnete, rief er der versammelten Gemeinde zu: B. Teilet WIEN I, SALZTORGASSE 5 TELEFON U 25-4-85 HERREN-, DAMENKLEIDER UND -MÄNTEL MODISCHE SPORT- UND REGENSCHUTZBEKLEIDUNGS¬ FABRIK Ich 'spreche nicht das, was ich sprechen will, sondern was ich sprechen muß, wozu »nein Inneres mich zwingt. Jcli gehöre keiner Partei an, weil einer Partei angehören bedeutet, sich den von andern fcstgclegten Dogmen — seien sie welcher Art immer — unterwerfen, und meine höchste Kraft besteht gerade darin, daß ich mir nach allen Seiten hin meine geistige Unabhängigkeit wahre. Wenn ich vor Euch von Palästina spreche und von dem, was das Land Israel für unsere Zukunft, für die Erfüllung unserer geschichtlichen Aufgabe ist und sein muß, so gebe ich Euch meine Weltanschauung bekannt, die ich aus der Weltanschauung des Judentums mir gebildet habe.“ Die wundertätige Judenkraft kann ich Euch lehren! rief Chajcs den Gemein - demitgliedern zu; er war keines Menschen Diener und fühlte sich nur seinem Gewissen wcrantwortlich. Welch’ geistige, seelische und moralische Größe war Chajes, der uns heute das prachtvollste Vorbild sein muß! Unendlich viele Leiden mußten wir seit seinem Tode erdulden. Ein kleiner Rest von Juden blieb am Leben und kehrte aus der Hölle zurück. Jetzt empfinden wir erst, wie uns der Genius, die Kraft und Größe eines Lehrei's wie Cliajes fehlt! Am 9. Juli 1884 bestand Zwi Perez Chajcs die Reifeprüfung mit Auszeichnung und am 11. Oktober 1894 inskribierte er an der Wiener Universität. Gleichzeitig besuchte er die Israelisch- Theologische Lehranstalt in Wien. Es wird berichtet, daß ein Professor der Geschichte, der über die Entstehung des Christentu»ns vortrug, oft Fragen an seine Hörer richtete, die nicht immer richtig beantwortet w’urden. Eine Ausnahme bildete der Hörer Chajes. So oft der Professor rief: „Herr Chajcs, wo kommt die Stelle im Talmud vor?“ bekam er ungesäumt die richtige Antwort. Am 2. Juli 1898 erfolgte die Promotion Chajes’ zum Doktor der Philosophie. Am 12. Jänner 1899 empfing Cnajes vom berühmten Leinberger Rabbiner Schmelkes die Rabbinatsautorisation. In dem Dokument zur zweiten Rabbinatsautorisation, schreibt der über die Grenzen des Landes bekannte Brodyer Rabbiner Isak Chajes: „Glücklich die Gemeinde, die sich Zwi Perez Chajes zum Rabbiner erwählen wird“. Auf welchem Platz immer Professor Chajcs stand, wirkte er befruchtend und seine wunderbaren Eigenschaften waren ehrfurchtgebietend. Er war nicht im landläufigen Sinn der Seelsorger, sondern der Tribun, der Fürspreche» der Juden; seine Reden, seine Lehren vor dem öffentlichen Forum waren ein tiefes Erlebnis, ja ein bedeutsames Ereignis für die Wiener Juden und für geistig hochstehende Nichtjuden, die seiner Persönlichkeit mit großem In | tercsse begegneten. Chajes war ein groi ßer, weitblickender Wegbereiter der zionistischen Idee und als Präsident des* Großen zionistischen Aktionskomitees, hat er die gesamtzionistischc Politik enlschein dend beeinflußt. Er schuf in Wien das hcbiüische Pädagogium, das hebräische Gymnasium, das seinen Namen trug, begründet» die „Jüdischen Kindcrfreunde“, er war dei* eivste Präsident des Keren Hajessod in Oesterreich und gestaltcle nach seiner Art und mit seinem Wissen und Können die Kchilabibiolthek. Reich wiir der Wirkungskreis des großen Gelehrten als Oberrabbincr von Wien, aber Professor Chajes dachte nicht daran, sein Lebenswerk auf diesem Gebiete zu beschließen. Vielmehr strebte er zurück zur reinen Wissenschaft, die er mit der Lein tätigkeil an der Universität in Jerusalem zu verbinden gedachte. Kein geringerer als der Dichter Bialik setzte sich für die Berufung Professor Cliajes’ auf den Lehrstuhl der Universität Jerusalem ein. Die Bedingungen, die gestellt wurden, haben Chajes nicht in vollem Umfange entsprochen. Maßgebende Faktoren vertraten nämlich den Standpunkt, daß Bibelkritik nicht betrieben werden dürfe, Chajes war dagegen der Ansicht, daß es ohne Kritik eine Wissenschaft nicht geben könne — dies war das Motiv, warum Chajes nicht nach Jerusalem ging* Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, der Nachfolger des verewigten Dr. Chajes, sprach bei de»» Wiener Begräbnisfeierlichkeiten die Bibelwortc: „Wisset, daß heute ein Fürst und ein Großer gefallen ist in Israel.“ Chajcs heiligste Sehnsucht war, die Wiedererrichtung des Staates Israel zu erleben; leider war ihm die Erfüllung! nicht vergönnt! Er gehört mit zu den großen Baumeistern der Mcdinath Israel, in deren heilige (Erde seine sterblichen Ueberreste nach erfolgter Ueberführung an der Seite ihm vorangegangener großer Männer zur letzten Ruhe gebettet wurde. Es geziemt sich, jener Frau zu danken, die den großen Mann bewunderte und zu den Schülern des Verewigten gehört hatte, daß sic sich der großen Aufgabe unterzog, die sterblichen Ueberreste nach Erez Israel überführen zu lassen. Es ist Frau Anita Müller, die in Israel lebt und wirkt. Bernhard Braver Zum Todestage Dr. Chajes’ fand im Stadttenipel ein Gottesdienst statt, bei dem Oberrabbiner Dr. Eisenberg Mischnajot leimte.' Das Zeitalter, in dem Generäle herrschen — so kann man die Gegenwart bezeichnen. Dabei muß gar nicht an einen Krieg gedacht werden, sondern bloß an die Tatsache, daß in nicht weniger als 20 Ländern der Welt Soldaten an der Spitze ih» •er Völker stehen. Hier folgt eine Aufzählung der Staaten, in denen heute Soldaten herrschen, zusammen mit den Namen dieser Staatsführer. Aegypten: General Naguib, Albanien: General Hodza, Argentinien: General Peron, Chile: General Ibanez, China (Nationalisten) : Marschall Tschang-Kai- Schck, Griechenland: Marschall Papagös, Haiti: Oberst Magliore, Jugoslawien: Marschall Tito, Korea (Nord): General Kim-Ir-Sen, Kuba: General Batista, Nicaragua: General Sonza, Oesterreich: Ge - neral Körner, Peru: General Odria, Portugal: General Lopez, Salvador: Oberst Osorio, Siam: Marschall Songrain, Sowjetrußland: Marschall Stalin, Spanien- General Franco, Syrien: Oberst Selo, USA: General Eisenhower. Zionistische Föderation in1' Am 1. Februar d. J. findet in London eine Sitzung aller zionistischen Föderationen Europas statt. Zu dieser Konferenz entsendet die Zionistische Föderation Oesterreichs die Herren Dr. Viktor E. Pordcs und Wolf Tischenkel. EINEN NEUEN HUT NUR VON lUcUacd StUwavz ,der 3iut des SfCerrt? WIEN, I., ADLERGASSE 4 TELEPHON R 20-2-71 Unsere 4 Minister Der Handelsminister : Dr. Pcretz Bernstein, der Präsident der Allgemeinen Zionistischen Partei, stammt aus Holland. Er studierte in Deutschland, wo er seit früher Jugend in der zionistischen Bewegung tätig war. Vor 20 Jahren wandertc er in Erez Israel ein. Hier war er Mitglied der Exekutive der Soehnuth und hei Beginn des israelischen Staates der erste I landclsministcr der provisorischen Regierung. Prominent als einer der ersten Yolkswirtschaftler in Israel, ist er ein energischer Verfechter der privaten Initiative in der Wirtschaft. Bernstein erfreut sich der größten Hochachtung aller ßevälkcrungsschichtcn. Der Innenminister: Israel Rokach, der Leiter der Allgc- »neinen Zionistischen Gruppe in der Knesset!). Rokach ist ein „Sabre“, er wurde in einer Vorstadt von Jaffa geboren. Von Beruf Techniker, studierte er sein Facn in der Schweiz und in England. Seit mehr als 20 Jahren war er Mitglied des Municipal-Council von Tel-Aviv und seit dem Tode von Meyr Dizengoff Bürgermeister dieser Stadt. Vor der Liquidation des britischen Mandates, wurde er verhaftet und eine Zeitlang im Lager von Latin»» inhaftiert gehalten. Er ist als Meister in Verwaltungsangelcgenheilen bekannt. g Zollfreie Liebesealienpakete m nach Ungarn und der CSR, auch Medikamente § KELEN-LTD. WIEN ' esslinggasse nr. 2/5 *’ TELEPHON U 29-0-57 Der Verkehrsminister: Joseph Saphir ist ebenfalls ein Israeli. Geboren in Petah-Tikw ah studierte er am Lehrerseminar in Jerusalem. In jungen Jahren widmete er sich der Entwicklung der Landwirtschaft in Palästina und besuchte zu Studienzwecken Spanien und Californien. Er arbeitete höchst erfolgreich als Bürgermeister von Petah-Tikvah, modernisierte die Kolonie, welche den Namen „Mutter der Kolonien“ erhielt und schuf aus dem einstigen Dorf eine blühende Stadt. Er ist der Vorsitzende des inneren Komitees der Knesseth. Der Gesundheitsministcr: Shoshana Persitz ist der zweite weibliche Minister Israels. (Der erste war der Arbeitsminister Golda Meierson). Frau Persitz ist die Tochter des zionistischer« Leiters im zaristischen Rußland, Iiillel Zlatopolsky, der ein Zeitgenosse und Mitarbeiter des verewigten Präsidenten Chajim Wcizmann war. Sie kam vor 26 Jahren nach Palästina und gründete hier das Vcilagshaus „Omanut“. Wählend der ganzen Jahre, war sie auf dem Gebiet der Erziehung in hervorragender Weisetätig. Als Mitglied des Stadtrates von Tel-Aviv hatte sic das Erziehungsdepartement geleitet. Sie ist Gründerin und Vorsitzende der Frauengruppe der Allgemeinen Zionisten und Vorsitzende der Kultur- und Eiziehungsabteiulng in dci- Kncsseth. Wellpappe-, Kartonagcn-, Biiroartikcl-Fabriken und Druckereien A.GLÜCKSMANN&S0HNE Wien XVII., Beheiingasse 77 A 29 2 27 A 28 0 29 Erstklassige Stolle und Zugebör, sow beste Verarbeitung' bilden die Grundlage der bewäh TELLER-KLEIDUNG ///. Hfiüph+rasu ~88- 90 U16 2 <P6 00