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Die Stimme · 1952-09-01 · Heft 66 (September 1952) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1952
Issue
Heft 66 (September 1952)
Date
1952-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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i\ r. (>f> Sri Io n 11: s t i \i m i: REINER TISCH WoÜet lUUcnau zum Es soll rin Strich unter dir Vcrgnnlirit gczogim worden. Innere Befriedung als Mittel zur Beseitigung aller e\[il isi- \rn Spnnmmgsmomoutc in der Bevölkerung. und der Weg hiezu: die Amnestie- und I l'iflentsehädigungsg:',setze. So die Begründung der Regierung. die hier soehlieli verzeichnet wird. Auch wir uollen keine Verewigung von Yrihrerhrn der Vergangenheit, nie wir zurücklnllend Tatsachen hezciehnen wollen, die in ihren sehreekliehen Auswirkungen für uns beispiellos in einer vieltnusendjährigen mit jüdischem Leid gefüllten Geschichte waren. Es gilt aber, über materielle Dinge hinaus, Klarheit darüber zu schaffen, was eigentlich geschah: nur so kann man alle Auswirkungen kontrollieren und feststell^a. ob mit den beabsichtigten Mitteln das Ziel ..Heiner lisch“ auch wirklich erreicht werden kann. Die Hintergründe des Nationalsozialismus. Es gelang einer Gruppe von rücksichtslosen besessenen Menschen systematisch alle Hemmungen, die für die Erhaltung eines Rechtsgcfühlcs sowie für das Bestehen von Menschlichkeitsempfindungen im deutschen Volke maßgebend waren, zu beseitigen. Das Ziel war die endgültige Aufrichtung einer deutschen Wclthegemonic. Die nationale Abgrenzung wurde durch einen unbarmherzigen Kampf gegen alle Organisationsformen der menschlichen Gesellschaft geliihrt. die irgendwie Menschlichkeit hochhielten. So entstanden die Krönten gegen Marxismus. Kirche, Kreimaurertuin und Hassenvermischung. Ein besonders krasses Kapitel bildete der Kampf gegen das Judentum, welches zum Wcltfcind Nr. I gestempelt wurde, da dies für die absolute Verächtlichmachung und spätere Ausplünderung und Ausrottung desselben unumgänglich war. Wie die Stärke des Weltfcindes Nr. I, der angeblich sowohl die amerikanische als auch die russische Regierung gegen Deutschland dirigierte, in Wirklichkeit aussah, ist heute auch für den beschränktesten Nachbeter dieser Verkündungen; klar. Erst Kampf mit den Engländern um die Einwanderungsguolcn nach Palästina, dann von der ganzen Welt verlassen und allein auf sich gestellt im Kampf gegen«) arabische Staaten, wird der karge Boden von jenen erkämpft, die ein Leben in Freiheit auf eigener Scholle, aller Bequemlichkeit auf fremder Erde vorziehen. Streifen wir noch kurz die Notizen in den Zeitungen der letzten Zeit, so ist in den Sowjctbcrcichcn ebenfalls wenig von Freundlichkeit gegenüber dem Judentum zu finden: eher werden alle erdenklichen Schwierigkeiten jenen bereitet, die, ohne Haß gegen ihre bisherige Heimat, in ihr wicdcrerstandencs Vaterland zurückkehren möchten. So sieht also der allmächtige Weltfeind des deutschen Reiches, nach dem Siege, aus und früher war er sicherlich nicht stärker und kampferprobter. Was ihn heute aber noch stark, vielleicht sogar unüberwindlich macht, ist sein Martyrium, welches das Menschheitsgewissen immer wieder anspricht und wachrüttelt, das schon in grauer Urzeit auf die 10 Gebote Moses reagierte. Kehren wir mm zu den planvollen nationalsozialistischen I lundlungcn zurück. Der Plan, die Juden auszuplündern und dann zu beseitigen, stand von Anfang an bei den Nazigrößen fest. Es galt nun, die in Jahrhunderten herangcbildelen Hemmungen des deutschen Volkes, zu beseitigen. So wurden alle bösen Instinkte, die die vorsätzlichen Plünderer und Mörder beseelten, zugeschrieben und gegen sie die Mordmaschine in Gang gesetzt. Es gelang, das Unfaßbare und das deutsche \ olk hatte die entsetzliche Blutschuld von f> Millionen Ermordeten auf sich geladen. Dieses Murl\rium blich der Welt nicht verborgen und so entstand die Deklaration der Kriegsmächte vom Jänner 1942. in der nicht mehr und nicht weniger verkündet wurde, als daß die Mächte es sich Vorbehalten zu verhindern, daß die Mäi der gleichzeitig Erben bleiben. Dies alles muß jetzt gesagt werden, um Aeußerungen, wie sic kürzlich von Staatssekretär Graf gemacht wurden, wonach alliierte Einsprüche in die österreichische Gesetzgebung deplaziert seien, auf das Sachliche zuriirkzuführen: ebenso sollten die Delegationsmilglieder der \. d. I .. die den amerikanischen Geschäftsträger darüber fälschlich belehren wollten, daß Amnestie- und Bückstcllungsgcsetzgebung zwei voneinander getrennte Gebiete seien, diese Zeilen lesen. Wird nun der amerikanische Einspruch nicht nachteilig auf die Tendenz „Reiner Tisch“ wirken, ja werden denn die Gesetze nicht trotzdem in Kraft treten, ohne daß der Einspruchszweck, die einwandfreie Befriedigung der Naziopfer, erreicht vvirdV Auf diese Frage wollen wir ausführlich eingehen. Es war für uns selbstverständlich. daß Amerika als Mitunterzeichner der Lindoner Deklaration, Einspruch erheben mußte. Der Einspruch richtete sich ja nicht gegen die Befriedung, sondern gegen die Vernachlässigung der W iedergutmachungspflicht gegenüber den in der Deklaration begünstigten Personen, die ein moralisches, politisches und menschliches Vorrecht darauf geltend machen können. Nun, wir kennen die Argumente der österr. Regierung von den kargen Finanzen und wollen einen Weg zeigen, der w ahrscheinlich zur Lösung führen könnte. Die Entschädigung von Opfern aus österreichischen Mitteln ist im Lager beider Regierungsparteien unpopulär und ihren innerpolitischen Bestrebungen nach Stimmenwerbung nicht zuträglich. Wenn aber Amerika, das sich au seine Deklaration gebunden fühlen muß. einen bestimmten Prozentsatz aller Zuwendungen an Oesterreich, den Opfern, gleichgültig wo sic sich gegenwärtig befinden und welche Staatsbürgerschaft sic gerade besitzen, reserviert, so ist das Problem gelöst \ ln Amerika befindliche Nazi-Opfer könnten, ohne Inanspruchnahme der österreichischen Nationalbank, befriedigt werden. Wenn einem Lande, das sich selbst als Opfer bezeichnet, 95<v'o einer Summe aus diesem Titel geschenkt werden, wird es schwerlich etwas dagegen cinvvcnden können, wenn 5<'/o jener. Opfern zugewendet weiden, die in eben diesem Lande ihre Gesundheit, ihre Existenz, ihr Vermögen ganz oder teilweise opfern mußten. Sehen sie denn nicht jene eigenartige Parallele, die im Schicksal des Ganzen besteht, dem die Umwelt Staatsvertrag, also Recht, nicht gewährt und jenem kleinen Teil gemarterter Menschen, die in qualvollen Nächten zum Himmel um ihr Recht beten? Reiner Tisch wird nicht gemacht, iu|- dem man das Tischtuch mit den Schmutzflecken der Vergangenheit einfach verkehrt wieder auflegt, wobei die dunklen Stellen jenen zugekehrt werden, die am allerwenigsten tafelten. Reiner Tisch bedeutet : Beines Gewissen, Wahrheit den Opfern und der Welt gegenüber. Karnelutti Am 22. Juni 11)52 waren cs dreißig Jahre, daß Walter Rathenau von „D ':ii < hvölkis« heil“ meuchlings ermordet wurde. Ratheuau kam in Berlin am 2!). September zur Welt. In seiner Apologie erzählt Bathena.i, daß seil mehr als 100 Jahren seine väterlichen Vorfahren in Berlin lebten und im Hause seiner Kindheit waren die l ebcrlieferongen der märzlichen Preußenzeit lebendig. Sein Aaler, Emil Ratheuau. war einer von den Bahnbrechern und Organisatoren des neuen großindustriellcn Deuts« hland und gehörte zu den w enigen großen Technikern und Männern der \\ irlschaft. Anläßlich seines Besuches den- Pariser Ausstellung im Jahre 1881 kaufte der Vater Rathenaus von Edison die europäischen Patente für Glühlicht and gründete in Berlin die erste einschlägige Versuchsanstalt. Im April 1883 entstand in Berlin unter Vater Rathcnau's Leitung die „Deutsch-Edison-Gesellsehaft” für angewandte Elektrizität“, die die Vorläuferin und zugleich das Stammhaus der späteren weltumspannenden A. E. G. I nion wurde und in der deutschen Wirtschaft umwälzend gewirkt hat. Die hochcnlw iekeltc Großwirtschaft Deutschlands, hat in erster Reihe Emil Rathenau (der Vater) geschaffen. Walter Rathenau halte mit siebzehn Jahren die Reifeprüfung bestanden und studierte in Berlin und Straßburg mathematische Physik und Philosophie. Im Jahre 1889 promovierte er mit einer Dissertation über „Die Lichtabsorption der Metalle \ Um sieh der Elektrochemie zuvveuden zu können, studierte Walter Rathenau in München Maschinenbau und Chemie, worauf er in die Schweiz ging, wo er ein Verfahren ausarbeitete, womit man durch Elektrolyse, Chlor und Alkalien gewinnen kann. In seinem Aufsatz „Staat und Judentum“ sagt Walter Rathenau: ln den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sieh zeitlebens erinnert, wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er auf deutschem Boden als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann. Rathenau in persona, der Verehrer deutschen Wesens, der Borusse, ist da,s klassische Beispiel liiefüi*. Die ersten Zeilen seines Aufsatzes „Höre Israel“, mit dem Rathenau am 6. März 1897 vor die Oeffcntliehkeit trat lauten: „Von vornherein will ich bekennen, daß ich Jude bin!“ Lud in seinen Aphorismen sagt er : „Der Inbegriff der Weltgeschichte, ja der Menschheitsgeschichte, ist die Tragödie des arischen Stammes. Ein blondes, wundervolles Volk erwächst im Norden. In üborquellender Fruchtbarkeit sendet es Welle auf Welle in die südliche Welt. Jede Wanderung wird zur Eroberung, die Eroberung zur Befruchtung der Kultur mul Gesinnung. Aber mit zunehmender Wcllbevölkerung quellen die Fluten der dunklen Völker immer näher, der Menschenkreis wird enger. Endlich ein Triumph des Südens: eine orientalische Religion ergreift die Nordländer, sie wehren sich, indem sic Ethik und Mut zeigen. Zuletzt die höchste Gefahr, die technische Kultur erringt sich die Weil, mit ihr entsteht die Macht der Furcht, der Klugheit, der Verschlagenheit, verkörpert durch Demokratie und knpitul... Die Tragödie des arischen Stammes, nicht die des jüdischen!" „TABU” EINEN NEUEN MUT ZU DEN FEIERTAGEN W’arenhandelsgesellsehaft W. Ihirszl vu NUR VON WIEN VI, MARIAHILFERSTR. 51 TELEPHON B 24 204 „du Hui des Huck" TEXTILIEN UND WIEN,!., ADEERGASSE 4 HERRENKONFEKTION TELEPHON R *20-2-71 In seinem Aufsatz ..Höre Israel" fragt Ratheuau ..Was .soll geschehen, um die Juden ft age zu lösen V“ 1 nd er gibt die Antwort. Das Ziel de, Proz«\sscs soll nirlil imitierte Germanen, sondern dculscligcnrtrte und erzogene Juden sein. Di'* Antisemiten warfen Batheiiau I naufriebtigkeit vor, verspotteten seine deutsche Gesinnung, verziehen cs ihm nicht, daß er, der Jude, an der Seite des damaligen Reichskanzlers Wirtli an den Fi iedensvcrhandlungen offiziell teil - nahm, und in die Debatten cingriff. Die Völkischen leiteten gegen ihn eine Mordhetze ein, deren Grausamkeit von Hitler - Himmler kaum über troffen wurde. Walter Ratheuau war sieb seines Judentums jederzeit bewußt und oblag von Zeit zu Zeit dem Studium der Bibel und ihrer Kommentare, ln zwanglosen Gesprächen nahm er oft zur Geschichte des jüdischen Volkes Stellung und äußerte seine Meinung über die Macht und das Ansehen des talmudischcn Geistes folgendermaßen : „Dieser Geist wuchs stark und gedieh zur intellektuellen Form, die am späten Abend der Zivilisation für unsere heutige Welt, unser heutiges internationales W irlschaftsleben unentbehrlich geworden sei. Ohne die Juden ist, nach Rathenau, die moderne Weltwirtschaft undenkbar, sie seien das Salz der Erde, allerdings forderte er, e.xprcssis verbis, das Salz nicht übermäßig in Anwendung zu bringen. Der Aufsatz „Höre Israel“ hat die Empörung Ilerzls hervorgerufen, worauf er Hathenau im Briefwechsel ernstliche Vorstellungen machte und ihn aufforderte, dem unwürdigen Assimilantcntum den Rücken zu kehren und in die Fußtapfen der nationalbewußten Juden zu treten. Rathenau zog seine Arbeit „Höre Israel“ zurück, aber der Korrcspondenzwechscl mit Herzl, der oft herzliche Formen annahm, führte nicht zur Bekehrung Rathenaus. Während der Vater Rathenaus entscheidend zur wirtschaftlichen Weltgeltung Deutschlands beitrug, gingen von Walter Rathenau selbst welthistorische Leistungen zum Nutzen Deutschlands aus. Zu Beginn 'des ersten Weltkrieges organisierte er ,die deutsche Rohstoffversorgung und nach der im Jahre 1918 erfolgten Niederlage Deutschlands, legte er den Grundstclin für eine zielbewußte, kluge und anständige Außenpolitik. Walter Rathenau fiel für Deutschland. Völkische Mörder vernichteten das Leben eines Mannes, der seine Zugehörigkeit zur religiösen Idee des Judentums niemals verleugnet hat. Rathenau der Jude, ist wie später Millionen seiner Brüder, das Opfer des schändlichen Antisemitismus geworden. Wir ehren das Andenken unserer Märtyrer. B e r n h a r d B r a v c r Jedermanns Versicherer Ja 1 das i.st die ..Städtische**. Vor •*>4 Jahren für deti ..kleinen Mann" gegründet, ist sie heute für Handel, Gewerbe und Industrie der führende Versiehe rungsbet rieb Österreichs. Derzeit stehen die Volks-Unfall-, die Hausrat-, die Einbruch- und Reisegepäck-Versicherung im Vordergrund: das Interesse dafür ist so lebhaft, «laß unsere Vertreter nicht rasch genug überall erscheinen können. Bitte, rufen Sie uns im Bedarfsfall! (U 2«-.r>-‘K)). Auel« Ihr Besuch in unseren neuen Empfangsräumen würde uns ganz besonders erfreuen. W ien l, Tuchlauhen H — Ecke Milchgasse!

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