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Die Stimme · 1952-09-01 · Heft 66 (September 1952) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1952
Issue
Heft 66 (September 1952)
Date
1952-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. (i(i (, _im: stimme__ Gleiches Recht für Alle ln den „Öberösterreichischen NachriflitiMTvon l(>. \ neust erschien rin Artikel ..('.Helios Recht für rillt'” aus der Feder des Chefredakteurs l’ut/. der einen hinterlistigen Angriff auf das Judentum darstellt. Willkommenen Anlaß hie/u gab das Urteil gegen Auerbach und die damit zusammenhängende Kritik des ..Manchester Guardian". Die nazistische Verlogenheit geht so weit, daß Putz hochherzig den ..jüdischen" Schleichhandel zu ' erstehen sich „bemülit”. Im nachstehenden Schreiben unternimmt es Ing. \\ iescnthal. die Nazimethoden zu brandmarken. An die Ober-österr.Nachrichten Herrn Chefredakteur Putz Linz Promenade 28 Sehr geehrter Herr Putz! Diesen Brief schreibe ich nicht unter dem Eindruck des Selbstmordes Auerbachs. Der Selbstmord hat nur meine Gedankengänge bestätigt, die ich beim Lesen Ihres Artikels ..Gleiches Hecht für alle“ hatte. Ich war mehrmals als P.eriehtcrstatter im Münchner Prozeß und kann daher mit Entschiedenheit Ihre Behauptungen widerlegen, wonach Auerbach und seine Verteidiger gegen ein deutsches Gericht als solches angekämpft hätten: sic wehrten sich bloß gegen ein Gericht und eine Staatsanwaltschaft, die aus Nazi bestanden. Diese Forderung ist keineswegs, um mit Ihren Worten zu sprechen, die Anschauung, daß ein rassisch Verfolgter in Deutschland nicht vor ein Gericht gestellt werden soll.... Der ganze Prozeß wurde von einem Erbfeind Auerbachs, dem Justizminister Müller, mit Hilfe zweier Nazistaatsanwälte, konstruiert. Aber die Konstruktion war keine glückliche und der Verteidiger hatte es verhältnismäßig leicht, wie Sie es selbst zugeben, das Feld zu beherrschen, denn die Zeugen ließen den Staatsanwalt im Stich, wodurch seine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Der Justizminister mußte gehen und Mitglieder der bayrischen Regierung sagten vor Gericht günstig und lobend für den Angeklagten aus. Die Anklage brach zum Großteil zusammen, es blieb bloß das, was Auerbach selbst zugab und die Belastung des .Mitangeklagten Dr. Hönig-Ohnsorg. In den Münchner Journalistenkreisen war es längst kein Geheimnis, daß man Dr. Ilönig-Ohnsorg für die Belastung Auerbachs Milde in Aussicht stellte; das Urteil bestätigt es. Der Großteil der deutschen Presse verlangte für die Verhandlung gegen Auerbach ein unbefangenes und nazifreies Gericht. Solange Justizminister Müller an der Macht war, war dies unmöglich: als er ging, war es zu spät. Es war wahrscheinlich auch schwer eine ,,weiße Garnitur“ zu finden, wenn man bedenkt, daß 84 Prozent des bayrischen Richterpcrsonals Nazi waren. Ich hatte Gelegenheit, ein Gespräch mit dem Oberlandesgerichtsrat Dr. Riedl von der Justizprcsscstelle in München zu führen, der vor der ausländischen Presse die Unbefangenheit des Gerichtes zu verteidigen verstand. Dr. Riedl machte cs nichts aus, daß Nazi zu Gericht über einen Juden saßen, denn auch er — war Nazi. Daß ein derartiges Vorgehen kein Vertrauen des Auslandes zur deutschen Demokratie und Justizwesen hervorruft, ist nicht die Schuld des „Manchester Guardian“, dessen Artikel zum Auerbachurteil Sie zur Zielscheibe wählten. Man müßte etwas zurückblättern, um die gegenwärtige Situation zu verstehen, ln den Jahren 1945 und 194G herrschte in den deutschen Landen der Glaube, daß die Juden den Krieg gewonnen hätten. Dieser Glaube veranlaßte viele, sieh an die Juden heranzumachen, ihnen zu schmeicheln, sich als wütende Antinazi uuszugeben und ... im Stammbuch nach jüdischen Großmüttern zu suchen. Die ganze Nazipartei bestand aus Parteigegnern und die Zahl der Mitglieder der Lntergrundbcwegung übertraf die der Einwohner Großdcutschlands. Ich glaube, daß Ihnen diese Tatsachen nicht unbekannt sind. Das Schuldbewußtsein gegenüber den \ erbrechen des Krieges w ar sehr groß und hättte man damals die Kricgs\ erbrechetdeutschen Gerichten übergeben, wäre kaum einer mit dem Leben davongekommen. Man kann nicht die Geschichte der Verfolgungen der Menschen, nach 1988. mit Glasenbach beginnen. Auch dann nicht, wenn man gezwungenermaßen die Nazikonzen trat ionslager erwähnt. Der Zweck ist durchsichtig: ..Beide Teile hätten gleich gelitten". Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir angeben könnten. wie\iel Menschen eines gewaltsamen Todes in Glasenbach gestorben, wieviel vergast, zu Tode gepeitscht und Hungers zugrunde gegangen sind. Wer es versucht, die Leiden der Nazi in Glasenbach mit denen der Häftlinge in Auschwitz zu vergleichen, der schändet das Andenken aller unschuldig hingemordeten Menschen. Es spricht nicht gerade für Objektivität, wenn Sie sich in dieser Materie auf den Rathenau-Mörder Salomon und auf sein Buch „Der Fragebogen“, das nichts anderes als eine freche Entstellung der W ahrheit ist, berufen. Salomon kann am wenigsten dafür maßgebend sein, wie sich amerikanische Vernehmungsorgane, die zufällig jüdischer Abstammung waren, in den Internierungslagern benommen hatten. Es scheint mir, als ob Sie auf einen Ausgleich der Rechnung abzieltcn. Die Nazi haben ihrerseits sechs Millionen Juden ermordet, die jüdisch-amerikanischen l ntersuchungsbeamten haben offiziell den internierten Nazi unangenehme Fragen gestellt, also die Rechnung sei beglichen ....??? Da es sich um amerikanische Vernehmungsorgone handelt, ist Ihnen, wahrscheinlich im Unterbewußtsein etwas unterlaufen. ln den deutschen Konzentrationslagern waren von den elf Millionen Toten nur vier Millionen Juden (zwei Millionen Juden wurden außerhalb der Lager gemeuchelt). Es handelt sich um Tote aus zweiundzwanzig Nationen. Weshalb glauben Sie also, daß nur Amerikaner jüdischer Abstammung aus Rache gehandelt haben und werfen nichts Amerikanern polnischer, tschechischer, serbischer oder anderer Abstammung vor? Glauben Sie, daß ihnen die Ermordung von Polen, Tschechen, Serben, Franzosen, Belgier usw. gleichgültig war? Warum halten Sie Amerikaner irischer Abstammung oder andere amerikanische Katholiken, im Umgang mit den gottlosen Nazi, nicht für befangen, da ja zahlreiche katholische Priester in den KZs gequält wurden und starben. Sie suchen, nach altem Rezept, nur die Schuld bei den Juden! Sie gehen hier mit der Weltmeinung auseinander. Die deutsche und nicht die jüdische Schuld steht zur Debatte. Die Nazi haben den Krieg verschuldet! Daß den Nazi curopafremdc Amerikaner willkommen 'sind, kann man sich leicht denken. Sie sind gutmütig und leichtgläubig. Unlängst sprach ein Illegaler bei einer amerikanischen Behörde vor. Als ‘man ihn fragte, warum er Illegaler war, sagte er prompt: „Nach dem Jahre 1984 könnttc man in Oesterreich nicht mehr gegen den Kommunismus kämpfen, weil die österreichische Regierung dagegen war. Wer die Kommunisten bekämpfen wollte, mußte in die Illegalität gehen." Der brave Mann konnte sein Ziel erreichen. Jeder Nazi weiß aber, daß'man einem Amerikaner, mitteleuropäischer Abstammung, keinen solchen Bären aufbinden kann, weil ihn das \ergrämt. Sie unternehmen in Ihrem Blatte einen Versuch, der nicht neu ist. Den gleichen \ ersuch unternahm der verdammte Josef Goebbels, um Zwietracht in die .amerikanische Nation zu bringen und die Amerikaner gegen ihre jüdischen Mitbürger auf/.uw icgeln. Aber Sie vergessen wohl, daß die amerikanische Demokratie gegen solche Versuche immun ist und Botschafter Donrllv hat schon gewissen Herren einmal eine Abfuhr erteilt, als sie ihm klarlegten, daß die „amerikanischen Juden" das amerikanisch-österreichische Verhältnis trüben. Nun möchte ich Ihnen erklären und beweisen, daß die österreichische Republik und ihre Bürger den amerikanischen Juden zu Dank verpflichtet sind. Vor einiger Zeit hörte ich im Rundfunk eine Danksagung aus Wien, für die Gewerkschaft der Bekleidungsindustrie in den USA. Diese Gewerkschaft war die erste, die gleich nach dem Zusammenbruch, Oesterreich geholfen hat. Ich will Ihnen berichten, daß die Bekleidungsindustrie in den USA zu neunzig Prozent in jüdischen Händen ist und die Gewerkschaftsmitglieder zu fiinfundsiebzig Prozent Juden sind. Die gigantische amerikanische Wirtschaftshilfe für das verwüstete Europa geht zu Lasten des amerikanischen Steuerzahlers. Haben Sic einmal nachgedacht, wie diese Steuerzahler gegliedert und wic\iele von ihnen Juden sind? ZuNcrlässige Statistiken aus Amerika besagen. daß \ierzehn Prozent der Steuern in den USA zu Lasten des jüdischen Steuerzahlers gehen. Oesterreich erhielt nach dem Kriege amerikanische Hilfslieferungen in Geld und Waren in der Höhe von einer Milliarde Dollar. Sic können sieh leicht daran den jüdischen Anteil ausrechnen. Warum wundern Sie sich, wenn amerikanische Juden, die das Schicksal ihrer hingemordeten Brüder nicht vergessen haben, sich dagegen wehren, wenn mit ihren Geldern Nachzahlungen für die Nazi, auf Grund der Amnestiegesetze, erfolgen? Der Steuerzahler in den USA ist keine tote Ziffer im Budget. Die amerikanische Demokratie versteht es, auf die Gefühle ihrer Steuerzahler Rücksicht! zu nehmen, insbesondere, wenn man noch im Wahljahr ist. Die Welt ist wohl geteilt, aber die öffentliche Meinung überschreitet leicht die Staatsgrenzen. Man reagiert in der gesamten Welt, die nach dem Nazi verbrechen bis heute noch nicht zur Ruhe gekommen ist, sehr stark auf einzelne Nachrichten, die aus Deutschland und Oesterreich kommen. Wie ein Seismograph werden alle Erscheinungen registriert und daraus Schlüsse gezogen. Lassen Sie mich hier ein kleines Beispiel anführen: Am 19. September dieses Jahres soll in Salzburg eine Delogierung erfolgen. Es sollen aus dem Hause der Kultusgemeinde in Salzburg, Schl ichthofgassc 19, vier jüdische Familien delogiert werden, um dem Senalsvorsitzendcn Dr. Pirker, der als Nationalsozialist 1945 die Wohnung verlassen mußte, Platz zu machen. Diese Delogierung sprach ein Salzburger Gericht aus, das sich nicht für befangen hielt und Dr. Pirker, der Junggeselle ist und eine Zweiraumwohnung im Hause der Justizbediensteten bewohnt, soll das gesamte Stockwerk, das er im Jahre 1945 inne hatte, wieder bekommen. Ich bin kein Reell tsgelehrter, um feststellen zu können, ob hier etwas formal juristisches einzuwenden wäre. Ich neh- Philipp Auerbach Der frühere Präsident fies bayrischen Landesenlsrliädigungsamtes Philipp Auerbach. hat hm Freitag, den 15. August Selbstm-u-d verübt, wozu ihn die Verzweiflung über dis ungerechte Münchner Gerichtsurteil getrieben hat. Auerbach war 'nicht mehr in der Lage, sieh seelisih aufrejeht zu hallen. als ihm das schimpfliche Gerichtsurteil bestätigt hat. daß München, die „Stadt der Erhebung“ den antisemitischen Geist nicht aulgehen kann. Obgleich Auerbach und seine V erteidiger dem Gerichtsvorsilzenden Dr. Mul- /.cr. der Nazi war, für seine korrekte Führung des Prozesses Anerkennung zollten, kann die traurige Tatsache nicht aus der VV eit geschafft werden, daß die Bayern mit der neuen deutschen Demokratie nichts anzufangen wissen und noch immer den Nazigeist wachhalten. Die unfaßbaren Verbrechen, die deutsche Menschen an Juden in Auschwitz, Majdanek. Muufhausen usw. begangen haben, durfte Deutschland nicht negieren. Es mußte vielmehr aus moralischer I eberlegung zur Erkenntnis gelangen, daß in Deutschland gegen einen Mann, der in den Nazikonzen trat ionslagern gepeinigt wurde, ein Monsterprozeß nicht geführt werden durfte, wenn nicht vorher das Beweismaterial die Schuld Auerbachs eindeutig zu Jage gefördert hat. Ein für die Prozeßführung beleuchtendes Detail melden die Zeitungen vom 27. August 1952: Ein Belastungszeuge gegen Auerbach, namens Karl Riekow. wurde vom Gericht vereidigt und seine Aussagen zur Grundlage der Verurteilung genommen. Riekow war bereits im Jänner dieses Jahres wegen Meineids angeklagt. weshalb die Staatsanwaltschaft ilm nicht als Zeugen führen und das Gericht seinen Aussagen keine Bedeutung beimessen durfte. Eine Justiz bedeckt sich mit Schmach und Schande, wenn sie leichtfertig die ungeheuerlichsten Beschuldigungen erhebt und den Angeklagten nach 17 Monate währender Untersuchung und 1(> Wochen dauernder Verhandlung von den schwerwiegenden Punkten freispricht und nur wegen einer Anzahl von Geringfügigkeiten zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Das Münchner Gericht konnte und durfte nicht die schweren Beschuldigungen gegen Auerbach aufrecht halten angesichts der wahrheitsgetreuen Aussagen prominenter Persönlichkeiten. Die österreichischen Nazi schlossen siet, der wüsten deutschen Kampagne gegen Auerbach lüstern an und schürten publizistisch das Feuer. Die Piraten der österreichischen Nazipresse schreckten nicht davor zurück, sogar den toten Auerbach zu verunglimpfen. Die „Frankfurter Neue Presse“ schreibt zum tragischen Tod u. a.: Alle, die eine Genugtuung empfanden, wenn in den Gerichtsberichten Ungünstiges über Auerbach zu lesen war, sind mitschuldig an diesem Tod, vielleicht hat Auerbach gerade sie im Auge gehabt, als er verzweifelte. Führende Politiker Deutschlands würdigten Auerbach als einen hilfsbereitten, ehrenhaften und absolut uneigennützigen Menschen, der 'dieses Schicksal keinesfalls verdient hat. Der zweite Verteidiger, Dr. Joseph Bauhölzer, ein gläubiger Christ, sprach um Grabe Auerbachs folgende Worte: „Ich erinnere daran, daß auch am Beginn des Auerb.achprozesses Lüge und Haß bestanden haben. Ich weiß es, daß die Anklagepunkte in denen er verurteilt wurde, n i c h t w a h r sind.“ me an, daß Sie sieh vorstellen können, welchen Eindruck eine solche Delogierung hervorrufen kann. Ich nehme an, daß Sie diesen Brief im Rahmen Ihrer Rubrik „Sehr geehrter Herr Putz“ bringen werden und verbleibe mit vorzüglicher Hochachtung Dipl.-Ing. S. Wiesenthal OKI CKFEIILER-BERICIITIGIJNC Im Aufsutz „Israel am Meer“ in der Nr. 84 unserer Zeitschrift, hat sich ein sinnstörender Druckfehler eingeschlich'en. Im zehnten Absatz soll es richtig heißen „Assücr“ statt Assyrier. WOLLE UND GARNE größte Auswahl ADOLF BOMZE V, Reinprechtsdorferstraße 48 XX, Wallensteinstraße 17 Telephona32ooe XVI, Neulerchenfelderstraße 20 II, Rotensternaasse 5

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