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Die Stimme · 1952-08-01 · Heft 65 (August 1952) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1952
Issue
Heft 65 (August 1952)
Date
1952-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. <>r> JÜDISCHES MUSIKSCHAFFEN PROF. JULIUS LUBOFSKY: Es gibt \>ohl kein (leinet der Kunst und der \\ issenschaft. au 1' dem Juden uielit I ler\orragciuics. ja bahnbrechendes geleistet hätten, den kulturellen Kort-* -ehrittt beeinflußt. trotz aller Hindere nisse eines seit Jahrhunderten \ erfolg-* teil \\ anden olkcs. dessen Zahl im Laufe der "roßen Zcitgcschchnis.se heute kaum viel mehr als ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung der Erde beträgt. Daß die Schaffenskraft des jüdischen \ olkcs trotzdem ungebrochen blieb, zeugt wohl von einei Widerstandskraft, die kein zweites Volk der Krdc aufzuweisen vermag. Wenn wir uns mit den Errungenschaften auf dem Gebiete der Musik befassen. so wollen wir uns mit der \\ iirdigung solcher Leistungen beschäftigen, die der Eigenart des jüdischen \ olkcs entspricht. Nimmt doch die jüdische Musik in der allgemeinen Musikgeschichte einen breiten Raum ein. zurückreichend auf die sagenumwobene Zeit König Davids. I nter den schaffenden Musikern der Juden gab cs nicht wenige, die gleichzeitig Intelrprclcn ihrer Kompositionen waren. Interpreten bedeutender künstlerischer Gestaltungskraft. Daß das jüdische Musikschaffen sich selten in einer spezifisch nationalen Kunst auswirken konnte, ist begreiflich. Ein Volk, das in allen Ländern der Welt Zuflucht nehmen mußte, war eben gezwungen, sieh jenen nationalen Eigenheiten unterzuordnen. die das Land des Exils vorschrieb. Jüdische Komponisten mußten sieh den Verhältnissen anpassen, vielfach ihren Glauben wechseln und durch Namensänderung ihr Judentum verschleiern, obgleich hiebei nicht immer die Existenzfrage den Ausschlag gab. So gab es viele Abtrünnige, aber eines gelang ihnen nicht: Ihre jüdische Abstammung mit Erfolg zu leugnen und in ihrem Musiksehaffen war immer wieder das jüdische Wesen, jener wehmütig orientalische Einschlag zu vernehmen, der uns in den Konzertsälen und Theatern entgegenklingt. Ich will es nun versuchen, den Entwicklungsgang des jüdischen Musikschaffens zu veranschaulichen, wobei ich mich teilweise des Werkes ,,Judentum und Musik" mit dem A. B. C. jüdischer und nichtjüdischer Musikbeflissener. dessen dritte Auflase im Brückner-Verlag München im Jahre 1938 erschien, bediene. Nicht wenige prominente Komponisten befassen sieh mit der Bearbeitung hebräischer Motive. Zu einem spezifisch jüdischen .Musikschaffen ist es aber bis heute noch nicht gekommen. Alle Versuche, eine jüdische Oper zu schaffen, bewegten sieh innerhalb des Rahmens des Entwicklungsganges der großen Oper, wie sic Meyerbeer, Halevy und Karl Goldmark komponiert haben. Ausgesprochen jüdischen Stoff finden wir, wenn wir Meyerbeers ..Prophet” erwähnen, in Ilalevys .,Jüdin” und in Goldmarks „Königin von Saba”. Was Elicsar in der „Jüdin" singt, zeigt speziell in der großen Arie jüdischen Geist und wenn der Hohepriester in der „Königin von Saba“ in seiner Ansprache sagt, „Blick’ empor zu jenen Räumen, zu der höchsten Majestät”, so ist dies keine bloße Geste, sondern ein offenes Bekenntnis zum jüdischen Glauben und zu jüdischen Werten. Daß diese Opern ihren Weg durch die größten Bühnen der Welt machten, zeigt, daß es sieh um Schöpfungen internationalen Gepräges handelt. Die Zeit drängte vorwärts: ein anderer Stil machte sich geltend, die Modernen meldeten sieh zu Worte und es ist kein Zufall, daß es wieder Komponisten jüdischer Abstammung waren, die als Wegbereiter einer neuen Richtung von aller Welt anerkannt wurden. Es war keine jüdische Musik, sondern Verstandesmusik auf Grund großen koiitrapunktisehcn und instrumentalen Könnens, Musik, die nur dem Verständnis eines kleinen Kreises zugänglich war. Die Namen Arnold Schönberg. Ernst Krenek, Egon Well es/., Hans Eisler und insbesondere Alban Berg, mögen davon Zeugnis ablegen, wie es gerude jüdische Komponisten waren, welche die Führung der Modernen an sieh rissen. Etwas abseits steht Erich Wolfgang Korngold, der immer die melodische Linie zu wahren verstand. Greifen wir etwas zurück, so müssen wir einiger französischer Geister gedenken. Der Jude Paul Ducas. im Jahre I8(>5 geboren. schrieb nach dem Gedieht Goethes ..Der Zauberlehrling“, eine symphonisehe Dichtung, die seiner Zeit weit voraus 'war und noch heute, das Paradcstiiek bedeutender Dirigenten ist. Eine Sonderstellung nimmt der im Jahre 1880 in Genf geborene naeli Amerika emigrierte Kniest Bloch ein. Seine Symphonie ..Israel” und seine hebräische Rhapsodie ..Schclomo”. zeigen wohl das Bestreben, nach eigenen Ideen jüdische Musik zu schaffen, der Versuch scheint aber nicht voll gelungen zu sein, denn der bekannte Musikwissenschaftler Einstein, äußert sieh daiüber wie folgt: Unter den vielen Komponisten moderner Richtung, behauptet Bloch seinen eigenen Platz. Bei ausgesprochener Absicht, jüdische Musik zu .schaffen, greift er nicht etwa auf wirklich orientalische oder hebräische Themen zui iick. sondern sucht aus sieh den Charakter und den Geist seiner Rasse zu gestalten. Ein düsterer trüber Ton durch - strömt seine Werke. Er arbeitet stark pah chromatisch, ist barbarisch, widcrliaarig und oft mißtönig. Im Gegensatz hiezu, sei der 1791 zu Paiis geborene Louis Joseph Ferdinand Herold erwähnt. Wer kennt nicht seine ,.Zampa-Ouvertiirc“V Von jenen Komponisten, die noch nicht vollständig in den Bann des „Atonalen“ geraten sind, verdient Hans Gal erwähnt zu werden. Er zeigt sieh als Beherrscher moderner Technik, ohne auf melodisches Empfinden zu verzichten, jüdische Anklänge sind aber nicht vorzufinden, ebenso wenig, wie bei Hugo kaudor. dessen Schaffen über einen gewissen akademischen Wert nicht hinausreieht. Von den modernen Franzosen, verdient Darius Milbaud hervorgehoben zu werden, der auch Gesänge komponierte. Aber auch in Italien erregte der Jude Castelnovo Tcdeseo aus Florenz, die Aufmerksamkeit maßgebender Fachkreise. Es würde zu weit führen, alle jene. Komponisten aufzuzählcn, die Bedeutendes geschaffen haben. Wir können es aber nicht unterlassen, eines Mannes zu gedenken,, der abseits vom Judentum in seiner eigenen Gedankenwelt lebte, in einer Welt der Plionlasie. Gustav Mahler hieß er, der wegen seiner Abstammung auswandern und auf fremder Erde sein Leben beschließen mußte, ein Leben ehrlichsten künstlerischen Schaffens. Von namhaften jüdischen Komponisten tauchte der Tscheche Jaromir Wcinberger auf, der mit seiner Oper „Scliwanda, der Dudelsackpfeifer“, berechtigtes Aufsehen erregte. Der blinde jüdische Komponist Rudolf Braun, schenkte uns einige Werke, von denen seine Pantomime „Marionettentreue“, an der Wiener Staatsoper seinerzeit uufgefiihrt wurde. Braun war ein erstaunlich großer Könner, seine Schöpfungen zeichnen sich durch vornehme Melodik, gediegenes kontrapunktisrhes Können und zeitgemäße Einfühlung in den Geist von Johannes Brahms aus. Julius Wolfsohl], der bekannte Pianist, befaßte sich mit der Popularisierung jüdischer Volkslieder, die er in seinen konzciten zu Gehör brachte. Josef Aclirun, ein nach Chicago ausgewanderter russischer Jude, war Mitglied der Petersburger Gesellschaft für jüdische Musik, behandelte jüdische Themen in moderner Fassung und ist in Fachkreisen anerkannt, ebenso wie Aleaxnder Tanzmann, dar sich durch Konzerte. Serenaden. Präludien etc. moderner Richtung besonders bemerkbar machte. Der aus Wolhynien stammende Abraham bin Gliaim Lippe-Goldfaden, schrieb Melodramen ..Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha”, ..Bar-kocliba“, ..Messiaszeilen”. W enn wir uns noch mit einigen reproduzierenden Künstlern, als Komponisten belassen, so erwähnen wir. daß der berühmte Geiger Joseph Joachim hebräische Melodien für Viola und Klavierbegleitung sehiieb. die wohl in der Synagoge seiner Gclnirl.sstadt Kittsee im Burgcnlund inspiriert wurden. Wer denkt nicht an die berühmten Geiger Heinrich Wilhelm, Henri Winiawski, Karl Flcsch, Fritz Kreisler, Mcnuhi Jehudi. an die Pianisten Anton Rubinstein. Karl Tausig. Sigmund Tlialbcrg, Ignaz Woscheies, Moriz Moskowski bis zu Alfred Giiinfeld. Moriz Rosenthal und Leopold Godowski. Diese Meister hinterlicßen bedeutende Schöpfungen, die schon vom pädagogischen Standpunkt aus. unvergänglichen Wert besitzen. Schließlich müssen wir eines Mannes gedenken, der wohl zu den bedeutendsten Schöpfern jüdischer Abstammung zählt: Felix Mendelsohn ßarttholdy. Er verließ den jüdischen Glauben, doch konnte er niemals seine jüdische Abstammung verleugnen. Er trug ein bescheidenes Wesen zur Schau. Wenn wir beute sein Violinkonzert oder sein Oratorium „Elias“ hören. so vernehmen wir jene blühende Melodik, die in dem jüdischen Herzen entstand. Sein ebenso bescheidener Kollege Ignaz Brüll, blieb wohl bei seinem Glauben: nichts in seinen Kompositionen verrät aller die Neigung zu jüdischem Musikschaffen. Sollen wir auch noch die Verdienste würdigen, die sieb jüdische Dirigenten um Werke nichtjtidisclicr Komponisten erworben haben V Es genügt, wenn wir außer Gustav Mahler, Hermann Lcvi (der bekannte Wagner-Dirigent), Ferdinand Löwe, Bruno Walter, Leo Blech, Egon Fried, und Siegfried Ochs, bervorbeben. Nicht zu vergessen auf Leopold Dumroseli, des Begründers der Metropolitain Opera in Ncw-York. Die Kulturwelt bat diesen Männern unendlich viel zu danken, Männer jener verfolgten Rasse, die nie aufhören werden, die Bausteine für die Weiterentwicklung des Musikschaffens zu legen, auf die Gefahr bin, einer Welt von Feinden und Widersachern gegenüber zu stehen. Ihre Mission cntspiingt einer natürlichen Begabung und dem Lebensbedürfnis. Verlassen wir nunmehr den Boden ernster Musik und wenden wir uns der heileren Muse zu. liier kennt wold das Ausmaß dm- Produktivität keine Grenzen. Von Jaques Offenbaeli ausgehend, dieses einzigartigen .Schöpfers der musikalische,n Satire, müssen wir ein wenig verweilen. Er war ursprünglich Cellist und schriet) für dieses Instrument Stücke ausgesprochen jüdischen Charakters. Dieser Mann erhol) sieh aus kleinen Anfängen zum Komponisten der berühmten Oper „lloffnumns Erzählungen“. Nun kum die große Blütezeit der Operette. Es tauch teil in Beilin Jene, Gilbert und in Wien Emmerich Kalman, Leo Fall, Bruno Granichstädlen, Edmund Eyslcr, Oskar Strauß, Heia Laszky, Leo Ascher und Paul Abraham auf. Sie schrieben Wiener Musik, wienerischer, als sieh je ein Wiener träumen ließ. (fCUtw HcUhcc Vorsitzender der Zionistischen Föderation Die Delegierten in der Zionistischen Föderation in Oesterreich, wählten in ihren Sitzungen am 21. und 22. Juli ein neues Präsidium u. zw. wurde Herr Gustav Leittier (Allgemeiner Zionist) zum Präsidenten gewählt. Vizepräsidenten sind die Herren: Isidor Neugröschl (Misrachi) umd Jakob Schönfeld (Mapam), zum Generalsekretär wurde Herr Dr. David Schlang (Mapei) und zum Kassier Herr Fritz Lazar (Revisionist) berufen. Fs ist dies ein Provisorium, das bis 15. November 1952 währt. Das neue Präsidium unter Führung des Herrn Direktor Gustav Leitner, wurde am 29. Juli von Herrn Konsul Arie Eshel, Vertreter des Staates Israel in Oesterreich, empfangen. Anschließend an diesen Empfang, hatten die Herren des Präsidiums eine längere Aussprache mit den Handdsdelegierfen aus Israel, den Herren Dr. Siegfried Saal he im er, Direktor der Israelischen Nationalbank und Moshe Bartur, Leiter der Wirtschaftsnbteilung des Israelischen Außenministeriums. Jidl mit’n Fidl Am 6. Juli fand die mit großer Spannung erwartete Filmvorführung statt. Wir können nur mit .Stolz und Genugtuung sagen: Es war ein durchschlagender Erfolg des Klubs der Zionistischen Jugend Wiens (Hanoar Hazioni). Die Vorstellung war trotz des strahlenden Sommerwetters vollkommen r. unverkauft und mit Rührung verfolgten die Anwesenden die Handlung aus längst vergangenen Zeiten. Auf allgemeinen Wunsch werden wir diesen Film im Herbst wiederholen. Jüdische Kriegsbeschädigte! Der Verband der jüdischen Kriegsinvaliden, Witwen und Waisen, lenkt die Aufmerksamkeit auf die im österreichischen Parlament beschlossenen Gesetze zu Gunsten der belasteten Nazi. Dieses Gesetz bestimmt, daß die Nazi rückwirkend Entschädigung in Geld und Gütern zu erhalten haben. Jene jüdischen Kriegsbeschädigten, die jahrelang im Konzentrationslager geschmachtet haben und keine Möglichkeit hatten die Renten zu beziehen, werden ersucht, ihre Namen und Adressen der Administration „Die .Stimme“, Wien, IX., Universitätsstraße 4/4 schriftlich bekamntzugeben. Achtung,, SUangUaiec! In der Angelegenheit betreffend die „Shanghaier“ in Oesterreich, erhielten wir Informationen, die - vorläufig zur Veröffentlichung nicht geeignet sind. Wir werden aus den Reihen der bei unserer Redaktfon registrierten Personen in der nächsten Zeit einige zu uns bitten, um sie über die Sachlage zu. Informieren. Wer kann Auskunft geben über den Verbleib des Herrn Viktor Stummer, der aus Wien stammt, Mechaniker von Beruf ist und seine Emigration in Shanghai verbrachte. Freundliche Zuschriften sind an die Redaktion erbeten. In diesem Zusammenhang liehen wir besonders den Komponisten des typischen Wiener Liedes „Fiokcrlied”. Piek, hervor, woran die Wiener Antisemiten niemals gedacht haben, daß dieser Komponist ein Wiener Jude war. Der Anpassungsgeist war mehr als hewunderungswert; man dachte nie an die Abstammung der Komponisten, man pfiff und werkelte an allen Ecken und Enden der Wienerstadt die Schlager. Man konnte ihrer Abstammung nichts an - haben. Die Volkstümlichkeit ihrer Melodien diang nicht nur den Wienern ins Blut, der Erfolg trug zur Popularisierung des W iener Liedes im In- und Auslande hei. Jl Bürgt für QUALITÄT Oft kopiert Nie erreicht fHloka^sin' Schuherzeugung Wien III., Münztfaase 5 Telephon U 19 408

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