Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1952
- Issue
- Heft 64 (Juli 1952)
- Date
- 1952-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2431292-2431356-2431364--0438-2432058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Seite 4 Nr. 64 DIE STIMME WIENER IN ISRAEL und dU du^^oca Z. E. EINKELSTEIN (siehe auch „Die Stimme“ Nr. 62,1952) Freie Bahn der Jugend!, dies ist die Parole Israels. Wenn auch vorderhand noch Führer der alten Garde, wie Weizmann, Een Gurion, Kaplan und Sprinzak, die Staatsführung offiziell irmehaben, ist es kein Geheimnis mehr, daß sie abgemüdet sind und nur auf die Ablösung durch junge Triarier warten. Von den jungen Wienern grbt es so manche, die den Marschallstab un Tornister tragen. So ist es an erster Stelle I c h u d A w r i e 1, der lim und durch Ben Gurion an die Spitze der amtlichen Hirarchie Israels gerückt ist. D:eser Sohn eines Kaufmannes aus der Alserstraße entstammt einer uralten Familie Ueberall-Segel aus Lemberg. Seine Mutter Helene gehörte zu den ersten Pionierinnen der Wizo in Lemberg und sein Onkel Benjamin Segel galt als jüdischer Schriftsteller von Rang und verfaßte eine Reihe jüdischer Werke, die wohl vom historischen Standpunkt anfechtbar sind, doch von bleibendem kulturpolitischen Werte sind.Der blutjunge Awriel ragte sehen in Wien in den Anfängen der Nazizeit als Jugendführer und Organisator hervor, ging dann ins Ausland und führte von hier aus eine großzügige Alijah nach Erez. Später trat er in Erez in einen Kibbutz ein, von dem ihn jedoch bald wichtige staatspolitische Aufgaben in die Türkei und schließlich, während der Kämpfe um die Staatlichkeit Israels, nach der Tschechoslowakei verschlugen. Seine Untergrundarbeit war mit so manchen Gefahren verbunden, brachte jedoch als Anerkennung auch die erste ehrenvolle Position als erster Gesandter des neuerstandenen Staates bei der tschechoslowakischen und ungarischen Regierung und schließlich wurde er Gesandter am heißen Boden Rumäniens. Derzeit übt Awriel das Amt des Generaldirektors im Ministerpräsidium aus und gilt als eine Art jugendlicher ,,graue Eminenz“, dessen Einfluß überragend sein soll. Hiebei blieb er bis heute ein Mitglied des Kibbutz, von dem aus er den Weg in die große Welt antritt. Als zweiter junger Wiener gilt wohl J. Schimron, der Sohn des in Wien seinerzeit populären Anwaltes Dr. Schajowitz, der in der Mariahilferstraße nur seinem Berufe und nebenbei der Kunst ergeben war. Der junge Schajowitz besuchte in Erez keine Schule und da er im Jahre 1938/39 gerade in die arabisch-jüdischen Kämpfe geriet, ließ er sich als Notär d. i. Polizist für Wach- und Grenzdienste anwerben. In den Nächten versah er seinen Dienst und die Tage widmete er dem Studium der Rechte, da hierzulande hiezu keine Universitätsstudien notwendig sind. Einige Jahre hindurch dauerte dieses Doppelleben als Wächter und Studiosus, bis er nach Ablegung der Prüfungen den Beruf als Jurist an trat. Seine glänzende Begabung brach in ganz kurzer Zeit durch. Kaum wurde Israel als selbständiger Staat proklamiert, als, zum nicht geringen Erstaunen vieler, der bisher der Welt völlig unbekannte Schajowitz-Schimron zum höchsten Staatsanwalt des Stalates ernannt wurde. Diesen Posten bekleidet der junge Wiener mit Stolz und Würde und sein stupender juristischer Scharfsinn, gepaart mit großem Wissen, gelten allseits als beispielgebend, wie gerade in Israel die Jugend freie Bahn für Tüchtige vorfindet. Von den Wienern, die in jungen Jahren hervorragende Positionen einnehmen, ist Emil K o 11 e c k zu nennen, der aus dem Kibbutz En-Geb hervorging und es als Autodidakt bis zum Range eines bevollmächtigten Ministers in New-York im Verlaufe von kaum einigen Jahren gebracht hat. Dem Range nach gleich gilt ebenfalls ein gewesener Wiener Sportler Bob Lustig, der nach Erez zur Zeit der Olympiade '19M eingewandert ist. Lustig begann seine Laufbahn als gewöhnlicher Polizist, ragte bald durch besondere Begabung hervor und erreichte bei der Polizei eine der höchsten Positionen. Nach Schaffung des Staates wurde Lustig, der indessen den Namen auf Jarom änderte, nach Cypem als Gesandter beordert und bekleidet nunmehr das Amt eines Generalkonsuls Israels in Chicago. Daß auch die alte Wiener Garde ein gewichtiges Wort in der Staatsführung Israels führt, beweist wohl zur Genüge die Persönlichkeit David Zwi P i n k a s, des derzeitigen Verkehrsministers. Der Sohn des seinerzeit populären Bankmannes ging noch vor vielen Jahren nach Erez und schloß JAKOB TANNENBAUM „Ki mizion teze Thora“ (Von Zion geht die Lehre aus, Jesajas, 2, 3) Anläßlich des am Kaf Tamus wiederkehrenden Todestages Herzls.wird es angebracht sbin, ein Fazit über das Werk des Schöpfers der Zionistischen Organisation zu ziehen. Das von Herzl begonnene Werk wurde von Erfolg gekrönt. Die Saat, die er gesät, trug nach seinem Tode Früchte. Der Judenstaat wurde Wirklichkeit, doch das Instrument, das der Meister schuf, die Zionistische Organisation, wird in der letzten Zeit mit Heftigkeit bekämpft und der Zweck ihrer Fortsetzung in Frage gestellt. JfkDC DdfUtee Ges. m. b. H. I WIEN sich hier der Misrachibewegung an, zu deren anerkannten Führern er schließlich geworden ist. Als Leiter der Misraebibank in Tel-Aviv, als Mitglied der Stadtverwaltung und schließlich als Vorsitzender der Budgetkommission In der Knesseth, erwies sich Pinkas als politischer Taktiker und Fachmann von immenser Begabung und leitet nun als Mitglied des Koalitionsmlnisteriums ein überaus schwieriges und kompliziertes Ressort des Transportes. In die Reihe der Männer aus Wien kommt nunmehr eine Frau, die wohl In den letzten Jahren in Linz lebte, doch aus Wien stammte und in ihrem Wesen eine resche und strebsame Jüdin aus Wien geblieben ist. Dies ist wohl eine der populärsten Frauen Israels, die neben der Mayersohn mit Stolz auf einen übernatürlichen Ruf hinweisen kann. Dies ist brau Dr. Rudolfine Menzel, Tochter des urwüchsigen Zionisten aus dem Kreise Herzl, Kultusrat Waltuch. Aerztin von Beruf, widmete sie sich einem Spezialgebiet der Hundezucht. Was diese kleine jüdische Aerztin an Wunder von Zucht und Dressur der Hunde vollbringt, wußten schon die Engländer zu schätzen, die ihr in der Nähe von Haifa, in Kiryat Chajim ein großes Laboratorium errichtet haben und sie mit Ehren und Anerkennung überschütteten. Jagd- und Wolfshunde, Hunde zur Abwehr von Ueberfällen und Hunde zur Uebcrwachung der Grenzgebiete all diese Hunderassen werden hi r gezüchtet und in die Welt gesendet. Vor allem in Israel, die dieser wundersamen Hundemutter viel'.' Erfolge im blutigen Kampfe um die Staatlichkeit zu verdanken haf und nunmehr sie hunderte blinde Kriegsinvalide durch die treuen verläßlichen Führer im Leben tagaus tagein segnen und danken. Erst vor einigen Tagen spendete der Rudolfine Menzel Die Behauptung, daß mit der Verwirklichung des Baseler Programms auch der Zionismus schon erfüllt sei, ist unbegründet. Es ist unlogisch und geschichtlich falsch, dein Zionismus mit dem Baseler Programm zu identifizieren. Das Baseler Programm ist nur ein Teil des Zionismus. Noch grotesker ist die Meinung, daß die Errichtung des Judenstaates Ursache einer Krise des Zionismus sei. Meinungsverschiedenheiten im Schoße des Zionismus verdichteten sich wohl zu einer Krise, aber nicht des Zionismus, sondern im Zionismus, und ihr Grund liegt auf einer ganz andern Ebene, in der Frage der Beziehung der Diaspora zu Israel. Herzl war ein radikaler Galuthvcrn e in er und der f esten Ueberzeugung, daß die Ju.dem in der Diaspora, früher oder spätir. der Assimilation verfallen müssen. Dieselbe Meinung vertreten die Israelis. Dagegen bejahen andere, darunter ein Teil der amerikanischen Zionisten, die Existenz der Diaspora. Sie behaupten, daß Amerika keime Galuth bedeutet und treten für ein universelles Judentum ein. Dieser Streit Ist so alt wie das Judentum selbst. Es sind zwei entgegengesetzte Richtungen festzustellen, die durch die ganze jüdische Geschichte parallel einherlaufen. Ein Teil des Volkes ist zentripetal, universell, das allerhöchste Lob Helen Keller. Tränen hatte diese Frau in den weit offenen, aber mit Blindheit geschlagenen Augen, als sie die Vierfüßler Dr. Menzels durch all die Gestrüppe der Umgebung mit sicherem Instinkt führten. Berühmtheit durch die Hunde auch derart wirkt sich das Schicksal der österreichischen Alijah in Erez aus! Fortsetzung folgt. stlrcbt hinaus in die Fremde, besitzt große Ambitionen, Erfindungs- und Unternehmungsgeist, Tatkraft und Abenteuerlust. Diesem Teil der Nation ist Palästina zu klein, sein Betätigungsfeld zu eng, seine Lebensart zu streng. Seine überschwenglichen Energien suchen nach einem größeren, weiteren Wirkungsbereich. Dieser Teil wohnt im der großen Diaspora, schon zur Zeit des ersten und zweiten Staates. In der Epoche des zweiten Staates 'erreicht die Zahl der Juden in der Diaspora 8 10 Millionen, während die Zahl der Juden in Eretz Israel sich auf 1‘ o Millionen beläuft. Der andere Teil, der in der Heimat bleibt, ist zentrifugal, national, selbstbewußt, einfach und bescheiden in seinen Ansprüchen ans Leben,aber stolz auf seine Kultur und seine geistige Eigenart. Er ist auf die Diaspora schlecht zu sprechen und erklärt das Wohnen außerhalb Palästinas als Götzendienst und Gottlosigkeit (Rabbi Joch an an im Talmud babll, Kethubofh, 111) Die Sicherheit des Staates Israel kann nur durch eine Bevölkerung von mehreren Millionen gewährleistet werden. Es wird daher notwendig sein, die Diaspora zu Freiheitsliebe, Gern ein schaftssinn und Chaluziuth zu erziehen, sie dann zur Alijah zu bewegen. Wer aber soll diese Erziehungsarbeit leisten, wenn nicht die Fahnenträger einer geistigen Kultur, die alterprobten Jünger Herzls, Achad Haams und Bialiks? Der Zionismus ist identisch mit Messianismus und hat neben der Erhaltung und Konsolidierung des Staates und Kibbutz Galujoth, die Hauptaufgabe, eine Renaissance des jüdischen Geistes in der Diaspora durchzuführen: Einfachheit, Genügsamkeit, Bescheidenheit, Erdgebundenheit, Natu''nähe und Arbeitsamkeit. Die Arbeit u. zw. Feldarbeit bezeichnet das Judentum als Zweck des Menschenlebens. „Sechs Tage sollst du arbeiten!“, ist ein Postulat der Zehn Gebote und der Psalmist stellt die Maxime auf: „Die Mühe deiner eigenen Hände, wenn du genießest, heil und wohl dir!“ Gerade die angeführten Eigenschaften sind# für den Aufbau des Landes von elementarer Notwendigkeit. Die lange Galuth und der Einfluß der fremden Umgebung i:n der Diaspora bewirkte es, daß die Juden diese Eigenschaften ihrer Väter einbüßten. Die vielen Verfolgungen und Diskriiminationen vonseifen der nichtjüdischen Umgebung waren nicht geeignet, Liebe und Gemeinschaftsgefühl für die Wlirtsvölker hervorzurufen. So entwickelte sich in der Seele der Juden der Individualismus. Vor der Rückkehr iins Judenland, muß aber eine Rückkehr zum jüdischen Geist stattfimden. Die Haupfursacbe der Galuthbejahumg großer Teile der Diaspora, liegt eben im Verlust jener alten guten Eigenschaften unserer Väter. Dies ist das Wesentliche an der Assimilation .... Eime weitere Aufgabe des Zionismus besteht in der Hebräisierung der Diaspora. Nur durch die Gleichheit der »Sprache und Kultur kann die Einheit des jüdischen Volkes gewährleistet werden. Die Diaspora haf wohl große geistige »Schöpfungen aufzuweisen, wie die jüdisch-alexandrinische Philosophie, dein babylonischen Talmud, die Religionsphilosophie, Dichtung und Wissenschaft in der spanischen Epoche, den Rabbinismus, die Kafclbalah, den Chassidismus und die „Jüdische Wissenschaft“. (Krochmal, Rapaport, Luzalllo, Zumz usw.) Doch die wahre Lehre ging von Zion aus und wird auch in Zukunft nur von dort ausgehen. „Ki mizion teze Thora!“ - Von Zion geht die Lebne aus! vpuuzei Bäumt, im Mäduuwatd! KtRl^ASJ^AlL TELEFON U 29 2 26 / POSTSPARKASSEN-KONTO 130 067 19999^