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Die Stimme · 1952-04-01 · Heft 61 (April 1952) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1952
Issue
Heft 61 (April 1952)
Date
1952-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Nr. 61 S v ite 6 GERTRUOE ISOUVNI 2iun 10.7-adt$taty Stefan "iwefas Im November 1651 wäre der Dichtet* 7(> Jahre alt geworden, und im Februar 165J jährte sieh zum zehnten Male der Ta;-!, an dem er und seine junge Gattin, fern von Europa, das er so tragisch liebte, den Freitod wählte. Immer noch liegt der .Schleier des Geheimnisses über diesem jähen Abschied von einem Dichter, dessen leichte, niemals düstere Melancholie zwar manch" seiner frühen Novellen überschattete, dessen Grundton jedoch heiter und positiv, in jeder Hinsicht lebensbejahend und auch in der Führung seines privaten Lebens aktiv und sprühend vital war. Bei der noch längst nicht abgeschlossenen Diskussion um Zweigs Freitod s:nd zwei Dokumente über die letzten Wochen seines Lebens viel zu wenig beachtet worden : Das Buch seiner ersten Gattin Friederike Zweig-Winterniiz „Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte“, und ein Aufsatz seines guten Freundes Dr. Ernst Feder, Rio de Janeiro, der Zweig noch am Vorabend seines Todes besuchte und diese letzten Stunden mit dem Dichter in einer argentinischen Zeitung geschildert hat. Friderike Zweig, die ln ihrer Biographie des Leben und die Arbeitsweise ihres Gatten mit seltenem Takt, mit hnluzinatorischer Einfühlungskraft und dcch ohne übertriebene Bewunderung, m*i einer fein empfindlichen kritischen Distanz gezeichnet hat, wußte auch aus Zweigs letzten Briefen den resignierten Abschiedston herauszuhören. Mehr aber noch, als diese letzten Briefe, die sich mit dem Wohlergehen der alten Gefährtin befassen und wenig von dem eigenen Leben aussagen — man spürt, daß er sie schonen und nicht erschrekken will — drückt das letzte Gedicht Zweigs, ein Sonett, aus, betitelt: „Der sechzigjährjge dankt“. Er sandte es hi ndgeschrieben an seine Freundin Friderike, die ihm als Festgabe zum sechzigsten Geburtstag Montaignes Werke geschenkt hatte. Friderike Zweig hat im Jahre 1947 in ihrem Buche das Sonett in einer Photokopie veröffentlicht: Linder schwebt der Stunden Reigen Leber schon ergrautem Haar, Denn erst an des Bechers Neigen Wird der Grund, der gold’ne klar. Vorgefühl des nahen Nächtens Es verstört nicht — es entschwert! Reine Lust des Weltbetrachtens Kennt nur, wer nichts mehr begehrt. Nicht mehr fragt, was er erreichte, Nicht mehr klagt, was er gemißt. Lnd dem Altern nur der leichte' Anfang seines Abschieds ist. Niemals glänzt der Ausblick freier Als im Glast des Scheidelichts, Nie liebt man das Leben treuer Als im Schatten des Verzichts. Aufschlußreicher als diese letzten Verse des Dichters können kaum die Aufzeichnungen Ernst Feders über Zwfeigs letzte Wochen und Tage wirken, die freilich mit sorgfältiger Akribie jedes Ereignis und jedes Wort des Dichters aus jener Zeit festhalten. Von den Briefen, die Zweig an seine erste Gattin schrieb, sagt Dr. Feder: „Es fällt mir vor allem auf, wie sehr er sich in diesen Briefen um eine künstlerische Objektivierung seiner subjektiven Empfindungen bemühte. Sichtlich war es ihm ein Bedürfnis, für seine innere Angst, Müdigkeit und Verzweiflung immer neue logische Gründe im realen Geschehen zu finden. In Minern Innern (h-;inu - -dies /um \l>- schied, in seiner äußeren persönliche'! Situation sprach alles dagegen. ' An einer andern Stelle seiner Betrachtungen sagt Dr. Feder : „Fr schien eine Biene, die aus jeder Blüte Bitternis sog.“ — Am Vorabend seines Freito- Ein Jubiläum zum 40 jährigen Bestand und gleichzeitig größten Vertrauens feiert der Inhaber der Geschäftsstelle J. Prolcopp, Wien VI, Mariahilferstr. 29. Wir haben unserer heutigen Auflage eine Besfellkarte dieser Giücksstelle beigelegf, in der Annahme, daß Sie diesen Glücksversuch machen sollten. des kam das Ehepaar Feder zu den Zweigs zu Besuch. In seinem Artikel fragt Dr. Feder : „War er noch zu beeinflussen 7 An jenem Abend war es zu spät. Er hatte schon die letzten Vorbereitungen getroffen und gerade, als ich das Haus betrat, seine Abschiedsbriefe beendet. Rückschauend habe ich indes den Eindruck, daß man in einem früheren Stadium vielleicht ihn hätte bewegen können, sich noch einmal ein Moratorium zu bewilligen.“ Dr. Feder schildert dann die mannigfachen Gespräche über die politischen Ereignisse jener Tage und über Zweigs Arbeiten an seinen letzten Büchern, besonders an der „Schachnovelle“, die er gerade beendet und mit einem Brief an Dr. Feder gesandt hatte. Resigniert bemerkte Stefan Zweig zu seinem Schachpartner: „Ja, früher war doch in dem was ich schrieb, ein gewisser Glanz.“ — Feder bemerkt, daß seine Kräfte erschöpft waren, sein Widerstandsvermögen am Ende, und daß er sich gegen alles, was zum Optimismus stimmen konnte, abschloß. „Er reagierte fast nur auf das Negative und auf dieses mit auffälliger Heftigkeit.“ Kritik an seinem Brasilienbuch, das vielfach mißverstanden wurde, tat noch ein übriges, um den Dichter zu verstimmen. Ein ziemlich boshafter Angriff.in einer brasilianischen Zeitung hatte ihn mehr erregt, als dies sonst journalistische Attacken bei ihm zu tun pflegten. Aber eine Gegenerklärung, die Zweig bereits formuliert hatte, sandte er nicht mehr ab; auch unter seinen Papieren war sie nicht zu finden. Dr. Feder erwähnt auch Gespräche jener letzten Wochen, in denen das Problem des Selbstmordes berührt wurde. Aber der Entschluß war wohl noch nicht bis zu jenem letzten Tage gefaßt, Zweig spielte zuweilen mit dem Gedanken und kehrte dann immer wieder zu seinen Arbeiten und Büchern zurück. Den letzten Anstoß zu seinem düsteren Entschluß mag wohl nach dem Bericht Dr. Feders, die Nachricht von dem Fall Slngapores gegeben haben. Vcn jenem Moment an, da Stefan Zweig überstürzt mit seiner jungen Frau nach Petropolis zurückgekehrt war, schien er nur noch darauf bedacht zu sein, die letzten Vorbereitungen für seinen Freitod zu treffen, und zwar so geheim, daß seine Absicht allen Freunden und Bekannten verborgen blieb. Finrm brasilianischen Schriftsteller, den er sehr schätzte, und der ihn telephonisch um ein Rendez-vous bat,sagte er nur kurz, als dieser sich für die nächste Woche anmeldete : „In der nächsten Woche werden wir nicht da sein". Der Freund verstand diese Acußerung so, als oh Zweig mit seiner brau eine Reise plante. Am Vorabend seines Todes sah Dr. Feder, als er ihn irrt seiner Frau besuchte, den Dichter am offenen Fenster seines Arbeitszimmers schreiben. Da er abends nie zu arbeiten pflegte, erstaunte ihn das sehr, ebenso seine Verlegenheit, die auffalllend war. Dr, Feder konnte nicht ahnen, daß er ihn hei der Niederschrift sWner Abschiedsbriefe überrascht hatte. Auch an jenem Abend war seine Liebenswürdigkeit und seine Teilnahme dieselbe wie stets betont sein Freund- Das Gespräch drehte sich um Oesterreich und um Zweigs Arbeit an Balzac. Es gibt keine große Balzac- Biographie, sagte Zweig. „Die sich damit befaßten, sind alle gestorben, ehe sie das Werk vollem den konnten. Auch für mich ist das vorbei.“ Zweig gab seinem Freunde einige geliehene Bücher zurück und schenkte ihm ein Buch über Napoleon. Damals, so schreibt Dr Feder, wußte ich nicht, warum seine Frau, als er meinen Vorschlag zu einer Schachpartie akzeptiete, ihm einen langen erstaunten Blick zuwarf. Ich machte die Anregung, weil ich dachte, das Spiel, das er so liebte, würde ihn von seinen düstern Gedanken ablenken. Dann erzählt Dr. Feder, wie das Ehepaar Zweig ihn und tftscUtHkpodwU mcU Istad Lebensmittel aller Art werden per Flug befördert Auskunft und Versand durch die Fa. Josef Rubin Bitfmann Wien IX, Frankg. 1, Part., Tel. A 25-2-23 seine Frau nach Hause begleitete, kurz vor Mitternacht. Sie machten noch allerlei Reisepläne. Zweig war nach Bogota eingeladen worden, und man plante eine gemeinsame Expedition nach Kolumbien. Zum Abschied reichte Stefan Zweig seinem Freunde lächelnd die Hand. Er fühlt, daß seine Stimmung die Freunde bedrückt. — „Also entschuldigen Sie meine schwarze Leber!“ — Das sind Zweigs letzte Worte. Feder schließt seine Schilderung : „Mit diesen Worten und einem tieftraurigen Blick verschwand er im Dunkel der zauberhaften Sommernacht. und von den zahlreichen Begegnungen mit ihm bleibt mir dieses Bild als dominierend und definitiv vor Augen.“ Ich möchte diese Schilderung der letMm läge Stefan Zweigs nicht abschließ *n, ohne zu der heute noch immer viel umstrittenen Frage Stellung zu nehmen, wie der Dichter zum Judentum stand, dessen Vertreter er in der Dichtung der Gegenwart nun einmal ist. Entgegen der Meinung, daß seine Bande zur jüdischen Herkunft keine engen waren, möchte ich doch darauf hinweisen, daß Stefan Zweigs erschütternde und heute noch aufrüttelnde, prophetische Dichtung „Jeremias“ zu den wesentlichsten Werken dieses Dichters gehört. Er hat den Jeremias sein „persönlichstes Werk“ genannt. Auch Zweigs Legenden weisen typische jüdische Züge auf und sind erfüllt von der Wärme und Innigkeit jüdischen Fühlens. Eine ausführliche Würdigung widmet Friderike Zweig der Fegende des Dichters : „Der begrabene Feuchter“. Hier zeigt der Autor, wie in der Menorah, der Leuchter, die Einheit und die Heimkehr symbolhaft enthalten und dazu bestimmt sind, siebenmal aufzuleuchten in der ■ i Fs gehörte zu der antisemitischen Hetze des Nationalsozialismus, die Zahl der Juden in der UdSSR willkürlich zu riesigen Ziffern emporzuschrauben, um der Umwelt zu beweisen, daß die große Zahl der Juden mit dem „jüdischen“ Geist des Bolschewismus Zusammenhänge. Die letzte offizielle Zahl übet* die Juden jn der UdSSR stammt aus dem Jahre 1926 und gibt 1,424.347 Juden an. Diese waren zu 1,370.551 Aschkenaslm-Juden zu 25.974 kaukasische Berg-Juden, zu 18.698 Buchara-Juden und zu 9124 Karaim-Juden. In den folgenden Jahren beginnen die falschen Meldungen über die Zahl der Juden in der UdSSR (Gebiet vor 1939). Antisemitische Schätzungen gaben für 1933 2,600.000 Juden an und für 1939 bereits 3,300.000 Juden. Die antisemitischen Schätzungen überschlugen sich. Tatsächlich kann mah aus verläßlichen sowjetischen Schätzungen für die Zeit von 1927 bis 1939 einen Zuwachs von 356.087 Juden durch Geburtenzuwachs annehmen, so daß die Zahl der Juden vor der Eingliederung der baltischen Staaten, Ostpolens und Ostrumäniens) mit etwa 1,780.000 angenommen werden kann. Durch den Gebietszuwachs von 1939 bis 1941 kamen etwa 1,760.000 Juden hinzu, so daß sich eine Zahl von 3,540.000 Juden ergibt. Die Deutschen besetzten nach 1941 nicht nur die neusowjetischen Gebiete der UdSSR, sondern auch das hauptsächliche Siedlungsgebiet der Juden in der UdSSR, nämlich die Ukraine und Weißrußland, für welche beiden Republiken eine Judenzahl von 1,100.000 angenommen werden konnte. Nun ist der größte Teil der Juden, in den von den Deutschen besetzten Gebieten den Verfolgungen zum Opfer gefallen. Man kann mit Recht etwa 2 Milllcnen jüdische Verfolgungs- und Kriegsopfer dieser Gebiete annehmen. Verringert man nun die Zahl der Juden um diese 2 Millionen, ergeben sich für 1946 etwa 1,540.000 Juden. Zieht man ferner die Opfer seit 1946 in der UdSSR iin Betracht, so kommt man zu dem berechtigten Schluß, daß die Zahl der Juden in der UdSSR heute bestimmt nicht mehr als eineinhalb Millionen beträgt und daß Schätzungen, die knapp mehr als eine Million annehmen, nicht als unberechtigt angesehen werden können. Ferner sind hier in keiner Welse jene Juden berücksichtigt, die seit 1941 aus der UdSSR deportiert worden waren, jedoch nicht mehr zurückkebrten, oder jene Juden, die besonders in den Jahren 1945 bis 1947 aus der UdSSR mach dem Westen bzw. nach Israel flohen. Mam muß feststeilen, daß heute mehr Juden in Israel, als in der UdSSR leben und daß es eigentlich nur mehr zwei Zentren jüdischen Lebens in der Welt gibt, nämlich Israel und Nordamerika 1 Dr. Alfred Posselt geistigen Welt. Um dieses Symbol baut er die Legende der Wanderschaft des letzten Prunkstückes aus dem Tempel zu Jerusalem. Friderike Zweig berichtet in ihrer Wiedergabe und interessanten Deutung dieser jüdischen Leg ein de, daß sie für viele an der Zeit Verzweifelnde, und besonders für jüdische Leser, ein erhebendes Erlebnis war, weil die unendliche Geduld hier gezeigt werde und die Demut, die der Glaube und die Gemeinschaft des Schicksals erzeugen. (Ist*. 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