Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1952
- Issue
- Heft 61 (April 1952)
- Date
- 1952-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 61 DIE STIMME Seite 3 Sammy Gronemann gestorben Das Perezjahr Wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag ist Sammy Gronemann nach kurzer Krankheit in Tel-Aviv gestorben. Schweren Herzens nehmen wir Abschied von diesem Freund. Er war nicht nur einer von den letzten, die von den Wegbereitern des Zionismus in Deutschland und darüber hinaus iin Mitteleuropa, ja, in der zionistischen Weltbewegung noch unter uns Jüngeren weilten, und gewiß war er weit mehr als der „lachende Philosoph“, als den ihn unsere weitere Oeffentlichkeit seit langem mit seinen satirisch-jüdischen Romanen und Weltkriegserinnerungen aus der Zeit vor seiner Alijah, und mit vielen seither entstandenen und über die hebräischen Bühnen gegangenen Schöpfungen voll charmanten Tiefsinns kannte und schätzte — er war ein Weiser schlechthin, als Mensch, Jude und Zionist, jemand, wie er unter vielen Tausenden wohl nur einmal zu finden ist. In Hannover amtierte, als die Familie Grcnemann kurz nach der Geburt des Sohnes aus dem westpreußischen Strassburg dorthin zog, sein Vater als Landesrabbiner. Daß der konservative Gronemann gegen Ende des Jahrhunderts als einziger jüdischer Seelsorger gegen berüchtigte antizionistische Protest-Resolutionen seiner Amtskollegen in Deutschland stimmte, bezeichnete den Geist, in dem der Sohn aufwuchs. Er sollte — und woll¬ Es spricht ganz Wien davon: endlich wieder TÄGLICH KONZERT in J^Cäbners Cafe-^lestaurant KURSALON Es spielt EDI CZOKA nachmittags und abends bei freiem Entree — Normale Preise 1 te ursprünglich — den väterlichen Beruf ergreifen, wie aus seinen Erinnerungen hervorgebt; er wurde Anwalt, machte sich besonders als juristischer und künstlerischer Berater von Bühnenautoren und anderen geistigen Arbeitern des damaligen Deutschland einen Namen, und trat im ersten Jahrzehnt dieses Jahrunderts immer entschiedener, erfolgreicher und ruhmvoller in die vorderste Front des zionistischen Kampfes. Daß er daneben Zeit fand, beispielsweise der „Wilinaer Jüdischen Theatertruppe“ den Weg auf die westlichen Bühnen zu ebnen, bezeichnete schon damals jene Seite seines Wesens, die hier im Lande während der Jahre eines von nie verminderter seelischer Frische und geistiger Stärke getragenen Lebensabends zu Werken wie „Schiomo Ha me lech we Schalma ha’Sandelar“, dem „Prozeß um des Esels Schatten“ und zuguterletzt noch zu seiner entzückenden Bühnenparaphrase auf die Königin von Saba (Theatron Kameri) geführt hat. Es war die gradlinige Fortsetzung, nein, die Vollendung seiner drei, fast klassisch gewordenen Prosaschriften „Tohowabohu“, „Hawdoloh u. Zapfenstreich“ und „Schalet,“ Beiträge zur Philosophie des „Wenn Schon“. Was dieser heiteren Beschwingtheit letzthin zugrunde lag, war die unverbindliche Charakterstärke des Mannes, eine Frucht auch seines Feinge- B. Teil et WIEN I, SALZTO RQAS S E 5 TELEFON \J 25-4-85 HERREN-. DAMENKLEIDER UND -MANTEL MODISCHE SPORT- UND REQENSCHUTZBEKLEIDUNQS- FABRIK fiihls für das menschlich u. moralisch, jüdisch und zionistisch Zulässige, die gleiche verantwortungsbewußte Gesinnung, die ihn u. a. für viele Jahre an die Spitze des Zionistischen Kongreßgerichtes gebracht hatte. Dort wirkte er unbestechlich und autoritativ, bis er seinem Gewissen (und, heute sei es gesagt, auch seinem keineswegs glänzenden Einkommenstand) zu Beginn des Jahres 1947 das Opfer brachte, auf dieses Amt zu verzichten, als parteipolitische Einflüsse ihn nach seiner Meinung in Objektivität der Kongreß-Rechtssprechung zu behindern drohten. Seime Lebensgefährtin war ihm durch einen tragischen Unglücksfall schon vor etwa 17 Jahren in Tel-Aviv entrissen worden. Das allgemeine Mitgefühl wendet sich seiner Schwester, Frau Elfriede Bergel-Grcnemann, zu. Er aber wird uns als Verkörperung bester menschlicher und zionistischer Tradition auf immer unvergessen bleiben. Populär und beliebt, war I. L. Perez, der große jüdische Dichter, Erzähler, Dramaturg, der Kulturträger, Visionär und Schöpfer neuer Werte, überall wo das jüdische Wort gehört und geschätzt wurde. Perez war für die jüdische Jugend jener Epoche eine fast legendäre Gestalt. Wir alle waren seine Jünger. Vorher standen wir unter dem Einfluß der Literatur und Philosophie dcrHaskala- Periode, mit ihren negativen Folgen und fanden keinen festen Boden. Da kam Perez und erfüllte mit seiner neuen Deutung von Chassidismus und jüdischem Volkstum unsere Seelen. Die moralischen Qualitäten in „Boncie Schweig“, schenkten uns neuen Lebensinhalt, Trost und Hoffnung zur nationalen Erneuerung. Schon in seiner ersten Ballade „Munisch“ und später in seinen chassidischen und volkstümlichen Erzählungen, war Perez für uns der Entdecker der jüdischen Volksseele und wurde dadurch Träger, Symbol der jüdischen Renaissance. Für uns alle, die das Glück hatten, diese geistige Revolution Aus dem Glauben einen Heg finden Von Rudolf Küstermeier In dem Augenblick, da zum ersten Male W ie de r gut ma chun gsverh ain d 1 ung n zwischen offiziellen Delegationen i’cr deutschen Bundesrepublik, Israels und der jüdischen Weltorganisationen stattfinden, w:rd man sieh auf allen Seiten noch einmal klar machen müssen, daß wir vor einer auch heute im Grunde unlösbaren Aufgabe stehen. Wieder gut zu machen, was geschehen ist, ist unmöglich. Die Toten sind tot. Viele Wunden, viele Narben werden bleiben. Bleiben werden die Tränen um die Verlorenen. Bleiben wird das Entsetzen, daß möglich war, was Herzen und Hirnen noch immer als uinfaßlich erscheint. Und doch läßt sich — zum Glück für uns alle — wenigstens einiges wieder gut machen. Unter den Opfern gibt es Kranke und Alte, die leiden, die oft nicht das Nötigste zu:m Leben haben. Es gibt materielle Schäden, die ersetzt werden können. Der Staat Israel und die jüdischen Hilfsorganisationen haben für die jüdischen Flüchtlinge finanzielle Aufwendungen gemacht, die erstattet werden können. Die Bundesregierung kann jetzt einen ernsten entscheidendem Schritt tun, das Versprechen, das sie im vergangenen September gegeben hat, einzulösen. Das wird nicht leicht sein. Zu große Aufgaben sind in Deutschland selbst zu lösen. Technische Hindernisse der verschiedensten Art werden auf tauchen. Viel guter Wille wird nötig sein, um aller Schwierigkeiten Herr zu werden. Keine dieser Schwierigkeiten aber ist so groß, daß sie ernstlich ins Gewicht fallen dürfte. Es muß eine Lösung gefunden werden. Ein weithin sichtbares Zeichen ist nötig, damit nicht nur das Judentum, sondern damit alle Welt versteht, daß das deutsche Volk auf einem neuen Wege ist, daß ein neuer Geist wachsen will, und daß er beginnt, sich in Taten zu bewähren. Alle Gutwilligen müssen hoffen, daß eine Regelung zustande kommt, die nicht nur eine materielle Regelung ist. Die tiefsten Wunden sind die, die den Herzen der Menschen geschlagen wurden. Die gemarterten Herzen brauchen Trost. Ihnen diesen Trost zu geben, darauf kommt es an. Und werden wir, indem wir den Opfern helfen, nicht auch uns selber helfen 7 Zu neuer innerer Freiheit, zu neuem Glauben an uns selbst, zu neuem Glauben an den Menschen? Nur aus solchem Glauben wird der Weg zu finden sein zu einer neuen Ordnung der Welt. NEUZEITLICHE BELEUCHTUNGS¬ KÖRPER IN REICHSTER AUSWAHL METALLWARENFABRIK OSWALD MENSE WIEN VIII, ZELTGASSE 12 TELEPHON A 23-5-14 SERIE jener Epoche zu erleben, war Perez Vorbild, Meister und Bcjaher des nationalen Leins. Perez war Schöpfer und Träger der modernen jüdischen Literatur. Der dichterische Nachwuchs wie vSchalom Asch, Abraham Reisen, Nomherg, N. Leib Holpern, Lcwi.k, Nadir, Sch. J. Tmber und die jüngsten Wilnncr, alle standen sie und stehen noch heute unter seinem geistigen Einfluß. Daß die jüdische Jugend und Intelligenz heimgefunden hatte, ist Percz zu danken. Er brachte den Segen, der zur Umwertung aller Werte von NirwamnsFmmung und völliger Assimilationstendcnz zurück zum nationalen Inhalt, zur Heimat, führte. In seinen Dramen „Die goldene Kette“, „Bei Nacht auf dem alten Markt“, etc., erwachte die jüdische Legende. Das waren Symphonien, die Hoffnung in die trostlose jüdische Gasse brachten. Wie mit einer Fackel hat er diese Welt zu neuem schöpferischen produktiven Leben erweckt. Wir, die wir das Glück hatten, oft in seiner Nähe zu weilen, ihn in seiner kulturellen Mission mit unseren bescheidenen Kräften zu unterstützen, sind darauf stolz, daß es uns gegönnt war, Perez auf seiner Reise zur historisch gewordenen jüdischen Sprachkonfe:enz, die im Jahre 1908 in Czernowitz stattfand, zu begleiten. Diese Zeit bleibt unvergeßlich; sie gehört zu den schönsten Tagen unseres Lebens. War doch Perez ein Universalgenie, sein Stil ist klassisch, einmalig, seine Sprache die Symphonie echter jüdischer Musik, die Musik des jüdischen Niguns. In dieser, an Geist so armen Zeit, nach der entsetzlichsten Tragödie des europäischen Judentums, soll in jedem jüdischen Hause I. L. Perez gelesen, ja wie ein Gebet täglich, geübt werden. Wie die Bibel, dürfen die Werke von Perez in keinem jüdischen Hause fehlen. Nur der Geist unseres Genius Perez vermag eure Kinder und euch, die ihr das Unglück habt, noch heule in der Galuth zu vegetieren, vor dem Assimilatioinsprozeß und dem Nichts zu erretten. Das Perezjahr, das Andenken an den großen Dichter des jüdischen Volkes, soll uns allen geistige Erhebung bringen, uns den Wert unserer Vergangenheit schätzen lehren und unserer Seele Rettung vor dem Untergang bedeuten. D. Klinghoffer, Tel-Aviv ^S8 a& FriüydJu^kur /uz* dJ&yi 100 g Flasche S 16.— Wo nicht erhältlich, Versand direkt. Widhalm-Wcrk, Wien 1, Stephaiisjdatz 6 Erstklassige StoHe und Zugehör, sow beste Verarbeitur bilden die Grundlage der bewährte TELLER-KLEIDUNC ///. HtäphfräM 88- 90 U16 2 86