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Die Stimme · 1952-01-10 · Heft 57 (10.1.1952) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1952
Issue
Heft 57 (10.1.1952)
Date
1952-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 D IE ST I M ME_l\>. 57 Kulturelle Aufgaben der IKG Gesichtspunkte der Zion. Orthodoxie Pie \ öl|io gehinderten Umstände unter Foren die Wiener Israeiitische Kultusgemeinde im Jahre 1945 nach dtr traurigen Nazi-Zeit wieder konstituiert wurde, führten zwangsweise dazu, daß diese Gemeinde den Kreis der ihr ew etzlich obl'egenden Aufgaben bedeutend erweitern und ihre Tätigkeit und Initiative auf neue Gebiete aus dehnen mußte- Zu diesen neuen Aufgaben gehören außer der mannigfaltig betriebenen Fürsorge, neben einer steten und energischen Initiative, betreffend die Wiedergutmachung, die Sorge um die Nöte und Bedürfnisse ebenso der Auswie etwaigen Rückwanderung auch die Pflege jüdischer Kultur. Pie Israelitische Kultusgemeinde, als die gesetzlich verankerte Vertretung des jüdischen Volkes, hat in dieser neuen historischen Epoche die morali sehe Pflicht, auf diesen Gebieten führend zu sein und für d:ese hehre Aufgabe alle ihre Kräfte einzusetzen. Pas heterogene Judentum Wiens, teilweise tradifionsfreu, teilweise national und zum Teil assimiFcrt, machtgewiß eine einheitliche Arbeit zu einer schwierigen Aufgabe. Pie Anomalie trat bereits zutage, als d;e IKG vor längerer Zeit dem Projekt einer jüdischen Schule nähertrat und jüdische Elfern aufferderte, dazu Stellung zu rehmen und ihre Kinder dazu anzumelden, um sich auf diese V'e;se über den Umfang einer evenfuel'en Aktion einen Ueberbl ick zu schaffen. Von einigen hunderten jüdischen Kindern wurden damals nur einige angemeldet, weshalb das Proiekt fallen gelassen werden mußte. Es zeigte sich schon damals, daß, während eine Minderheit, von der bereits oben die Rede war, auf eine Initiative der Kultusgemeinde nicht wartete und ihren Kindern gegenüber die Pflicht naEonaler Erziehung erfüllte, der Rest für eine jetzt so aktuelle Wandlung im jüdischen Geiste nicht mehr zu haben ist und auch in Zukunft für sie nicht in Frage kom mt. Die geringe Anzahl der in Wien befindHchcn jüdischen Jugend, ihre Zerstreuung auf alle Bezirke, welche d;e Errichtung eines hebräischen Schulwerkes technisch unmöglich macht, der Mangel a n geeigneten Lehrern und fast keine Aussicht auf einen Nachwuchs in d-iesem Berufe, bilden die Schwierigkeiten, denen jede Initiative in der Richtung eines elementaren jüdischen Unterrichtes für Kinder begegnet. Aussichtsreicher erscheint der Versuch einenabonal und kulturell wertvollen Bildungsaktion für Erwachsene. Auf diesem Gebiete sind in Wien heute nur dre einzelnen jüdischen Parteien tätig, insoferne sie Kurse, Abende, nationale Fe:ern usw. veranstalten und so die religiöse und die nationale Tradition aufrecht erhalten, wenn auch diese Aktionen mit bestimmten politischen Einstellungen verbunden sind und so auch einen ausgesprochenen Parteicharakter tragen. Es wäre ein glücklicher Gedanke, wenn die IKG den Gedanken der Erfassung des ganzen Wiener Judentums weiter verfolgen würde. Es müßte vor allem der Versuch gemacht werden, einen Rahmen zu schaffen, der die bisherige Vielheit und Zersplitterung auf allen Gebieten zusammenfaßt. Während jetzt die vielen einzelnen Parteien entweder ihre eigenen Lokale zur Verfügung haben oder fallweise in Extrazimmern von Kaffeehäusern etc. ihre Zusammenkünfte veranstalten, müßte es Aufgabe der TKG sein, hier auf diese Weise radikalen W andel zu schaffen, daß sie in einem der ihr gehörigen oder ihr zur Verfügung stehenden Häuser ein richtiges Befh-Am, also ein jiid:sches Volkshaus errichtet, welches allen Gemeindemitgliedern zur Verfügung stünde und in dem man alle kulturellen und Erziehungsaktionen zusamrnenfas-en und auch methodisch organisieren könnte. Eine solche ebenso energische wie großzügige Initiative wäre nicht nur Pflicht unserer einzigen gesetzlichen jüdischen Vertretung;' sie wäre nicht nur der Stellung der IKG und ihrer großen Tradition würdig, sie hätte auch alle Chancen des Gelingens. Sie fände die ungeteilte Zustimmung aller jüdischen Parte'eh. » Pie einzelnen jüdischen Parteien, welche ihre Anhänger zur Beteiligung an den bevorstehenden Kultuswahlen aufrufen, legen in ihren Wahlprogrammen dem künftigen Kultusvorstand gleichsam ihre Wunschzettel vor, deren Erfüllung sie verlangen, bezw.. wenn ihre Kandidaten in die IKG einziehen, zu erfüllen versprechen. Alle vernünftig Denkenden in jeder dieser einzelnen kleineren oder größeren Gruppen sehen es ein, daß hier, auf Galuthboden, dies alles, was sie trennt, geringfügig und minder wichtig mit dem verglichen erscheint, was sie verbindet. Daß eine neue, historisch ungeheure Epoche, Einheit und Zusammenschluß aller erfordert und daß nur eine solche Einheit jenem Ziele dient, das sie alle verbindet und das Israel heißt. Die Garantie hiefür sind die Kandidaten der „Jüdischen Konföderation“, Liste der Zionisten und traditionstreuen Juden, Listenführer : Dr. Wolf Herzberg, Präsident der Is'r. Kultus* gemeinde Wien. Einreisebestimmungen nach Israel Die Jewish Agency for Palestine, Wien, ersucht uns um Aufnahme folgender Verlautbarungen : 1. Die reuen Zollbestimtnungen für den Versand von Lebensmittelpaketen nach Israel : 150 Pruttot pro Kilogramm (für Tee oder Kaffee 1 IL pro Kilogramm). 2. Einwanderungsbestimmungen, die mit 1. I. 1952 in Kraft treten : a) 80" o aller Olim werden aus Kandidaten der Jugend-Alijah, Chaluzim und Fachleuten im Alter bis 35 Jahren und deren Angehörigen ausgewählt, sowie aus Familien, deren Oberhaupt das 35. Lebensjahr nicht überschritten hat. b) Die ausgewählten Kandidaten müssen sieh schriftlich verpflichten, in den ersten 2 Jahriem in der Landwirtschaft zu arbeiten. Von dieser Bestimmung sind Fachleute und Olim, die sich aus eigenen Mitteln Wohnung beschaffen, ausgeschlossen. c) Die Bestätigung zur Alijah erfolgt nach ärztlicher Untersuchung. d) Nicht mehr als 20°ö der Olim dürfen über 35 Jahre alt sein, wenn das Familienoberhaupt arbeitsfähig ist oder wenn d;e Familie durch Angehörige im Lande angefordert wurde. 3. Anmeldungen zur Teilnahme an einem Infensiv-Ku.rs in Ivrit (Ulpan) in Tsrael können bereits in Wien erlolgen. Diese Intensiv-Ivrittkurse dauern 6 Monate und sind dazu bestimmt, den neuen Einwanderern mit freien Berufen durch Erlernung der hebräischen Sprache leichter die Ausübung ihres Berufes zu ermöglichen. Zweifellos gehört es zu den primärsten Aufgaben einer Kultusgemeinde fiir die Errichtung sowie Instandhaltung sämtlicher erforderlichen religiösien Einrichtungen Sorge zu trugen, um das klaglose Funktionieren eines blühenden religiösen Lehens zu sichern. In diesem Sinne wäre daher zu erwarten, daß seitens der Kultusgemeinde Bethäuser in genügender Anzahl und entsprechender Ausstattung errichtet, ein rituelles Tauchbad — Mikwe das sowohl den traditionellen Vorschriften, wie auch den modernen hygienischen Anforderungen Rechnung tragen soll, der jüdischen Oeffcntlichkeit zur Verfügung gestellt wird. Ferner müßte auch die Versorgung mit Koscher-Fleisch und anderen koscheren Lebensmitteln tadellos funktionieren. Oeffentlich subventionierte streng koschere Volksküchen sollten den unbemittelten religiösen Juden und gewiß auch den jüdischen Studenten ein Verharren bei ihren religiösen Anschauungen ermöglichen und nicht, wie dies heutzutage häufig der Fall ist, wo wirtschaftliche Momente den traditionsfreuen Juden auf eine äußerste Probe stellen, eine harte Probe, die nur wenige erfolgreich bestehen können. Nicht minder wichtig ist die Installierung eines internen jüdischen Gerichtshofs, eines allgemein anerkannten Beth-Dins, dessen Autorität sich auf sämtliche Gemeindemitglieder erstreckt und das vollste Vertrauen aller Glaubensgenossen genießt, wie es vorher in den jüdischen Gemeinden Usus war. Auch würde es uns nicht % utopisch anmuten, wenn sich die verantwortlichen Vertreter der Gemeinde, die Kultusräte, für das Hüten ues Schabbaths tatkräftig einsetzen würden. Wir halten es nicht für ausgeschlossen, daß eine geschlossene und einheitlich durchgeführte Aktion der Kultusvertreter bei so manchem Unternehmer, ein Bewahren der Samstagruhe für die jüdischen Angestellten erwirken könnte. Ja, wir wagen noch einen weif ereil Schritt und behaupten, daß gewisse Kultusvorsteher, die im engsten Kontakt mit den großen politischen Parteien des Landes sind, auch einmal diese Parteien das Fahrzeug der Kultusgemeinde statt wie gewöhnlich umgekehrt, besteigen könnten, um vor allem in den Gewerkschaften wenigstens den Versuch zu unternehmen die Sabbathruhe für religiöse Juden durchzusetzen. Von den übrigen Gebieten, auf die sich normalerweise das religiöse Leben erstreckt, sei hier noch kurz das jüdische Schulwesen erwähnt. In diesem Punkte Ist die Ignoranz unserer Gemeindeväter am deutlichsten erkennbar. Was sich unter normalen Umständen jedes kleinste Dorf, in dem ein paar Juden wohnten, leisten konnte, nämlich den jüdischen Melammcd, der den Kindern das Äleph-Beth beibrachte, scheint die Kultusgemeinde offizielll nicht zu interessieren. Zwar gibt es in Wien eine Hebräische Schule, aber es muß. objektiv festgestellt werden, daß diese nicht infolge der Wachsamkeit der Kulfusgemeiinde existiert. Außerdem gibt es noch in Wien einige I almude Thora, Jeschiwa Ketanah uind andere Thorainstitutionen, in denen Thora gelernt wird und die heramvaebsende Generation im .Sinne und Geiste der Thora erzogen wird, aber wieder muß objektiv bemerkt werden, daß diese Lehranstalten, wie auch andeie religiöse Einrichtungen, auf Initiative einzelner Vereine und Gruppen entstanden sind und nicht bloß, daß sich seihst niemals einer Unterstützung (moralisch noch materiell) der Kultusgcmcinde erfreut hätten, sondern im Gegenteil, ihrer Gründung und Aufrcchferhalfung wurden häufig viele Schwierigkeiten in den Weg gelegr. Und somit gelangen wir zum Kern des Problems. Es kann darauf hingewiesen werden, daß i<m heutigen Wien es ein religiöses Leben gibt, dessen Träger eine bedeutende Anzahl religiöser Juden ist. Da es einer zentralen Autorität, wie es d:e Kultusgemeinde sein könnte, entbehrt, weist sie, leider Lücken auf. Andererseits müssen wir die Leistungen der einzelnen Vereine und Gruppe auf dem Gebiete des religiösen Lehens anerkennen. Es wn*d nicht schwer sein, die Ursachen, welche zur Passivität der Kulfusräfe in puncto religiöses Leben geführt haben zu erforschen. Bis auf einige Ausnahmen handelt es sich durchwegs um Penscnen. die weder selbst religiös sind, noch das minimalste Verständnis für religiöse Bedürfnisse besitzen. Kann man von solchen Leuten verlangen. daß sie die Grundlagen für ein ri'l’giöses Leben bieten? Aber man kann von ihnen verlangen und fordern, daß sie — da sie die elementarsten Pflichten einer Kultusgemeinde nicht zu wahren imstande sind — ihren Platz in der Gemeindestu.be räumen und solchen Leuten überlassen, die dazu befugt und berufen sind. Bei aller Schuld. d*e wir der Kultusgeireinde auflasten, dürfen wir nicht uns, der Orthodoxie selber, einen Vorwurf ersparen. Die bedauernswerten Zustände in der Gemeinde datieren nicht von heute oder gestern, wir bahn n sie schon seit längerer Zeit wahrgenommen und mißbilligt. Aber welche praktische Konsequenzen haben wir aus dieser Erkenntnis gezogen? Hat es in all d'esen Monaten und Tahren eine einzige Protestversammlung der religiösen Judenschaft gegen die Zustände in der Kultusgemeinde gegeben? Haben wir uns zum Zwecke einer gemeinsamen Aktion organisiert, um unserer Unzufriedenheit den nötigen Nachdruck zu verleihen? Wir müssen bekennen, daß auch wir so manches unterlassen haben. Noch ist es nicht zu spät und gerade letzt bietet sich uns eine nicht wiederkehrende Gelegenheit, etwas für das religiöse Judentum zu leisten. „Jetzt oder, chalila, nie“ soll unsere Parole bei den bevorstehenden Kultusgemeindewahlen beißen. Statt der unfruchtbaren Kritik, soll jetzt konstruktive Aufbauarbeit geleistet werden. Denn eir.es dürfen wir nicht vergessen : Im gegenwärtigen Zustand läßt sich noch so manches, was uns heute nicht gefällt, korrigieren. Sollten wir aber, verharren, so besteht die Gefahr, daß chas wechalifa, im unserer Passivität die Kultusgemeinde in einer neuen Amts Periode sämtliche 49 Stufen der Tumah sinken wird und aus .dieser Tiefe niemals emporsteigen kann. Dies möge sich jeder religiöse Jude am Wahltag vor Augen halten und entsprechend handeln. Det elegante StUuU Bürgt für qualiiä! TAFFET TÜLL MOIRE VELOURCHIFFON DULDNER & DEUTSCH Wien VII, Neubaugasse 10

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