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Die Stimme · 1951-11-08 · Heft 55 (8.11.1951) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1951
Issue
Heft 55 (8.11.1951)
Date
1951-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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.Seite 6 Nr. 55 DIE STIMME Jakob Tannenbaum: DIE PHARISÄER Es sei gleich am Anfang vorausgeschickt, daß folgende Zeilen keine Replik auf den Artikel im „Kleinen Volksblatt“ vom 22. August, gleichen Titels sein wollen. Sätze "ie: „Oie Pharisäer zählten schon zur Zeit Christi zu der widerlichsten „Kaste“ und „Klasse“ der Juden . . . Pollak könnte auch „bluthaft“ von dieser Kaste absfammen ... es ihnen nicht gelingen wird, gleich ihren berüchtigten Ahnherren der Pharisäer, geduldige Zöllner zu finden . . .“, zeugen von einer solchen rassenantisemitischen Gesinnung, wie src von den schlimmsten, patentierten Nazis nicht ärger gedacht werden könnte. Eine solche gehässige Sprache waren wir in der Nazizeit von Streicher im „Stürmer“ gewohnt. Im Munde eines religiösen „Christen“ und in einer katholischen Zeftung klingt sie paradox. Ja, vom christlichen Standpunkte müßte jeder Antisemitismus als ärgste Blasphemie bezeichnet werden. War doch der Stifter der christlichen Religion und die Apostel rein semitischer Abstammung! In der Zeit Christi gehörte die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes zur pharisäischen Partei. „Pharisäer“ mit Heuchler zu identifizieren ist nicht nur „eine geschichtliche Unwahrheit“, w;e das gleiche Urteil mehrerer christlicher Historiker lautet, sondern auch eine tendenziöse Feindseligkeit gegen das jüdische Volk. Diese Identifizierung und noch andere harte und abfällige Aussprüche, die in den Mund des großen Nazareners gelegt wurden, stammen gewiß nicht von ihm, da sie mit seinem Charakter nicht in Uefcereinstimmung gebracht werden können! Eine solche Beleidigung des ganzen jüdischen Volkes tut der Sache einer Annäherung und Verständigung beider Religionen bestimmt keinen guten Dienst t Aber genug davon. Hier soll von innerjüdischen Problemen die Rede sein. Das Wirken der Pharisäer reicht bis in die Gegenwart. Die Veranstaltungen, welche diese vor 2140 Jahren trafen, werden von einem großen Teil des Volkes noch heute als heilig gehalten und strenge befolgt, und in Israel sind diese Religiösen bestrebt, den Staat im Sinne der Pharisäer zu gestalten. Da diese religiösen Parteien wieder als Koalitionspartner in die neue Regierung Ben Gurions eintraten, werden sie sicherlich bemüht sein, ihren Einfluß auf die Gestaltung des Staates in dieser Richtung geltend zu machen. Es wird daher von Interesse sein, welche Vorstellungen die Pharisäer vom Staate hatten und inwiefern die Neupharisäer ihren Vorgängern folgen, beziehungsweise von ihren Gedankengängen und Methoden gewissermaßen abweichen. Als im Jahre 140 v. d. Z. die Juden unter dem Hasmonäer Simon wieder ihre Selbständigkeit erreichten., tauchte die Frage nach der Form der neu zu schaffenden Staatsverfassung auf. Es herrschten Meinungsverschiedenheiten darüber, ob die alte theokratische Regierungsform beibehalten werden soll, oder nicht. Es bildeten sich drei Parteien, die sadduzäisebe, pharisäische und assäische. Heinrich STEIN Wl«n IV, Favoritnnstrnfte 24 Talaphon: U 4» 0 64 ERZEUGNISSE' Selbstroller Rolfvorhänge Verdunkelungen Bretterjalousien Holzrollbalken Durchsichtige Schaufenaterrolloe Die .Sadduzäer, zu welchen die Beamtenschaft, die Aristokratie und die reichen Kaufleute gehörten, waren gegen die Theokratie, weil diese, ihrer Ansicht nach, nicht mehr den Bedürfnissen und Anforderungen der Zeit entsprach. Sie legten das Hauptgewicht auf die weltliche Kultur und forderten für den politischen Faktor die Hegemonie in der Regierung. Die Thora wurde von ihnen als Staatsverfassung anerkannt. Die Vorschriften und Anordnungen der Sopherim (Schriftgelehrte) aber, welche zu verschiedenen Zeiten als sogenannter „Zaun“ um die Thora (Sejaggesetze) gegeben wurden, sowie die pharisäischen Auslegungen der Schrift, wollten sie nicht annehmen. Sie waren eine fortschrittliche, nationale Partei. Den vollständigen Gegensatz zu den Sadduzäern bildeten die Assäcr. Sie unterschätzten ganz das Materielle, Körperliche und legten das Hauptgewicht auf das seelische, moralische Leben. Sic verwarfen den Staat, weii jede Politik zu Kampf und Krieg unter den Völkern führt. Sie stellten zum ersten Male in der Geschichte, die ganz neue Behauptung auf, daß der Mensch in einer Gesellschaftsordnung, in welcher Privateigentum existiert, kein streng moralisches und religiöses Leben führen kc|nne, zogen sich deshalb vom bürgerlich-gesellschaftlichen Leben, in die Oase von En Gadi, zurück, führten dort ein kollektives, einfaches, frauenloses Leben wie die Mönche, und bildeten so eine eigene Sekte. Die Assäer waren also eine Art geistige Anarchisten. Sie lehrten einen kommunistischen Anarchismus, wie wür ihn in der Neuzeit bei Tolstoi und Ghandi antreffen. Aus dieser Sekte ging dann der Stifter des Christentums hervor. Die Assäer sind eher als Orden, als eine Partei zu bezeichnen. Zwischen diesen beiden Extremen standen die Pharisäer. Auch sie gaben dem geistigen, moralischen und religiösen Leben den Vorzug über dem materiellen, körperlichen. Doch bloß das eigene Seelenheil durch Rückzug in die Einsamkeit erreichen zu wollen, hielten die Pharisäer als nicht mit dem Geiste des Judentums übereinstimmend. nach welchem die Tätigkeit am Allgemeinen eine hohe moralische Pflicht ist. .Sie traten ftfr ein politisches Volksleben ein, betrachteten aber den Staat nur als Mittel, der Religion im Leben Geltung zu verschaffen. Auch sie verdammten den Krieg, aber nur den Angriffskrieg. Dagegen hielten sie es für eine heilige Pflicht, den Staat im Falle eines Angriffes zu verteidigen, weil nur die Unabhängigkeit des Staates die religiöse Freiheit gewährleisten kann. Den Verlockungen des körperlichen Lebens aber und den Gefahren des Besitzes für die Moral, glaubten sie durch zwei Maßnahmen begegnen zu können : Erstens durch das Verbot des Handels und Einschärfung der Pflicht zur Arbeit, Einfachheit und Genügsamkeit. Zweitens durch ein System von Vorschriften, welche das ganze Lehen des Juden auf Schritt und Tritt, vom Erwachen bis zum Niederlegen regeln. Sic sollen den Menschen an geistige Selbstdisziplin gewöhnen. Andererseits waren die Pharisäer auch bestrebt, manche Erschwerungen, je nach Umständen der Zeit, zu mildern, oder ganz aufzuheben. Durch eine Methode der Ausdeutung der Schrift änderten sie sogar gewisse Thoravorschriften. Sie richteten sich nicht nach dem Wort, sondern nach dem Geist der Thora. Sie stellten einen Hauptgrundsatz bei der Herausgabe von Verordnungen auf: „Nur solche Verordnungen dürfe erlassen werden, welche die Mehrheit des Volkes einhalt e n kann!“ Um jedoch der Gefahr des Formalismus vorzubeugen, gegen welchen schon die Propheten ankämpften, da sie die Erfahrung lehrte, daß die Menschen geneigt sind, auf Konto der religiösen Formen, der Zeremonialgesefze, den Inhalt, die Moralgesetze zu vernachlässigen, betonten die zwei größten Pharisäer Hillel und Akiba, daß der wesentliche Kern der Thora die Moral, die Nächstenliebe ist. Aus dem Gesagten geht also hervor, daß die Pharisäer eine bejahende Stellung zum Staate einnahinen, nur daß sie der Religion das Primat über den Staat gaben. Denselben Standpunkt vertreten auch ihre heutigen Nachfolger. Dagegen weichen sie von Jüdische Spar- und Kreditgen. m. b. H., Wien 1, Franz-Josefs- Kai 7 9, Tel. R 27 5 55 KREDITE an jüd. selbständige Kaufleute, Gewerbetreibende und an freie Berufe. ihren Vorgängern in der Nichtbeachtung des oben erwähnten Hauptgrundsatzes ab und in der Ablehnung des evolustionistischen Standpunktes in der religiösen Praxis, sowie auch darin, daß sic den Sejaggesetzen mehr Bedeutung beilegen als den moralischen, den Handel erlauben und von Arbeit, Einfachheit und Genügsamkeit weit entfernt sind. — Mit Ausnahme der religiösen Arbeiterschaft —. Diese Sejaggesetze aber werden von der Mehrheit des Volkes abgelehnt, so sie nur als „Zaun“ um die Moral dienen sollten, sich aber nicht bewährten und als lebenshemmend empfunden werden. Die Hauptsache der religiösen Gesetzgebung ist ihrer Auffassung nach die Moral. Diese Gegensätze führten bekanntlich in der Periode des ersten Knesseth zweimal zur Regierungskrise und schließlich zu Neuwahlen. /Angesichts dieser Tatsachen muß man sich fragen, was eigentlich Ben Gurion dazu bewog, mit den alten Partnern wieder in eine Koalition einzugehen. Es scheint, daß Ben Gurion auf den Sozialismus, in welchem er den wesentlichen Kern der religiösen Gesetzgebung sieht und darin auch eine gemeinsame Plattform mit der religiösen Arbeiterschaft findet, mehr Gewicht legt, als auf die Kultur und Erziehung des Volkes, in welchen Fragen er in den fortschrittlichen Bürgerlichen einen besseren Koalitionspartner fände. Ben Gurion scheint geneigter zu sein, den Religiösen Konzessionen zu machen, wenn sie nur seiner Hauptforderung nach einer Wirtschaftskontrolle zustimmen, als den Allgemeinen Zionisten, welche diese nicht billigen können, wenn sie nicht ihrem Programm der verstärkten Heranziehung des Privatkapitals zum Zwecke des Aufbaus des Landes untreu werden wollen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese zweite Ehe mit dem alten Partner von Dauer sein wird. Bekämpfer des National-* Sozialismus gestorben Im Alter von 75 Jahren starb in Baden-Baden der Staatssekretär im Preußischen Innenministerium von 1933, Wilhelm Abegg. Er war ein Verfechter des entschlossenen Widerstandes gegen das Entstehen des Dritten Reiches. Als der ehemalige Reichskanzler Papen nach seinem Amtsantritt im Juli 1932 mit Hilfe der Reichswehr die sozialdemokratische Regierung Preußens ihres Amtes enthob und aus den Ministerien entfernte, war Abegg dafür, der Gewalt Papens ebenfalls mit Gewalt zu begegnen. Noch am 30. Januar 1933 warnte Abegg öffentlich vor dem Nationalsozialismus. Nach dem Reichstagsbrand im Februar mußte er in die Schweiz emigrieren, von wo aus er die Widerstandsbewegungen unterstützte. Wir neigen uns vor dem Verblichenen.; Grundlagen des Zionismus ln seiner Ansprache vor der Exekutive des jüdischen Weltkongres»cs in Genf erklärte Dr. Nahum Goldmann, der Präsident des Kongresses, der 23. Zicnistenkongreß habe keinen Zweifel darüber gelassen, daß neben der Stärkung des Staates Israel und der Masseneinwanderung eine Reihe anderer wichtiger Probleme des jüdischen Lebens in der Diaspora existierten, die von höchstem Interesse für die zionistische Bewegung seien. Die Ideenerhaltung und eile Verwirklichung der Einheit des jüdischen Volkes sei vom Kongreß als eine der drei Grundlagen des Zionismus erkannt worden. Als eine weitere Aufgabe der Bewegung sei die Teilnahme des Zionismus bei der Demokratisierung des jüdischen Lebens und der Verteidigung der jüdischen Rechte bezeichnet worden. Damit sei die Stellung der zionistischen Bewegung, die mit dem Jüdischen Weltkongreß in Idee und Programm übereinstimmc, klargelegf : Helfer zu sein bei der Organisierung des jüdischen Volkes auf demokratischer Grundlage zur Verteidigung jüdischer Rechte und Vertreter der allgemeinen jüdischen Probleme — ohne jedoch in die internen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden einzugreifen. Die Weltlage, gekennzeichnet von der Ost-West-Spaltung, die sich in gesteigerter Spannung und dem Wiedererwachen von neofaschistischen und nazistischen Bewegungen äußere, bedeute eine Gefahr für die Juden in vielen Teilen der Welt und erhöhe die Bedeutung des Jüdischen Weltkongresses. Zum Schluß gab Dr. Nahum Goldmann der Hoffnung Ausdruck, daß die Tagung der Exekutive die bessere Zusammenarbeit innerhalb des jüdischen Volkes fördern, seine Einheit sichern, die Verteidigung der jüdischen Rechte wahren helfen und die Arbeit des Jüdischen Weltkongresses noch wirksamer gestalten würde. (WJC.) Österreichische Anleihe für die Sodinuth Die Socbnuth hat von einer Reihe Österreichischer Banken auf Veranlassung der Oesterreichiscben Nationalbank einen Kredit in Höhe von 2.4 Millionen Dollar zum Ankauf dringend benötigter Materialien erhalten. Die Anleihe hat eine Laufzeit von drei Jahren und ist in halbjährlichen Zwischenräumen zurückzuzahlen. Sofort nach jeder Raten-Rückzahlung können neue Anleihen gewährt werden („Revolving Credit“). Wie verlautet, bestehen gute Aussichten, im nächsten Januar eine neue Anleihe in Höhe desselben Betrages wie oben genannt, aus Oesterreich zu erhalten. Mit dem Geld sollen zunächst einmal 5000 Holzbaracken, die als Winterquartier in den Maabaroth dienen, gekauft werden, sowie Material zur Verstärkung der Dächer der in den Maabaroth errichteten Zeltbahnhütter (Bad onim). Die erste Sendung von Holzbaracken ist bereits eingetroffen. JOS. REINL Wien I, Herrengasse 17, Tel. U 27 215 Bahn — Auto — Flugzeug — Schiff Inland — Ausland — Übersee Spezialverkehr nach Israel Auskünfte, Fracht, Transportberatung Erstklassige Vertretungen an allen größeren PIStzen

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