Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1951-11-08 · Heft 55 (8.11.1951) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1951
Issue
Heft 55 (8.11.1951)
Date
1951-11-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2431292-2431370-2431379--0369-2431982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 55 DIE STIMME Fortsetzung von Seite I Das Recht auf demokratische Freiheiten, um sie in Unredlichkeit zu verwandeln und an Stelle von Demokratie Gewalt zu setzen. Sie verdunkeln wissentlich die traurige Tatsache, daß der Jude im Nazireich nichts besitzen durfte und genötigt war, Mab und Gut dem Ariseur 7.u überantworten. Aus den Akten des Straflandesgerichtes in \\ ien ist zu ersehen, daß viele Juden, die Immobilien besaßen, nur deshalb eingekerkert wurden, weil sie sich geweigert haben, ihren Realbesitz dem erpresserischen Ariscur zu überlassen. Bedroht an Leib und Leben, stand der von der Gestapo angewiesene Jude das Reichsgebiet innerhalb von drei ragen zu verlassen, da. Fs galt nun Mittel aufzutreiben, um Bahn- und Schiffskarte bezahlen zu können, vielfach auch, um Nazi zu bestechen, zu dem Zweck, einige Tage Atempause zu erlangen. Schakale von Ariseuren nützten die bittere Not des Gehetzten aus, machten sich an den Unglücklichen heran und boten ihm Hilfe in der Weise an, daß sie ihm das Reisegeld einhändigten und versprachen, den wahren Kaufschilling mit der Vermögensverkehrsstelle zu verrechnen. W ie immer d;esc Verrechnung ausffel, verlor der Jude sein Geld, seine Existenz und seine Hoffnung wirtschaftlich bestehen zu können. Gelang es ihm, ins Ausland zu entkommen, mußte der Jude dort neu beginnen und wenn er nicht jung genug war, ginfg er in der Regel zugrunde. W ieviele aber, von den Ariseuren ausgeplünderte Juden, sind im K|Z umgelegt worden? Darauf geben die Ariseure in der Zeitung „Die neue Front“ Nr. 34 vom 20. Oktober 1951 folgende Antwort : „Wir werden niemals müde werden zu mahnen : daß das den Juden durch das dritte Rückstellungsgesetz gewährte Privileg fallen muß.“ Die Polizei und Staatsanwaltschaft, die streng auf dem Boden der demokratischen Verfassung stehen, haben bis heute keine Veranlassung genommen, das Augenmerk solchen Druckschriften zuzuwenden und die Tätigkeit jener Parteien zu beobachten, die in versteckter Form den Nazismus glorifizieren, den Antisemitismus neu anfachen und die demokratischen Einrichtungen schändlich mißbrauchen. Die maßgebenden Faktoren des Staates haben bis zur Stunde keinerlei Maßnahmen ergriffen, um dem österreichischen Volke endlich beizubringen, daß nazistische Gedankengänge und antisemitische Exzesse verhängnisvoll wirken, den Volkscharakter verderben und nationales Unglück stiften. Geben wir uns keiner Täuschung hin und nennen wir das Kind beim rechten Namen : Ein Teil des österreichischen Volkes ist vom Nazismus noch nicht losgekommen und in seinem Verhalten findet der Antisemitismus Nahrung. Werden die österreichischen Behörden diesen Erscheinungen nicht bald entgegentreten, ist eine moralische Gesundung Oesterreichs unwahrscheinlich und ein wirt- STOFFE KLEIDER FÜR DAMEN HERREN UND KINDER (jüi und pceiswexl mn ttaufUauf Beüdec Wl«n VII, MarlahllUrstraB« BO Talaphon: ■ 36 0 63, B 36 2 37 Die Erklärung Adenauers Die Bundesregierung erklärt, mit Vertretern des Staates Israel und des Judentums eim' Lösung herbeizuführen. Zuerst sollen die Wiedergutmacl ui n g s p roh 1 e h ie behandelt werden, um so den Weg zur seelischen Bereinigung zu erleichtern. Adenauer kündigte ferner an. daß die Kreise, die noch immer eüie antisemitische Hetze betreiben, durch unnachsichtliche Strafverfahren bekämpft werden sollen. Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des großen unermeßlichen Leides bewußt, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und den besetzten Gebieten gebracht wurde. Das deutsche Volk habe in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und sich an ihnen nicht beteiligt. Ln deutschen Volk habe es viele gegeben, die mit eigener Gefährdung aus religiösen Gründen, aus Gewissensnot und aus Scham ihren Jüdischen Mitbürgern Hilfsbereitschaft gezeigt haben. Im Namen des deutschen Volkes seien aber unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten, sowohl hinsichtlich der individuellen Schäden als auch des jüdischen Eigentums, für das heute keine Berechtigten mehr verbanden sind. Ein Teil des identifizierbaren Vcrmöschaftlicher ■ Aufschwung in hohem Maße gefährdet. Oesterreich ist unausgesetzt bemüht, die Besatzungsmächte zum Verlassen des Landes zu bewegen, damit es in Freiheit das eigene Leben meistern könne. Diese Freiheit wird Oesterreich erlangen können, wenn es sich zur Selbsterkenntnis aufrafft, daß es den Opfern des Nazismus eine moralische und materielle Wiedergutmachung noch schuldet und diese Schuld ungesäumt zu tilgen gewillt ist. Die Bonner Bundesregierung hat nach zauderndem Abwarten den Bann gebrochen und durch ihren Bundeskanzler Dr. Adenauer feierlich folgende Erklärung abgegeben : „Im Namen des deutschen Volkes sind unsagbare Verbrechen begangen v/orden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten.“ Deutschland bekennt sich reuevoll zur Schuld gegenüber den Juden, die ein Martyrium durchgemacht haben, das keines Menschen Gehirn zu erfassen vermag. Auf dem jetzigen Territorium Oesterreichs haben die Nazi die gleichen Verbrechen begangen, wie in Deutschland und dies verpflichtet das österreichische Volk zur Wiedergutmachung wie zur Reue. In der deutschen Ocffcntlichkeif fand die Erklärung Adenauers positives Echo und der überwiegend große Teil der deutschen Presse begrüßt den Schritt der Bonner Regierung und empfiehlt ihn der wärmsten Unterstützung. Das „Hamburger Echo“ begrüßt die Erklärung Adenauers und führt weiter aus : „Für unser zukünftiges Verhältnis zum Judentum wird jedoch die sittliche Wiedergutmachung gens ist bereits zurückersfaffcf. Dr. Adenauer appellierte an die Kirchen und Schulen, alles zu tun, um den (feist der Humanität und der religiösen Toleranz im deutschen Volk in Die deutschen Erklärungen kamen zu einem Zeitpunkte, da die großen jüdischen Organisationen ihre Tagungen geschlossen haben. Fs wird deshalb'einige Zeit vergehen, bis ihre Stellungnahme vorliegt. Nur von der Regierung Israels liegt eine einstweilige Antwort vor. Sie ist im Ione sehr zurückhaltend, weil es sich vorerst nur um Erklärungen und keine 'laten handelt. Die Stellungnahme Israels hat folgenden Wortlaut : „Die sechs Millionen von der Hand der Deutschen unter dem Hitler-Regime an luden begangenen Morde, die von Plünderungen und Raub größten Maßstabes begleitet waren, haben in der Geschichte der Zivilisation keinen Vorläufer. Sie können von den Annalen der Menschheit nicht durch eine Deklaration, sei sie auch noch so aufrichtig und reuevoll gemeint, ausgelöscht werden. Ein Drittel des ganzen jüdischen Volkes ist vernichtet worden. Unermeßliche Leiden wurden Millionen unschuldigen Menschen aufeine noch größere RollIc spielen. Tn mancherlei Beziehung schaut die W'elt auf uns; aber nicht nach unseren Worten, sondern nach unseren Taten wird sie uns beurteilen. Unser neues, auf Gerechtigkeit beruhendes Verhältnis zum Judentum wird somit zu einem Prüfstein werden, an dem sieh Letztes und Entscheidendes über die innere Wandlung des deutschen Volkes messen läßt.“ Der frühere Präsident des Deutschen Reichstages gab im Namen der SPD Deutschlands eine Erklärung ab, die in folgenden Worten ausklang : „Wir Sozialisten werden den Schritt der Bundesregierung von Fierzen unterstützen und hätten es begrüßt,, wenn er schon längst und mit noch größerer Entschiedenheit getan worden wäre. Jeder rechtlich denkende Mensch schämt sich der Schandtaten der Nazi — wir können uns den Beitrag der Juden aus unserer gemeinsamen Geschichte nicht fortdenken.“ Oesterreich ist nun an der Reihe, der Herrschaft eines neuen humanen Geistes den Weg zu bereiten und durch Taten zu beweisen, daß die redliche Wiedergutmachung das Maß für die Hochhaltung der Rechtsbegriffe ist. Wir Juden Oesterreichs erwarten,, daß unsere Regierung dem Beispiel folge und Taten setze, die beweisen, daß das österreichische Volk mit der nazistischen Vergangenheit gebrochen hat und bereit sei, das ungeheure Unrecht, das uns Juden geschehen, so weit dies überhaupt möglich ist wieder g u tz um a eben. Die Regierung, das Parlament Oesterreichs, haben das Wort. die Wirklichkeit umzusefzen. Seine Erklärung wurde mit Ausnahme einiger ganz rechtsstehender Abgeordneter mit hinge anhaltendem Beifall aufgenommen. erlegt. Vrcle der besten und ältesten jüdischen G c m e i n s cli a ft c n Europas wurden nusgelöscht. Während Generationen wird die zivilisierte Welt entsetzt sein über die absichtliche Vernichtung eines Volkes durch ein anderes. Die Erklärung des Kanzlers der Deutschen Bundesrepublik über das Problem der Beziehungen zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk muß von diesem Hintergrund aus betrachtet werden. Sie scheint einen Versuch der Regierung der Deutschen Bundesrepublik darzustellen, zu dieser ernsten Frage endlich Stellung zu nehmen und zu irgendwelchen Maßnahmen moralischer und materieller Wiedergutmachung am jüdischen Volk zu schreiten. Es muß besonders bemerkt werden, daß die Erklärung von einer direkten Aufforderung an das deutsche Volk, sich von dem fluchwürdigen Erbe des Antisemitismus und der Rassendiskriminierung zu trennen, begleitet ist. Die Erklärungen und Handlungen nconationalsozialistischer Gruppen in Deutschland in jüngster Zeit haben die Juden auf der ganzen Welt ernstlich beunruhigt. Es erscheint deshalb bedeutungsvoll, daß die deutsche Bundesregierung jetzt vorschlägt., legale Maßnahmen gegen solche Gruppen zu ergreifen und mit erzieherischer Unterweisung aller Schichten des deutschen Volkes zu beginnen, um diese gefährlichen Bestrebungen und Absichten auszurotten. Es scheint, daß die deutsche Bundesregierung ohne jede Einschränkung die im Namen des deutschen Volkes begangenen unaussprechlichen Verbrechen und die damit verbundene Verpflichtung für moralische und materielle Wiedergutmachung auf individueller und kollektiver Basis zugibt. Keine ähnliche Erklärung ist von seiten der ostdeutschen Regierung erfolgt, welcher jedoch die gleiche Verpflichtung obliegt. Die deutschen Behörden in Bund und In den Ländern können viel tuni, um den Prozeß der Zurückerstattung des Eigentums und der individuellen Wiedergutmachung und Entschädigung zu beschleunigen. Es liegt an ihr, denjenigen, die für die Ausführung dieser Maßnahme die Verantwortung tragen, die moralische Verpflichtung für eine rasche und umfassende Wiedergutmachung gegenüber den Juden Europas klarzu machen.“ IMPORT/EXPORT/GROSSHANDEL TELEGRAMMADRESSE: ALTMATEX, WIEN n 71LTMANN & COMP. GEGRÜNDET 1 909 WIEN 1, SALZGRIES'16 TELEPHON U 26-2-8 7, U 28-0-26 T DAS FÜHRENDE WIENER GROSSHANDELSHAUS IN TEXTIL-, STRICK-, WEB- UND KURZWAREN, GALANTERIE- UND SPIELWAREN Bernhard Braver „ELSE" PARFÜMERIE WIEN I, STEINDELGASSE 1 (beim Tudilauben-Kino) TELEFON U 21 3 64 DIE JÜDISCHE PARFÜMERIE SÄMTLICHE SPEZIALITÄTEN AUS U. S. A, FRANKREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND Wir schicken offiziell Pakete mit Parfümerien und Seifen nach Israeli Die Stellungnahme Israels 01020148010000

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.