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Die Stimme · 1951-11-08 · Heft 55 (8.11.1951) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1951
Issue
Heft 55 (8.11.1951)
Date
1951-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis 2 Schilling V. b. b- |||IIINIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIlNNIIIIININ|Mtf# timme 5 Redaktion und Administration: * | WienIX, Universitätsstr. Nr. 4/4 S 5 Telefon A 26 4 73 s e/lllgemein zionistischeJVochenschvift Zionistischer Landesverband Wien rxnrr Postscheck-Konto Nr. 134.292 8. November 1951 Nr. 55 - 1951 Das Recht auf Wiedergutmachung Anläßlich einer Gedenkfeier, die die Wiener Kultusgemeinde im Dezember 1948 für die von den Nazis ermordeten jüdischen Märtyrer veranstaltete, sprach der österreichische Regierungschef Ing. Figl, folgende Worte : „Ich stehe hier für das österreichische Volk, das mit mir in dieser Stunde das Haupt in Trauer, aber auch in Scham bei der Erinnerung an das beugt, was sich vor 10 Jahren hier zugetragen hat. Wiederaufbau und Wiedergutmachung müssen im Geistigen ihren Anfang nehmen, um die seelische Grundlage zu schaffen, auf der wir unser neues Gemeinwesen aufbauen und es lebensfähig machen wollen. Aber hier können, ja müssen sogar auch die Opfer das ihre zum Erfolg beizutragen bereit sein. Gerade diese Stunde der Trauer und des Gedenkens scheint mir besonders geeignet zu sein, diese Forderung einmal in aller Deutlichkeilt auszusprechen. Räumen wir den Schutt der heute noch auf den Herzen manchen Opfers liegt, weg. Glauben Sie nicht, daß ich mir nicht bewußt wäre, etwas Schweres und Großes von Ihnen zu fordern •' Seitdem der Bundeskanzler diese Worte sprach, sind bereits 3 Jahre ins Land gegangen. Der geistilge wie materielle Wiederaufbau Oesterreichs hat bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Industrie und Handel konnten sich auf einer relativ breiten Basis entwickeln, auf dem Weltmarkt Fuß fassen, Waren exportieren, Rohmaterialien im Tauschwege importieren und der Regierung eien Weg für den Abschluß von günstigen Handelsverträgen ebnen. Die geistigen Werte in Oesterreich inahmen einen Aufschwung, um den uns manche andere Staaten heute beneiden könnten. Als der damalige Kultuspräsident Dr. Schapira auf den Gedankengang des Bundeskanzlers Ing. Figl zuriiekkam, versicherte er ihn der vollen Loyalität der österreichischen Juden für das österreichische Heimatland, forderte jedoch Gerechtigkeit für die jüdischen Ansprüche auf Wiedergutmachung. Vermögen wir oben festzustellen, daß der Wiederaufbau Oesterreichs beuch f ern s werte Fortschritte gemacht hat, so stützen wir uns auf Berichte offizieller Stellen, die in erster Reihe hiefiir maßgebend sind und darauf, was erfahrene Wissenschaftler und Wirtschaftslenker wahrzunehmen vermochten. Allerdings wollen wir, zur Steuer der Wahrheit, hervorheben, daß Oesterreich zur vollen Erlangung der wirtschaftlichen Gesundung, noch ein Stück Weges zurückzulegen hat. Der Krieg mit seinen Begleiterscheinungen hat Oesterreich Wunden geschlagen, deren Heilung mannigfaltiger Mittel bedarf, in erster Reihe der Erkenntnis, des österreichischen Volkes, daß es an den ruchlosen Handlungen der Nazi nicht ganz unschuldig ist. Um den Vorwurf der Gehässigkeit gegen den gesitteten Teil des österreichischen Volkes zu begegnen, wollen wir festhalten, daß es in der nazistischen „Ostmark“ Bevölkerungsschichten gab, die den Nationalsozialismus beharrlich ablehnten und ihm wenn auch nicht mit klarsichtbaren Mitteln, jede Unterstützung versagten. Aber nach Pythagoras ist die Zahl das Wesen aller Dinge und die Zahl jener Oesterreicher, die in die Reihen der Hitlerscharon strömten, ist das Wesen der Dinge. In allen Naziformationen leisteten Oesterreicher Dienst, bei allen gegen Oesterreich geführten Aktionen traten Oesterreicher hervor, in allen Konzentrations- und Todeslagern stellten Oesterreicher SS- Wache, eiine erkleckliche Zahl von Oesterreichern trug mit Stolz das Goldene Parteiabzeichen, das von Hitler gestiftete Ritterkreuz „schmückte'1 die Brust „Ostmärkischer Helden“, in der Gestapo am Morzinplatz versahen Oesterreicher Dienst und in den höchsten nazistischen Stellen waren Oesterreicher führend tätig. Darüber können wir Juden nicht hinwegkommen und wir täten unserer Moral und unserer seelischen Verfassung Gewalt an, wenn wir behaupten wollten, daß das befreite Oesterreich, an uns keine große Schuld abzutragen hätte. Es stehen uns derzeit keine statistischen Daten zur Verfügung, mit denen wir schlüssig beweisen könnten, daß seit der Wiederaufriehitung der österreichischen Republik, Juden zur Hebung der österreichischen Wirtschaft und zur Bereicherung des geistigen Lebens wesentlich beigetragen und den Wünschen unseres Bundeskanzlers beispielgebend entsprochen haben. Es wird unsere Aufgabe sein, Daten zu sammeln und der österreichischen Oeffcntlichkeit, die befangen ist und uns die verdiente Anerkennung versagt, vor Augen zu führen, daß der Jude, für Aus Anlaß c/es 10. Nouember uenanstaltet den SPORTKLUB HAKOAH, Samstag, den 10. Nouember 1951 um 19.30 Uhr im Brahmssaal des Musikuereinssaales, Wien /, Bösendorferstraße 12 eine 'Fmdickc Gedenkrede: Herr Oberrabiner Dr. Akiba Eisenberg Mitwirkende: Kammersänger Emanuel LIST, Dir. Wolfgang HEINZ, Josef FRUCHTER und der TEMPELCHOR Win bitten Sie zu dieser Veranstaltung zu erscheinen und dadurch die Verbundenheit mit den Opfern des Nazismus zu bekunden. Eintritt frei! Das Präsidium der HAKOAH den man die Gaskammer schuf, Oesterreichs Wirtschaft, österreichische Kultur wohltätig befruchtet. Wir Juden fordern die Wiedergut-! machung dessen, was uns mit Gewalt! entrissen wurde. 1 Der ehemalige Vizepräsident _ der \ Wiener Kultusgcmeincie, Dr. Rudolf Braun, der als erster auf den Plan trat, als es galt, die Gesetze für die Rückstellung jüdischen Eigentums zu schaffen, forderte in vielen mündlichen Verträgen und schriftlichen Aufsätzen die exakte, von jeder Hemmung freie und rasche Durchführung des Rückstellungsverfahrens. Dr.Braun der Rechtsanwalt ist und als solcher eine hervorragende Tätigkeit entfaltet, mußte feststellen, daß die Rechtsprechung nicht immer in Betracht zieht, daß die Rückstellungsgesetzgebung ausschließlich zur Behebung des den geschädigten Rückstellungswerbern zugefügten Unrechts geschaffen wurde, ja, daß die Rechtsprechung oft die Interessen des Äntraggegmers berücksichtigt und nicht Neigung zeigt, dem Rückstellungswerber zum Recht zu verhelfen, wodurch die Billigkeit zu Gunsten des Ariseurs ausfällt. Die Forderung der geschädigten Juden, ihnen das Geraubte zurückzustellen, verhallt ungehört und das österreichische Parlament erfaßt es scheinbar nicht, daß die dilatorische Behandlung der Rückerstattung erpreßten Eigentums, den Begriff von Recht äußerst schädigt und der gesellschaftlichen Moral Abbruch tut. Kein Wunder, daß Ariseure sich zu einem Verband „der Rückstellungsbetroffenen“ zusammengerottet haben und mit dem Trick, es handle sich um überwiegend unantastbare, ehrliche Menschen, die niemals in ihrem Leben jemandes Rechte verletzt, Groschen um Groschen zusammengelegf haben, um einen sorgenlosen, wenngleich bescheidenen Lebensabend genießen zu können, Heuchelei und Betrug treiben. Die Männer von der VdU. spekulieren darauf, daß die be. rüchfigte Vermögensverkehrsstelle in Vergessenheit geraten sei und daß Nazigesetze, wonach jeder Jude seinen, wenn auch noch so bescheidenen Besitz, wertmäßig mit der Zahl Fünf multiplizieren und schleunig anmelden mußte, völlig unbekannt wären. Die Unterlassung der Vermögensamnelduu.g, zog die sofortige Deportierung des Juden ins KZ und in weiterer Folge seine Vernichtung in der Gaskammer, nach sich. Die „Rückstellungsbetroffenen“ prägen in ihrem Organ „Unser Recht“ folgende Sätze: „Das demokratische Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetze ob Jude oder Nichtjude - muß wieder hergestellt werden. Der Rechtsstaat muß in allen Belangen verwirklicht werden. Die Verfassungsgesetz 1 i ch g e w ä h r 1 e i s tete U n v e rl e t zb ar - keil des Privateigentums muß auch den Opfern des dritten Rückstellungsgesetzes zugute kommen.“ Hier feiert die Göbbelsmanier „Urständ“. Diese Nco-Nazi fordern Rechte, Gesetze und Fortsetzung auf Seite 2 Zu allen Trauertagen des jüdischen Volkes, zu all den Gedenktagen völliger Vernichtung, wie sie von unseren Feinden mehrmals in der Geschichte geplant war, haben die österreichischen, die deutschen Juden noch Iihren besonderen : Den 10. Novcm- [ber. | An diesem Tage des Jahres 1938 gin- gen unsere Gotteshäuser in Flammen auf, unsere Ehre wurde in den Staub getreten, unser Gut geraubt und unsere Menschen gemordet. Der Todesstoß damals war dem österreichischen, dem europäischen Judentum zugedacht und er hat ihn heimgesucht. Der Sekundenbruchteil der Geschichte, der seither vergangen ist, gibt zwar noch keine Distanz zu den Ereignissen, aber so viel ist sicher, daß eine tödliche Wunde niemals: heilt, lieberlebt haben es auch nicht die wenigen, die sich scheinbar gerettet haben. Man kann seinen Tod nicht überleben. Wer entkam aus einem brennenden Haus, rus einem Gefängnis, aus einem Todeslager, wer durch eiinen Zulad gerettet wurde, knapp vor dem Hunger- und Erschöpfungstode und auch wer schließlich bei Nacht und Nebel über die Grenze schlich — der Mensch, der es gewesen war, war es nicht mehr, der jenseits der Hölle ankam. Der Mensch ist ein Produkt seiner Umgebung und seiner Entwicklung. Diese Umgebung aber, die im Herbst 1938 für Oesterreichs Juden Lebensluft war und diese Phase in der Entwicklung jedes Einzelnen, die in dien Ereignissen des 10. November gipfelte, hat im Dasein jedes Einzelnen, im materiellen wie im geistigen, das Bisherige ausgelöscht. Was einer erreicht hatte, was er geworden war, zu welcher Höhe und zu welcher Freiheit er sich emporgerungen hatte, alles ging unter in Strömen von Blut und Feuer und das nicht nur bildlich. Von Tod und Leben aber haben wir eines aus der Geschichte und besonders aus der des jüdischen Volkes gelernt: Tod und Leben haben kein Ende, Tod und Leben gehen ständig ineinander über. Der Strom des Lebens hat immer wieder Stadien des Todes zu passieren und während sich das Leben in zwei Formen zeigt, nämlich als Leben im engeren Sinne und als Tod, sind die Erscheinungsformen des Todes drei : Leben, Tod und Wiedergeburt. Und was den Teil des jüdischen Volkes betrifft, der hier ln Oesterreich lebte und wirkte und der hier hohe geistige Reife und Kultur erreichte, liegt nicht hier der Keim der Wiedergeburt schon lange vor dem großen Sterben V Läßt es nicht große Zusammenhänge ahnen, die a u ße r men sch 1 ich ein Begri ff s vermögen liegen, daß gerade hier in Oesterreich, in der zum baldigen Tode veru-teilten jüdischen Gemeinschaft die Wiege des israelischen Staatsgedankens liegt V Lebte Herzl nicht in Wien V Gediehen nicht seine Zionsgedanken hier V Es war eine Katastrophe, die die Österreichischen Juden des vorigen Jahrzehnts untergehen ließ. Wahnsinn der Umgebung ist eine Katastrophe, wie Erdbeben oder Ausbruch eines Fortsetzung auf Seite 3

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