Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1951
- Issue
- Heft 48 (19.4.1951)
- Date
- 1951-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Seite 4 DIR STIMME JIZAK LEID PEREZ 1. In jedem Ping steckt der Böse Trieb. Wir wissen, daß je größer ein IVaum ist, tim so größer aueh sein Schatten; ebenso auch : ie größer der Mensch, umso größer sein böser Trieb. So sagt die Gernore I Und was kann der Böse Trieb eines Guten Juden sein 7 Paß er von Sabbath bis Sabbath sitzt und Geheimnisse der Thora erforscht! Paß Tag für Tag Engel über seinem Kopfe herumfliegen! Paß böse Geister jahrelang an seiner Tafel herutnsifzen! Paß unfruchtbare und verlassene Weiber bei ihm in allen Winkeln hcrumstehen! Pas alles hat cs bei uns nicht gegeben. Gar mancher kam zu ihm gefahren und mußte unverrichteter Pin ge abzieh en. Einfache Sachen sind eben schwerer zu verstehen! Geloht sei der Herr, daß er mir Verständnis für seine Art gab! Es ging mir auf wie ein Licht in finstrer Nacht. 2. Pie Ordnung der Welt ist : ,,Pie Kinder erben die Werke der Väter.“ Zu welchem Rebben fährt ein junger Mann? Er fährt entweder mit seinem Vater oder mit seinem Schwiegervater. So fahren beide zum selben Guten Juden und das ist gut und keiner hegt Zweifel. Poch bei mir war die Sache anders : mein Vater, er ruhe in Frieden, war weder Chassid, noch Misnagid; er war eine Amtsperson, Schames im Beß-Hamidrosch. Und wenn er freie Zeit hatte, so saß er und lernte. Und mein seliger Schwiegervater, — er möge ein Fürsprecher für mich auf jener Welt sein! — war ein verstockter Misnagid. Selbstverständlich insgeheim, denn man hatte schon damals Angst vor unseren Leuten, sich offen als Misnagid zu bekennen. Doch ich weiß ganz sicher — er möge es mir auf jener Welt verzeihen — daß unser Gebet : „Wajizmach Purkanjo“ ihn bei Lebzeiten in dke siebente Rippe stach ... Und doch kam ich zu der wahren Erkenntnis. Ich war damals noch ein dummer Junge : hatte erst zwei Kinder. Und doch hatte ich eingesehen, daß es sehr schwer ist, ganz allein, ohne fremde Hilfe ein frommer Jude zu sein. Wenn jeder Jude auf eigene Faust gegen die bösen Triebe kämpfen wollte, jeder allein, und nicht in Kompagnien, und ohne Offiziere, so wäre es seltr bitter. Denn der böse Trieb lockt auf jedem Schritt und Tritt; seine Netze sind überall auf gestellt; und der Mensch ist abgehetzt und steckt tief in weltlichen Pingen; wer wird wen he siegen 7 Diesen Sinn haben ja auch die W orte : ,.Stelle dir einen Raw auf“ oder ,.Mache dir ein Oberhaupt!“ Pas heißt : arme Schäfchen, sucht' euch einen Hirten 1 Damit ihr nicht herumirrt über Berg und Tal, damit euch die Raubtiere nicht fressen 1 Und mit der Zeit wuirde es mir klar wie der Tag, daß man zu einem Rebben fahren muß. Mein Weib war sogar sehr unzufrieden ... Es sind doch wieder neue Kosten! Und sie war die Ernährerin der Familie. Es wäre aber närrisch, einer Frau nachzugeben. 3. Ich wußte also schon, daß man fahren muß; doch wohin 7 Zaddikim gibt es, unberufen, genug. Sind sie aber auch alle wahre Zaddikim 7 Pas kann ich nicht glauben! Pas wäre schon z u gut... , Patin wäre Messias ia schon längst gekommen; und jedenfallls hätten alle bösen Verfolgungen aufgehört... Poch die bösen Verfolgungen mehren sich voti Tag zu Tag. Und die Gehurtswehen der Messiasankunft kriegen gar die Westler (Westeuropäische Juden) und nicht wir. Also ist etwas nicht in Ordnung! V erdet ihr doch fragen : woher kommt das 7 Fs fahren doch so viele Leute, gelehrte und fromme Juden und auch reiche und angesehene; wie kann es sein, daß noch keiner etwas gemerkt hat 7 Nun, ein närrischer Westler ward euch sagen, daß alle Guten Juden Gauner und Kominöd'anten und alle (’hassidim Schafe und Rinder sind, die sich scheren ,melken und schlachten lassen. Viele sagen das 1 Wir wissen aber, daß ein Chassid zehn Westler zu Narren machen kann. Also wie ist es nun 7 Pie Sache ist nämlich die : Es stirbt zum Beispiel ein großer, berühmter Zaddik, ein wahrer Zaddik und hinterläßt einen Sohn. Und dieser Sohn ist kein Frevler im Israel — - Gott behüte! Er versteht ernst zu beten, er geht in die Mikvve, er sitzt und lernt, — und die Leute fahren zu ihm hin ... Sie sind schon an das Haus, an die Stadt, an den Gasthof gewöhnt, sic kennen sich schon aus; eine Gewohnheit wird aber zur zweiten Natur, und sie fahren immer wieder hin. Dabei verläßt man sich auch ein wenig auf die Verdienste des Vaters, denn der junge Rebbe ist doch immerhin seines Vaters Sohn und seines Großvaters Enkel 1 Und er selbst kann natürlich nichts dafür ... Was man dazu in den höheren Himmelsregionen sagt, weiß er nicht. Er hört nur, wTe die Leute um ihn herum schreien : Heilig, heilig, heilig! Also glaubt er auch selbst daran. Viel schaden kann es ja nicht. Denn vor allen Dingen, reißt sich so ein Jude, der zu ihm fährt, aus seiner Häuslichkeit heraus, aus dem Irdischen, und manchmal auch auis einer Hölle und gerät plötzlich in eine andere Welt, wo es keine Geschäfte mehr gibt und keine Nahrungssorgen; und wenn man zusammen mit einer großen Gemeinde betet, kommt man ganz von selbst ins Feuer... Und es kann auch Vorkommen, daß er durch die Verdienste seiner Vorfahren und die Verdienste der ganzen Gemeinde Israel mit der Zeit selbst ein wahrer Zaddik wird! Doch was soll ich riskieren 7 Sage ich mir : ich will ausprobicren. Ich will so lange herumfahren, bis mein Herz irgendwo kleben bleibt! Ich hin zwar kein großer Gelehrter und schon ganz gewiß kein Kabbalist, doch der Herr ist der Hüter der Einfältigen. Per Mensch muß Gottvertrauen haben. Und sein lieber Name verließ mich nicht. 4. Angefangen habe ich mit ihm, sein Andenken zum Segen! Erstens — hatte ich es zu ihm nahe und es gab eine Eisenbahn. Wenn ich sogar am kürzesten Freitag früh herausfahre, komme ich noch immer vor der Badestunde hin. Lind zweitens — fuhren aus unserni Städtchen noch zwei Menschen hin : erstens Wolf-Ber, ein gelehrter und wahrhaft gottesfürchtiger Mann, wie man nicht so leicht einen zweiten findet. Und zweitens Noske, ein reicher Mann und großer Wohltäter; mit einem solchen Rebben durfte ich also Ln jedem Falle den Anfang machen! Und drittens war es auch eine Fügung des Himmels. Penn der Böse Trieb treibt einen Chassid, „sein Brot von weiter zu holen“, möglichst weit zu fahren; am besten sogar nach den Ländern, die jenseits des Meeres liegen! Parum hat auch jeder Zaddik so wenig Anhänger hei sich zu Hause. Ich fuhr aber im Gegenfeil gerade zu dem nächsten Rebben und traf, Gott sei Pank, gleich das Richtige. Tch kam dort an ich erinnere mich noch, als ob es erst heute gewesen wäre, an einem Sabbath vor Neumond; der Rehbe, sein Andenken zum Segen, benschte, wie es seine Gewohnheit war, seihst den Neuen Mond; und als er die Worte des Gebets sprach; „Ein Lehen voller Gottesfurcht und ohne Sünde“, begannen mich die Tränen zu würgen, und das Herz zappelte in mir, als wollte es zu ihm hinspringen. Und nun wußte ich, daß ich bei ihm bleibe! 3. Erst nachher sah ich mir seine Art und seine Führung näher an. Fr war ein wahrhaft frommer Mann und fürchtete jede Sünde. ,,Vorzeiten waren die Juden“, pflegte er zu sagen. ..große und starke Helden; in den Krieg gegen den bösen Trieb zu ziehen und ihn zu besiegen, war für sie ein Kinderspiel. Doch heutzutage,“ sagte er, „ist es schon viel, wenn man vor dem bösen Trieg w c g - laufen kann.“ Und er lief jeder Sünde zehn Meilen weit aus dem Wege. Ist es denn möglich, alles aufzuzählen? Den Wein für den Kiddusch schenkte man bei ihm noch am Vortage ein. Warum 7 Ganz einfach : Man muß doch den Becher voll einschenken, und es kann dabei passieren, daß man am Sabbath Wein auf das Tischtuch verschüttet. Tut man das, so ist majfr hei Weißwein — ein Wäscher und bei Rotwein — ein Färber 1 Tn seinem Beß-Hamidrasch hingen an den Wänden Tafeln, auf denen die Sabbathgebete mit großen Lettern geschrieben standen. Warum 7 Wir wessen ja, daß man aus dem Kopfe nicht beten darf; und wenn man ein gebundenes Gebetbuch ■ aufmacht, so bricht man am Sabbath den Buchrükken 1 Er, sein Andenken zum Segen, läßt sich einmal ein neues Gewand machen. Der Rebbe pflegte jeden Pessach sein altes Gew and einem von seinen Nächsten zu schenken — meistenteils dem Wolf-Ber — und selbst ein neues Gewand anzulegen ... Meint ihr wohl, es sei eine einfache Sache, sich ein Gewand machen zu lassen 71 Man wählt sich im einem Laden den Stoff aus, gibt ihn einem Schneider und läßt nähen? Nein, das war gar nicht so einfach t Erstens sehen die heutigen Schneider wenig auf Ehrlichkeit uind eignen sich oft die Reste an. Vorzeiten pfllegte der Schneider vor seinem Tode zu bestimmen, daß man ihm aus seinem Tische einen Sarg macht und ihm seine Elle mit ins Grab gibt: damit der Tisch und die Elle vor dem himmlischen Gerichtshöfe bezeugen können, daß er sich niem als einen Rest an geeignet hat. Und heutzutage halten die Schneider und besonders die Schneiiderrgesellen vom Gebot: „Pu sollst nicht stehlen“ gar nichts. Und der Rebbe will nicht, daß durch sein Gewand sich jemand versündigt 1 Zweitens ist es die Gefahr des Schatnes. (Schatnes - die von der Bibel verbotene Vermengung von Wolle und Leinen im gleichen Gewand. Und diese Gefahr ist noch größer 1 ... Wenn man in einem Gewand, das Schatnes enthält, betet - das habe ich aus seinem heiligen Munde gehört und später auch im Buche „Kaw Hajoscher“ gelesen —, so bekommt das Gebet zerbrochene Flügel : es kann nicht in den Himmel steigen und bleibt unten nicht auf euch gedacht! im Miste liegen. Und das auch nur dann, wenn der Betende vom Schatnes nichts wußte. Wenn er es aber wußte, so füllt das Gebet in die Hölle herab, der bewußte Kerl fängt es auf und setzt es sich als Krone auf den Kopf... Und das will er doch ganz gewiß nicht haben! Sein Ge lief muß in den Himmel steigen und mit sich die Gebete einer ganzen jüdischen Gemeinde hinaufführen. Also wird jedes Gewand beim Rebben, sein Andenken zu Segen, Ltn Hause genäht, (’hassidim halten Wache und lösen sich paarweise ah. Und seihst der Laden, mit dem man näht, wird heim Rebben, sein Andenken zum Segen, im Hause unter Aufsicht der ersten Gabbe's gedreht! (Gabhe Vorsteher eines mildtätigen oder frommen Vereins. Gabhe bei einem Zaddik sein erster Sekretär.) Kann man denn alles aufzählen 7 Es sind Hügel und Berge! Beim Rebben, sein Andenken zum Segen, wurde einmal die Küche ausgcbcssert. Paß man die Küche plötzlich ausbessern mußte, war auch nicht so einfach 1 Eines Tages erhebt sich plötzlich ein Sturmwind, und dann kracht es, als ob der Blitz eingeschlagen hätte. Man läuft in die Küche uind sieht, daß der ganze Herd eingestürzt ist und die halbe Küche mit den Trümmern verschüttet hat. Auch der Rebbe, sein Andenken zum Segen, kommt in die Küche. „Es ist ein Wunder“, sagte er, „daß niemand getroffen wurde.“ Poch den Grund dieser Sache eröffnete er uns nicht. Also man ließ einen Handwerker kommen, damit er die Kiichc ausbessert. Ich verstehe mich auf solche Sachen. Parum stehe ich dabei und schaue zu, wie der Handwerker arbeitet und wie sein kleiner Junge in einem Holztroge Lehm knetet. Der Gabbe, der die Arbeit zu beaufsichtigen hat, verläßt sich auf mich und nickt ein wenig ein. Plötzlich zeigt sich der Rebbe, sein Andenken zum Segen, wieder. Er warft einen Blick auf den Trog und fragt: „Milchig oder fleischig 7" Ich bin ganz erstaunt. Und der Gabbe wacht auf und antwortet: „Der Trog gehört dem Handwerker.“ Gerät er, sein Andenken zum Se-" gen, in Zorn, befiehlt den Herd zu zerbrechen, den gekneteten Lehm hinauszuwerfen, einen neuen, weder fleischigen noch milchigen Trog zu kaufen und die Arbeit von vorn anzufangen! Einen neuen Trog bekam man nicht zu kaufen (es hatte schon lange keinen Markt gegeben). Darum höhlte man ein Loch im Fußboden aus und knetete darin den Lehm 1 Und der Gabhe bekam einen Verweis. 6. Und seine Liebe zum Volke Israel war grenzenlos. Hier sind seine eigenen Worte : „Pas sind die Rechte, die du ihnen sollst verlegen — steht in der Schrift. Man soll sieh für sie bemühen, man soll für das ganze Volk Israel arbeiten. „Der Führer seines Geschlechts muß für jeden einzelnen in Israel arbeiten; er muß für jeden einzelnen seine Seele aufopfern." Und so off irgend eiin neues Unglück über Israel verhängt wurde, wie seufzte er, sein Andenken zum Segen, wie stöhnte er da! Und was brauchte ich mehr 7 7. Wenn man Nahrungssorgen hatte, bekam man von ihm immer einen guten Rat. Ein paar Wochen vor seinem Hinscheiden beklagte ich mich einmal, daß meine Frau wenig verdiente. Sagte Fortsetzung auf Seite 5