Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1951
- Issue
- Heft 47 (21.3.1951)
- Date
- 1951-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 DIE STIMME Seite 3 SIMCHAS PURIM! ESTER EINE PURIM-ERZÄHLUNG VON SCHOLEM Nicht eine Geschichte aus dem Glieder, nicht über den Reben und die Rebezin will ich heute erzählen. Darüber habe ich euch schon genug erzählt. Vielleicht wird mir diesmal gestattet sein, zu Ehren des Purimfestes euch eine Geschichte von der Tochter des Rebe, Esther, zu erzählen. I Falls die Königin Esther von der „Megillc“ so schön war wie die Esther, von ich Euch hier erzähle, so ist es kein Wunder, daß sie dem König Ähasveros so gut gefallen konnte. Die Esther, von der ich Euch hier erzählen will, hat ebenfalls allen gut gefallen. Alle hatten sie gerne, alle, alle. Sogar ich und sogar mein älterer Bruder Motel, obwohl er schon lange „Barmizwah“ gewesen war — und man schlug ihm schöne Partien vor; ja, er trug schon lange eine Uhr mit einer Kette. (Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, sproßte ihm schon ein Bärtchen.) Daß mein älterer Bruder Motel sie lieb hatte ... darüber fragt mich. Ich werde Euch genau erzählen. Er glaubt, ich wüßte nicht, daß wenn er jeden Schabbath am Tag in Cheder geht, um quasi „Perek“ beim Reben zu lernen, etwas anderes darhinter steckt. Er lernt ja gar nicht. Der Rebe schnarcht?m tiefen Schlaf, die Rebezin plaudert draußen auf der Bank mit den Frauen, wir Chederjünglech spielen „Mem Schien Hej" und Motel mit Esther schauen mit den Augen. Er auf sie und sie auf ihn. Es passiert zuweilen, daß wir Chederjüngl|ech gar ,.Kuffribube‘ spielen. Wißt Ihr, was das bedeutet : „Kufzibube“? Ich will es Euch erklären. Man nimmt Euch, verbindet Euch die Äugen mlit einem Taschentuch, ste'Klt Euch in die Mitte des Zimmers, und aKe drehen sich ringsum und schreien „ger, ger, ger, greift mich 1“ Motel und Esther spielen auch mit uns. „Kutzibube“, sagen sie, gefalfe ihnen. Ich weiß, warum es ihnen gefällt. Denn, wenn sie mit uns „Kutzibube“ spielen, tun siie nichts anderes, als einander jagen und fangen. Er sie, und sie ihn. Und noch viele Beweise hab ich dafür, die ich Euch erzählten könnte. Aber ich bin nicht so einer... Einmal hab’ ich sie überrascht, als sie einander die Hände hielten, und das war gerade nicht am Schabbes, sondern an einem Wochentag; es war an einem Vorabend zwischen „Mincha‘ und „Maariw". Er ging angeblich Simchas Purim WÜNSCHT FAMILIE JOSEF LEITNER »LIGOMR« LIPINSKI «Co.. K.G. Import Ixpert Allg. Handels-A.G. Wir übernehmen undvermittelnWaren aller Art. Verläßliche und korrekte Abwicklung garantiert. WIEN l.v EllMbilhilnl« 1 nach der .Schul’ und verirrte sich zu uns in den Cheder. „Wo ist der Rebe 7“ — „Der Rebe ist nicht da." Er tritt aber näher und reicht ihr die Hand, das heißt der Esther. Ich steh und beobachte. Sie zieht ihre Hand zurück. Er gibt mir einen Groschen, damit ich niemandem erzählen soll. Sag’ ich... zwei. Gibt er mir zwei. Sag ich ... drei. Gibt er mir drei. Was denkt Ihr 7 Hätte ich vier gesagt, würde er mir vier geben, und auch fünf und sechs. Ich bin aber nicht so einer .— Noch einmal ist eine Geschichte passiert... aber genug der Geschichten. Ich will Euch lieber die echte Geschichte erzählen, die ich Euch versprochen habe. II Mein Bruder Motel ist, wie ich Euch schon gesagt habe, ein Erwachsener. In den Cheder geht er nicht mehr und zu Hause will er auch nicht lernen. Deshalb nennt ihn der Vater „wilder Kerl“. Er hat für ihn keinen anderen Namen als „wilder Kerl“. Die Mutter mag das nicht. „Was ist das für eine Art, einen Bochur, der schon bald ein Bräutigam werden soll, eiinen wilden Kerl zu nennen 7“ Erwidert ihr der Vater : „Wenn er aber doch ein wilder Kerl ist!“ Dann zanken sie sich. Ich weißt nicht, wie andere Väter und Mütter handeln, aber mein Vater und meine Mutter zanken sich unaufhörlich; Tag und Nacht wird nur gezankt. Ich könnte Euch über meinen Vater und meine Mutter gar manches erzählen, daß Ihr Euch krank lachen würdet, — aber ich bin nicht so einer. Genug, mein Bruder Motel lernt nicht mehr im Cheder. Trotzdem vergißt er es nicht, dem Reben jeden Purim „SchFach Mones“ zu schicken. Immerhin ist er früher ein Schüler gewesen, — schickt ihm ein schönes Gedicht, hebräisch geschrieben und dabei zwei papierene Rubel, als Geschenk. Durch wen schickt man einem Reben ein solches „Schwach Mones 7“ Selbstverständlich durch mich. „Hier hast Du,“ sagt mir mein Bruder Motel, „trag hin zum Reben „Schwach Mones“, und wenn Du wiederkommst, kriegst Du 10 Groschen“. Zehn Groschen ist zwar ein Kapital, es läßt sich nichts dagegen sagen. „Ich will,“ sag ich, „das Geld sofort.“ Sagt mir mein Bruder, ich sei ein Gauner, sag ich : „Es kann schon sein, daß ich ein Gauner bin, — doch möcht ich vor allem mein Geld sehen.“ Wer, glaubt Ihr, hat Recht behalten 7 — Er bezahlte mir die zugesagten zehn Groschen und gab mir das „SchTach Mones“ für den Reben, einen versiegelten Brief. Aber beim Weggehen schiebt er mir noch ein Briefdien in die Hand und sagt mir leise und schnell: „Und dieses wirst Du der Esther geben“ .... —^ „Der Esther 7“ .. . — „Der Esther“ ... Ein anderer an meiner Stelle hätte gewiß eine doppelte Belohnung verlangt, aber ich bin nicht so einer... ALEJCHEM hi „Du lieber Gott!“ denk ich mir, was mag mein Bruder an die Tochter des Reben schreiben 7 Man muß doch einen Blick darauf werfen, nur einen Blick. Ich werde doch „nichts davon abbeißen“ ... Ich öffne das Briefchen, welches für Esther bestimmt war, und ich lese eine ganze „Megille“, d. h. ganz in der Sprache der „Megille“ geschrieben. Ihr werdet hören. Ich wiederhole es Euch Wort für Wort : „Von Mordechai an Esther“ „Isch, — ein Mensch. Jehudi — ein Bochur. Hojoh — war. ßeschuschan Habiroh — bei uns im Städtchen. Uschmoj Mordechai — und sein Name war Mordechai. Wajchi Oimein — hatte er lieb. Es Hadassah hi Esther — das ist Esther... Wehanaaroh — und das Mädchen. Jefas tofar — eine Schönheit, ein Prachtexemplar. Watitaw hanaaroh — Und das Mädchen gefiel ihm. Loi higidoh Esther —Ester erzählt nicht. Ki Mordechai — denn Mordechai. Ziwoh olejho — hat ihr befohlen. Äscher loi sagid — sie soll nicht erzählen. Uwechol joim wejoim — alle Tage. Mordechai mishalech — geht Mordechai vorbei. Lodaas schleim Esther — einen verstohlenen Blick auf Esther zu werfen. Uwehagia toir Esther — und wenn die Zeit für Esther kommen wird. Bas Äwichail — sich zu verheiraten. Watilokach Esther — wird er die Esther nehmen. Wajamlicheho — und er wird mit ihr gehen. Tachas waschti — unter die Chupeh“. Was sagt Ihr dazu, wie mein Bruder die „Megille“ ausgedeutet hat 7 Ich wäre sehr neugierig zu hören, was der Rebe wohl von einem solchen Kommentar halten würde 7 Aber, wie macht man das 7 Pst — ich habe eine Idee, so wahr ich ein Jude bin 1 Ich werde die Sache verwechseln : Das Gedicht, welches für den Reben bestimmt war, werd ich der Esther geben, und die „Megille“, die für Esther geschrieben war, übergebe ich dem Reben. Möge er sich ein bißchen amüsieren. Was schadet das, wenn ein Wirbel daraus entsteht 7 Ist es denn meine Schuld 7 Passiert es nicht, daß ein Mensch einmal einen Irrtum begeht 7 Es kommt auch vor, daß der Briefträger einen Brief überhaupt nicht besorgt. Mit mir kann so etwas nicht passieren. Ich bin nicht so einer... IV Mit den Worten : „Wünsche einen recht guten Feiertag, Rebe!“ stürzte ich in den Cheder so ungestüm hinein, daß der Rebe erzitterte. „Mein Bruder hat Euch „SdTlach Mones“ geschickt und wünscht Euch, Ihr möget erleben das nächste Jahr!“ Und ich überreichte dem Reben die „Megille“. Der Rebe öffnet die „Megille“, beschaut, befühlt, sucht und dreht sie nach allen Seiten. Er sucht augenscheinlich nach etwas. „Such, such, Rebe“, denk* ich mir, „du wirst schon etwas finden ...." Mein Rebe legt die silberne Brille an, liest die „Megillc" durch und verzieht nicht einmal das Gesicht. Er ließ nur einen Seufzer hören, nichts mehr. Dann sagt er zu mir: „Warf einen Augenblick, ich werde ein paar Worte schreiben ...“ Er nimmt Tinte und Feder und setzt sich hin, um die „paar’ ‘Worte zu schreiben. Inzwischen spaziere ich ein bißchen im Glieder herum, bekomme von der Rebezin einen Kuchen und einen „Fladen“, nähere mich unmerklich der Esther und reiche ihr das SchTach Mones, das hebräische Gedieht. Sie errötet, verkriecht sich in einen Winkel: öffnet langsam das Briefchen und lodert auf, wie eine Kerze; ihre Äugen brennen, wie die Kohlen! Scheint unzufrieden mit dem „SchTach Mones“ denk ich mir, nähere mich dem Reben, der mir die „paar Worte“, die er niedergeschrieben hat, gibt. „Einen guten Feiertag Euch, Rebe!" sage ich mit derselben Hast wie bei der Ankunft, „möget Ihr das nächste Jahr erleben!“ Und ich marschiere los. Als ich schon jenseits der Türe war, lief mir Esther mit rot verweinten Augen nach : „Hier“, sagt sie mir zornig, „dies da sollst Du Deinem Bruder übergeben.“ Unterwegs öffne ich zuerst das Briefchen des Rebe, es soll den Vorzug haben. Das Briefchen lautet: „Mein lieber und getreuer Schüler Mordechai 1 Ich danke Dir vielmal für das SchTach Mones, das Du mir geschickt hast. Voriges Jahr hast Du mir geschickt SchTach Mones, wirkliches SchTach Mones.... Heute schickst Du mir einen neuen Kommentar zur Megille ... Ich muß Dir aber sagen, Motel, daß Dein Kommentar mir gar nicht gefällt. Erstens ist Schuschan Hebiroh — die Hauptstadt, nicht, wie Du sagst, „unser Städtchen“. Zweitens, möchte ich gerne wissen, wo es geschrieben steht, Mordechai sei ein Bochur gewesen und woraus Du entnehmen kannst, daß „Omen“ „lieb hatte“ bedeute 7 Omen bedeutet ja : „erzogen“, wie es heißt „omon padgog“. Was Du ferner deutest: „wajamlichecho tachas waschti — er werde mit ihr unter die Chupeh gehen“ — ist schon gar reiner Unsinn. Erstens bezieht sich „wajamHchecho“ auf Achaschwejrosch, nicht auf Mordechai; zweitens wird nirgends in der Megille erwähnt, daß Achaschwejrosch mit Esther unter die Chupeh gegangen sei. Auch ein Kunststück einen Bibelvers zu nehmen und ihn in so verrückter Weise zu verdrehen. Muß doch jede Deutung einen Sinn haben. Voriges Jahr und vor zwei Jahren hast Du mir etwas anderes geschickt... Dieses Jahr hattest Du den Einfall, dem Reben einen Kommentar zur Megille zu schicken, — und was für einen Kommentar... rein meschuggc. Aber w as ist zu machen 7 Wahrscheinlich muß es so sein ... Ich schicke Dir hierbei Deine Megille zurück, und möge Dir Gott ein gut Jahr geben, w ie es Dir wünscht Dein Rebe ....." Fortsetzung auf Seite 4 Ein PURIM Geschenk aus der PARFÜMERIE FRUCHTER Neubaug. 71, Tel. B 35 5 34 Mariahilf erstraße 88 a Zitahof, Telefon B 30 0 47 wird den Beschenkten stets erfreuenl Gaschenk-Pakete aioh Israel nach Ihrer Wahl WOLLE UNO GARNE größte Auswahl ADOLF BOMZE V, Reinprechtsdorferstraße 48 XX, Wallensteinstraße 17 Telephon a32ooe XVI, Neulerchenfelderstraße 20