Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 44 (2.12.1950)
- Date
- 1950-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME _Nr. 44 Kongreß für Jüdische Erziehung und Kultur Paris, 19. — 23. November 1950 Die Zionistische Förderation Oesterreichs entsandte zu diesem Kongreß trau Ada Neu spiel. Die Zionisten danken Frau Neuspiel für die würdige Vertretung in Paris. ln dem Bestreben, den Untergang der Kenntnisse der jüdischen Kultur und Erziehung in der Diaspora auf zuhalten, w urde in Paris vom 19. bis 23. November 1930 unter den Auspizien der Zionistischen W eltorganisasation ein Kongreß abgehalten, dessen Beratungen in der Konzeption eines Planes für eine Aufklärungskampagne unter den jüdischen Gemeinden der Gahit gipfelten. Erzieher und Lehrer. Alle erzieherischen und kulturellen Probleme, welche die verschiedenen Teile der Welt, mit Ausnahme von Amerika, umfassen, wurden in diesen Beratungen behandelt. Konferenzen über Erziehung und Kultur wurden bereits in der Vergangenheit in großer Zahl abgehalten. Sie alle waren von den besten Absichten bewegt, aber das Resultat war immer irgendwie eine Enttäuschung. Der gegenwärtige Zeitpunkt erlaubt jedoch keine reinen Disertationen über die jüdische Erziehung. Man mußte sich an die Arbeit machen, und zwar in ernsthafter Weise, um nicht wieder kostbare Zeit zu verlieren. Diese Konferenz hat also einem wirklichen Bedürfnis entsprochen, denn diejenigen, die sie einberufen haben, wollen und können positive Resultate erreichen und sich nicht nur mit einem Austausch von Ideen begnügen. Sie sind überzeugt, daß man die jüdische Erziehung in der Tat ernst nehmen und auch die Frage der Erzieher selbst, die diese Arbeit vollbringen sollen, einem positiven Resultat zuführen muß. Aber nicht nur die Heranbildung der Erzieher und die Beschaffung notwendiger Materia lien war ein Erfordernis der Konferenz, denn man kann ja die heranzubildenden Lehrer nicht Hungers sterben lassen. Es war also erforderlich, ein entsprechendes Statut für die Erzieher und Lehrer zu schaffen. Dieses Statut müßte sich gleicherweise auch auf die bereits herangebildeten Lehrer beziehen, die in so wenig günstigen Verhältnissen arbeiten, daß sie ihre Aufgabe in Kürze auch verlassen wollen. Die Schaffung von entsprechendem Erziehungsmaterial und die Herbeischaffung der in Israel veröffentlichten Lehrbücher sind erforderlich, aber die letzteren sind nicht immer genügend. Es ist auch Erziehungsmaterial in der Sprache des betreffenden Landes erforderlich, wenn die Kinder im allgemeinen dem Judentum und der hebräischen Sprache nicht entfremdet, sondern gewonnen werden sollen. Austausch von Lehrkräften. Die zukünftige Arbeit muß daher auf gesicherter finanzieller Grundlage begonnen und fortgeführt werden, einer Grundlage, die von jenen geschaffen werden muß, die die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Vorhabens erkennen. Für die Erhaltung allermöglichen politischen und Propagandaziele, die einander nur gegenseitigen Schaden bringen und oft die jüdischen Gemeinden untergraben und zersplittern, findet sich immer das notwendige Geld. Diesmal müssen aber die erforderlichen finanziellen Grundlagen in einer vitalen Frage im Interesse aller herbeigeschafft werden. Die endgültige Desiderata der Konferenx und Beratungen lassen sich wie folgt zusammenfassen : Hebräische Lehrer sollen aus der Diaspora nach Israel geschickt werden, um an Fortbildungskursen teilzunehmen; teilzunehmen; israelitische Fachleute der Erziehung sollen in die verschiedenen Länder der Diaspora geschickt werden, um hebräischen Lehrern ähnliche Unterrichtskurse zu erteilen; israelische Lehrer sollen zum Unterricht jüdischer .Schulen in der Diaspora delegiert werden; neue jüdische Kindergärten, Volks- und Mittelschulen werden errichtet werden; hebräische Lehr biieher werden zur Verfügung gestellt werden; intensive Hebriiisch-Kurse für Erwachsene werden in der Diaspora organisiert werden, sodaß die dort lebenden Juden innerhalb weniger Monate eine vollständige Kenntnis der Sprache erwerben können; literarische und kulturelle Zeitschriften in hebräischer Sprache sollen in der Diaspora veröffentlicht und verteilt werden. .Schaffung von Bibliotheken. Das Programm sieht auch die Schaffung Programm sieht auch die Schaffung neuer oder die Ergänzung alter hebräischer Bibliotheken vor, welche entsprechenden Institutionen angeg1 ledert sind; eine Ausstellung hebräischer Bücher soll in alle Zentren jüdischer Bevölkerung als Wanderausstellung gesendet werden; eine „Hebräische Woche1 und ein „Monat der Bibel“ sollen in London organisiert werden, und zwar: „Die hebräische Woche“ im Feber 1951 unter der Leitung von Professor Martin Buber von der hebräischen Universität und Rabbiner A. Altmann aus Manchester. Diese Organisationen sollen Bildungssemh'are, öffentliche Vorträge für Juden und Nichtjuden etc. umfassen. Weiters sollen Rundfunksendungen aus Israel mit Erziehungsprogramm für die Diaspora organisiert werden. Die Veröffentlichung illustrierter hebräischer Magazine für Kinder mit vollständiger Uebersetzung in den entsprechenden Landessprachen ist vorgesehen; ferner soll die Schaffung eines Informationsbüros in Jerusalem es den Elfern von Kindern in der Chaspora gestatten, ihre Kinder zur Erziehung nach Israel zu schicken. Die Abhaltung von Prüfungen in hebräischer Sprache und in Pa’estinographie soll Kindern die Kenntnis des Landes und der Sprache noch leichter vermitteln. Jüdische Mädchen, deren Erziehung gegenwärtig noch mehr vernachlässigt wird als die der Knaben, sollen in der jüdischen Erziehung gefördert werden. Die hervorragende Bedeutung dieses Vorhabens wird durch de Entscheidung der Exekutive der Jewish Agency erwiesen, bei deren kürzlich in New York stattgefundenen Versammlung das Jahresbudget für das Erziehungs- und Kulturdepartement in der Diaspora von I. L. 50.000 auf eine bisher noch nicht festgelegte Summe erhöht wurde, während finanzielle Zuteilungen für andere Zwecke erbarmungslos gekürzt wurden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, daß Dr. Nathan Morris, Direktor des Erziehungsdepartmenfs, in Kürze nach New York reisen wird, um eine Pan-Amerikanische Erziehungskonferenz, ähnlich der in Paris stattgefundenen, zu organisieren. Programm der Tagung. Die I agesordnung des Kongresses umfaßte zunächst die feierliche Eröffnung im Salle ('hopin-Pleyel, Paris, unter dem Vorsitz des Professors H. Baruk und unter Teilnahme der zionistischen Organisationen von Frankreich, Groß-Britannien, des französischen Zentral-Konsistoriums, der französisehen Federation jüdischer Gesellschaften und des französischen Erziehungsministers. Das den Reden folgende künsterische Programm unter Mitwirkung des Violinvirtuosen Bronislaw' Gimpel bildete den Abschluß dieser imposanten Eröffnungsfeier. Die Beratungen sei Hst fanden im pädagogischen Museum von Paris V, statt, in welchem die Ausstellung über jüdische Erziehung und Bücher in entsprechenden Nebenräumen in eindrucksvollster Weise der Konferenz angegliedert war. Der Flauptbericht des Direktors der Erziehungsdepartements aus Israel, Dr. Nathan Morris, bildete die Eröffnung für die nachfolgt liefe Diskussion und die Ernennung ständiger Kommissionen für die Beschlüsse etc. Die Berichte, der französischen Rabbiner und Ausführungen üben die Vorbereitungen der Lehrer und Instruktoren in Frankreich und die Organisation von Tagesschulen umfaßte die Nachmittagsdebatten, deren Abschluß die feierliche Eröffnung der Ausstellung mit anschließendem künstlerischen Programm bildete. Das hier gezeigte hebräische Puppentheater entspricht modernsten Anforderungen und wurde mit größtem Interesse aufgenommen. Tätigkeit des Joint in Frankreich. Die Vorträge des nächsten Tages brachten ausführliche Belichte über die Tätigkeit des Joint in Frankreich, dessen Direktor die notwendige Redukttion des Joint-Budgets im .Interesse des Staates Israel betonte. Auch die Juden Amerikas hätten von nun an in erster Linie der Aufgabe der Hilfe für Israel zu dienen und die jüdischen Kultusgemeinden in Europa müßten ihrer Aufgabe gerecht werden, eine größere Verantwortlichkeit für ihre örtlichen Bedürfnisse zu tragen. Die Ausführungen des Joint- Vertreters sind auch von allergrößtem Interesse in ihrer Anwendung auf das Verhältnis der Kultusgemeinde Wien zu den Erfordernissen der jüdischen Erziehung und Kultur und ihren zukünftigen Leistungen für diesen Zweck. Berichte der Delegation aus Belgien, Holland, Italien, Schweiz, Skandinavien und anderen Ländern über die Situation bctieffcnd die Erziehung in diesen Ländern begegneten dem größten Interesse der Konferenz, ebenso wie der Bericht über die erzieherische Tätigkeit der „Alliance Israelite“ in allen Ländern, einschließlich Nordafrika. Auch die Jewish Agency vermittelte in dem Bericht ihres Direktors für den Mittleren Osten einen Ueberblick über die Situation in diesen Ländern. Empfang bei der Pariser Kultusgemeinde. Den Abschluß dieses Verhandlungstages bildete die Vorführung von Dokumentarfilmen aus Israel über die. Erziehung in Israel und in der Diaspora. Fragen der religiösen Erziehung und der damit verbundenen Probleme in der Golah wurden von mehreren Delegaten, vornehmlich Rabbinern, behandeltt. Der Bericht des Vorsitzenden der Körperschaften der Britischen Judenschaft über die Erziehungslage e Groß-Britannien brachte ein interessantes Tatsachenmaterial, das einer gesonderten Berichterstattung Vorbehalten bleiben soll. Der Bericht über die zionistische Erziehung in Groß- Britannien und der Bericht der Jevvish Agency mit nachfolgenden interessanten Debatten unter der Leitung des Militär-Oberrabbiners von Groß- Britannien brachte wertvolles Material. Den Abschluß der Nachmittagsarbeit bildete der Empfang der Kultusgemeinde (Consistoire Central und Gonslsfoire de Paris) im Festsaale der Kultusgemeinde Paris. Dieser eindrucksvollen Feier schloß sich dann ein improvisierter Gottesdienst in dem interessanten, aus der Zeit Napoleons stammenden, prachtvollen lempel der rue de la Victoria an. Jüdische Kindergärten. Probleme der jüdischen Kindergärten in der Diaspora fanden eine aufmerksame Zuhörerschaft, ebenso wie das anschließende künstlerische Programm, das den Abend abschloß. Zu erwähnen sind noch der Bericht des World Jewish Congress über seine' erzieherische Tätigkeit, ferner der Bericht der Jugend Alyah und der Brifh lrvith Olaniit, sowie der sehr aufschlußreiche Bericht der Ort-Organisation Frankreichs. Den Abschluß der Beratungen bildete dann der Empfang des KKL in den Räumen der Jewish Agencw, Avenue de Wagram. Martin Buber spricht. Feierlicher Ausklang und Höhepunkt aller Beratungen und Debatten war der in französischer .Sprache gehaltene Vortrag Professor Martin Bubers, dessen tiefgründige und poetische Ausführungen von der Erfassung des philosophischen Gehaltes der Bibel Kunde gaben; dem Gemüt und dem Verstand der Zuhörer w urde er auf diese Weise nahegebracht. Biblische Chöre und Vorlesungen aus der Bibel bildeten den Abschluß dieses denkw ürdigen Abends. Als, einer der wichtigsten Punkte der Beschlüsse ist die Organisation einer konsultativen Körperschaft anzusehen, deren T itel lauten soll : „Rat für die Erziehung und hebräische Kultur in den Ländern Europas. Amerikas und Australiens.“ Die Rolle dieser Körperschaft soll in der Aufrechterhaltung eines ständigen Kontaktes zwischen den Erziehungsinstitutionen und in der Förderung der Initiative jener Organisationen bestehen, welche in den Angelegenheiten der Erziehung und Kultur maßgebend sind, damit dem Departement für Erziehung und Kultur in der Golah konkrete Vorschläge unterbreitet werden können, welche die hebräische Erziehung neu zu beleben geeignet sind. Dieser Rat wird aus 18 Vertretern bestehen, welche seitens des Departements für Erziehung und Kultur wegen ihrer besonderen Eignung und Kenntnisse auf dem Gebiete der Erziehung und der Kultur ernannt werden sollen. Dieser Rat soll jährliche Zusammenkünfte haben, um Beratungen und Vorschläge entgegenzunehmi’ii, Innerhalb der Organisation dieses Rates w'ird ein Exekutivkomitee von 5 Mitgliedern und 5 Ersatzmitgliedern gew ählt und der Sitz des Exekutivkomitees in Paris festgelegt werden, wo die Mitglieder zweimal im Jahre Zusammentreffen sollen. Lehren der Pariser Konferenz. Die Pariser Konferenz hat die Notwendigkeit fest gestellt, daß das Departement liir Erziehung und Kultur in der Golah und dessen Institutionen ihre I ätigkeitsprogramnve unter Mitarbeit der anerkannten örtlichen Organisationen durchführe und mit allen hrziehungs- und kulturellen Organisationen zusammenarbeife, welche in jedem dieser Länder bestehen. Die Koordination aller kulturellen und erzieherischen Tätigkeiten aller Organisationen in der Welt soll durch das Departement in Israel für Erziehung und Kultur in der Golah ihre Initiafjvc erhalten und ihren Sitz in Israel haben. Die* ernste Arbeit dieser Konferenz w ird, wie alle leilinehmer hoffen, nicht umsonst gewesen sein und die Erfüllung aller Wünsche und Erfordernisse in der Zukunft bringen.