Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 43 (12.11.1950)
- Date
- 1950-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'WWW .£1 ,1 .'iE. J, «yv .1. ,. IJPJ1| Seite 4 DIE STIMME Nr. 43 Widerstandsgeist des Jischuw- Wankelmut der Galuth. Dr. Emil S c h in o r a k langjähriges Mitglied der Zionistischen Exekutive In einer feierlichen Sitzung des Zionistischen Landesverbandes am 13. Oktober begrüßte Vizepräsident D a v i d. Herrn Dr. Emil Schmorak, der sich im Auftrag der Sochnut in Wien aufhielt. Trotz großer Zeitbedrängnis kam Dr. Schmorak unserem W unsche nach, und sprach am 17. Oktober vor einem großen Publikum über die wirtschaftliche Lage in Israel. Wir sind sicher, daß die. Rede Dr. Schmoraks das Interesse unserer Leser finden wird und bringen hier den hauptsächlichsten Teil zum Abdruck. ln einer Einleitung zu einem interessanten Vortray über die W irtschaftslage in Israel, erklärte Herr Dr. Schmorak, daß er weder im Namen, noch für die Regierung Israels spreche, nicht als Repräsentant der Jew ish Ageno, der er w ohl lange Jahre in verantwortungsvollem Posten angehört hatte, nicht für den KKJ oder den KH, noch im Namen irgendwelcher anderer Organisationen. Er spreche lediglich als unabhängiger, privater Zionist, der lange in Palästina ge’ebt und sich mit Wien durch seine zionistische Vergangenheit verbunden fühle. Nach jahrelanger Abwesenheit nach Wien zurückgekehrt, w o er nicht nur studiert, sondern auch aktiv zionistisch tätig gewesen war, sei ihm vor allem eine Erscheinung aufgefallen, die „Galuth-Psychologie“, die sich nicht leicht mit der Einstellung und Haltung der Juden in Palästina vergleichen lasse. Als „Galuth-Psychologie“ bezeichnete Dr. Schmorak das aus der deutschen Literatur hinlänglich bekannte „himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.“ Während der Jahre 1948 und 1949 hätten sich die Juden in. der Diaspora in Bezug auf den neuen jüdischen Staat in eirem Zustand, der am besten mit „himm clhochjauchzend“ bezeichnet werden könne, befunden. Nichts dergleichen aber sei in Israel selbst zu bemerken gewesen. Wäre dies aber der Eall gewesen, so hätte der Krieg kaum gewonnen werden können. Anderseits aber hätten die israelischen Staatsbürger auch nicht verzagt, als die Araber vor Tel-Aviv gestanden und die Juden Jerusalems ohne Licht und ohne Nahrung einem dauernden Bombardement ausgesetzt gewesen waren. W ährend in der Galuth auf jeden Rückschlag, auf jeden Mißerfolg mit einem „zu Tode betrübt“ reagiert werde, behaupte sich in Israel selbst eine Gemütsstabilität und ein Widerstandsgeisf, der durch vorübergebende Ereignisse und Erscheinungen nicht zu erschüttern sei. Auch heute noch geschähe es täglich, daß Juden beim Passieren der arabischen Posten in Jerusalem angeschussen, verletzt und auch getötet werden, und doch verlasse kein Jude Jerusalem, ganz im Gegenteil, es ziehen immer wieder Juden nach Jerusalem, obwohl sie genau wissen, daß die dortigen Verhältnisse alles eher denn günstig sind. Dr. Schmorak erklärte, claß er diese extremen Gemütsbewegungen, wie „himmelhochjauchzend“ einerseits, und „zu Tode betrübt“ andererseits, als Episch für die Galuth- Psychologie erachte, und forderte die Zionisten auf, sich davon zu befreien. Als weiters für die Galuth-Ps\chologie charakteristisch, bezeichnete Herr Dr. Schmorak die .Auffassung, die sich in der Diaspora breit gemacht habe daß, nachdem der jüdische Staat, seine Regierung und seine militärischen Streitkräfte Wirklichkeit geworden, die weitere Entwicklung und Verantwortlichkeit Sache der Juden Israels sei und die Juden in der Diaspora sieh auf Spenden und gelegentliche Informationen über den Staat beschränken könnten. Dieser Standpunkt, so erklärte der Redner, sei nicht allein für den jüdischen Staat, sondern auch .für die Diaspora selbst äußerst gefährlich. In diesem Zusammenhang, sagte er, erinnere er sich einer Versammlung von Zionisten, der er einst in Brod\ beigewohnt, und wo ihm auf seinen Vorwurf wegen der damals dort herrschenden Inaktivität geantwortet worden war: „Was wollen Sie, Brods hat der Welt den Dr. (’hajes gegeben!“ Diese Antwort, diesen Ausspruch setzte Herr Dr. Schmorak in Parallele zu der heute in der Diaspora vorherrschenden Ansicht, daß die politische und wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen .Staates lediglich eine Angelegenheit der israelischen Juden ‘ ei und bezeichnete es als zionistische Pflicht, gegen eine derartige Illusion mit allen Kräften und zu Gebote stehenden Mitteln anzukämpfen. Der jüdische Staat, fuhr der Redner fort, ist jung und schwach und muß sowohl in politischer, wie in wirtschaftlicher, militärischer und kultureller Beziehung aus- und aufgebaut werden. Um aber dieser Aufgabe gerecht werden zu können, bedürfe cs der vollen Unterstützung des Gesamtjudentums in der Diaspora. Man möge nicht vergessen, betonte er, daß der jüdische Staat lediglich einen Anfang in der Realisierung des Zionismus, nicht aber den Abschluß darstelle. Und wer dies nicht verstehe, der denke nicht zionistisch. Nach dem ersten Jahre des allgemeinen und überwältigenden Enthusiasmus sehe sich Israel nun einer Zeit der größten Schwierigkeiten gegenüber. Und niemand möge diese bagatellisieren. Dies w äre politisch falsch und durchaus nicht im Interesse des jungen Staates gehandelt; diesem und der jüdischen Sache selbst werde durch ein offenes Aussprechen und Bekennen der vollen Wahrheit der beste Dienst erwiesen. Herr Dr. Schmorak kam sodann auf die Einwanderung zu sprechen. Im Laufe von 2 Jahren hat Israel 450.000 Juden aufgenommen, erklärte er und meinte, man müsse sich, um diese Leistung entsprechend zu würdigen, vorstellen, daß ein Land wie Oesterreich ungefähr 41 . Millionen Menschen hätte aufnehmen müssen, wobei aber nicht außer Acht ge’assen werden dürfe, daß Israel nur von einem Besitz, der in den letzten 30 bis 40 Jahren* erworben und geschaffen wurde, zu zehren habe, nicht aber wie andere .Staaten auf eine jahrhundertlange Aufbauarbeit zuriiekrehen könne. Wohl gäbe es schier unüberwindliche Schwierigkeiten, wohl lebten noch viele der neueingew änderten Juden in Zelten, man dürfe* aber angesichts dieser Mängel nicht vergessen, daß Hunderttausende, die wirklich völlig mittellos ins Land gekommen waren, dem Wirtschafts'cben bereits zugeführt, daß hunderte neue landwirtschaftliche Siedlungen gegründet wurden, die Industrie, wenn auch noch immer schwach, doch ausgebaut und erweitert worden ist, und sowohl bezüglich der Aufforderung, wie auch der Wasserversorgung Großes geleistet wurde. Selbstverständlich müsse man bedenken, daß es nicht möglich gewesen sei für die Neuankömmlinge in 2 Jahren all das zu leisten und zu erreichen, was im Laufe von 3t) fahren für 650.000 Menschen geschaffen wurd e. Hinsichtlich der herrschenden Mängel müsse man zwischen den objektiven Schwierigkeiten des Aufbaus und deren des Unterhaus, letztere hervorgerufen durch die schlechte und falsche Regierungspolitik, unterscheiden, Herr Dr. Schmorak betonte nachdrück lieh st, daß die Allgemeinen Zionisten nicht Opposition um der Opposition willen üben, sondern in dem Bestreben eine bessere und gesündere Regierungs- und Wirtschaftspolitik zu erzielen. Die Kritik und Unzufriedenheit richte sich vornehmlich gegen die Mißerfolge hinsichtlich der Einwanderung. Damit solle aber keineswegs gesagt sein, daß eine Einwunderungs,- beschränkimg auch nur in Erwägung gezogen werden soll. Im Gegenteil. E.s wäre eine Tragödie msbesonders für die polnischen, ungarischen, rumänischen und tschechischen, vor allem aber für die jemenitischen Juden, w ürden die Tore Israels, sei es zufolge der Fehler der Regierung, sei es zufolge der Passivität der Diaspora, geschlossen werde. Sollte eine Beschränkung der Einwanderung wegen der objektiven Schwierigkeiten unumgänglich nötig sein, so werde man es als Schicksalsfügung hinnehmen müssen, wohingegen, eine Einwanderungsbeschränkung auf Grund der Rcüicrungspolitik oder der Passivität der Diaspora dem jüdischen Volke zur Last ge’egt werden würde. Herr Dr. Schmorak betonte, auf die RegierungsfelTer nicht im Einzelnen eingehen zu w ollen und bezeichnete als den grundlegendsten Fehler, daß man das Einströmen von jüdischem Kapital gehemmt habe. „Ich spreche nicht als Allgemeiner Zionist, der keinen sozialistischen Staat will“ sagte er, und meinte, daß selbst ein israelischer Sozialist sich sagen müsse, daß er unter den gegebenen Umständen auf den Sport, von eirem sozialistichen Staat zu sprechen, verzichten müsse. Dr. .Schmorak machte der heutigen Regierung den Vorwurf, die Privatinitiative und den Unternehmergeist im Wirtschaftsleben nicht genügend unterstützt zu haben, und wandte sich schärfstens gegen die Zweiteilung in einen kollektiven und einen privaten Wirtschaftssektor, insbesondere aber gegen eine Bevorzugung des einen, eine Diskriminierung des anderen. Es dürfe, sagte er, in Israel nur einen einzigen und zwar den Wirtschaftssektor des jüdischen Volkes geben. Ebenso energisch wandte er sich gegen jede parteipolitisch bedingte Bevorzugung, respektive Diskriminierung auf allen anderen Gebieten des öffentlichen Lebens, gegen eine Zusammensetzung des Beamtentums nach einem Parteienschlüssel etc., wodurch die Einheit des jungen Volkes gefährdet werde und bezeichnete eine Politik des Kompromisses als die einzige richtige Lösung, Solange dem nicht Rechnuvg getragen werde, seien die Allgemeinen Zionisten verpflichtet in Opposition zu verharren und schärfste Kritik zu üben. Vielleicht sei die* Entwicklung der letzten Tage der Auftakt zu einer Acnderung, da die unvermeidlichen Neuwahlen eine Äendernmg in der Zusammensetzung der Regierung zur Folge haben könnten. Es sei ganz klar, daß die Arbeiterorganisation unter allen Umständen der ihr zustehende Anteil an der Regierung zugebilligt werden müsse. Dieser Anteil an der .Staatsführung solle aber im Rahmen einer Koalition zum Ausdruck kommen, mit dem Ziele, eine wirtschaftlich gesunde Basis für den Gesamtstaat und damit die notwendigen Voraussetzungen für eine Masseneinwanderung zu schaffen. Der Umstand, daß Israel keinen Friedensvertrag habe, daher auf rüsten und eine schlagfertige Armee zu organisieren habe, bedinge eine starke und große Bevölkerungszahl, die ohne Massenalijah nicht erreicht werden könne. Bei einer richtigen Wirtschaftspolitik, geführt durch eine ehrliche Koalition, so wie bei einer praktischen Einschaltung des Weltjudentums in die Aufbauarbeit, müßte es gelingen, nicht nur die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, daß Araber ihren Boden verlassen haben und dieser einer Kultivierung^ zugeführt werden könnte, auszunützen, sondern auch den Aufbau der Industrie in größerem Ausmaße zu forcieren als bisher. Die Losung, daß jeder Jude einen Teil seines Vermögens in Israel investiere, müsse Allgemeingut des Weltjudentums werden. So unwahrscheinlich es klingen mag, hätten die Juden in der Diaspora aus den bitteren Ereignissen nicht nur nicht genügend gelernt, sie verstünden auch nicht, daß es nicht nochmals eines Hitlers bedürfe, vielmehr auch andere Ereignisse einfreten könnten, die sie um die Früchte ihrer Lebensarbeit bringen könnten, und es daher nur dem gesunden Menschenverstand entsprechen würde und einer Versicherung gleichkäme, wenn sie einen Teil ihres Besitzes heute in Israel anlegten. Nicht unerwähnt dürfe bleiben, meinte Dr. Schmorak, daß eine wirtschaftliche Beteiligung des Wcltjudentums am Aufbau Israels sich naturbedingf j auch auf die Lenkung dieser Wirtj Schaft auswirken würde, mit anderen . Worten, daß eine wirtschaftliche Beteiligung des Weltjudentums den Juden der Diaspora Einfluß auf die 1 Wirtschaft Israels gehen würde. Die j Tatsache de? Bestandes Israels, setzte; Dr. Schmorak fort, veranlasse viele > zu der irrigen Ansicht, daß sich die;j Zionistische Weltorganisation überlebt habe und einer neuen Organisations- * form, nämlich dem „Verband der Freunde Israels“ weichen müsse. Aber j der jüdische Staat sei nicht nur eine j Angelegenheit der jüdischen Bevölke- '■ rung Israels, sondern auch Sache der! in der Diaspora lebenden Juden. Die j zionistische Idee propagiere den Auf- J bau Israels als vornehmste Aufgabe j des Judentums und bei der Propagiej rung dieser Idee hätte die Zionistische j Organisation die Rolle einer Avantj Garde zu spie’en. Gerade auf dem i kommenden Zionistischen Kongreß! werde der Kampf zwischen den Anhängern der Zionistischen Weltorganisation und der Gruppe „Verband der Freunde Israels“ zur Austragung gelangen und die Entscheidung in die-; sem Kampfe werde davon abhängen, ' wie weit es den Anhängern einer gesunden Wirtschaftspolitik Israels und einer starken zionistischen Weltorganisation gelingen wird, diesen Kongreß zahlreich zu beschicken. Wenn auch Israel unleugbar zu unserem Staat geworden ist, setzte er fort, dürfen wir nicht in den Fehler verfallen, unsere objektiven Schwierigkeiten zu verkennen, wir dürfen sie aber auch 1 nicht durch eine falsche Politik verj großem. Gegen eine derartige falsche Politik anzukämpfen sei Gebot des Taj ge:;, also zionistische Pflicht. In diesem Zusammenhänge müsse auch ein j offenes Wort über ein heikles Thema ausgesprochen werden : „Gerade jetzt, wo auf allen Gebieten des Aufbaus j unseres Landes zum Teil sehr große Schwierigkeiten bestehen, muß der Platz eines jeden bewußten Zionisten in Israel sein.“ Man dürfe sich nicht j abschreck.cn lassen von möglichen, aber I bestimmt vorübergehenden Schwiej rigkeiten, die dem Neueinwanderer naturbedingt begegnen. Es sei immer i als Gradmesser für die moralische j Stärke eines Volkes angesehen worj den, inwieweit in schweren Zeiten J die Masse des Volkes alle indivkiuel-! len Wünsche und Bedürfnisse im In- I teresse der der Nation und des Lanj des hintanzustcllen vermag. Und gej rade in unserer schwersten Zeit, bej tonte Dr .Schmorak stolz, hat das j Weltjudentum der ganzen übrigen j Welt ein eindrucksvolles Beispiel für ,j seine Verbundenheit mit Palästina ge- $ geben. Es werde nie vergessen wer- 1 den, daß Tausende junger Juden, off j nicht zionistisch organisiert, aus aller i Herren Länder nach Erez gekommen j waten, um für die Freiheit des Lanj des zu kämpfen und auch zu sterben, j Abschließend erwähnte Dr. Schmo- 1 rak ein •jüngst erschienenes Buch, das j jene Zeit beschreibt, als Cyrus den Ju- J den gestattete aus Babylon nach Paj lästina zurückzukehren, nur 70.000 aber j von dieser Erlaubnis Gebrauch mach- S len, die anderen aber „an den Wassern Babylons saßen und weihten.“ Vielleicht wäre es nicht zu einer Zer- Störung des zweiten Tempels gekommen, wären diese Juden, anstatt in Babylon zu bleiben, ebenfalls nach Isj rael gezogen, meinte Dr. Schmorak j und warnte davor in d.n g elchen Fehler zu verfallen und abermals durch ein Abseitsstehen die Existenz Israels zu gefährden. SCHUHE in bester Qualität und großer Auswahl, zu den billigsten Preisen ij SALZA WIEN X. OlIEU.HNSm 121 . TF.l.. U I