Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 42 (15.10.1950)
- Date
- 1950-10-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Ni*. 42 Die Bedeutung der jüdischen ilerzte für die Medizin von Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schur Ihrer Aufforderung über das obgenannte Thema eine kurze Abhandlung zu schreiben, komme ich umso lieher nach, als ich Rückblicke auf die Entwicklung unserer V issenschaft besonders liebe und in unserem Fall, mit Rücksicht auf den Neuaufbau unseres selbständigen Staates für besonders nützlich erachte, da wir viel leichter dem jungen Staate Rang und Ansehen verschaffen können, wenn er Beschäftigungen fördert, bei denen er zeigen kann, welche Teistungen wir in den alten so vielfach gehemmten Positionen aufgebracht haben. Detaillierte Kenntnisse in dieser Beziehung in allen Berufen werden uns die Möglichkeit schaffen, das Rechte auszuwählen, wenn wir den neuen Staat auf feste Füße stellen wollen. Im Jahre 1936 hat unser historischer Altmeister Max Neuburger der jetzt seit seinem 80. Geburtstag in USA lebt, in einem gehaltvollen Festvortrage anläßlich der Eröffnung des Weltkongresses jüdischer Aerzte in Jerusalem das Thema gründlich bearbeitet. Er konnte zeigen, wie die Kinder Israels seit ältester Zeit der Gesundheitspflege ihr größtes Interesse widmeten und dieses Interesse auch in den schlimmsten Zeiten, die ihnen die sogenannten Wirtsvölker zeitweilig, bereiteten, bewahrten. In den allerältesten Berichten, in denen der Bibel, sind es vornehmlich hygienische Vorschriften, die die Gesundheit, das höchste Gut der Menschen, erhalten sollen. Sie gewannen durch die Begründung, daß ihre Befolgung sie heiligen sollte, weil Gott ihr Urheber heilig sei, geradezu religiösen Charakter. Die k ö r p e r 1 i ch e Reinheit war es, die die vielen rituellen Bäder begründete. Die Reinheit der Seele war es, die frivole Körperentblößungen verbot. Das ging so weit, daß unser großer Lehrer im Mittelalter, Moses Meimonides, sogar der Ehefrau verbot, sich vor den Augen ihres Gatten zu entkleiden. Reinheitsbedürfnis führte zum Verbot des Genusses des Fleisches einzelner Tiere, wie der Schweine, der Kamele, der Hunde, und anderer verbotener Säugetiere, sodaß von diesen nur die Wiederkäuer dem Genuß freigegeben waren. Aerztliche Anschauungsweise könnte in diesen Verboten auch Verhütungsmaßnahmen gegen Infektionen mit Trichinen und Bandwürmern erblicken. Jedenfalls dienten die anderen Nährvorschriften diesen Zwecken. So z. B das Verbot des Genusses von „Zerrissenem auf dem Felde“, also von Aas. Daher die strengen Schächtgebote. Weniger verständlich ist die Auswahl bei den erlaubten Fischen. Im großen und ganzen sind diejenigen erlaubt, die das Volk kannte und nach Bauernart liebte. Die Weichtiere sind fast durchwegs verboten. Von Vögeln nur die Gänse, Enten, Tauben und Hühnervögel gestattet, wieder nur, Sendet Euren Lieben und Freunden in Israel Wasch-, Reinigungsmaterial und Toiletteartikel durch JOSEF FRUCHTER Wien VII., Neubaug. 71, Tel. B 27 021 Af ariah/iferst rasse 88a Zitahof, Telefon B 30 0 47 wenn sie kunstgerecht geschacht et werden. Es ist s«hr wahrscheinlich, daß alle die: c Verbote hygienische Gründe hatten, wenn auch zugegeben werden kann, daß die Ansichten der Alten bzgl. einzelner Nagetiere, Vögel und Fische nicht absolut zuverlässig waren, so könnten sie doch Vorsichtsmaßrege'n gegen Unbekanntes bedeuten. Aehnlich sind die vielen Eheverbote zu deuten. Sie sind zweifellos gegen die Inzucht gerichtet. Begründet werden sie jedoch vielfach mit der unbedingt gebotenen Ehrfurcht vor den Eltern, beispielsweise, wenn die Ehe mit der Schwester des Vaters oder der Mutier verboten wird. Jeder widernatürliche Geschlechtsverkehr sowohl Homosexualität als auch Sodomie ist verpönt und unter strenge Strafe gestellt. Sie sahen die Folgen dieser Laster bei den umwohnenden Völkern und wollten sie vermeiden, weil sie ein heiliges Volk sein wollten. Auch sexuelle Orgien, w ie die Bacchanalien der Griechen, erschienen den Juden anstößig und sittenverderbend. Von Prostitution wird freilich in ganz naiver Weise gesprochen und ihr Bestehen offenbar toleriert, aber nicht geschätzt und die ausübenden Mädchen nichi als Hierodulen, heilige Dienerinnen, verehrt. Ebensowenig d:e äußeren Geschlechtsorgane wie der Phallus, die bei den Bacchanalien den Zügen von Mädchen vorangetragen w urden. Es ist müßiges Gerede, wenn He ine die. asketische Ansichten der Israeliten als ungesunde Prüderie und als unsittliche Heuchelei geiselt und sich selbst als innerlich genußfrohen Hei den bezeichnet. Eine Welt, in der sich die Sexualität öffentlich gar zu breit macht, wäre zweifellos auch nicht nach dem Geschmack Heines und noch weniger das seines mißverstandenen Vorbildes Goethe gewesen. Die Schamhaftilgkeit bleibt die Grundlage unserer Sexualethik, selbst wenn wir ihre Gesetze als schwache Menschen manchmal übertreten aber jedenfalls nicht auf die Spitze treiben. Daß hier auch direkt die Gefahren von Infektionen ab'gewehrt werden sollten, ist aus den Texten nicht zu erkennen. Gegen die Verbreitung der Gonorrhoe sind die Reinheitsvorschriften und temporären Verkehrsverbote gewiß wirksam. Ihr prophylaktischer Charakter wild jedoch nicht betont. Es mag sein, daß die Polygamie und die strenge Bestrafung des Ehebruchs der Frau Geschlechtskrankheiten weitgehend verhütete. Syphilis scheint unbekannt gewesen zu sein. Gegen eine mit Jucken verbundene Hautkrankheit verordnete der Prophet Elisa Baden im schwefelhaltigen Jordan und verbot seinen Dienern jegliche Geschenkannahme von seifen des Kranken. Die Hebertretung dieses Verbotes führte (als Strafe Gottes) zur Ansteckung. Sonst dürften verschiedene Produkte (galenische Präparate) gegen verschiedene Krankheiten in Uebung gewesen sein. In den Zeiten der Abfassung des Talmuds ist das Interesse für die Gesundheit des Volkes unvermindert erhalten geblieben. Die Ursachenforschung wurde freilich durch die Anschauung, daß Krankheiten und früher Tod Folgen eines sündhaften Lebenswandels seien, stark gehemmt. Die Anschauung war auch im Christenfume die herrschende und wirkte sich wegen der größeren Macht der Kirche umso stärker aus. Der Rabbi wurde der Berater in Fragen der Gesundheit ebenso, wie auf religiösem Gebiet. Der innige Kontakt mit den Arabern brachte hier eine wesentliche Aenderung, vSie war schon durch den unmittilbaren Verkehr mit den g r i e ch i - s ch e n Philosophen in Alexandrien angebahnt. Das reiche Material, das die medizinischen Forschungen von Hippokrates und seinen Nachfolgern und namentlich die von Galen boten, wurde von arabischen und jüdischen Gelehrten übersetzt und so breiten jüdischen und arabischen Kreisen, die kulturell unter den toleranten und wohlwollenden Omajaden und Äbbassiden innrer mehr verschmolzen, zugänglich gemacht. Sie arbeiteten einträchtig an weiteren Liebersetzungen, ergänzten die so gewonnenen Erfahrungen durch eigene Entdeckungen, namentlich auf dem Gebiete der Pharmakologie und der Chemie. Einer wurde dem anderen zum Lehrer. Vor jüdischen Forschern nennt Neuburger Rabban al Tabari und seinen Sohn Ali (bekannter unter dem Namen Isaak Judäus) aus dem 10. und TL Jahrhundert und Rabbi Mose, den großen Maimonides auf dem 12. Jahrhundert. jahrhundertelang wurden die lateinischen Uebersetzungen ihrer Schriften in Deutschland, Italien und Frankreich verbreitet und nach Erfindung der Buchdruckerei noch im 16. Jahrhundert gedruckt. So war der berühmte arabische Arzt Razes Schüler al Tabaris. Für die deutschen Juden kam, wie für die Deutschen überhaupt, die Renaissance erst mit der Aufklärungszeit im 18. Jahrhundert zur Geltung. Sie machte sich bei den Juden umso stürmischer bemerkbar. Kaum waren die Pforten der Universität an einzelnen Orten geöffnet, hielten sie, die bis dahin in der engen Vorstellungs weit des Ghettos gelebt hatten, als eifrige Schüler ihren Einzug in den medizinischen Fakultäten. Als bedeutende Aerzte dieser Zeit nennt Neuburger den 1747 in Frankfurt a. d. Oder promovierten Markus Bloch, weiters den 1763 promovierten Lazar Hirse'.hl und den 1763 in Helle promovierten, Markus Herz, der als einfacher praktischer Arzt bedeutende philosophische und medizinische Abhandlungen veröffentlichte. Für die Juden war seine Streitschrift „gegen die allzufrühe Beerdigung bei den Juden“ von höchster Bedeutung. Wir müssen es uns versagen, die vielen anderen jüdischen Aerzte zu nennen, die in Deutschland und Oesterreich zur Geltung kamen. Es sei mir gestattet, aus Lokalpatriotismus der 3 köpfigen böhmisch-mährischen Äerztefamilie Jeiteles zu gedenken, von denen einer Anatom, die beiden anderen praktische Aerzte wurden. Wir hatten auch eine positive Bilanz bei der Ausfuhr jüdischer Aerzte zu verzeichnen, indem Louis Mandl als Laryngologe, David Gruby als »■uMnHiHiflinininiiiiiiiiiHiniiaj FR® SCHSMSCHffi & E. SCHAPIRH llJllllfllllIIIflIITlIllIRlIilllllllHIlflIAIliflIIIIIIIIII HOLZGROSSHANDLUNG HOLZEXPORT UND INTERNATIONALE HOLZAGENTUR Wien VI, Linke Wienzeile 4, II. Stiege, III. Stock Telephon A 30271 Nervenarzt und Kore ff als Magnetiseur und Nervenarzt in Paris sich große Positionen schufen. So ließen sich die ersten Vorboten der neuen Zeit auch in Deutschland gut an. Gleichzeitig zeigten sich die Folgen des verminderten Druckes auch auf anderen Gebieten. Die Juden konnten sich vom Kleinhandel abwenden, wurden Großhändler und Großunternehmer, Fabrikanten, Bankiers und Bankdirektoren, Baumeister, Ingenieure, Anwälte etc. Sie befruchteten dabei die Wirtschaft und großer Wohlstand erwuchs in breiteren Kreisen jener Ortschaften, in denen viele Juden wohnten. Gesellschaftliche Gleichstellung erweckte in Juden und Jüdinnen die Vorstellung völliger Gleichheit. Die Religion, die ja faktisch in diesen Kreisen nicht allzu ernst genommen wurde, wurde als lästiges Band abgeworfen, zumal in den geistig hochstehenden Kreisen zahlreiche Mischehen ein unbeschwertes genußreiches Leben versprachen. So wirkten die Salons, ehe sich um geistvolle und interessante Frauen entwickelten, zerstörend auf das Judentum als solches; viele jüdische Familien gingen dem Judentum verloren. Ein besonderes Beispiel dieser Art bietet die Familie Mendelssohn. Die Lebensgewohnheiten und der Familiengeist blieben in alten Bahnen. Aber die jungen Mitglieder fühlten sich recht wohl, wenn sie in den gehobenen geistigen Kreisen ein freies Leben führen konnten. Vielfach kamen sie dann dazu, ihre Ahnen wegen der Art ihrer Lebensführung zu mißachten und fremde Sitten vorzuziehen, den Verkehr mit anderen Juden lästig zu finden und so sich selbst zu mißachten. Für die Nichtjuden blieben sie freilich als Fremde verdächtig. Vor allem den sich selbst genügenden Nationalisten, die nach den Befreiungskriegen das sich anbahnende gute Verhältnis zw ischen Juden und Nichtjuden zu trüben bestrebt waren. Die Salons verschwanden und das alte Gefühl des Andersseins machte in der Gesellschaft einen tiefen Riß. Das warm geschriebene Buch des Sebastian Fl e n s e 1, des Enkels von Abraham Mendelssohn, über seine Familie, zeigt in seinem letzten Kapitel deutlich die Aenderungen der Gefühle der Umwelt und der Juden. Fortsetzung folgt. Cafe — Bar — Tanz Wien IX., Porzellangasse 39 Tel. R 52 405 Import Ixport WIEN I ElisabathstraB« 1