Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 42 (15.10.1950)
- Date
- 1950-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 42 Höhepunkte des Jahres 5910 Das jüdische Jahr im Rückblick von Dr. Jakob Rosenthal Das Jahr 5910, das dritte Jahr von Israels Unabhängigkeit, schrieb ein weiteres farbenvolles und spannendes Epos in das ewige Buch der Geschichte des jüdischen Volkes. Das Jahr, welches kürzlich zu Ende ging, war voll von erstaunlichen Leistungen in der Entwicklung des jungen Staates und es sah einen bemerkenswerten Fortschritt im Wachstum des Landes. Aber es war auch ein Jahr großer Schwierigkeiten und harten ökonomischen Kampfes für das Volk Israels. Nach geschichtlichen Begriffen war es ein großes Jahr. Seine Höhepunkte bildeten drei hervorragende Ereigniss.\ jedes von ihnen ein Meilenstein historischer Entwicklung. Dieses vergangene jüdische Jahr, das ein Jahrzehnt jüdischen Lebens beendete, welches erfüllt war von unvergleichlichem Martyrium und größtem Heldentum, von der Tragödie der Vernichtung und dem Wunder der Wiederauferstehung. Dieses vergangene jüdische Jahr, hatte das Privileg die Wiedererrichtung von Jerusalem, Israels ewiger Hauptstadt zu sehen. Es erlebte ein weiteres spannendes Kapitel in dem Drama unserer Zeit, die Sammlung der Vertriebenen, die Heimkehr des jüdischen Volkes aus allen Ecken und Enden der Welt, und endlich konnte es berichten, daß der letzte Jude die DP-Lager in Deutschland, Oesterreich und Italien auf seinem Weg nach Israel verlassen hat. Erfüllt von überwältigender Dramatik hat jedes dieser Ereignisse die Größe eines klassischen Epos ange- | nommen. Und iedes von ihnen wurde! von Israels Führern und Volk mit demselben hervorragenden Geist gehandhabt, mit derselben Tatkraft,Entschlossenheit und Ergebenheit, die die j junge Nation in den kritischen Tagen i ihres Befreiungskrieges charakterisierj te und welche die Bewunderung der j ganzen Welt erweckte.! ) Die Schlacht von Jerusalem. j Das Jahr 5910, das erste Jahr wirk-; liehen (wenn auch nicht formell geschlossenen) Friedens zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, sah den dramatischen Kampf des jungen Staates um Jerusalem, seine ewige < Hauptstadt. In diesem harten Kampf gegen eine mächtige Welt dunkler Kräfte von gestern und heute, gegen versteckte und offene Feinde von Israel stand der junge jüdische Staat nicht allein : Die Augen und die Herzen der Juden in der ganzen Welt wären in diesen kritischen Tagen auf Jerusalem gerichtet. Geführt vom organisierten Zionismus war die amerikanische Judenheit vom ersten Moment an auf der Wache; die Jerusalemer Frage wurde auf die Tagesordnung der internationa'en Diskussion gestellt. Israel hatte seinen .Sitz als vollberechtigtes Mitglied des Weltparlamentes gerade vor einem Jahr zum erstenmal eingenommen. .Sein Hauptkampf an der diplomatischen und internationalen F'ront w ährend dieses Jahreszetralisierte sich in seiner harten Schlacht um Jerusalem. Bei Eröffnung der Generalversammlung der U. N. am 20. Sept. 1949, am Vorabend des jüdischen Neujahres, in l lushing Meadows, w ar Palästina zum sechstenmale während der letzten 30 Monate auf die Tagesordnung gesetzt worden. Die sogenannte „Versöhnungskommission“ hatte einen Plan für Jerusalem eingereicht, der die vollkommene Internationalisierung der hei’igen Stadt mit einer dauernden Lf. N. - Regierung für Jerusalem vorschlug und es war bekannt, daß dieser Vorschlag einen Todesstoß dem jungen jüdischen Gemeinwesen versetzen sollte. Trotz kleiner Konzessionen bezüglich lokaler Autonomie in den jüdischen und arabischen Sektionen des Gebietes, war das Ziel des Planes, die Stadt Davids für immer den Händen des jüdischen Volkes zu entwinden und so das Herz dem jungen Staate herauszuschneiden. Das Blasen der Schofar am Rosch Haschana kündigte Israel und den Juden der ganzen Welt den Beginn einer neuen Schlacht um die Stadt des Friedens, um des jüdischen Volkes ewige Hauptstadt, an. Die heilige Stadt in jüdischen Händen zu behalten, das war der Grundton der Neujahrspredigten der meisten der 1800 Synagogen in Amerika. In Jerusalem und Jn ganz Israel wurden gigantische Massenversammlungen unter der Parole „Keine ausländische Herrschaft“ abgehalten. Schärfste Proteste gegen die Internationalisierung wurden laut und Drohungen von „passiver Resistenz“ wurden ausgestoßen. Israel blieb fest in seiner entschiedenen Zurückweisung einer jeden Form von internationaler Herrschaft über das jüdische Jerusalem. Israels Delegation bei der U.N., geführt von Außenminister Mosche Scharett und Abba Eban, dem ständigen Uno-Vertreter, bekämpfte mit allen Mitteln die mächtigen Kräfte, die den jüdischen Staat zerstückeln wollten. Israels Delegation wTies sowohl den Plan der „Versöhnungskommission“ als auch den von Australien vorgeschiagenen Treuhänderplan zurück, bezeichnete den Plan als ungerecht, unrealisierbar und in Wiederspruch mit den Wünschen der Jerusalemer Einwohner. Sie brachten einen eigenen Plan für die Sicherung der heiligen Stätten. Die israelischen Delegierten akzeptierten das Prinzip der internationalen Aufsicht der UNO über die heiligen Stätten in Jerusalem, verlangten jedoch diese Kontrolle auf die heiligen Stätten zu beschränken, sodaß das „internationale Regime von funktionellen und nicht von territorialem Charakter sei.“ Alles vergebens. Diejenigen, die hinter dem Internationalisierungsplan standen, waren weniger an dem wirklichen Problem Schutz der heiligen Stätten ■— interessiert, als daran, daß Jerusalem unter keinen Umständen in den Händen der Juden bleiben dürfe. Obwohl unter den Anhängern des Planes viele ihre tiefen Zw'eifel über seinen praktischen Zweck verstecken und offen zugeben, daß der Plan schwere Mängel hätte, so war doch ihre gegnerische Einstellung zum israelischen Staat zu stark, um sie eine andere Lösung in Betracht ziehen zu lassen. Dieser Mangel an realistischer Auffassung während monatelanger Verhandlungen über die Jerusalemer Frage, brachte jedem die endlosen Diskussionen und unrealistischen Debatten in Lake Success in den kritischen Tagen des Mai 1948 in Erinnerung. Tn Tel-Aviv erklärte der Premier- Minister die alte Entscheidung über Jerusalem vom 29. Nov. 1947 als nichtig. Er fügte hinzu, daß die Juden nicht w eniger bereit se'en, sieh für Jerusalem zu opfern, als es die Engländer für London, die Russen für Moskau oder die Amerikaner für Washington wären. Scharett hatte recht, wenn er die Versammlung erinnerte : „Es ist jetzt schon alles ein Teil der Geschichte und man kann das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen . .. Als die Juden allein gelassen wurden, um zu kämpfen oder sich zu ergeben, da kämpften sie und gewannen. Was sie zuriiekgewanren war nicht bloß ihr Einsatz in Jerusalem, sondern auch die Verbindung zwischen ihm und dem Staat Israel.“ Das ewige Jerusalem. Und so kam es, daß an demselben lag, (es war ein kalter Wintertag in der Mitte Dezember 1949), als eine seltsame Union, gebildet von Vatikan, Moskau und den Moslems, sich die Hand in llushing Meadows reichte, um ein internationales Regime in Jerusalem unter U. N. Treuhänderschaft durchzusetzen, die wirkliche Entscheidung über Jerusalems Schicksal schon gefallen war in Jerusalem selber. So wie im Mai fiel die Entscheidung nicht in Elushing Meadows, sondern auf den Hügeln von Judäa. Hier wurde der Sieg erfochten. In der Woche von Chanuka, des alter jüdischen Lichterfestes, in Erinnerung der Befreiungskriege der Makkabäer, machte Israel seinen historischen Schachzug : Jerusalem wurde aufs neue als ewige Hauptstadt designiert. Am Dienstag, den 13. Nov. 1949 (vier Tage nach der Entscheidung der Generalversammlung) erklärte Premierminister David Ben Gurion der Kr.esseth : „Wir waren gezwungen, während des Krieges, zur Zeit der Belagerung, Jerusalems, den Sitz der Regierung in Haknra bei Tel-Aviv zu errichten. Aber für den Staat von Israel gibt es, gab es und wird es immer nur eine Hauptstadt geben, Jerusalem die ewige Stadt! So war es vor dreitausend Jahren und so glauben wir, w ird es sein bis zum Ende aller Zeiten.“ Die Sammlung der Verstreuten. Während des alten jüdischen Jahres wurde der messianische Ruf zur Sammlung der Vertriebenen von den ältesten jüdischen Gemeinwesen gehört, welche abgeschnitten vom Hauptstrom des pulsierenden jüdischen Lebens über entfernte und isolierte Gebiete in der Wüste Jemen, in der arabischen Halbinsel, an der nördlichen Küste Afrikas, oder in Abessinien verstreut waren. 5910 w ar das Jahr, welches die Jemensage schuf. Bezeichnet als die dramatischeste Bewegung in der Geschichte der modernen Emigration, ist der Auszug aus J«men eines der größten Epen des Kibbuz Galujot. (Sammlung der Verstreuten). Die oft erzählte Geschichte der Heimkehr dieses alten und treuen Stammes Israels, der Söhne und löchter einer jüdischen Gemetnschaft, die sich ihre alten Traditionen und Gebräuche durch Jahrhunderte bewahrt haben, auf den „Flügeln der Adler“ wird auch in Zukunft die Phantasie von Israels Kindern und J u g e n dl ich e n b e s ch ä f t i ge n. Innerhalb der kurzen Periode von 90 lagen wurde ein 1000 Jahre altes Ghetto liquidiert. Während der ersten drei Monate des Jahres wurden ungefähr 29.000 verarmte, halbverhungerte und kranke Männer, Frauen und Kinder mit Hilfe von Flugzeugen aus Südarabien nach Israel gebracht. Das gesamte jemenitische Gemeinwesen von ungefähr 35.000 bis 40.000 Seelen wird von Israel gegen Ende des Jahres 5910 aufgenommen worden sein. Jemen war sicherlich das älteste jüdische Gemeinwesen, welches in diesem Jahr liquidiert wurde, aber es war nicht das einzige. Das Jahr 5910 sah verschiedene jüdische Gemeinwesen, als Folge der Auswanderung aller ihrer Mitglieder nach Israel, von der jüdischen Landkarte verschwinden. Viele andere sind nahe daran a u fg e 1 ö s t z u vv erden. Einwandcrungsprogranim überschritten. Getrieben sowohl vom Elend und Diskrimination, als auch von der tiefeingewurzelten Sehnsucht nach Zion, strömten die Emigranten in weit größeren Zah'nn nach Israel, als von den verantwortlichen jüdischen Einwanderungsbehörden um Beginn des Jahres angenommen wurde. Nach Angaben von Jizchak Rafael, Vorstand der Einwanderungsabteilung in Jerusalem, war ein Programm von 150.000 Einwanderern für das Jahr vorbereitet worden. „Errichtet auf gehenen Möglichkeiten und Notwendigkeiten, zog es eine Einwanderung von 100.000 aus den Ländern des Islams und von 50.000 aus Europa in Betracht. Der Plan vernachlässigte jedoch sowohl den großen Zustrom aus den Ländern hinter dem „Eisernen Vorhang“ (besonders aus Ungarn und Rumänien), als auch aus den hilflosen jüdischen Gemeinwesen in gewissen arabischen Ländern. Es wurde jedoch vorausgesagt, daß unter den neu geschaffenen Verhältnissen die Zahl sich auf zumindest 200.000 vergrößern w ird. Und die Verhältnisse ändern sich : Einen Monat vor Pessach erklärte die irakische Regierung ihre Bereitwilligkeit, 100.000 bis 150.000 Juden die Erlaubnis zur Auswanderung nach Israel innerhalb eines Jahres zu geben. In dieser Pessachwoclve, dreieinhalb Tausend Jahre nach dem Auszug der Juden aus Aegypten begann ein neuer Auszug aus einem arabischen Land nach Israel, diesmal aus Irak. Obwohl es zur Zeit noch keine beglaubigten Berichte oder genaue Zahlen über den Fortschritt dieses neuen Auszuges gibt, stimmen alle Berichte aus Israel überein, daß die Jewish Agency wird sehr schnell handeln müssen, um die Frist, die von den irakischen Behörden für die Abreise der Emigranten gesetzt wurde, einzuhalten. Dr. Georg Josephtal, Direktor der Aufnahmeabteilung der Jewish Agency, erklärte in Newr York, daß die neue Einwanderung ungefähr 80.000 Juden betreffe und ca. 60,000.000 Dollar kosten wird, welche von den amerikanischen Juden durch erhöhte Beiträge zum U. J. Ä. aufgebracht werden müssen. Es erscheint fast sicher, daß die jüdische Einwanderung während des Jahres 5910 die Gesamtzahl von 200.000 Seelen erreichen ward, was einen neuen Rekord in der Geschichte der Emigration der modernen Zeit darstell tl. Hier sind einige Zahlen, welche graphisch das große Drama der jüdischen Wanderungen, Israels schöpferische Aulnahmefähigkeit, sowde den Mut und die Ergebenheit seitens des Volkes darstellen. Mit der Rekordzahl von 247.000 Einwanderern, die das Land, im Jahre 5909 (1948, 1949) aufnahm, werden in Israel bei Jahresende ungefähr 450.000 Emigranten seit Errichtung des Staates angekommen sein. Das sind ungefähr so viele wie in den ersten 25 Jahren des britischen Mandates (1941 als 502.000 angegeben) eingewandert sind. Diese Leistung erscheint noch erstaunlicher, wenn wir uns erinnern, daß die Gesamtsumme der Emigranten seit 15. Mai 1948 ungefähr 75",o der Einwandererzahl der vergangenen 67 Jahre, vom Beginn der ersten Alijah 1882, bis zum Ende des britischen Mandates, beträgt. Das erste Jahr deis Friedens. Der Waffenstillstand zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn blieb während des ganzen Jahres in Kraft. Ausnahmen bildeten unbedeutende Grenzzwischenfälle und Drohungen einer „zweiten Runde“. 5910 war das erste Jahr in Frieden, idessen sich der junge jüdische Staat seit seiner Gründung erfreuen konnte. In diesem ersten Jahr des Friedens, in der kurzen Geschichte des Staates, stand jedoch das jüdische Volk in einem anderen Kampf, in dem harten ökonomischen Kampf. Und es waren die gewaltigsten, fast Übermensch liclien Anstrengungen notwendig, um die großen konstruktiven Aufgaben des Aufbaues zu erfüllen, um die Hilfsquellen der Heimat zu entwickeln, um des Landes Aufnahmefähigkeit zu erhöhen und um weiteren Lebensraum für neue Einwanderer zu schaffen.