Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 41 (11.9.1950)
- Date
- 1950-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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CDie Stimme Seite 5 Nr. 41 Am Vorabend des zionistischen Kongresses Jüdische Probleme in Oesterreich Gesehen von einem ausländischen Journalisten m Mit der Entstehung des jüdischen Staates schloß eine ruhmvolle Epoche der zionistischen Weltorganisation ab, gleichzeitig entstand aber eine Krisis, die sich sowohl auf das ideologische wie auch auf das organisatorische Gebiet erstreckt. Es wäre falsch, diese Tatsache zu verschweigen oder zu vertuschen, auf der anderen Seite wäre es jedoch auch nicht richtig, es zu sehr zu betrauern, daß die zionistische Organisation durch die Entstehung des jüdischen Staates oft in den Hintergrund rückte und oftmals stief mütfer'ich behandelt wurde. Wirmüs sen u is ein für allemal klar werden, daß unser Endziel, die Errichtung des jüdischen Staates, verwirklicht wurde und daß diese Krise kommen mußte. Wir müssen uns vielmehr he ’miihen, der zionistischen Organisatior einen neuen Inhalt zu geben und diei sowohl in ideologischer, organisatorischer und praktischer Hinsicht, der es ihr dann ermöglichen wird, ihre Autorität und ihr Prestige von neuem zu festigen. Die letzten zwei Jahre haben den klaren Beweis gebracht, daß die zionistische Weltorganisation eine Notwendigkeit ist, und über diesen Punkt gab und gibt es auch keine Meinungsverschiedenheiten. Es gab zwar Reibereien zwischen dem Staat und der zionistischen Organisation, aber beiden ist es klar, daß sie sich gegenseitig ergänzen u'd benötigen und daß ein Weg gefunden werden müsse zur gemeinsame 1 konstruktiven Zusammenarbeit. Es klingt wie ein Paradox, aber die , Hafrada“ (Aufteilung der Funktionen) obwohl viele sie für unnötig fanden wurde doch rechtzeitig durch geführt. Viele einflußreiche Regierungsleute waren und sind so verstockt, daß sie die zionistische Organisation, ihre Landesexekutiven und ihre Führer, die so viel zur Errichtung des Staates beitrugen, geringzuschätzen begannen. Man hat Nichtzionisten, oder wenig bekannte Zionisten zur Mitarbeit herangezogen und der zionistischen Oeffentlichkeit vorgestellt, um auf diese Art die notwendigen materiellen Hilfsmittel zu erhalten. Auf diese Art werden die oben erwähnten langjährigen zionistischen Mitarbeiter bewußt diskreditiert. Es kam zur Krisis * des „Magbith Meuchedet“ (United jewish appeal) und zur Beseitigung von Silver und Newman. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, daß diese Krisis auf rein persönliche Motive zurückzuführen sei, sie hat vielmehr tiefergehende Ursachen, die darin bestehen, daß die jetzigen Machthaber der Mapai sich die zionistische Organisation unter ihr ausschließliches Diktat unterstellen wollten und dies durch die Kanäle der Regierung durchzuführen versuchen. Silver und Newman sprachen im Namen der größten zionistischen Landesorganisation der gesamten Welt, während Morgentau, dessen Verdienste niemand unferschätzm wird, nicht das zionistische Hinterland hinter sich hatte, sondern mur die moralische Autorität der israelischen Regierung. Die zionistische Weltorganisation verlor viel von ihrer Gewichtigkeit nud Macht, da das Endziel durch die Schaffung des jüdischen Staates erreicht wurde und die Krisis entstand naturgemäß, weil die Außenpolitik die treibende Kraft der Bewegung von ihr auf den Staat überging. Die wSamml'ungen für die zionistischen Fonds wurden ihrem Einfluß entzogen und dem United jewish appeal übergeben; die zionistische Jugendarbeit wurde zwischen den Parteien aufpeteilt, sodaß sich die zionistische Weltbewegung nur mehr mit dem Verkauf von Schekalim zu beschäftigen hat ein Symbol, daß sie von ihrem Einfluß und Wert nach außen hin außerordentlich viel verloren hat und nur mehr zu einem Mittel geworden ist, zum zionistischen Kongreß zu wählen oder gewählt zu werden. Unberücksichtigt der schweren Lage in welcher sich die zionistische Organisation befindet, hat sie ihre Aufgabe noch nicht erfüllt und ihre Rolle bei der Festigung des jüdischen Staates ist noch lange nicht zu Ende. Die zionistische Organisation muß das heilige Feuer in der ganzen jüdischen Welt wieder neu entfachen und mit ihrem ganzen Einfluß wieder auftreten lernen. Dies kann nur geschehen, wenn die zionistische Organisation wiedei eine Kampfbewegung in der jüdischen Gasse wird mit dem Ziel, die jüdische Welt zu zionisieren und sie durch einen Immerwährenden hartnäckigen Kampf gegen alle Assimilationstendenzen zionistisch zu erziehen und in ihnen so die positive Einstellung zum zionistischen Aufbauwerk wieder zu erwecken. Dies wird dann geschehen, wenn die zionistische Organisation wieder die unumschränkte Herrscherin in allen Zweigen des jüdischen Lebens sein und dieses auch beeinflussen können wird. Auch muß die gesamte jüdische Gegenwartspolitik in allen Ländern sich in zionistischen Händen befinden und darf nicht Nichtzionisfen überlassen werden. Die jüdische Regierung muß endlich verstehen, daß jeder Jude in der Welt ein Scheliach sein kann und nicht nur die, die die offizielle Erlaubnis und das Amtssiegel von der Regierung besitzen. Der 23. zionistische Kongreß wird die Aufgabe haben, die zionistische Bewegung auf den richtigen, zum Zie’e führenden. Weg zurückzubringen, ihr den Einfluß auf das jüdische Leben in der Diaspora zurückzugeben und ihr zu ermöglichen, ihr gewichtiges Wort betreffend der inneren Verhältnisse in Israel zum Ausdruck zu bringen; denn nur so eine stark fundamentierte zionistische Bewegung wird ihre historische Aufgabe, den Aufbau des jüdischen Staates, die sicher noch lange auf ihr lasten wird, erfüllen können. rrrn nsvrr nfccrrrvn Die Hebräische Schule in Wien, XVII., Arzbergerg. 2, Tel. B 43 5 63 An die jüdischen Eltern, an die jüdische Jugend in Wien! Wir nähern uns dem neuen Schuljahr 1930 31 und erinnern hiermit unsere Elfern, Schüler und Jugendliche daran, daß wir mit dem Unterricht am 1. September 1950 anfangen werden . Da wir in der Schule Zieglergasse gekündigt w urden, haben wir mit verschiedenen jüdischen Instanzen und Behörden verhandeln müssen und es ist uns gelungen, die Arzberger Schule, die immer eine gute Schule war, nur für unsere Unterrichtszwecke für das nächste Schuljahr zugesprochen bekommen. Auf diese Weise werden wir unsere Aufgabe gegenüber der jüdischen lugend und im jüdischen Geiste erfüllen und unsere erzieherische Arbeit fortsetzen können. Auch dieses Jahr werden einige Lehrer aus Israel in unserer Schule ’ehren und unseren Bemühungen nach werden sie uns behilflich sein, die Schüler in den meisten Fächern zu bebräisieren. Wie im letzten Jahre haben wir auch dieses Schuljahr das Auto täglich für die Schüler gesichert. Außerdem werden auch Frühstück und Mittageslsen für die Schüler gegeben werden. Wir wenden uns mit der Bitte an alle Eltern, Schüler und Jugendliche, daß sie die gegebenen Möglichkeiten für ihre hebräische Fortbildung und Vervollkommnung benützen, ihr Studium in der hebräischen Schule fortsetzen und neue Schüler von ihren Familien und Bekanntenkreis in die Schule senden sollen. Die Schulleitung Von den Häuptern der österreichischen Regierung kann man heute zahllose Erklärungen hören, die alle darauf hinauslaufen, daß die Behandlung der Juden in Oesterreich höchst demokratisch und anständig sei. Vertieft man sich jedoch in die höchst komplizierten Probleme der österreichischen Juden, so gelangt man unschwer zu dem Ergebnis, daß der Begriff „Gerechtigkeit“ ein in den Augen der Oesferreicber sehr dehnbarer ist, sobald er sich auf das Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung des Landes bezieht. Man findet, daß, obwohl die Mauern niedergerissen wurden, die die Nazis im öffentlichen Leben zwischen Juden und „Ariern" aufgerichfet hatten, die österreichischen Juden heute noch recht weit davon entfernt sind, sich im Besitz ihrer Rechte zu fühlen. Im Gegentei1, sie wissen, daß die Versicherung der verantwortlichen Behörden, den Juden werde volles Recht zuteil, mit der Praxis nicht übereinstiimmt. Sie wissen, daß ungeachtet der schönen Reden keine Neigung besteht, ihre rechtliche Lage grundlegend zu ändern, daß sie in Oesterreich nicht gerne gesehen sind, und daß kein aufrichtiger Wille herrscht, das ihnen angetane Unrecht im vollen Ausmaß wiedergutzumacben. Sie wissen, daß irgendwo in höheren Regierungskreisen Kräfte am Werk sind, die ihnen feindlich gesinnt sind, Kräfte die jegliches Bemühen, die gerechten Forderungen der österreichischen Juden zu erfüllen, sabotieren. Woran erkennt man die Benachteiligung der Juden in Oesterreich? Ueber den schweren Kampf, den die Juden Oesterreichs heute führen, um das jüdische Vermögen zu retten, das herrenlos zurückgeblieben ist. habe ich bereits In einem meiner früheren Artikel berichtet. Von den anderen Tatsachen, die auf eine negative Behandlung der Juden hinweisen, werde ich nur zwei der hervorstechendsen erw ähnen : Die österreichische Regierung setzt sich über die berechtigte Forderung jüdischer Opfer des Nazismus hinweg, die verlangen, von der „Besatzungsr Steuer“ ausgenommen zu werden. Es ist schwer zu verstehen, warum ein Jude, der mehrere Jahre in nazistischen Vernichtungslagern zugebracht hat, verpflichtet sein sollte, die Besatzungssfeuer zu zahlen, die der österreichischen Bevölkerung auferlegt wurde, weil sie am Krieg gegen die Alliierten aktiven Anteil genommen hatte. Eine solche Maßnahme würde durchaus keine Erschütterung der staatlichen Finanzen Oesterreichs bedeuten; andererseits wäre eine Befreiung von dieser Steuer eine schöne Geste seitens der österreichischen Behörden, die eine gewisse Anteilnahme am Schicksal der Juden während der Naziherrschaft zum Ausdruck bringen würde. Einen äußerst ungünstigen Eindruck macht auch die Tatsache, daß sich die österreichische Regierung hartnäckig w eigert, in der Frage der Gewährung von Entschädigungen an jene Juden, die längere Zeit in Konzentrationslagern zubringen mußten, auch nur einen Schritt zu einer produktiven Lösung zu tun. Es gab in Oesterreich eine größere Anzahl solcher Lager mir scheint, es waren deren 60. Die Antwort der österreichischen Regierung auf alle Bemühungen, in dieser Frage eine gerechte Lösung zu finden ist die, daß Oesterreich mit der finanziellen Verantwortung für die vom dritten Reich verübten Greul nicht zu belasten sei, da Oesterreich von den Nazis gewaltsam besetzt wurde. Es ist jedoch schw er zu verstehen, w arum sich die österreichische Regierung über die Tatsache hinwegsetzt, daß 10.000 sende dieser ehemaligen KZ-Häftlinge beim Bau von Straßen in Oesterreich, bei der Ausführung wichtiger Ausbesserungsarbeifen an den österreichischen Verkehrswegen, und nicht zuletzt in österreichischen Steinbrüchen beschäftigt wurden. Diese Häftlinge haben Schienen gelegt, Fabriken und Kraftstationen errichtet, Dinge, die auch heute noch zum Nutzen des österreichischen Staates bestehen. ln der Siedlung Klein-München bei Linz zeigte mir Ing. Simon Wiesental, der Vorsitzende des jüdischen Komitees, eine lange Reihe grauer Gebäude, die den Namen : „Vereinigte Eisen- und Stahlwerke“ tragen. In den Jahren der Naziherrschaft hießen diese Werke „Hermann Göring Eisen- und Stahlwerke“. Hier arbeiteten tausende jüdische Häftlinge. Tausende von ihnen wurden hier ermordet öder zu Tode gequält. Es war nicht zuletzt das Blut dieser Häftlinge, das die Räder des Werkes in Bewegung hielt. Nach dem Krieg — erzählte Herr Wiesental - gingen diese Werke in den Besitz der österreichischen Regierung über. Diese hat den Namen Hermann Göring von der Firmentafel igelöscht, und anstelle von Häftlingen arbeiten jetzt Lohnarbeiter in der Fabrik. Einige hundert Juden jedoch, die zur Zeit der Naziherrschaft dort arbeiteten, befinden sich noch am Leben, 60 von ihnen habe er organisiert. Er schickte der Werkleitung einen Brief mit der Forderung, das Werk möge die Arbeit, die die Häftlinge umsonst geleistet hatten — frierend, hungrig und mißhandelt — bezahlen. Er machte auch eine genaue Rechnung der Stunden, die jeder Häftling dort gearbeitet hatte. „Und wie lautete die Antwort der Fabriksleitung?“ „Sie antw ortete, daß sie nicht daran dächte, uns auch nur einen Groschen zu bezahlen, da es kein Gesetz gäbe, das sie dazu zwingen könne.“. „Und wlas geschah dann?“ i „Wir wandten uns an das Arbeitsgericht, aber auch dort hat man unsere Forderung aus dem Grund verworfen, daß es kein Gesetz gebe, auf das sie sich stützen könnte. Ob Sie es nun glauben oder nicht“ so schließt Wiesental, früherer KZ-ler und Partisan, seine Ausführungen „ich habe kein rechtes Vertrauen mehr in die Aufrichtigkeit der von der Regierung den Juden gegenüber gemachten Versprechungen, und auch kein Vertrauen in die Aufrichtigkeit der Absicht der Regierung, den Juden volle Wiedergutmachung zu leisten. Sogar in Deutschland bezahlt man jedem Häftling eine eine gewisse Summe für jeden Tag, den er im KZ verbrachte. Hier jedoch, unter dem Deckmantel der Demokratie und der Gerechtigkeit, versteht man es zu verhindern, daß das getane Unrecht wiedergutgemacht werde.“ Wenn man solche Dinge hört, und sich in diesem Zusammenhang auch an das schwebende Problem des jüdischen Vermögens erinnert, dessen Erben nicht ermittelt werden können und das die österreichische Regierung der jüdischen Bevölkerung zu entziehen beabsichtigt, wenn man sich daran erinnert, daß es viele Juden bis zum heutigen Tage unmöglich ist, die ihnen geraubten Wohnungen zurückzubekammen, beginnt man in der Tat an der Aufrichtigkeit der schönen Worte zu zweifeln, mit denen man hier über Demokratie und Gerechtigkeit spricht.