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Die Stimme · 1950-03-30 · Heft 34 (30.3.1950) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1950
Issue
Heft 34 (30.3.1950)
Date
1950-03-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Ü.)ie Stimme Nr. 34 wenn es ihm gefiel und seinen Kollegen zu schlagen. wenn er vielleicht heim Kartenspiel gewann. Es gibt aber sehr viel primitive Mensehen mit primitivem Mordinstinkt. Ks war wunderbar 1’iir sie. wenn plötzlich kein Verbot mehr bestand, jemanden zu beschimpfen, jemand zu schlafen und wenn das Schlußwort kam. eine Million kleiner Kinder zu ermorden. Kr hatte die Zustimmung mindestens einer Hewogung — in Ländern in denen der Antisemitismus nicht herrschte — des Staates — in Ländern, in denen er herrschte. Er bekam für den Kindermord hohe Stellen und hoho Orden. Diese beiden (.truppen, die (1 esclieiterten und die verhinderten Verbrecher zieht es zum Antisemitismus, wo sie das geeignete Material für antisemitische Demagogie darstellen. (Beifall.) Vorsitzende r: "Wollen Sie noch etwas sagen. Herr Doktor? Dr. L e wi n: Seitdem es den Staat Israel gibt, ist der Antisemitismus kaum noch ein jüdisches Problem. Kleine Gruppen von Juden müssen sich nicht mehr gegen den Antisemitismus verteidigen, sie können als freie Bürger zu uns kommen. Wenn ich aber ein Italiener. Franzose oder Österreicher wäre, dann würde ich mich gegen den Antisemitismus verzweifelt wehren. Noch niemals hat dieser aufgereizte Mord bei den Juden halt gemacht. Man kann Haß und Mord nirgends auf der "Welt sozusagen ..mit beschränkter Haftung" hervorrufen und züchten. (Lebhafte Zustimmung.) Vorsitzender: Nun. meine Damen und Herren, bitte ich Sie um Ihre Fragen. Frag e: Greifen wir vielleicht zurück in die nicht zu ferne Vergangenheit. Wir war es denn in Österreich und in Wien vor dem Jahre 1938? Hat es da nicht ganzb Häuserzeilen gegeben, wo es viele jüdische Firmeninhaber gab? Vielleicht ist der Antisemitismus da nicht unmittelbar einem Haßbedürfnis entsprungen, sondern vielleicht bis zu einem gewissen Grad einem gesunden Sinn der bodenständigen Bevölkerung, gewisse Gegegensätze auszugleidien. Ist nicht auch der numerus clausus an den Hochschulen bis zu einem gewissen Grad dom Bedürfnis entsprungen, eine Einschränkung zu treffen, und zwar aus dem Grund heraus, weil es Berufe gegeben hat, die zu einem hohen Prozentsatz von Juden besetzt waren. Ist das also nicht als eine Konkurrenz. als eine gesunde Abwehr der bodenstä ndigon Bevölkerung aufzufassen? V o r sitz e n d e r: Herr Professor Dobrowolny, bitte! Professor I) o b r o wo 1 n y: Ich meine, daß das rein Wirtschaftliche (loch nicht; das Ausschlaggebende ist. Man kann geschichtliche Ereignisse -- Judenhaß ist ein solches Ereignis — nicht allein aus einer einzigen Ursache erklären. Alles, was sieh in der Welt begibt, entsteht: durch ein Zusammenwirken der verschiedensten Motive. Dazu gehören unter anderem .auch das wirtschaftliche und das religiöse Moment. Insbesondere weise ich darauf hin. daß zum Beispiel ein Judo in dem Augenblick, in dem er seiner Hohginri abgeschworen hatte und sich etwa zum Christ ent uni bekannte, wenn er also getauft wurde, bereits gesellsehaftsfähig. mitunter sogar hoffähig wurde. Dr. L e w i n: Dieses Argument vermag ich nicht zu begreifen. In einem Lund und in einem Staat, in dem Grund und Moden frei zum Verkauf -teilen, i't es daliecht, des Menschen, zu kaufen. Wenn es in einem Dorf ein kleiner Mann dazu bringt, ein Hans zu erwerben, dann wird er von seinen Mitbürgern geachtet.. Infolgedessen ist dieses Argument verlogen. Deswegen, weil die .luden Häuser haben, -ind sie nicht verachtet worden. ( Zustimmung.) Präsident, .Marek: .Seien Sie mir nicht, böse. Herr Professor Dobrowolny. wenn ich ihrer Auffassung nicht, beiptlichte. Ich möchte Herrn Dr. Lewin beipllichten. der erklärte, daß es die Gescheiterten waren, die die .luden so besonders haßten. Welche Kaufleute haben sich durch die jüdische Konkurrenz zuriiekgesetzt gefühlt? Die Untüchtigen, die ihre Geschäftsauslagen verstauben ließen! Welcher arische Arzt hat sich gegenüber dem jüdischen Arzt, der auch als Krankenkassenarzt die Proletarierkinder in der Xacht am Fieberbett betreute. zurückgesetzt, gefühlt? Derjenige. der lieber als alter Herr einer schlägerschlagenden Verbindung trachtete. daß seine Schmisse durch reichlichen Alkoholgenuß rot aufflammen. Welche Juristen haben sich gegen den jüdischen Advokaten zuriiekgesetzt gefühlt? Diejenigen, die die Bundesgesetzblätter unaufgesehnitten dem Kanzleifräulein überlassen haben und dann bei der Berufungsverhandlung dem jüdischen Anwalt zornschnaubend gegenübergestanden sind, der seinen Mandanten auf dem Boden des Gesetzes vertreten hat, In den Tagen, als die Konkurrenz weg war. — sie sind noch in unserer Erinnerung — als die jüdischen Geschäfte geplündert wurden, war es nicht nur der "Mob, da waren cs nicht nur die Gestalten der Unterwelt, die aus den Winkeln herausgekommen waren, sondern es waren auch viele Bodenständige dabei und wir haben alle Ursache, diesen Ausdruck ..bodenständig“ nicht in den Mund zu nehmen. (Beifall.) Das riecht nach Stürmer und SA-Stiefel, bodenständig, das riecht nach Mord und Unrecht. Ich bin auch nicht der Meinung, Herr Professor Dobrowolny, daß die Taufe eine Änderung in der Auffassung der Menschen bewirkt. Zugegeben, im alten Österreich hat man einzelne jüdische Bankiers, damit sie die Baronie bekommen können, veranlaßt, katholisch zu werden. Wenn wir aber die Protokolle der Landtagssitzungen von damals zur Pland nehmen, dann sehen wir einzelne Vertreter der sozialistischen Partei einer kompakten Masse der Christliehsozialen gogeniiberstehen und wie unseren unvergeßlichen Dr. Viktor Adler für die Hechte der Arbeiterschaft kämpfen. Wir sehen, wie die Vertreter der christlichsozialen Partei — und darunter auch Angehörige des katholischen Klerus - die Ausführungen unseres großen Lehrers Viktor Adler immer wieder mit sicher nicht, geistreichen Zwischenrufen unterbrechen. ..Jossas, der Jud’ red’t schon wieder!“. ..Jüdische Frechheit!“ hieß es damals. ...lud’ bleibt Jud'. auch wenn er getauft ist“, sagte Prälat Schleicher im Xiederöstorreichisehen Landtag. Wir schon daher, daß die Taufe, das Empfangen des Sakraments der kalholischon Kirche den Judenhaß gar nicht beseil igt. ( Meifall.) F rage: Ich hin Lehrer und möchte zu diesem Problem auch etwas sagen- Es handelt sich hier wirklich um eine Sache der Erziehung. Vor vielen Jahren, vor dem unglücklichen Sys!cm der Vazi. hallo ich in meinen Klassen, in denen ich unlorrichlete, Juden und Christen. Ich habe immer sehen müssen, daß die Judenkinder wesentlich inlclligenler waren. Ich selbst, bin Christ, muß diese Tatsache aber ganz objektiv zugeben. Die Juden waren auch fleißiger und sie waren auch allen vernünftigen Lehren zugänglicher. Ich habe (hm Christen von der Musik erzählt, und sie in das Musikleben eingeführt, Nur die Juden - ein einziger Christ, war dabei - sind wirklich ins Konzert gegangen und haben wirklich die Oper besucht, und haben sich wirklich in das geistige Leben hineinversetzt. Frage: Ich bin durch Jahrzehnte Ilauptschullehrerin im 2. Bezirk gewesen. Ich habe daher ziemliche Erfahrung. Der größt e Teil meiner Schüler bestand aus .Juden. Ich kenne auch die Elternschaft Hier zeigt sich ein gewaltiger Unterschied. Ein Vater einer sogenannten arischen Schülerin ist zu mir gekom men und hat mir gesagt: Was braucht mein Mädel Quadratwurzel ziehen können? Das ist nicht notwendig, sie soll die Kuchl ausreiben können, sonst braucht sie nichts. Der jüdische Vater hat gesagt: Bitte Frau Lehrerin, können sie nicht lernen meinem Mädl das Quadratwurzel ziehen? Geben sic ihr noch extra Übungen, icli w-crcP mich hinsetzen und word’ lernen. Das ist der Unterschied. Meiner Meinung nach ist der Xeid die Haupt wurzel des Antisemitismus. (Zustimmung.) Frage: Warum muß inan immer in den Fragebogen angeben, welcher Beligion man angehört? Man wreiß dann von Haus aus schon, mit wem man es zu tun hat. Das trägt, auch zum Antisemitismus bei. Tn älteren Menschen spukt doch noch der Antisemitismus Tn der Jugend kann man ihn vielleicht durch Erziehung beseitigen. Wenn man aber einen Fragebogen in die Hand nimmt und sicht, daß man cs mit einem Juden zu tun hat, könnto der Antisemitismus Nahrung erhalten. Das könnto vermieden werden. Präsident M a r e k: Ich bin der Meinung, daß das Bekennen zu einem Religionsbekenntnis vollkommen überflüssig ist. Das gilt sowohl für die Angehörigen eines Glaubensbekenntnisses als auch für die Konfessionslosen. Ich glaube, daß das Nationale eines Bürgers mit Vor- und Zunamen und den Geburtsdaten und dem Stand — ob ledig oder verheiratet — ausreichend ist und ich bin dafür, daß diese Bestimmung eliminiert, wird. Frage: Ich möchte die Frage stellen, ob das heutige Judentum in seiner Peligion noch daran glaubt, daß auserwählte Volk zu sein. Dem Uhristentum lehrt, man, die .Juden seien das ausorwählto Volk. Man begründet das mit der Mibel in der Hand, die ich auch liier habe, und sagt, nun: Hier stellt geschrieben, ihr werdet zerstreut sein und werdet der geringste Haufe sein von der ganzen Welt, Es wird wenig übrig bleiben und ihr werdet nicht; Hast noch Muhe Indien, wohin ihr kommt;. Nun lehrt, man das in einer ganzen christlichen Welt. Ich glaubt', daß das Glaubenslebcn sein* viel dazu beiträgt, den Haß gegen jemanden zu schüren, der (»ine andere Peligion oder einen anderen (1 laiiben hat. Glniilil, das Judentum, daß es das aiisorwählte Volk ist, dann soll man ihm diesen Glauben lassen. Man soll aber nieJit vom Standpunkt, des fremden Glaubens aus gesehen lehren: Deshall), weil der andere ('ine andere Ansicht; hat, sollst du ihn bekämpfen. ( Meifall.) Dr. Löwin: Ich kann nur eines sagen: Icfi glaulie, es gibt keinen .Juden mehr, der von den Juden als dem auserwählten Volk spricht, Die Juden, die ich kenne, das sind die Führer der Juden und viele viele tausende anderer Juden wollen ein einziges: Kein auserwähltes Volk sein und auch kein unterdrücktes Volk, sondern ein Volk unter freien Völkern der Welt. Das ist das einzige, was das Judentum in dieser Zeit will. F r a g e: Wir Indien gehört, daß es fremde Minderheiten überall gcgelien hat. Wir Indien gehört und wissen es, daß antike Denker, Uhristentum und Sozialismus immer wieder die Menschenwürde und die Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt haben. Wenn dio Welt überhaupt weiter existieren soll — das ist ja die heutige Meinung einer großen Zahl von Menschen — dann geht es nur im Mewußtsein der menschlichen Gemeinschaft und der persönlichen Würde jedes Einzelnen. Gewiß, ('s wird immer Kämpfe zwischen Parteien, Weltanschauungen, Religionen und wirtschaftlichen Gruppen geben. Aber der Mensch und seine Würde sollen immer geachtet werden. Vielleicht werden Sie sagen: Das ist ja eine Selbstverständlichkeit. Wenn alle aber, die das hören, sich daran hielten, dann würde es vielleicht, besser werden. (Beifall.) Vorsitzender: Unsere Zeit ist nun leider um. Wenn ich ganz kurz den anfänglichen Standpunkt zusammenfassen darf, so war Herr Professor Dr. Dwkrowolny der Meinung, daß das Gastvolk an und für sich schon eine gewisse Abneigung in dem Volk, in dem es lobt, finden müßte. Dazu kamen im Falle des Judentums allerdings gewisse intensivierende Faktoren hinzu — und zwar vor allem dio religiöse Verschiedenheit und im Verlauf der Geschichte auch eine ideologische, rassische und nationale Verschiedenheit, wie von gewissen politischen und pseudophilosophischen Vertretern behauptet wurde. Herr Professor Dr. Dobrowolny hat in seiner eigenen Erfahrung diese Behauptung jedoch nicht bestätigt finden können. Herr Landtagspräsident Marek war der Meinung, daß religiöse und nationale Vorurteile allein nicht ausreichend sind, um das Vorhandensein des Antisemitismus zu erklären. Es kommen — so meinte Herr Präsident Marek — auch soziale und politische Motive hinzu. Er sieht den Antisimitismus vor allem als ein AJdenkungsmanöver der — wie er sie nannte — kapitalistischen Klasse an, dio nun einmal einen Siindonboek (»raucht, um von ihren eigenen Mestrebungen und Interessen abzulenken. Als einzige Lösung sieht Herr Präsident Marek den Sozialismus. Ist das richtig? Präsident Marek: Die Oborwindung des Antisemitismus durch den demokratischen Sozialismus meinte ich. V o r s i I z e n d e r: Herr Dr. Löwin hei rächtet die Sa,che eher vom psychologischen Standpunkt aus. Für ihn gibt (ls keine solche Idealperson des absoluten Juden, ob sie nun gut oder böse sei. Es gild; unter den wirklich lebenden Juden er hat; hier eine ganz besonders weil, reichende Erfahrung - politische, sprachliche und physiognomische Unterschiede. Antisemitismus ist in den Augen des Herrn Dr. Lew in vor allem ein Mittel, das geseheiterten und erfolglosen Menschen iin Leben das verlorene Selbstgefühl wieder geben soll. Es ist, ein Ventil und der einzige Pest für animalische und kriminelle 1 nst inkte. Meine Damen und Herren! Damit haben wir das Ende! unserer Sendung erreicht. Frühjahrsmäntel Frühjahrskleider Kostüme und Blusen in reichster Auswahl Erstklassige Qualität IM DAMENMODENHAUS tEOPOtP ASCHER fe BRUDER WIEN VII, MARIAHILFERSTRASSE 50

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