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Die Stimme · 1947-11-09 · Heft 9 (9.11.1947) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1947
Issue
Heft 9 (9.11.1947)
Date
1947-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 CDie Stimme Seite 3 Die (Q)fürnme Hass der Welt Eine Szene aus dem Film „Crossfire’ (Kreuzfeuer) ,,M i s ch m a r” veröffentlicht eine launige Reportage aus Naharia, das, nach dem UNSCOP-Vorschlag, in den arabischen Teil Palästinas ein verleibt werden soll. Der Korrespondent kann dabei auf die Zitierung des geschmacklosen Witzes ,.Naharia bleibt deutsch” nicht verzichten (der schon vor Jahren zu dem Dümmsten gehörte, was in Palästina auf diesem Gebiete produziert wurde - und das besagt nicht wenig), und gibt dann das Ergebnis einer Umfrage wieder, die er unter den Einwohnern veranstaltet haben will'. Der Bürgermeister sei der Meinung, daß man die UN überzeugen könnte, Naharia im jüdischen Teil zu belassen, was vom Mukhtar jedoch angezweifelt wird. Naharia sei zu klein, als daß sich die „Großen” ernstlich mit ihm abgeben könnten. Wer die „Großen” seien, sagte der Mukhtar nicht, aber die Jewish Agency habe zugesagt, Naharias nicht zu vergessen. Ein Taxichauffeur in der Siedlung sieht kein Unglück darin, daß die Siedlung arabisch werde. Ein Arzt erklärte dem Reporter, Naharia müsse der Sache des jüdischen Volkes ein Opfer bringen und die Teilung auf sich nehmen. Ein Cafehausbesitzer hält es für ausgeschlossen, daß die Jetoish Agency auf Naharia je verzichten werde. Ein Bauarbeiter fragte : Kann man Chanifa, Mazuba, Hon, Jechiam aufgeben? Ein Passant erklärte dezidiert, daß er in den jüdischen Staat übersiedeiln werde. Der Leiter der landwirtschaftlichen Kooperative betrachtet den Vorschlag als Katastrophe, aber die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Die Pensionsbesitzer spötteln : „Vielleicht wird man jetzt eher nach Naharia kommen, da es im Ausland liegen wird!” Aber im allgemeinen sei (sagt der Korrespondent des „Mischmar”) Naharia gegen die Teilung. Aus der englischen Presse Zu lange! (Daily Telegraph) „Der Bericht der United Nation« kann die Grundlage bilden für eine uneigennützige, internationale Meinungsbildung, die auf etwas Soliderem basiert als schreiende Propaganda. Das ist gut so. Was aber von der britischen öffentlichen Meinung nicht akzeptiert werden wird, ist die Annahme, daß England weitere zwei J ahne eine Politik durchführen kann, die, was immer auch ihre Vorteile oder Nachteile sein mögen, nicht seine eigene ist und die den gegenwärtigen Mordfeldzug gegen die unglücklichen Vertreter von Gesetz und Ordnung nicht beenden leann. Man kann nur wenig Vertrauen dazu haben, daß die Empfehlung des United Nations:, das Problem der Displaced Persons in Europa zu lösen, schnell durchgeführt werden wird. Es besteht daher kein Zweifel, daß die [Illegale Einwanderung fortgesetzt werden wird. Wenn die vorgebrachten Drohungen ein Anzeichen dafür sind, würde England sich auch mit Ausschreitungen arabischer Extremisten belassen müssen. Doch nur .eine gelegentliche Bemerkung deutet an, daß auch andere Mitglieder der United Nations „Wenn gewünscht” bei der undankbaren Aufgabe, Palästina zu verwalten, helfen sollen. Young: Diese ganze Judenhasserei kommt in allen möglichen Größen und Spielarte (kor... Da gibt es z. B. die Sorte des „Sie können in unseren Country Club nicht eintreten” ... Oder die Spielart des „Sie können hiler in der Nachbarschaft nicht wohnen”... Ja, und auch die Sorte „Hier können Sie nicht arbeiten” ... Weil wir so etwas dulden, entsteht dann ein Mann wie Monty. Er ist nur einer von diesem Typ ... und so sehr häufig kommt er auch gar nicht vor aber so einer wächst eben auf dem Boden des Hasses ... Hören Sie zu, Leroy ... Sie wissen, wir haben ein Gesetz gegen das Tragen einer Schußwaffe? Leroy: (unsicher): „Gewiß.” Young: „Wir haben dieses Gesetz, weil eine Schußwaffe gefährlich ist. Nun, Haß — Montys Sorte von Haß — ist wie ein Revolver. Wenn man ihn mit sich herumträgt, kann er einmal plötzlich losgehen und irgendwen töten. Er tötete Samuels gestern abend.” Leroy: „Ich könnte Unannehmlichkeiten haben. Und ich sehe auch nicht, was mich das überhaupt angeht” ... Young : „Hat sich Monty je über Ihren Akzent lustig gemacht?” Leroy: „Sicher. Viele Male. Er.... warum fragen Sie das? (Leroy starrt den Detektiv verwirrt an. Young (betont): „Nennt er Sie nicht einen Bauernlackel? Er sagt, Sie sind dämlich. Er lacht über Sie. weil Sie aus Tennessee sind. Er ist niemals in Tennessee gewesen. Unwissende Menschen lachen immer über Dinge, die anders sind; .... Dinge, die sie nicht verstehen. Sie fürchten Sich vor Dingen, die sie nicht verstehen ... und sie enden damit, daß sie sie hassen. (Er macht eine Pause und fährt dann mit großer Entschiedenheit fort) : Und Haß breitet sich aufs. Er kann auch Sie erfassen. Floyd ist schon tot. Floyd war Ihr Freund.” L e r o y (kläglich) : „Sie bringen mich ganz durcheinander 1 Sie wissen alles über diese Dinge, von denen ich nichts weiß. Wie sollt’ ich wissen, was Sie im Sinne haben? Woher weiß ich, ob Sie nicht selbst ein Jude sind oder sonstwas?” Young (ruhig) : „Sie wissen es nicht ... Aber macht das denn einen Unterschied? (Leroy blickt unbehaglich weg, unfähig zu antworten. Young fährt sanft fort): Na gut, Leroy... Ich möchte Ihnen aber doch eine Geschichte erzählen. Dann können Sie gehen, wenn Sie wollen... , (Young tritt hinter seinen Schreibtisch und beginnt ruhig im Plauderton) : „Vor hundert Jahren etwa gab es in Irland eine Mißernte in Kartoffeln ... Das war eine schlimme Sache. Eine Menge Iren kamen hier herüber. Einwanderer. Ihre Sprache war anders... wie jhre, Leroy. Ihre Relig.on war anders. Sie waren Katholiken, die meisten von ihnen. Es gefiel ihnen hier. Sic ließen sich an verschiedenen Stellen nieder. Einer, den ich kannte er war eiin Farmer — blieb in Philadelphia. Er arbeitete und sparte, um sich ein bißchen Land zu kaufen. Er hielt sich für einen Menschen wie alle anderen, die in Amerika lebten ... Doch plötzlich eines Tages sah er um sich und erkannte, daß etwas geschehen war. Es erschreckte ihn. Furcht und Haß gegen alle irischen Katholiken hatten sich entwickelt und wie eine schreckliche Krankheit ausgebreitet. Er sah, daß er kein Amerikaner mehr war, bloß ein dreckiger irischer Mick! (Seine Stimme nimmt den Ton eines entflammten Redners an): Ein Priesterknecht! Ein römischer Spion! Ein Ausländer, der anderen ihre Stellungen wegzunehmen sucht 1 (Leroy starrt Young an, der leiser fortfährt) : Er verstand nicht. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er tat auch nicht viel. Er konnte gar nichts tun. Aber eines Tages, als eine Bande von Männern den Priester seines Sprengels auf der Straße >anfiel, sprang er hinzu, um dem Pfarrer beizustehen. Es gelang ihm, ihn in einen Laden zu bringen ... An gleichem Abend auf dem Wege von seiner Arbeitsstätte nach Hause, trank er in einer Schenke ein Bier. Als er die Kneipe verließ, folgten ihm zwei Männer, leere Whiskey-Flaschen in der Hand. (Ironisch) : Sie wollten ihn natürlich nicht töten ... bloß ein bißchen verdreschen 1 Sie waren nicht darauf aus, ihn umzubringen 1 Sie fingen bloß an, zu hassen... genau wie Monty angefangen hat... Und zwanzig Minuten später war mein Großvater tot.” (Leroy sieht wie fasziniert zu Young auf, der ruhig fortfährt): Young: „Das ist diie Geschichte Leroy. Sie wird nicht in der Schule gelehrt. Aber deswegen ist es doch richtige amerikanische Geschichte. Thomas Finlay wurde 1848 umgebracht, bloß well er ein Ire und ein Katholik war. Mag sein, das ist schwer zu glauben, Leroy, aber es ist wahr... (Sehr ruhig): „Und am vergangenen Abend wurde Joseph Samuels getötet, nur weil er ein Jude war. (Kleine Pause) : ,.Sehen Sie da einen Unterschied, Leroy? Ueberhaupt einen? (Leroy ringt mit sich). Young: „Haß ist Immer der gleiche, immer sinnlos. Den einen Tag tötet er irische Katholiken, am nächsten Tag Juden, am übernächsten Protestanten, am über-übernächsten Quäker... Es ist schwer, damit aufzuhören... Es kann damit enden, daß man Menschen ins Jenseits befördert, die gestreifte Krawatten tragen. Oder Leute aus Tennessee. Leroy (sieht gequält zu ihm auf): „Wollen Sie mir nun genau sagen, was ich zu tun habe?” 10. November 1938 10. November 1938 vor neun Jahren! Damals geschah es, daß sich die im Siegesräusche schwelgenden deutschen Eindringlinge zusammen mit ihren österreichischen Gesinnungsgenossen anläßlich des Attentates an dem deutschen Gcsandfschaftsrat in Paris, von Rath, die bisher sorgsam gepflegte Heuchlermaske vom Antlitz rissen und sich mit ihrer ersten offiziellen Greueltat vor die Oeffenflichkeit wagten. Die von ihnen geächtete und entrechtete jüdische Bevölkerung Wiens war das Opfer dieses konstruierten, angeblichen Vergeltungsaktes. Zugleich war dieser lag für die Menschen jüdischen Glaubens der Beginn ihrer durch Jahre währenden Verfolgungen, die schließlich zu der unwahrscheinlichen Dezimierung des gesamten europäischen Judentums führten. Niemals werden die wenigen Ueberlebenden dieses immerwährenden Pogroms diesen ersten schrecklichen Tag vergessen. Bereits in den späten Abendstunden des 9. November fuhren die ersten, mit jüdischen Menschen vollbeladenen Lastwagen durch die Straßen den Gefängnissen entgegen. Kaum eine Woche nach den großen christlichen Trauertagen — Allerheiligen und Allerseelen — polterten damals die SS- und Polizeischergen erbarmungslos gegen die Wohnungstüren, rissen die Bebenden mit sich fort und zerstörten Familien und das Glück eines ganzen Lebens in wenigen Augenblicken. Als der Morgen des 10. November graute, ging das Treiben ohne Unterbrechung weiter; Aushebungen in allen Bezirken, — Geschäfte wurden geplündert und ruiniert und Menschen verschwanden von der Straße um nie mehr wiederzukehren. Und als verhetzte Jugendliche unter fachmännischer Anleitung die Tempel Wiens in Brand steckten oder in die Luft sprengten, bekam ein großer Teil der zusehenden österreichischen Bevölkerung, unbewußt einen Vorgeschmack der „Freiheit” und dessen, was noch kommen sollte. In diesen Stunden stand die braune Bestie nackt und grausam vor der menschlichen Kultur. Ununterbrochen aber zogen lange Züge der Zusammengetriebenen den Kommissariaten entgegen. Unter Schlägen wurden die Inhaftierten auf engstem Raum zusammengetrieben und SS- und SA- Männer feuerten ihre Helfershelfer zu den grausamsten Untaten an und handelten selbst nach den inzwischen der Welt bekanntgewordenen Methoden. Berge von blutbefleckten Kleidungsstücken blieben in den Höfen der Kommissariate zurück, während die ersten Transporte Wien verließen . Das war der 10. November 1938! — Der Beginn der jüdischen Tragödie und der ewigen Schande des Nationalsozialismus 1 Puck Das Komitee hat keine Rechtfertigung dafür, es als erwiesen anzunehmen, daß Großbritannien weiter ., eine Rolle übernehmen wird, die ihm nicht nur schwere Verluste an Gut und Blut, sondern auch alle Arten von Uebelwollen eingetragen hat. Entscheidungen werden leichter getroffen werden können, wenn bekannt Ist, daß es jemanden gibt, der sie durchführen will. Großbritannien wird sich nicht weigern seinen Anteil an der allgemeinen Last zu tragen, aber es wird sie keineswegs mehr allein tragen. Der Traum von versöhnten Juden und Arabern in einem glücklichen Palästina, der die ersten Tage des Mandats erfüllte, ist längst ausgeträumt. Die einzige Hoffnung, die uns jetzt bei unserer einsamen und verbitterten Wacht aufrecht erhält, ist, daß die Wacht von kurzer Dauer sein wird. Zwei Jahre sind zu lang.” Der Waad Leomi hat ein Departement geschaffen, das mit den Studien der juridischen Probleme des zukünftigen Judenstaates begonnen hat. Das unter Leitung von Dr. Wahrhaft stehende neue Amt wurde beauftragt, den Entwurf der Konstitution sowie den zivilen und krl, mineUen Kodex auszuarbeiten. Das vom „Joint” für die jüdischen Flüchtlinge auf Cypern im letzten Jahre aufgewandte Budget betrug mehr als eine Million Doljar. * Mit Genehmigung der Palästinensischen Regierung wurde eine jüdische „Luftli- ‘ ga”, mit dem Namen „Palestine Airway” gegründet. Zwei Jugendliche, Jehuda Levi und Yeshayahu Shafron wurden von Irgun- Leufen angeschossen und ernstlich verwundet. Sie versuchten die Irgun-Leute von der Verteilung aufrührerischer Druck- »orten in Rishon le Zion abzuhalten. * Als Antwort auf die Schießerei und die Verwundung zweier Jugendlicher, die das Anbringen von Plakaten der Irgun verhindern wollten, prügelte die organisierte Jugend von Rehovoth zehn bekannte Anhänger des Irgun als Warnung bei Wiederholung solcher Gewaltakte. Nach Mitternacht hörte man in Rehovoth eine Schießerei, und ein Teil der Polizeileute wurde aus Maschinengewehren beschossen, die von Mitgliedern des Irgun bedient wurden.

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