Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 9 (9.11.1947)
- Date
- 1947-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 CDie Stimme Nr. 9 Unsere inime Die Aufgabe der österreichischen Judenschaft. Wenn es neben Deutschland und Italien gerade auch OesterreHi ist, das seit nunmehr zweieinhalb Jahben den Strom jüdischer Menschen aus den östlichen Landern Europas zu sehen bekommt, dann könnte man eine schicksalhafte Verbindung darin sehen, daß der Zionismus von Wien aus seinen Siegeszug in die Welt angetrefen hat. Es sind aber die geographischen Verhältnisse, die eine solche Konzentration der Reste des europäischen Judentums in den genannten Ländern mit sich brachte. Wir sind so Zeugen einer erhabenen Manifestation für die Verwirklichung der Ideen Herzl’s geworden. Durch diese Verkettung zweier Zufälle erwächst dem österreichischen Judentum eine große Aufgabe. Die Zeiten sind vorbei, wo innerhalb der Judenschaft „nationale” Spannungen bestanden, die einst eine geradezu „interne” Abneigung zwischen den Juden der verschiedenen Länder zur Folge hatten. Das gemeinsame Schicksal und die große Tragödie des Judentums haben hier von selbst eine schlichte unausgesprochene Solidarität geschaffen, daß es heute eigentlich nurmehr um das innerjüdische Problem einer einhelligen Auffassung der zionistischen Idee geht. Allein die Tatsache, daß Oesterreich das klassische Land des Zionismus ist, legt den österreichischen Juden die Pflicht auf, die Sache des Zionismus zu unterstützen. Die österreichischen Juden haben die Pflicht, Vorbild zu sein für jene, die durch Not oder aus Idealismus hierher verschlagen wurden, um einmal die Vollstrecker der zionistischen Idee zu werden. Es ist eine reine Gewissensfrage, und kein flammender Appell sollte nötig sein, die Tatsachen zu erkennen. Es scheint doch das ewige Schicksal aller Appelle zu sein, daß sie ungehört verhallen, sofern sie nicht in Form demagogischer Schlagworte den Weg zu den stumpfen, vegetierenden Massen finden. Die jüdischen Massen sind aber nicht stumpf. Sie vegetieren nur, sie müssen emporgehoben werden zu einem sicheren und menschlichen Dasein im eigenen Lande. Dieses Land ist vorbereitet — es ist Palästina 1 Es geht nicht um Stimmenfang oder um irgendeine Propaganda, es geht um die Vollendung eines Meisterwerkes und um die Sicherung der Zukunft des jüdischen Volkes; dazu gehören auch die österreichischen Juden. Die kürzlich erfolgte Gründung der zionistischen Föderation in Oesterreich, die alle Richtungen Im Zionismus umfaßt, dient vorwiegend dazu, auch den österreichischen Juden immer wieder die ganze Tragweite des historischen Geschehens vor Äugen zu führen und ihnen den Weg zu weisen, den Zehntausende unserer Brüder und Schwestern aus allen Klassen und Schichten des jüdischen Volkes, zu gehen bereit sind. Wir müssen nun der Welt das Bild eines einigen und geeinten Volkes zeigen. Wir wollen als gleichwertiger Faktor endlich auch Platz nehmen im Rate der Völker und in Einigkeit mit allen Völkern der Welt und uns eine Zukunft in Freiheit, Friede^n und Wohlstand sichern. Sechs Millionen Opfer dürfen nicht umsonst gebracht sein. Und die einzige Parole, die dem österreichischen J’udentum gegeben werden soll ist die : „Bekennt Euch zum zionistischen Gedanken, Ihr unterstützt damit die gemeinsame Sache und Ihr werdet in der Völkerfamilie endlich als vollwertige Menschen Euren Platz finden. Puck.* Die Haganah von M. P. Waters Aus dem Englischen übersetzt von Ing.*Siegmund Kornfein An einem Abend im Spätfrühling des Jahres 1944 kurz nach Sonnenuntergang zog ein Flugzeug über die Wade Italiens und wendete sich nordwärts; Fs überflog die deutsche Linie in 8000 Fuß Höhe. Das Flugzeug hatte britische Kennzeichen. Als es sich Florenz näherte, begann es ständig tiefer zu gehen und als der Höhenmesser 700 Fuß zeigte, schoß ein kleiner Ball aus dem unteren Teil der Maschine, baumelte ein wenig und fiel dann rasch gegen die Erde. Nach etwa einer Sekunde gab es einen Ruck, ein schirmartiger Baldachin öffnete sich und der Ball nahm die Gestalt eines Menschen mit ausgestreckten Gliedern an, der an einem offenen Fallschirm hing und allmählich zu Boden fiel. Der Fallschirmspringer landete, machte einen Purzel2 bäum nach vorne, band sich rasch los und raffte sich auf. Er stand auf, stämmig und klein —- er war genau 5 Fuß hoch — und begann seinen Schirm zu vergraben. Obwohl er kein junger Mann war, waren seine Bewegungen flink und behend. Sein Name war Enzo Sereni. Er ging an diesem Abend des Jahres 1944 hinter den feindlichen Linien In Norditalien, in einer Sabotage- und Erkundungsmission zugunsten des G. H. Q. Mittelost (Generalhauptquartier Mittelost), nieder. Geboren und erzogen in Italien war seine Kenntnis der Sprache und des Landes von unschätzbarem Wert. Er führte seine einleitenden Sabotageaktionen durch, übermittelte gewisse Mitteilungen auf seinem W/T. Apparat und dann wurde es ruhig. Viele Monate hörte man nichts von ihm. bn April 1945 kam der große Stoß in Italien und in der Folge der Zusammenbruch der Nazi. Noch immer gab es nichts Neues. Einige Wochen nach dem V-E-Tag ging ein britischer Offizier durch das Konzentrationslager Dachau und stieß auf die kurze Aufzeichnung „Enzo Sereni starb Im November 1944.” Der Zusammenhang, den er in dieser Angelegenheit herauszu finden sich bemühte, war der, daß Sereni, der In einem Gebiet arbeitete, in dem er sehr gut bekannt war, verraten wurde. Von der Gestapo festgenommen, wurde er, obwohl er britischer Kriegsgefangener war, von einem Konzentrationslager Ins andere geschickt. Schließlich wurde er nach Dachau, einem der schrecklichsten Höllenorte des deutschen Reiches, gebracht. Dort mußte er erliegen. Enzo Sereni war ein italienischer Jude. Sein Vater war einer der hervorragendsten Mediziner Italiens und Arzt am Hofe König Viktor Emanuels. Nachdem Enzo seine Universitätsstudien beendet hatte, erwachte sein Interesse für den Zionismus und den Sozialismus und er zog von Italien nach Palästina. In die junge zionistische Arbeiterbewegung aufgenommen, war er Anfang der Dreißigerjahre einer der Gründer der palästinensischen Gemeinschaftssiedlung, Givath Brenner. Diese Siedlung ist heute eine der größten und erfolgreichsten landwirtschaftlichen Gemeinschaften in Palästina und zufällig eine, in der tausende durchziehender britischer Soldaten Gastfreundschaft während des Krieges fanden. In der Mitte der Dreißigerjahre, als die Drohung arabischer Angriffe au fjüdische Siedlungen sich zu bewahrheiten schien, trat Enzo, gemeinsam mit seinen Siedlungskameraden in die Haganah, die jüdische Verteidigungstruppe Palästinas ein. Als Italien in den Krieg ging, ersuchte er die Haganah um die Bewilligung, nach Cairo gehe« zu dürfen, um dem G. H. O. In seiner Propagandatätigkeit behilflich zu sein. Ein Mann von großer Kultur und bedeutenden literarischen Fähigkeiten, war Sereni eine der Hauptfiguren der antifaschistischen Gruppe, die die Radio-. Flugblätter- und Zeitungspropaganda der Abteilung für psychologische Kriegführung leitete und versuchte italienische Soldaten und die Zivilbevölkerung vom Faschismus abzubringen. Sereni gab in italienischer Sprache die antifaschistische Zeitung für P. W. B. in Cairo heraus, die als eine gemeinsame anglo-amerikanische Einheit aus britischen Mitgliedern des politischen Nachrichtendepartements und aus amerikanischen Mitgliedern des Kriegsinformations - Büros bestand. Er stellte auch Material für „ den geheimen Schwarzsender, der von einer geheimen britischen Radiostation bedient wurde, bei. Im Jahre 1943 begann er sich um eine etwas aktivere Tätigkeit zu bewerben. Er ersuchte nach Italien geschickt zu werden, um hinter den deutschen Linien zu arbeiten. Anfangs 1944 bot sich hiezu die Gelegenheit. Im späten Frühjahr wurde er In der Nähe von Florenz niedergelassen. Das Uebrige ist bekannt. Enzo Sereni war nicht der Einzige. Es gab viele palästinensische Juden die, über besondere Kenntnis der europäischen Länder und Sprachen verfügend, in Feindesland und in den vom Feind besetzten Ländern zwecks Sabotage und Nachrichtenübermittlung zugunsten der britischen Behörden, niedergelassen wurden. Gleich Sereni kamen viele nicht zurück. Gleich Sereni waren sie alle Mitglieder der Haganah, der jüdischen Verteidigungstruppe Palästinas, die während des Krieges seitens der britischen Armeeführer hohes Lob ernteten. Die Haganah stellte die Hauptmasse der 30.000 Männer und Frauen, die im Verband der britischen Streitkräfte kämpften und die Hauptmasse derer, die sich der Verteidigung des Landes anschlossen. Die Haganah stellte ausgesuchte Kräfte für besondere Sabotageoperationen in Syrien. Die Haganah stellte sich in den Dienst verschiedener Nachrichtendepartements des britischen Hauptquartiers. Die Haganah war den britischen Militärbehörden in London und mittleren Osten, dem britischen Außenamt, der Palästina-Verwaltung und dem Kabinett, bekannt. (Fortsetzung in der nächsten Nummer.) Wie Freud verboten werden sollte von Arnold Zweig (Fortsetzung aus der letzten Nummer) Unter den Büchern, die uns mitgebracht worden waren, hatte sich das berüchtigte „F euer’ 'von Barbusse befunden. Wilden Aufruhr des Herzens gegen den Krieg gab es also auch drüben, auf der anderen Seite der Front, vielleicht auch bei den Engländern. Bei den Russen hatte er ja inzwischen zur Februar-Revolution geführt, der deutsche Sieger bereitete sich darauf vor, mit dem geschlagenen Feinde gehörig umzuspringen. Fand sich aber Irgendwo sonst eine solche Vereinigung überlegenster Geistesschärfe und menschlichster Anteilnahme? Erhob sich irgendwo unter den Mitlebenden die Auseinandersetzung mit der,. Gegenwart in eine so zeitlose Kritik unserer kulturellen Menschheit wie bei diesem Freund V Vielleicht verwechselte er die Oberschicht der Staaten und Völker zu sehr mit den fortgeschrittensten Typen unserer, der weißen Rasse; vielleicht gab es in den Schichten der Machtlosen und Beherrschten, derer, die gehorchen mußten, überall solche Unbekannte wie wir, die niemals Ihren Inneren Widerstand gegen das Ängrcifen und Annektieren aufgegeben hatten. Von allen Fronten erfuhr man Beispiele gegenseitiger Hilfe aus Mannschaftskreisen quer über die Stacheldrähte und Schützengräben, wenn nicht Offiziere intervenierten. „Dagegen sollten Sie etwas schreiben,” meinte halbdienstlich mein damaliger Abteilungsleiter. „Der religiöse Standpunkt kommt bei diesem Herrn Freud ganz zu kurz; wenn wir den geltend machten 7” — Ich sah mir den jungen Offizier an, dem ein Granatsplitter die Stirn eingeschlagen hatte, im Frieden Redakteur einer katholischen Zeitung. Ich wußte, daß er mit allen Fasern von Ober-Ost wegstrebte, nach Haus zu einer jungen Frau ins Rheinland, an seinen Schreibtisch. — „Ich glaube, Herr Leutnant”, sagte ich, „der Artikel ist schon vergessen. Gehen wir jetzt darauf ein, so machen wir möglicherweise Leute darauf aufmerksam. Die Bibliotheken und Lesesäle halten ihre Zeitschriftenbände unter Verschluß — und dort wollen wir sie lassen. Exklusive Monatsschriften wie diese „Imago” werden ohnehin nur von einem ganz kleinen Leserkreis verlangt. Und wenn der Herr Professor Freud seine Aufsätze einmal sammeln läßt, sollen sich die Oesterreicher damit herumschlagen.” — Mein Leutnant H. nickte. „Er soll Söhne unter den österreichischen Offizieren haben,” antwortete er. „Wenn wir mit einem Schriftsatz die Wiener Zensur auf ihren Lapsus aufmerksam machen, kriegen wir übers Jahr Antwort. Und wer weiß, wie es dann an den Fronten aussieht.” — Mit einem abschiednehmenden Blick sah ich das Heft der „Imago” auf seinem Schreibtisch liegen, ihre dekorativen Typen, ihren anständigen Druck. Ich war entlassen. „Gedanken über Krieg und Tod” behielten einen Nachhall in mir, bis die Oktober-Revolution In Rußland und alles, was danach erfolgte, meinen Geist mit neuen Inhalten füllte. Daß dieser Freud ein „genialer Hund” war, das — in der Soldatensprache — hatte ich schon vorher gewußt. Aber jetzt war es besiegelt — und lag im Grunde meiner Seele wie der Geist in der Flasche unter Salomonis Siegel. Trauer-Gottesdienst Zum Andenken an die Pogromopfer des 10. November 1938 findet am Sonntag, den 9. November 1947, um 16 Uhr 15 im Stadttempel, I., Seitenstettengasse 4, ein Trauergottesdienst statt