Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1947-11-01 · Heft 8 (1.11.1947) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1947
Issue
Heft 8 (1.11.1947)
Date
1947-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2431292-2431293-2431299--0030-2431605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

2)ie Stimme Seite 3 Nr. 8 Sport in Palästina Nie Freud verboten werden sollte Der Sport in Palästina unterscheidet sich sowohl in seiner Zielsetzung als auch in seiner Entwicklungsmöglichkeif ganz wesentlich von dem in Ruropa, Amerika, Südafrika oder Australien. Wenn man also Vergleiche anstellen will, muß das berücksichtigt werden. Tatsache ist, daß der Sport in Rrez Israel noch nicht die Höhe wie in den oben genannten Ländern erreicht hat und es noch einige Zeit dauern wird, bis die jüdische Jugend auf diesem Gebiet international konkurrenzfähig sein kann. Nach den derzeitigen österreichischen Begriffen repräsentiert der palästinensische Sport in allen Sparten ungefähr gute zweite Klasse. Diese Ansicht wird auch dadurch nicht entkräftet, daß manche palästinensische Sportmannschaft auf eigenem Boden, ja selbst in der Fremde, gegen ausländische Widersacher gut abgeschnitten hat. So zeichneten sich die Fußballer des Makkabi- Tel Aviv zu Beginn des Krieges au feiner Äustralienreise aus und auch die des Hapoel - Tel Aviv schnitten in diesem Jahr in U. S. A. anerkennenswert ab. Freilich darf man nicht vergessen, daß sowohl die Australier, als auch die Nordamerikaner in die:er Disziplin nicht zur ersten internationalen Klasse zählen. Bedeutsamer schien die Tatsache, daß die palästinensischen Fußballer sich im vergangenen Winter dem renommierten Budapester M. T. K. in Tel-Aviv und auch in dem einen oder andern Provinzort als vollr kommen gleichwertig erwiesen. Sie gestalteten ein Spiel sogar siegreich. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die Ungarn aus den verschiedensten Gründen, die in diesem Zusammenhang unwesentlich sind, nicht zu ihrer gewohnten Form aufliefen. In Erez Israel läßt man sich durch bessere Ergebnisse in internationalen Wettkämpfen keineswegs irreführen. Man weiß dort ganz genau, wo man sportlich hält, und warum man, was die Spitzenleistungen betrifft, noch nicht weiter ist. Der gesamte Jischuw ,und da steht die Jugend in der ersten Reihe, keimt nur ein Ziel und das ist der Aufbau des Heiligen Landes, der den Einsatz des ganzen Menschen verlangt, der Sport ist demgemäß nie Selbstzweck. Das weiß jeder Fußballer, Schwimmer, Leichtathlet, Ringer, Boxer, Basketballspieler usw. und deshalb ist auch seine Einstellung zum Sport eine andere als zum Beispiel bei den Europäern. Kein Spitzensportler in Palästina verlangt einen leichteren Beruf, um in guter körperlicher Verfassung zum Wettkampf antreten zu können. Die aus Europa gekommenen Größen paßten sich den Verhältnissen bald an, und zwar schon deshalb, weil sie dazu gezwungen waren, wenn sie leben wollten. Einige Beispiele sollen das beweisen : Der Wiener Hakoahner Lumek, der knapp nach dem ersten Weltkrieg einer der besten österreichischen Fußballer und Leichtathleten war, übersiedelte 1920 nach Erez Israel und arbeitet dort bis zum heutigen Tag schwer als Poel (Arbeiter) und zwar sowohl auf dem Feld als auch beim Bau. Er ist der eigentliche Schöpfer des palästinensischen Fußballsportes. Viele Jahre war er der beste auf diesem Gebiet im Lande und jetzt betätigt er sich als Trainer bei verschiedenen Vereinen. Lume klebt derzeit in Petach Tikwah und wohnt mit seiner vielköpfigen Familie in einem Häuschen auf dem dortigen Hapoelplatz. Der Finne Katz, zu seiner Zeit nach seinen Landsleuten Nurmi und Kolemainen der beste Langstreckenläufer der Welt, lebt ebenfalls schon lange in Palästina und ist in Tel-Aviv Hafenarbeiter, wobei er schwere Lasten zu tragen hat. Der Berliner 100-Meter-Rekordmann Dr. Levin ist Chawer des Makkabi-Kibutz und betätigt sich als Landarbeiter. Der seinerzeitige österreichische Schwergewichtsmeister im Ringen Micki Hirschl, der bei den Olympischen Spielen in Los Angeles Dritter wurde, ist Vorarbeiter im Schlachthaus in Tel-Aviv. Um einen aus der jüngeren Garde herauszunehmen: Der Wiener Meitner, der derzeit vielleicht der beste Fußballer Palästinas ist leider macht ihm eine Knicverletzur.g viel zu schaffen schleppte die erste Zeit Schubkarren, die bis zum Rand mit Sar.d gefüllt waren. Nun ist er seit Jahren Maschinenmeister in der Rishoncr Rasierklingenfabrik Okawa. Selbstverständlich gibt es auch Sportler, die keine manuellen Berufe haben. Der alte internationale Wiener Fußballer Lajos Heß, der noch immer bei Betar- Tel-Aviv als Trainer wirkt, ist selbstständiger Juwelier. Der seinerzeitige österreichische Leichtathletikmeister Walter Franks ist Turnlehrer in einer Schule in Nathania. Der Wiener Hakoah-Fußballer Liebermann hat ein Parfümeriegeschäft in Rechowoth. Der ehemalige Wiener Hakoahschwimmer Sigl Goldklang ist Inhaber des Kaffee Noam in Haifa. Der seinerzeit so berühmte Wiener Hakoah-Fußballer Nemes hat eine Erzeugung von Chalukim. Das sind ganz einfache, für Palästina typische Damenkleider, die man wie Mäntel anzieht und vorne zuknöpft. Aus dem Gesagten erkennt man bereits, daß Palästina keine Professionals kennt. Damit soll natürlich nicht behauptet werden, daß die guten Sportler, falls sie es benötigen, nicht von den Vereinen unterstützt werden. Das geschieht, aber auf charakteristisch palästinensische Art. Die Vereine kümmern sich darum, daß die Sportler Arbeit bekommen und womöglich solche, die besser bezahlt wird. Selbstverständlich muß er gewillt und zumindest in absehbarer Zeit imstande sein, sie auch vollwertig zu leisten. Aussuchen kann sich der Sportler die Arbeit nicht und keine darf ihm zu schwer sein. In Ausnahmsfällen bekommt der aktive Sportler auch geldliche Zuwendungen und zwar, wenn sein bürgerlicher Verdienst für seine Lebenshaltung nicht ausreicht. Selbst die Trainer müssen zivilen Berufen nachgehen, da die Bezahlung durch die Klubs nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was ein Einzelmensch, oder gar eine Familie zum Leben brauchen. Die seltenen und geringen geldlichen Zuwendungen sind nicht darauf zurückzuführen, daß sich die Vereine nicht mehr leisten können, sondern haben ihre Ursache darin, daß die Ansicht grundsätzlich vorherrscht, der Sport habe seine Jünger für die Aufbauarbeit fit zu machen und sie ihr nicht zu entziehen. Das beweist eine große, verantwortungsbewußte Moral, wenn es auch der Höherentwicklung des Sportes abträglich ist, da die Aktiven bei subtropischem Klima schwer arbeiten müssen. Da der palästinensische Sport sich in den Ranmen der so lebensnotwendigen Aufbauarbeit einschachteln muß, kann er mit dem Professionalismus in der übrigen Welt schwer konkurrieren. Nur wenige weit größere Länder werden so viele alte Sportfachleute haben, wie Palästina. Zweifellos könnten diese als Trainer eminent viel leisten. Da das aber in Erez Israel kein Beruf sein kann, der seinen Mann nährt, gehen die meisten vo nihnen dem Sport verloren. Sie besitzen nämlich weder geistig noch körperlich die Spannkraft, außerhalb ihrer Beschäftigung noch die zeitraubende Trainerarbeit zu leisten. Auch in diesem Zusammenhang sollen einige Namen genannt werden : Schwimmerinnen Geschwister Deutsch (früher Wien, derzeit Herzliah) und Keppich (früher Preßburg, derzeit in einem Kibutz), Hockeyspieler Max und Rosenfeld (früher Wien, derzeit Haifa),, Fußballer Nemes (früher Wien, derzeit Tel-Aviv) und Leo Drucker (früher Wien, derrzeit Jerusalem), Schwimmer Goldberger (früher Wien, derzeit Tel- Aviv), Leichtathleten Katz (früher Finnland,, derzeit Tel-Aviv), Dr. Levin (früher Berlin, derzeit Kibutz), Ringer Micki Hirschl und Bergmann (früher Wien, derzeit Tel-Aviv), Wasserspringer Franzi Beck (früher Wien, derzeit Flaifa), Fußballschiedsrichter Leuchter (früher Preßburg, derzeit Nathania). Diese Liste könnte beliebig lang fortgesetzt werden. (Fortsetzung auf Seite 4) Eine Reminiszenz von 1917. Von Arnold Zweig Aus dem ersten, dem vorbereifenden Teil eines neuen Buches, „Freundschalt mit Freud”, sind wir in der Lage, unseren Lesern das folgende Kapitel als Vorabdruck zu bringen. Eingeweihte werden wissen, daß der hier erwähnte, in die Schweiz gesandte Offizier niemand anderer war als Hermann Struck. Die Redaktion Während des ersten Weltkrieges war der Name Freud in meinem Bewußtsein nur einmal in breiteren Zusammenhängen aufgetaucht. Ich hatte weder in Nordfrankreich oder in Serbien, noch dann vor Verdun Anlaß und Möglichkeit, mich mit etwas anderem zu beschäftigen, als der Bewältigung des Tages und der Stunde. Im Frühling 1917 wurde ich endlich zum Stab des Oberbefehlshabers Ost versetzt, und dort, nachdem ich mich monatelang in jeder freien Minute ausgeschlafen hatte, kam die Berührung mit einer Arbeit von Sigmund Freud folgendermaßen zustande. Wir stellten die höchste geistige Zensurbehörde für das Riesengebiet örtlich der Weichsel dar, das „Land Ober-Ost”. Der südliche Teil unterstand unseren österreichischen Verbündeten, denen die Deutschen damals aber schon allen Wind aus den Segeln genommen haften. Aus einem bestimmten, hier nicht interessierenden Grunde wurde Herbst 1917 einer unserer Ober-Ost-Offizlere zu Verhandlungen nach der Schweiz gesandt. Vom Chef des Zensurwesens bekam er den Nebenauftrag, Proben der daselbst verbreiteten kriegsfeindlichen Literatur mitzubringen Kriegsfeindschaft und Deutschenfeindschaft galten als identisch. Es ging nicht an, daß wir uns darauf beschränkten, diese Bücher zu verbieten; man mußte sie bekämpfen, und zwar mit geistigen Waffen, um angesichts unseres sicheren Sieges auch auf diesem Felde für die Aufnahme der deutschen Hegemonie in Europa gerüstet zu sein. Auf diese Weise kamen nach der Rückkehr des Beauftragten Bücher und Zeitschriftenhefte in Umlauf, erst bei den Offizieren, dann auch bei uns Mannschaften, deren Kenntnis uns aufatmen ließ und glücklich machte. Es waren noch unabhängige und mutige Herzen am Werk in Europa 1 Ich beschäftigte mich gerade mit einem umfangreichen Buch eines Wiener Biologen, das mir einer unserer polnischen Dolmetscher geliehen hatte. Herr v. R. war ein kultivierter, aus Oesterreich stammender Großgrundbesitzer, dessen Güter aber in der preußischen Provinz Posen lagen und der darum als preußischer Soldat eingezogen worden war -- als Gemeiner natürlich. Dieses Buch, „Der Ablauf des Lebens” von Wilhelm Fließ, brachte in höchst merkwürdigem Zusammenhang Studien über die Periodizität von Lebensabläufen zu ausführlicher Darstellung, von Pflanzen-, Tier- und MenschenfamiÜen. Als Beispiel dieser letzteren waren die Stammtafeln von Herrscherhäusern verwand worden, da es ja anderes Material auf diesem Gebiet nicht gab. Vielleicht war dieser „Ablauf des Lebens” der Ze n sur eingereicht, um festzustellen, ob dieser Mißbrauch der Stammbäume von königlichen Familien zu einem Verbot des Buches in Ober-Ost Anlaß geben könnte, war doch ein Schulbuch in polnischer Sprache verboten worden, weil es unter den Beispielen einfacher Sätze die Behauptung aufstellte, die Weichsel sei ein polnischer F'luß. Jedenfalls bat mich Herr v. R. damals, ihm meine Meinung über diesen Biologen Wilhelm Fließ zu sagen und dazu dieses Buch durchzusehen, ganz als ob er gewußt hätte, daß einmal ein denkwürdiges Ereignis zwischen Frei, d und mir um diesen seinen Freund, Wilhelm Fließ, kreisen würde. Nun, ich mußte die Lektüre des , Ablaufs” unterbrechen und hatte es nicht zu bereuen. Unser Leutnant hatte Zeitschriften mitgebracht und Zeitschriften gehörten zu meinem Ressort. I'arunfer befand sich ein Heft der Zeit- I rift „Imago”, in welchem unglaubli- [erweise Ende 1915 Freuds Beitrag „Gedanken über Krieg und Tod” hatte gedruckt werden dürfen in Oesterreich gedruckt, verlegt, gelesenI Wie die Wiener Zensur dazu gekommen war, dieses Dokument einer trauervollen Kriegsfeindschaft auf die Oeffentlichkcit loszulassen, verstand bei Ober-Ost niemand. Man beruhigte sich aber bei dem Gedanken, dieses hochgeschraubte Zeug lese ja doch niemand, der nicht kritische Vernunft genug besaß, um es an sich abprallen zu lassen. Außerdem mußten wir uns damals schon aller Einmischung in die innerösterreichischen Abläufe enthalten; unser einstiger Chef, General Ludendorff, jetzt der eigentliche Chef der Heeresleitung, hatte gerade auf einer Inspektionsreise längs der Balkanfront festgestellt, daß es innerhalb des österreich-ungarischen Heeres neun Kommandosprachen gab - angesichts solcher Verhältnisse erschien das, was die Oesterreicher leisteten, in ganz anderem Lichte ... „Gedanken über Krieg und Tod!...” mir hatte die Lektüre dieses Aufsatzes den Atem verschlagen. Wußte dieser Professo rFreud nicht, der das veröffentlichte, welchen Gefahren er sich dadurch aussetzte? Der offiziellen Anbetung des Krieges und Kriegsgeistes, vor allem auch der Aufforderung, begeistert sterben zu gehen, die in allen Sprachen Europas an die Jugend Europas gerichtet wurde, schlug dieser Aufsatz ins Gesicht. Für Freud gab es offenbar nur ein einziges wertverieihendes Prinzip : die Höhe der Kultur, ihre Aufrechterhaltung, Bereicherung, Verteidigung. Nur um der Gesittung willen, die sie schufen, waren „die Großlndividuen der Menschheit”, Völker und Staaten, wertvoll, achtbar, liebenswert. Daß sie sich in Kriege verstricken könnten, daß Kriege anderswo als an der Peripherie unseres Kulturkreises verkommen könnten, war ihm offenbar unvorstellbar gewesen, bevor es eintrat. Der Mann, der dieses dachte und In Sätzen von meisterhafter Klarheit von sich gab, lebte offenbar nicht auf unserer Erdkruste, dem Schauplatz des Gemetzels. Mit seiner Empfindung saß er gleichsam innerhalb unseres Planeten, mit seinem Intellekt mondhoch über ihm so klang diese Schrift aus zwei kurzen Aufsätzen, die dem Wiener Zensor offenbar ungefährlich erschienen waren. Ende 1915, als Oesterreich schon schwer getroffen am Boden lag, die Zarenheere gar nicht sehr weit von Wien durch die Deutschen aufgehalten wurden, die furchtbaren Schlachten in den Karpathenpässen die Blüte von Habsbttrgs Mannschaft wegrafften! Das mitfühlende Herz dieses Mannes pochte Im Puls de: Sätze, es pochte für Oesterreich, für die Heima tund ihre Kultur, aber es schlug für sie gleichsam implicite, denn es schlug für alle Leidenden. Ein Menschheitsblick ohne gleichen durchdrang hier unsere Zeit — ohne das Pathos des Richters. Welt oberhalb jeder Politik wurde hier das Phänomen „Krieg” betrachtet in seiner Unabänderlichkeit und in seiner Abänderlichkeit, es wurde auf die See'enkräfte des Menschen zurückgeführt, die Gesittungskruste, die er erworben hatte, wurde beklopft, unser Verhältnis zum Tode mit dem ruhigsten Forscherblick geprüft. Was Sterben bedeute te, für die Betroffenen wie für die Hinterbleibenden, schien mir noch nie in wissenschaftlichen Sätzen so deutlich gedacht worden zu sein von zeitgenössischen Dichtern hatte gerade noch Leo Tolstoj ähnlich schlicht und majestätisch diesen Uebergang vom Sein zum Nichtmehrsein festgehalten. Die Sinnlosigkeit dessen, was wir alle an der Front erlebt hatten, und d e Unvereinbarkeit unserer Friedensgesittung mit militärischer Unterwerfung unter die Antriebe und Vorstellungen einer Kriegerkaste kamen zu einem Ausdruck, für den wir, die geistigen Mannschaften von Ober-Ost, eine Dankbarkeit hatten, die wir vorläufig in uns verschließen mußten. (Schluß in der nächsten Nummer.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.