Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Neue Zeitung Nr. 16 Leben soll er — dachte ich. „Und Sie?" rief? ich schnell Uffischkin an, der eben vorbeiging. Er sah mich ein wenig mißtrauisch an. Es ist doch merkwürdig, starke Menschen sind immer mißtrauisch. , „Ist vorderhand'an einen Charter zu denken?" wiederholte ich. „V o r derhand vielleicht, aber sicherlich nicht i n die Hand!" erwiderte er. Damit war Ussischkins Sieg entschieden, d. h. ich entschied ihn. Im nächsten Augenblicke hatte ich nämlich sämtliche Kongreßmitglieder und Interessenten darüber interviewt, wie sie sich zu diesem lapidaren Satze verhalten. Von einigen. Aeußerungen will ich hier berichten: ' Wolssohn war gerührt. Motzkin fauchte. Marburg lächelte. Marmorek spuckte. Mahler protestierte. Nordau dröhnte. Löwe brüllte, Hier Heinrich Löwe nämlich). Stand schüttelte den Kopf. Schalit reckte sich. Struck blickte .... Und ein kaukasischer Delegierter sprach pathetisch: Baruuch attaa melääcii naolaam schehecnijaanuu wekimaanuu wehigija-inuu lasmann husee.“ Die armen letzten Silben klingen mir noch jetzt in den Ohren, so betont waren sie nebbich,. . . Nebbich!.. Schade, daß Dr. Birnbaum nicht da war, er hätte es nicht überlebt; noch mehr Schade, daß Dr. Kahn fehlte, er würde uns zwanzig Jahre länger erhallen bleiben. Nachschrift: Ich bin zur Königin Wilhelmine befohlen. Sie will sich von mir interviewen lassen. Das kommt aber nicht in die „Neue Zeitung". Deren Leser werden gebeten, es anderswo nachzusehen. Paehad haam. Eingeseudet. (Für die Veröffentlichungen in dieser Rubrik übernimmt die Redaktion keinerlei Verantwortung). Löbl. Vorstand des isr. Tempelvereines „Brigittenau", Wien! Die ergebenst Gefertigten können nicht umhin, dem löblichen Vorstande für die Errichtung der Bethaussiliale 20. Bez., Wintergasse, ihren wärmsten Dank abzustatten. Der Gottesdienst mtt Chor in diesem Bethause war ein schöner und erhebender. Die Besucher waren in der andächügsten und gehobensten Sttmmung. . Doppelten Dank aber empfinden wir über den erfreulichen Umstand, daß die Gottesdienste in alttraditioneller Weise abgehallen wurden, und so den Gefühlen aller entsprachen. Der Altmeister chasonischer Kunst, Herr Oberkantor Roman oblag seinen Funktionen mtt gewohnter Meisterschast, und das „Malchioss“, ,.Sichronoss“ unb „Scbofftoss“ werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Daß der vortreffliche Chordirigent sich in so uneigennütziger Weise zur Verfügung stellte, sei nicht vergessen. Seine Aufgabe war umso schwieriger, als der Chor in kürzester Zell zu schulen war. So sei denn dem Vorstande nochmals innigster Dank gesagt. Indem er der minderbemittellen Bevölkerung das 20. Bezirkes Gelegenheit gab, sich eines so schönen und solennen Gottesdienstes andächtig zu erfreuen, hat er die ihm fett je entgegengebrachten Sympathien neuerlich gefesttgt und seine Popularität dauernd gesichert. In wiederholler Dankbarkeit zeichnen Eugen Messingen, Emanuel Kürer, Beruh. Scharer. Ssraidiess tojrs. Frejlech in frisch, Setzt sijch zim tisch, Macht ssijdass melech, Kwikt sijch in trinkt, Jijdelech, singt Lebedig, frejlich! ün wuhg in uhn muhss A koss nuch a koss — Hot nit kajn mojre, Kwikt sijch in trinkt. Jijdelech, singt Lekuwed hatojre! .... Wiener Jüdisches Bioskop. , XVII. Kämpferische Sttmmung bei Herrn Dr. Olauter. Me gewöhnlich nach dem Essen. Das fördert die Verdauungskraft. Er gießt den Tabakrauch und die Worte in Stößen durch die Nase. Haben einen wetten Weg, um ans Tageslicht zu kommen. Und die Rede sprudelt unter zweihändiger Begleitung wie ein Wasserfall. Auch punkto Feuchtigkeit. Drei Worte in der.Sekunde. Auf offener Strecke fünf. „Was glauben Sie eigentlich, junger Mann?! Nur Sie sind ein guter Jud'? Nur S i e haben den Mut, überall sich als Jud' zu bekennen? ' Was heißt? Hab' ich mich je geniert? Fürcht' ich mich vor jemand? Wer kann mir das nachsagen? Wer? Können Sie sich vorstellen, daß Plötzlich ein Ruck. Dr. Olauter verstummt. Das Dienstmädchen bringt den Tee. Ein Monstrum von ehier Hanna-Blume. In ihrem geräumigen Angesicht, das beinahe so groß ist, wie einer ihrer Füße, führt der Stumpfsinn stumme Orgien auf. Sie sagt „K'ßtan!" serviert den Tee und verschwindet. „Warum haben Sie so plötzlich unterbrochen, Herr Doktor?" fragt der junge Mann. „Muß denn die wissen, baß wir Juden sind?!" XVIII. Fräulein Jadwiga Henriette Cohn-Goldreich, Tochter von S. R. Goldreich & Cie., hat sich in der Vottvkirche mit dem Herrn Baron Udo von Herbley-Jaroschin-Stuart verehelicht, der im 82. Grad mit jener-Linie der Stuarts verwandt ist, die einst die Königskrone von England getragen haben. Ihre Mama, Frau Rosalia Cohn-Goldreich, Slorene-Toibeles, hat gleich nach dem Eheschluß vom. Salon bis ins Kloset den Wappen derer von Herbley-Jaroschin-Stuart, einen mtt Strahlen umgebenen Schafskopf anbringen lassen. Sie fährt nur mehr mit livrierten Kutschern und schneuzt nur in.Sacktücher mit neunzackiger Am Jahrestage der Hinrichtung der M a r i a Stuart — (ist in jedem Kalender ersichtlich) — findet eine Besucherin, Frau Cvhn-Goldreich, geborene Toibeles, vollends in Schwarz gehüllt, die Augen heftig von Tränen gerötet. .. „Um Himmels Willen, wer ist Ihnen gestorben —?" fragt die Dame entsetzt. „Heute ist Jahrestag —" Den Satz unter- . bricht diegnädige- Frau..unter- Schluchzen und weist auf ein altes, dunkles Frauenporträt an der Wand. Und mtt tränenerstickter Sttmme fügt sie hinzu: „Die arme Mizzi!" Beda. Auf öern Wege' nach Schemenitz. - Von Schakom Asch. Aus dem Jüdischen übersetzt von F. Hur Witz. Ein Weg zieht sich weit hinunter und verlief sich irgendwo in der Fernezwischen den Feldern, hinter dem Berge. Der Himmel lächelt zu den Feldern''hinunter, und die Felder lächeln zum Himmel hinauf, alles ist so.. sicher so ruhig und' festgefügt. Ringsum ist es heiter und klar, alles fest in die Erde eingewurzelt, nur ich allein irre herum, zwischen Himmel und Erde . . . . und herumirren werde ich, wie ich glaube Jahre, Jahre lang. . . zwischen Himmel und Erde . . . zwischen allerlei Gottesgeschöpfen .. . Und die Steine an der Chaussee rechts und links, die Steine; mit den Zahlen sagen mir, daß es nicht leicht sei, sich von Allem loszureißen. Allem zu entsagen fort zu laufen, zu fliehen . . . überall sind Menschen,'überall ihre Arbeit, überall ist ihr Händewerk zu sehen... . . Noch gut daß ihre Hände nicht zum Himmel reichen können! Sie würden auch den in Meilen und Werste teilen. — Mit der Zeit würde sich eine große Aktiengesellschaft bilden, würde ein Monopol zur Exploitierung der Sonne, des Mondes und der Sterne bekommen . . . und Millionen Beamte müssen sein, und Millionen Meilenzeiger. — Der Weg schlängelt sich, am Horizonte beginnt es dunkel zu werden. Dunkle Wolkenmaffen kommen hergezogen, sie kommen einzeln und zusammen, vereinen und trennen sich, fließen ineinander und zerreißen wieder, den Himmel mit einem' leichten durchsichtigen silbernen Schleier überziehend. Alles wirkt so anheimelnd, so freundlich . . . Die Wolkenschleier ziehen hin und her als ob sie Versteckens spielen wollten . Man sieht kein einziges Häuschen! Nichts, nur Gottes schöne große Welt! Seine Welt, sonst. Niemands! Der wolkenbedeckte Himmel und die taubedeckte Erde vereinen sich, es wird nur eine Welt, einem Gotte gehörend! * Das aus der Erde aufsprießende Gras bewegt sich. leise sicher, .tote-ein Kind sich im Schoße der Mutter wiegt, wie es vergnügt Bei diesem Anblicke schäme ich mich, daß ich größer bin als. all' diese Gräser! Ringsumher ist Alles eingewachsen, festgewurzelt in die Erde, nur ich allein irre umher, verwaist und verlassen, von der Erde losgerifsen in die Welt hinein verirrt,nirgends Ruh' noch Rast Hinterm Berge, unten im Tale erhebt sich ein Bäumchen und schaut auch verwundert in die Welt hinein; ich meine, es denkt dasselbe wie ich. Es ist höher als all' diese Gräser,, das Größte, aber was hat es davon. ' Die Wolken haben sich zusammengezogen, ein leichter Nebel bedeckt .den Himmel. An mehreren Stellen sind die Wolken durchbrochen, ein blasses Licht schimmert hindurch und beleuchtet, weich und mild die fliehenden Wolken, sie küssend, sie anlächelnd.— Es wird Regen Beinahe freue ich mich darüber! Ich ^bin allein auf dem Wege, wie das Gräschen und werde gleich ihm mich nicht schützen, können. Ehrfurcht gebietende Stille herrschet ringsumher. Die Gräser beugen still ihre Köpfchen und .lispeln einander leise zu: Ein Regen kommt! Der lange Weg scheint auch zum Empfange des Regens sich vorzubereiten. Bon der Ferne her, kommt ein Vogel rasch dahergeflogen und kündiget an: Ein Regen wird's und der Baum, dort im Felde bewegt seine Blätter und seine Zweige rauschen . .. . . \ Auch die Felder schauen erwartungsvoll zum Himmel hinauf: ,.Gott Allmächtiger wirsind bereit Deinen Segen zu empfangen. — Ich gehe auf dem Wege. Inder Ferne erhebt - ein Wind den Staub, es ist ein dichter Wirbelwind. Vom Tale her erblickt man.zwei Pferde mit langgestreckten. Hälsen, die sich mühsam den Berg hinaufschleppen, bald wird auch ein Bauer mit. einer Peitsche in der Hand sichtbar. Mdn steht ein kleines. Dach, dort unten im Tale steht ein Häuschen. Wie verschämt versteckt es sich im Gebüsche. Dicht von Bäumen und grünen Blättern umgeben, scheint es aus der Erde zu wachsen. Ein kleiner schmaler Steg zieht sich seitwärts vom Wege ab und führt zum Häuschen. Es beginn leise zu tröpfeln .... Die Erde saugt den Regen begierig ein. : Es tröpfelt und die Tropfen bleiben am Grase hängen wie Tränen. Der Himmel ist nur von einer Seite umwölkt, auf der andern Seite lächelt die Sonne, ' als ob sie sagen wollte: Seht was der liebe Herr Gott vermag! Ich biege seitwärts auf den kleinen Steg zum Häuschen hin; ein Hund läuft, kommt mir freundlich entgegen und begleitet mich zurück an feine Türe. Ein Bauernhäuschen: niedrig aber fest gezimmert liegen die Balken auf vier weißgetünchten Wänden. Ringsum an den Wänden sind. Heiligenbilder; an einem Heiligenbilde im Winkel brennt ein kleines. Lämpchen.. Der schwache Schein des Lämpchens zerfließt in der Dunkelheit und vermengt sich mit den leichten beweglichen Schatten des Zimmers. Am Ofen sitzt die Bäuerin und zündet zwei Stückchen Holz an . . . kleine Jungen mit sonnverbrannten Gesichtern und glatten gelben Flachshaaren umringen mich und schauen mich verwundert an. Ein Jungemit einem großen Kopfe, .der auf seinem dünnen Halse wackelt, steht im Winkel an einer Wiege, blickt mich von der Ferne an und lächelt. Zu seinen Füßen liegt ein schwarzer zottiger Hund und schaut ihm in's Gesicht, seiner Befehle harrend. Darf ich hier bleiben bis der Regen vorüber ist?