Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Neue Zeitung Seite 5 Lage beraten und den Plan zur Befreiung entwerfen konnten. So lange sie es nicht gemerkt hatten, daß nur sie allein zum Frohndienst angehalten werden, (Nach dem Midrasch hatten früher auch die Aegypter, später bloß die Juden an den Bauwerken gearbeitet) so lange sie die Schmach der Knechtschaft nicht erkannt hatten, ertrugen sie alles geduldig. Kaum hatte sich aber ihre Selbsterkenntnis zu regen begonnen, kaum hatten sie das Menschenunwürdige ihrer Lage und ihres Standes empfunden, da wuchs Moses heran und ging zu seinen Brüdern", und .es erstand in ihnen eine Prophetenfamilie wie die des Moses, die. ihnen täglich und stündlich zuredeten, das Sklavenjoch zu zerbrechen und sich aus deinem Dienste zu befreien. J h aber verfuhr mit ihnen ganz anders, da ich ihre Art kannte. Ich verstreute sie nach allen Richtungen in die von mir beherrschten Länder und ließ sie überall als genüge Minoritäten ansiedeln; ich stiftete überdies Unfrieden und Uneinigkeit unter ihnen, so daß eine Vereinigung und Verständigung unter ihnen ausgeschloffen erscheint und so sind sie mir auf-Tod und Leben ausgeliefert und ich verfahre mit ihnen nach Willkür und Herzenslust." (S. 35 f.) So weit die Parabel, als deren Lehre ein . zündender Mahnruf zur Einigung Selbsterkenntnis und Selbsthilfe folgt. Das Büchlein sei unseren Gesinnungsgenoffen als vorzügliche Agitationsschrift empfohlen; unseren östlichen Gesinnüngsgenoffen möchte ich den Rat erteilen, eine unschätzbare Kraft, wie es der „nationale Prediger" Chaim Katz ist, nicht unberücksichtigt und ungebraucht zu lassen. Dr. M. B. ' Der Börsenkönig. Roman von Edward Stilgebauer, Berlin, Verlag von Richard Bong. Herr Edward - Stilgebauer, der Verfaffer des vorliegenden Romaney hat im Vorjahre . mit seinem vierbändigen „Götz Krafft"nahezu70000 Auflagen erlebt. Quäntüav, wenn Bücher wie Rennpferde beurteilt werden, gewiß ein riesiger Erfolg. Das machte die Frische der Schilderungen, die in unserer müden Zeit, wie ein Strombad an einem heißen Tag wirkte. Aber wieder einmal klang die Trommel stärker als der schöne Gesang. Man kam wieder auf die tiefe Wahrheit des Satzes, den ein ebenfalls sehr begabter Kollege des Herrn Stilgebauer, der allerdings keine 70000 Auflagen , erlebte, der selige Herr Wolfgang Goethe ausgesprochen hat, daß das, was glänzt nur für den Augenblick geboren, wurde. Auch wenn dieser Augenblick durch eine^Büchersaison dauert. '" Herr „Götz Kragt" ist nun tot und vergessen, es lebe der "Bösenkönig"! „Mit tausend Masten" zog einst Stilgebauer in die Welt, um mü dem Wrack dcs „BörscnkvnigZ" wiederzulehren. Wenn auch schon „Götz Krafft" eine gewisse Mache und Trivialität enthält, so glüht doch im ersten Bande noch die . heilige Begeisterung des Dichters, ohne die eine wahre Schöpfung nicht lebt und die mächtig mitreist. Hier aber ist er auf das Niveau eines Romanschreibers allermittlerster Sorte gesunken.. Vergeblich sucht man die zündenden Funken, die in seinem ersten Werke blitzen. Die Frische und Innigkeit seines Könnens tauschte er gegen die unsympathische Routiniertheit des Romänmachers aus. Seine psychologische Kraft versagt ganz. Allerdings, sie war nie sonderlich stark entwickelt bei Stilgebauer, widerspricht sie doch seiner etwas oberflächlichen Veranlagung. Aber er verstand, es Situationen und Stimmungen zu schaffen, die das ■ Unausgesprochene seiner Charaktere vergessen machten. Es gab da Stellen, Szenen, die aus der Tiefe einer Dichterseele kamen und geprägt waren von dem Stempel wirklicher Poesie. All das fehlt in seinem „Börsenkönig." Schon die Jdealgestalt des dichtenden David Mandelbaum ist gänzlich verkracht, weil sie so unausgesprochen wirkt. Im ersten Kapitel setzt sein Schicksal so mächtig ein, als ob er die Hauptperson des Romans wäre und führt bis zum dritten Kapitel, wo ihn der Autor einfach links liegen läßt. Er wird zu einer schlecht gezeichneten Nebenfigur, er, der die Schönheit und Güte des Romans verkörpern soll und streift in seiner unbedeutendbedeutenden Art ein wenig ans Lächerliche. Er gleicht leider mehr einem Lehrjungen, als einem Dichter, wenn ihm auch der Verfasser eiuige bombastische Gedichte in den Mund legt. Es scheint, daß der Verfaffer ein ihm unbekanntes Gebiet betrat. Er.hat keine Ortskenntnisse. Man fühlt ordentlich, wie er bei jeder Straßenecke nach der Richtung frägt. Die Menschen, die er bringt, sind siemo und lassen kühl. Die Kraft, sie lebendig zu gestalten, versagt ihm, weil er selbst sich an ihnen nicht entzünden kann. Sie sind Stiefkinder, denen er Liebe heuchelt. Im Grunde sind sie ihm nicht einmal sympathisch. Und von einem halbwegs guten Roman darf man verlangen, daß mindestens eine Gestalt Mitgefühl, Liehe oder, zumindest Interesse weckt. Die Gestalten des „Börsenkönigs" bleiben uns innerlich ganz ftemd, wir zittern nicht mie den Ereignissen,. ihre Tragik bewegt und ihre Freude rührt uns nicht. Man geht mit ihnen bis zum Ende der.Handlung ohne sich zu erwärmen, wie nicht gleichgiltigen Weggenossen, ftoh, sie endlich loszuwerden.. Außerdem hat der Verfasser offenbar vom jübischen Tytzus gar keine Ahnung. Seine. Gestalten sind nicht jüdisch, sie sind nur farblos. Ihre bezeichnenden Charaktereigenschaften sind dilettantenhaft angedeutet ohne im geringsten prägnant zu sein. Einige Aeußerlichkeiten, wie, blasses Gesicht, große schwarze Augen, krauses Haar und eine unangenehme seelische Raffiniertheit ic. genügen doch wahrlich nicht, um bezeichnend zu gestalten. Selbst die ausgesprochenste Figur des ganzen Romancs, Seliger, der kühne, unternehmende Börsenkönig, erinnert höchstens daran, datz der „Saccard" eines Zola oder der „Consul Bernick" eines Ibsen bis heute unübertroffen sind . Der „Börsenkönig" bedeutet — es laßt sich mcht verhehlen — einen merklichen Rückgang im Schaffen Stilgebauers. Diese Besprechung gilt auch. nicht so d-m Buche, das eine längere Erwähnung nicht verdient, als dem Verfasser, der im Anfänge des „Goß Krafft" einen gewaltigen Anlauf genommen hat. Hoffentlich findet er den Weg vom flachen Romancier zum kraftvollen, lebendigen Erzähler zurück. , Thekla Blech. Heinrich Heines letzter Liebestranm. Fünf Akte von Max Kaufmann. Verlag von Max Spohr in Leipzig. „Die Dichtung ist »unglücklich' in der Liebe und die Liebe hat kein Glück in der Dichtung." L-o beginnt der Autor die Vorrede seines Buches, und leicht könnte er damit beim Leser die Meinung erwecken er selbst sei, als er das Stück schrieb, recht glücklich verliebt gewesen. „Welch' endlosen Traum durchlebte ich!" ruft sein Heine gegen Schluß des letzten Aktes aus und spricht dem Leser damit aus dem Herzen. Armer Dichter! Nicht nur körperlich sondern auch geistig müßtest Du unendlich viel gelitten haben um das zu werden, was Kaufmann aus Dir gemacht hat, und wie weise war daher dessen Vorsicht, so genau die Diagnose Deiner Krankheit festzustellen und so allen Mißverständnissen votzubeugen! Weniger vorsichtig aber war es von ihm Heine Witze in den Mund zu leg.m, die gewiß der Stammvater Heine's Heymann Heine, schon gut gekannt haben mag. Namentlich der erste Akt leistet viel in der Beziehung. So läßt Kaufmann seinen Original-Heine dort dem abgehenden Arzte Nachrufen: „Den alten Herrn werde ich noch beim Vereine gegen Tierquälerei verklagen!" Aus derartigen 'Banalitäten, allen schlechten Witzen und aus Zitaten Heine'scher Gedichte ist das ganze Stück zusammengesetzt.—Kompott mit Häringssauce! — Am tröstlichsten ist noch der fünfte Akt. Er ist nämlich der letzte und auch der einzige wo Kaufmanns Heine den Leser befriedigen dürfte, denn er bringt Heine und dem Leser die Erlösung von ihren Leiden. Jedenfalls erzielt das Stück die beabsichttgte Wirkung, im Leser das Mügefühl für den toten Dichter wachzurufen. F. Die Lösung der Judeufrage. D r. Moses, der Herausgeber des Berliner „General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums", veranstaltete vor Kurzem eine Enquete über die »^Lösung der Judenftage". Er hat an Staatsminister und Polüiker, an Dichter und Schriftsteller, an die Männer der Wissenschaft, an Aerzte, Juristen, Philologen und Theologen aller Konfessionen, an Judenfreund und Judenfeind ein Expose über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage und deren Lösungsversuche gesandt und schließlich folgende Fragen gestellt: 1. Worin besteht nach Ihrer Anschauung das Wesen der Judenftage? 2. Glauben Sie, daß das Judenproblem ein für alle Länder gleiches Problem ist, oder glauben Sie, daß. die Judenfrage in den verschiedenen Ländern auch eine verschiedene Lösung erheischt? 3. Worin besteht nach Jhrsr Anschauung die Lösung der Judenftage? 4. Wenn Sie für die verschiedenen Länder eine verschiedene Lösung der Judenftage für nötig erachten, worin besteht diese Lösung der Juxdenftage ->) für Deutschland b) für Rußland? Demnächst erscheinen die eingelaufenen Antworten als ein Sammelwerk im Verlage von Kurt Wigand (Berlin—Leipzig). Schabbes-Schrrms. Schwanzes Berjonzes von Chaim Jossel. Verlegt nebbich bei Hermann Seemann Nachfolger, Berlin NW. 87. Gedruckt 1907 nach Gojkischcr Rechnung. Gewidmet allen gutten Juden und benachetzten Gojims. Und auf der Rückseite des Einbandes: Aus dem Schnupftuch des Awromche Gannef aus Poisen geschüttelt. Verlegt, wie heißt verlegt? — Jiddische Witze verlegt me nischt, die erzähll me. Ich unterscheide an diesem Buche drei Telle: Die Titelwüste, wovon oben nur eine Probe; zwei Zitate aus Karl Emil Franzos über „Schnorrer"; schließlich den Inhalt selbst. Ich sage Franzos, Gott behüte, nicht nach, daß er die jüdische Seele verstanden hat. Allenfalls aber find seine Worte in dieser Umgebung wahre Dokumente jüdischen Volkstums. Es ist merkwürdig, und nichts lehrt es bester als so ein Buch, wie ftemd dem deutschew.Judeu die Volksart der östlichen Juden, wie unverständlich chm das Wesentliche ihres Wesens ist, wie falsch er ihren urwüchsigen Humor beurteilt, ja wie er unversehens an dessen Stelle den heimischen „Witz" setzt. Es soll ja nicht geleugnet werden, daß in „Schabbes Schmus" viele „sehr gute Witze" enthallen find, über die man viel lachen muß, wenn man gerade nichts Besseres zu tun hat — aber die östliche Marke, die ihnen gegeben wurde, bedeutet meist eine, wenn auch unbewußte, Falschmeldung ganz gewöhnlicher west-jüdisch-antisemllelnder Mauschelzoten. Dies verraten schon manche Aeußerlichkeüen. So die falsche Schreibweise (Kein Ostjude spricht: Sühn, kei, ä), die falschen Vokabeln (Kein Ostjude sagt z. B. „benachezen"), endlich die „Benachezung" an unappetitlichen Familiennamen (als ob die Matriken des Ostens nur so von „Bauchgedärm" und „Knobelkranz" wimmelten). Und ist es denn durchaus nötig, dem „Simplizistimus" und der „Muskete" den willkommenen Text zu ihren albernen und verlogenen, aber ganz und gar nicht harmlosen Juden-Jllustrationen zu geben? .... kantardei. Unser Interviewer. n. (Mehr als unliebsam verspätet.) Denken Sie sich, was mir passiert ist! Ich gehe vom Haager Zionisten-Kongreß frisch und gesund, mü gesammellen Eindrücken weg. Kaum trete ich aber auf die Straße, als mich schon ein Windstoß empfängt und die schönen gesammelten Eindrücke wieder in alle Windrichtungen zerstreut. Was bleibt mir übrig, als ihnen nachzulaufen? Einen und einen halben Haag bin ich durchgelaufen, bis ich sie wieder zusammen hatte. Doch — ein Unglück kommt selten allein. Da setze ich mich endlich hin und schreibe die Eindrücke nieder. Unversehens wird eine Flut von Tinte und Berichten daraus. Und ich, sorglos und Opfer meines Berufes, wie ich schon bin, schreibe und schreibe weüer darauf los, merke das nahende Verhängnis nicht. Die Flut steigt und steigt und reicht mir schon an den Hals. Und steigt noch immer! Und ich schreibe noch immer! Bis ich-plötzlich gewahr werde, — daß ich ertrinke, nein, schon ertrunken bin.... Sämtliche fteiwillige Rettungsgesellschasten der Niederlande, die Friedenskonferenz eingeschlossen, mußten schwer arbeüen, um mich zu retten. Ich hatte mir natürlich ein schweres Neroensieber geholt, an Arbeit war nicht zu denken.... Jetzt begann ich mich endlich zu erholen, und meine, erste Tat ist, an Sie zu schreiben. Und worüber ich Ihnen schreibe, das ist eine Tat von mir, — eine große epochemachende Tat. Ich weiß. Sie und Ihre Leser werden mü dankbar sein. 3dj will nämlich von der neuen Aera erzählen, die ich eingeleitet habe, von meiner neuesten und größten Erfindung: Dem Massen-Jnterview. Am 21. August 1907 in Haag habe ich sie gemacht. Man merke sich das Datum. Es hat historische Bedeutung. Man merke sich den Ort. Ich habe ihm zu geschichllichem Ruhm ver- Nordau und ich sind Jugendfteunde, wenn er auch um dreißig Jahre älter ist, als ich. Aber, ich bitte Sie, Genies untereinander. .... „Servus, Doktor," rief ich fteudesüahlend aus, als ich ihn erblickte. „Gut geschlafen?" Er sah mich mü seinen unverwüsllichen Augen lustig an und sagte: „Wie meinen Sie das? . . . Möchten Sie das nicht lieber Herrn Wolfsohn erzählen. Er sehnt sich nach Ihnen." „Nanu, nicht sehnen wird er sich nach mir," sagte ich ... . „Nichtwahr, Herr Präsident?" „Mein Freund _Pachad baain —stellte mich Nordau Herrn Wolstsohn vor, der mich ftagend ansah. „Vertragen Sie sich mit ihm!" „Sehr erfteut. Sie kennen gelernt zu haben." Warum er das haben betonte, weiß ich nicht. Es hatte jedenfalls einen diplomattschen Gmnd, er machte so eine feine Diplomatenmiene dazu, die ihm sehr gut stand. Ich versichere, sehr gut.Doch wollte ich mich in meiner angeborenen Bescheidenheit dennoch versichern, ob auch andere Schriftsteller diesen Eindruck haben. Darum rief ich, als ich Wolfsohn beim Rockknopf packte, dem just in der Nähe befindlichen Brainin zu: „Na, meinst eppa net a, aller Spezi, daß er akkurat wi a geburener Diplomat ausschaut?" Ich sagte das natürlich hebräisch, damit mich Brainin auch verstehe. Aber weiß der Himmel, was er antwortete. Ec spricht so eigentümlich aus. Jedenfalls war es ein Kompliment, das er mir machte. Das bewies sein verbindliches Lächeln. Nur er kann so verbindlich lächeln. Er lächelt hebräisch. Ich fühlle unendliche Dankbarkeü und schnell entschlossen, rannte ich zu dem an einer anderen Ecke des Saales offenbar nach mir ausschauenden Struck, faßte chn am Aermel, schleifte ihn zu Brainin und schrie: „Den mußt Du malen, Meister!" Und Meister Struck sah mit seinen dunklen ttefsinnigen Augen aus Brainin und sagte: „Ja, den werd' ich malen." So entstand das Bild. Sollte man eine andere Geschichte über seine Entstehung erzählen, so erkläre ich sie schon jetzt für unwahr, erfunden und erlogen. Ich aber ftagte Nordau: „Was Hallen Sie überhaupt von der Malerei, Kollega?" „Nicht üble Kunst das, für den Krüiker ein Fressen," antwortete er geisüeich, wie immer. „Und glauben Sie nicht auch, daß an einen Charter vorderhand nicht zu denken ist? . . ." „Lieber Pachad haam, ich bin für Gedankenfteiheit."