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Neue Zeitung · 1907-09-27 · Heft 16 (27.9.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 16 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 Neue Zeitung Seite 7 Die Bäuerin erlaubt es mir freundlich und reicht mir einen Sessel. Von draußenher hört man den Donner grollen. Im- Zimmer ist es ruhig und durch die allgemeine Stille hindurch, vernehme ich eine alte schwache Stimme: Boruch Atu Adonai Elohenu *) — ein Segensspruch über den Donner. Ich schaue mich um, im Winkel beim Fenster sitzt zusammengeduckt ein Jude bei einer Schneiderarbeit. Es wird mir behaglicher, es ist angenehm, noch einen Juden in der Bauernhütte zu finden, man fühlt sich heimischer. Scholem Alechem! Alechem Scholem! - Gewiß gekommen, Gerste kaufen — errät er. Nein, ich gehe nur vorbei. Wohin? Nach Schemenitz, ich bin ja von dorther. Dies habe, ich sofort erkannt. Zwischen den Runzeln seines alten Gesichtes ist es ausgeprägt, daß er aus Schemenitz stammt. Jede Gemeinde hat ihren Stempel, den sie ihren Bewohnern anfprägt. Das längliche Gesicht, die mageren Backen, die .Runzeln um den Augen, die Falten an dem eingefallenen Munde, alles ist Schemenitz. Was macht Ihr hier, Reb Jud? — ftage ich um etwas zu sprechen. Ihr seht doch. , . . Ist zu Hause den keine Arbeit zu bekommen? Neue Moden — seufzt er — Ein Kerl meinem achtkantigen Hute, ist der Teufel weiß woher, gekommen, rühmt sich als „Warschauer Schneider" bekommt Arbeit... und ich muß auf meine alten Tage in den Dörfern umherwandern . . . .er näht neue Moden... ich nähe wie mein Vater mich gelehrt und wie der Väter meines Vaters ihn gelehrt hat ... Neumodische Sachen kann ich nicht. — Und als ob er mich trösten wollte, fährt er fort: Jeden Freitag komme ich zu meiner Alten nach Hause! Bah, überall ist Gottes Welt und seine Werke. Und wiederum — fügt er nach .lanaem.Nachdenken.-biezn: Wer dankt und lobt Gott für seine Saaten, für Alles was er erschaffen, wenn nicht ein Jude der mal sich her verirrt? Das Gewitter ist inzwischen vorbeigezogen und die Sonne leuchtet durch's Fenster. Noch weit nach Schemenitz? — “ frage Drei Werst ungefähr, es führt ein gerader Weg dorthin. - , Ich danke der Wirtin und verabschiede mich. Der Alte schaut mir lange nach und ich höre, wie er. tief aufseufzend sagt: Erst Montag heute! Ich bin zurück auf dem Wege! Der Himmel ist klar, die Wolken ziehen sich irgendwohin; die. nässen Felder lächeln zum Himmel und danken.ihm für seinen Segen. Und über den azurblauen Himmel mit den blauschattierten Wolken spannt sich ein goldglänzender Regenbogen vlaugerändert. „Gott ist barmherzig, er hat sich erinnert" erzählt der Himmel und trocknet die Erde mit hingebender Liebe, wie eine liebende Mutter, die Tränen ihres weinenden Kindes. Die Sonne verschwindet nnd kehrt wieder, eine leichte Wolke schwebt über dem Himmel. Ein goldenes Meer, mit einzelnen blauen Inseln, ergießt sich auf der Abendseite, aus den Wolken schaut der runde Mond wie durch einen Vorhang. Und immer kleiner wird das goldene Meer, die dunkelblauen Inseln werden größer, die Molke über dem Mond wird durchsichtiger und zarter und es erscheint schon der silberne Mond. Von der Ferne her zeigen sich einige Bäume/bald werden ihrer mehr und dann werden sie zu einem dichten Walde. -Der Weg verliert sich zwischen den Bäumen, in den Lüsten schwirren verschiedene Töne, menschliche Stimmen vereinigen sich mit dem Gequake von.Fröschen. Ein Bauernjunge begegnet mir, er singt ein Lied, ein weiches, klingendes, melodiöses Lied; er liegt in einen Seitenweg, verschwindet, und sein Lied wiegt sich in der Lust. Die Bäume werden seltener, das Rauschen der Blätter hört für eine Weile auf und wie lauschend steht die Gegend da . . . . man ruht aus — von weitem hört man die Frösche quaken. Dort in der Ferne ragt etwas empor, es tritt immer stärker hervor, ich weiß noch nicht was dies ist. Ein Hund bellt, dann hört man vielstimmiges Brüllen. Kinder kommen von der Weide. Große gelbe Flecken bewegen sich. Eine Bäuerin mit einem Zweige in der Hand folgt ihnen. Zwei Juden kommen des Weges, sie tragen Säcke auf den Schultern, Stöcke in der Hand und wandern. Der Himmel ist schon dunkel, kleine Sterne blicken wie helle Fensterchen aus den Engelstübchen, der Mond wie ein großes Fenster aus dem Palaste seiner göttlichen Majestät, und dort weit, weit versinkt die letzte Abendröte in große dunkelblaue Wolken. ■ Mau erblickt schon die Häuschen von Schemenitz. Niedrige Häuschen, eines vom zwetten entfernt, der Bauplatz ist dort nicht teuer. Weiber fitzen vor den Häusern und plaudern, Kinder lanfen über die steinerne Brücke eines ausgettockneten Flüßchens. Inmitten des Marktplatzes liegen große Bündel Stroh, wahrscheinlich ist es nach einem Markttage. Auf einem leeren Platze zwischen zwei Häuschen spielen Schulbuben Soldaten. Ein Gasthaus mit einem Schilde und roten Transparent-Buchstaben, hinter denen ein Lämpchen raucht. Auf der Türschwelle eines Ladens steht ein Mädchen mit hübsch gekämmten Haaren und weißer Schürze und schaut wie andere Mädchen spazieren gehen, sie blickt auch zur Türe hinüber wo ein Feldherr wohnt, dort steht ein kecker Junge mit dem Hute auf der Spitze des Kopfes und winkt ihr zu. Schaue, dreizehnjähriges Mädel, einstweilen in die Welt hinein. Dein Bräutigam lern! erst das Pichetü *) zur Barmizwe **). Lauter Frauen und Kinder, wo sind die Männer? „Jisgadal, wejiskadasch" ***), ertönt es aus dem Bethause. — Dort sind sie. „Amög, jähe Schma rabu", erwidert die Gemeinde mit lautem Schall. Und manche der Frauen die vor den Türen sitzen, wischen f) sich die Hände an den Wänden und sagen: „Amen Schma rabu". Schemenitz betet. Die Nacht ist heran gekommen und sicher und still stehen die kleinen Häuschen rings um den Marktplatz.^ Und welch wundervollen Mond hat Schemenitz! Dunkel ist der. Himmel, mit Sternen wie mit hellem Mohn besäet inmitten ein großer Mond, wirklich dils Gesicht vom Profeten Josoachff-), ohne ein einziges Fleckchen, die Gottheit strahlt auf dem heiligen Gesicht. Und der Mond schaut herunter und freut sich über die versrmmelten Beter. Hinter mir /ragt eine junge Stimme: Darf man denn in Mond schauen? Ja, darf aan? - Ich wende mich um, und schaue in ein großes Kinderqüge, in einem blaffen mageren Gcsichtchen fragen forschend: Ja darf man denn schauen? Darf man? Und ich denke der Mond in Schemenitz ist vielleicht deshalb so klar und heilig und rein, weil niemand in ihn schaut! *) Kommtar zum Talmud. **) Kolfirmation. »**) Seelengebet. i) Wmn kein Wasser zum waschen der Hände da ist, hilft nun sich mit abreiben an der Mauer. -HO Zn der Bibel heißt es, als der Profet Josua, die Schlicht bei Gibeon leitete, gebot er dem Monde und der Lonne stillzustehen. Nun geht die Sage, daß der Mgm im Monde das eingeprägte Gesicht von Josua /rage und man darum nicht in den Mond hineinichauen dürfe. Bricskasten. Herrn Berthold B.: Wir glauben, daß Sie im Unrechte sind. Der Herr, der die Zeilen über Brüll schriebist Zionist, dürfte also informiert sein. Herrn I. G. in P.: Besten Dank. Für uns leider nicht verwendbar. Frau D. K. in B.: Sie haben recht. Die Notiz ist durch einen Zufall von der Redaktion nicht überprüft worden. _ Handel und Verkehr. Produkren-Börse. Wien, den 26. September 1907. Die Nähe des Oktober Termins an der Budapester Börse einerseits, der teuere Geldstand andererseits geben dem Getreidemarkt das eigentümliche Gepräge, das er jetzt besitzt. Die Lagerhäuser sind mit Vorräten übersüllt, doch werden diese von der Hauffepartei festzuhalten gesucht, während der teuere Geldstand doch zu Abgaben zwingt. Weil Verkäufe jetzt nur erfolgen, wenn die Situation dazu zwingt, müssen Eigner Nachlässe bewilligen. Es zeigt aber für die Stärke der Hausse-Spekulaton, daß trotz schleppenden Absatzes erst heute ö Heller Nachlaß bewilligt wurden. Die Woche über lag Weizen stetig, Roggen worin bessere Frage besteht, gut behauptet. Für Gerste ist nur wenig Exportintereffe vorhanden und auch der Konsum kaust nicht flott ein. Trotzdem liegen feine Sorten, die knapp offeriert sind voll behauptet; Mittelsorten sind Preishaltend, ge- , ringe neigen zur Ermattung. Futterartikel haben schlechten Absatz, Mais konnte trotzdem seinen Preisstand mühselig behaupten Hafer ist flau und 15 Heller billiger erhältlich. Amtliche Notierungen per 80 kg. loko Wien. Merzen Theiß.11.65 Slovakischer.10.85 Marchfelder und Niederösterr. . . 10.90 Roggen: Slovakischer.9.90 Pester Boden.9.85 Oesterreichischer .... Ungarischer ..... Cinauantin ..... H°fe Ungar. Ia m. Ausstich . . „ geringer Ausstich . 7.25 7.80 8.45 8.20 12.30 11.40 11.20 10.10 10.05 9.95 7.50 8.15 P ATFNTF etwWtt'"d I Lill I La verwendet Ingenieur und Patentanwalt J. Knöpfelmaclier Telephon 22132. Wien, II„ Praterstrasse 37. Max Hesses Verlag, Leipzig. Broschiert Mk. 9.—. Ceopold Homperts sämtL Werke in 10 Bänden. Mit 6 Bildnissen, 2 Abbildungen und einem Stammbuchblatte als Handschriftprobe, sowie einer Einleitung von Dr. Stefan Hock. In 5 Leinenb. Mk. 12. Geschenk-Ausgabe in Karton Mk. 15.— Inhalt: Band I. Einleitung: Komperts Leben und Schaffen. Aus dem Ghetto. IL Böhmische Juden. III. Am Pflug. Eine Geschiehte. IV. Neue Geschichten aus dem Ghetto. V. Geschichten einer Gasse. VI. und VII. Zwischen Ruinen. Roman. Zwei Teile. VIII. Franzi und Heini. Geschichte zweier Wiener Kinder. IX. Verstreute Geschichten. X. Kleine Schriften. Hnmnprtc uämtllolie Werke werden allen l\Uill|ICI lO denen willkommen sein, die sich an farbenprächtigen Schilderungen und Dichtungen eines Mannes von grossem und freiem Geist, der mit Recht den bedeutendsten Novellisten zugezählt wird, erfreuen wollen. Ko mp er t steht nach dem Urteile hervorragender Literar-Historiker in der ersten Reihe jener Dichter, die die eigenartige Denknnd Lebensweise der böhmischen Juden im vormSrzlichen Ghetto dargestellt haben und dessen warmherzige, poesievolle und dabei objektive und lebenswahre Erzählungsform sich begründetes Recht auf die Bezeichnung „klassisch“ erworben hat — Der zehnte Band enthält Schriften, die in der früheren, längst vergriffenen Gesamt-Ausgabe fehlten und auch bisher noch Ungedrucktes aus Komperts Nachlass. Eine ausführliche Biographie aus der Feder von Dr. Stefan Hock, Wien leitet das Werk ein. /’ *) Gelobt seist Du Gott unser Herr.

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