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Neue Zeitung · 1907-09-27 · Heft 16 (27.9.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 16 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Neue Zei tung. Nr. 16 geben sie nach ihrer Absolvierung der Vrrzweif- - lung preis, da ihnen durch ihre Mittellosigkeit der Weg zur Universität, insbesondere zur Beendigung der Studien versperrt ist. Mit dem aufgewandten Oelde könnten dreimal so'viele s an einer Fachschule erhalten werden, da die Studienzeit um ein Drittel kürzer als an den Gymnasien ist. An dieser Einsichtslosigkeit krankt schon vor seiner Errichtung das Czernowitzer Schülerheim, da es nur Real- und Gymnasialschüler aufnehmen soll. Es klingt sehr sonderbar, daß in Czernowitz, einer Stadt, die dem Gymnasialstudium zum großen Dell gegnerisch gesinnt ist und in der es mehrere Fachschulen gibt,' die an diesen Studierenden keine Unterstützung finden können. An der Realschule, die wohl eine Art fachlicher Mittelschule ist, sollten arme Schüler schone gar nicht studieren, da sie nach .der Absolvierung keine Mittel haben, ihr Studium an einer in der Ferne befindlichen technischen Hochschule foctzusetzen. Daß die Schülerheime Schülern von Fachschulen den Zutritt verweigern, ist umso weniger erklärlich als diese noch eher einer modernen jüdischen Erziehung bedürfen. Durch die Errichtung des Czernowitzer Heimes hätten die jüdischen Schülerheime in der Provinz es leichter, durch einen Beitrag den auf einen Freiplatz Reflektierenden die Möglichkeit zu einem Fachstudium zu gewähren. Dies umsomehr, als teilweise die in die Bauschule,,-und alle in die Tischlermeisterschule nach mindestens einjähriger Gehilfenzeit aufgenommenen Frequentanten währrend ihrer ganzen Studiendauer Unterk stützungen im Betrage von 35 bis 50 Kronen monatlich, überdies die notwendigen Lehrmittel erhalten. An der Bauschule wird nur im Winter unterrichtet, im Sommer hingegen (mit Bezahlung) praktiziert. Die Sache wäre also für die Schülerheime nicht mit besonderem Kostenaufwande verbunden, zumal die Studienzeit sehr kurz ist. An der Handelsschule und landwirtschaftlichen Mittelschule sind Unterstützungen seltener und — wie von manchen behauptet wird — nach Absolvierung derselben geringe Aussichten vorhanden. Meiner Ueberzeugung nach trifft -dies bei jenen Ackerbau-Schüleüi nicht zu, die anfangs mit Rücksicht darauf, daß sie das Fach noch nicht praktisch beherrschen, bescheidene Ansprüche erheben, andererseits die Stadt verlasien, um ihren Beruf auf landwirtschaftlichen Betrieben auszuüben. In der Leitung des in Czernowitz zu errichtenden Heimes sitzen auch Männer aus dem Großgrundbesitze. Diese hätten die beste Gelegenheit, durch Unterstützung armer Schüler sich einen ihnen getreuen Beamtenstand heranzuziehen. Überdies sollte es das Heim auch nicht an Vermittlung von Arbeitsgelegenheit für die Absolventen fehlen lassen. Mtt der Eröffnung der Handelsakademie in Czernowitz wird für die Bukowina ein neues Studiengebet eröffnet und sollte die Gewerbeschule endlich einmal die erforderliche Erwetterung erfahren, sö wäre dies ein Segen für die Bukowina. Mögen alle diese Berufe noch so schlecht sein,, jedenfalls bieten sie bei wettem bessere Aussichten als das Gymnasialstudium. Denn die Armen brauchen ein kurzes Studium, das sie nach Absolvierung einem günstigen Berufe zuführt. Suczawa. . Jur. Salomon Menkes. Literarische Gesellschaft „Sinai". Am 19. August hat in Haag die konstituierende Versammlung der literarischen Gesellschaft „Sinai" zur Förderung des hebräischen Schrifttums stattgefunden, ' die sehr zahlreich besucht war. Das Zenttalkomitee des „Sinai" konnte mtt Genügtuung darauf Hinweisen, daß dieses gemeinnützige Institut viele Freunde und Gönner gefunden hat. Neben einer namhaften Spende in der Höhe von Mk. 10.000.—, die Herr S. Hurwitz, Mitglied des Zenttalkomüees in Berlin, dem eisernen Fond zugewiesen hat, sind , noch andere ansehnliche Beiträge eingelaufen, durch welche die Gesellschaft in den Stand gesetzt worden ist, schon jetzt ein bedeutendes Werk ins Leben zu rufen., Mtt dem 1., Oktober beginnt das Erscheinen der hebräischen Quartalschrist „Heatid", dessen erstes Heft (15 Bogen in Großottav stack) jetzt im Druck vorbereitet wird. Diese ernste Zeitschrift will sich der wissenschaftlichen und ernst-publizisttschen Behandlung aller Probleme des Judentums und des jüdischen Volkes, widmen. Die bedeutendsten jüdischen Gelehrten^ und Schriftsteller, alle, welche über Juden uud' Judentum in gediegener Form etwas zu sagen haben, werden als Müackeüer des „Heatid" herangezogen werden. Die -jüdischen Denker und Forscher, welche nicht hebxäisch schreiben, werden Gelegenheit erhalten, ihre Geistes-' Produkte durch gute Uebersetzungen zu veröffentlichen. Die Zeitschrift „Heatid", die in Berlin erscheint, wird das Organ der Gesellschaft „Sinai" sein, die ebenfalls ihren Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Bon da aus sollen alle Kräfte jim jüdischen Volke zur Pflege der hebräischen Sprache und Literatur organisieck werden. Nach den ersten vorbereitenden Arbeiten zur zweckmäßigen Einrichtung dieser Organisation gedepkt die Leitung der Gesellschaft mit Hilfe der hervorragenden geistig Schaftenden des jüdischen Volkes ein umfassendes Programm zu entwerfen. Es wird beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Wecke ist, volkstümlich zu machen, und dasjenige, was nicht mehr mtt dem Bewußtsein unserer Zett zu vereinbaren ist, dadurch vom Untergang zu retten, daß sein sprachlicher. und kullureller Inhalt in einer geeigneten Form aufbewahck werde. Aßerdem sollen gediegene Schckften zeitgenössischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geistigen Lebens des jüdischen Volkes überhaupt mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Leitung geht .von dem Standpunkt aus, daß die. Lage unseres Volkes^ seine weitgehende Zerstteung in allen Weltteilen, wohl die Schäftung. einer jüdischen Literatur in verschiedenen Sprachen zur Notwendigkeit macht. Diese Literatur bringt gewiß großen Nutzen und wirkt ersprießlich. Aber anderseits liegt die Gefahr vor, daß die Judenheitdadurch kulturell' immer mehr zersplittert wird.. Ehedem pflegten jüdische Gelehrte und Schckststeller hebräisch zu schreiben, wodurch die Juden in allen Ländern eine gemeinsame Volkstckbüne und eine, wenigstens der Behandlung des Judentums, einheitliche Bildungsstäüe'hatten. Im 19. Jahrhundeck kam für die Wissenschaft des Judentums und für die jüdische Literatur neben der hebräischen auch die deutsche Sprache auf, welche letztere damals fast von allen Juden des Abendlandes verstanden wurde. Seitdem haben sich die Verhältniffe stack geändert. Die deutsche Sprache wird nur noch von einem kleinen Bruchteil der Judenheit verstanden. ,Wir haben nunmehr eine jüdische Literatur auch in englischer, französischer, italienischer, holländischer, ungarischer und russischer Sprache. Es ist dahin gekommen, daß wir einander nicht mehr verstehen, und was noch schlimmer ist, daß wir Juden unsere Ge-- dankenarbeit zehnmal verrichten und uns dann bis zur Ermüdung wiederholen. Wtt müssen zur hebräischen Sprache zurückkehren, sie zum Organ unserer geistigen Einheit, zur Form unseres gemeinsamen Kulturlebens machen. Die hebräische Sprache hat sich im ganzen Verlauf unserer Geschichte als Spräche unseres geistigen Schaffens bewähck. Alle Versuche, das Judentum in einem ftemden Gewände zu stabilisieren, haben nur den Charakter des Provisoriums; die ftemden'jüdischen Literaturen haben nur eine zeitliche und örtliche Wirkung aufzuweisen. Was ist im Laufe Jahrhunderte aus den inhaltvollen jüdisch-griechischen und jüdischarabischen Literatur geworden? Was nicht rechtzeitig ins Hebräische übeckragen wurde, ging entweder ganz verloren oder stiftet nur ein ephemeres Dasein. Die Gesellschaft „Sinai" gedenkt schon in der nächsten Zeit, ihr Programm zu veröffentichen, und hofft auf die tätige Müwirkung aller Freunde der hebräischen Sprache und aller, die an die Zukunft des Judentums glauben. Sie gehöck keiner Partei an, sondern will dem ganzen jüdischen Volk angehören, allen Juden des Morgen- und des Abendlandes. Sie steht allen religiösen und politischen Kämpfen fern und will nicht trennen, sondern vereinigen. Um jedem Juden die Möglichkeit zur Anteilnahme an der Gesellschaft zu geben, wurde ein Jahresbeitrag von M 10.— festgesetzt, wofür sämtliche Publikationen der Gesellschaft mit einer Ermäßigung von 25°/0 geliefert werden. Beitrittserklärungen, Geldzuwendungen' und Aufträgen sind zu richten an das Zentralkomitee des „Sinai": Herr S. Hurwitz. JnBerlin W,Kurfürstendamm 51. Kunst und Literatur. „Mekor Chajim". (Die Quelle des Lebens.) Von dem nationalen Prediger Chaim Katz, Lemberg 6667.; Lithauen ist die Heimat der Wanderprediger. Wer einen lithauischen„Baaldarschan" einmal gehört hat, weiß, welches Ereignis es für em Städtchen im Osten bedeutet, wenn ein „Litwak" daselbst ankommt und seine Predigten ankündigt. Es gibt unter ihnen Meister der Beredsamkeit, hinreißende und begeisternde Redner,, feinsinnige Exegeten und Interpreten der Agada und des Midrasch, Männer von überraschender Gelehrsamkeit auf dem weiten Gebiete des Talmud und des rabbinischen Schrifttums, bei denen unsere modernen' Kanzelredner des Westens gar viel zu lernen hätten; vor allem aber zeichnen sich die meisten unter ihnen durch überaus witzige Erfindung von Parabeln und Gleichnissen aus, die die. verborgensten Regungen der Volkspsyche 'in Schwingung bringen. Man hält sie vielleicht für veraltet, unmodern, und mancher moderne Prediger,, der ein Colleg über „Homiletik" gehört hat. dürfte ungern hören, daß man einen solchen „Baaldarschan" auch einen Prediger nennt. Aber man vergleiche einmal die Draschah's eines J akob Dubno mit einer beliebigen Sammlung gedruckter Predigten und man wird bald den Unterschied erkennen, zwischen' Ursprünglichem, originaljüdischem Denken und Lehren, und Nachgeahmtem, auf äußere Wirkung spekulierende Schönrednerei, die nicht aus der Tiefe kommt und. nicht tief in die Gemüter zu dringen vermag. Aber auch den Vorwurf des unmodern-n. kann mancher litauische, Wanderprediger mit'Recht und Fug von sich weisen. Mit den Renaissancebesttebungen der zionistischen Bewegung bekamen auch diese Prediger neuen Jnhätt für ihre Reden und andererseits ist ein gut Teil der Verbreitung zionistischen und jüdisch-nationalen Denkens als ein Verdienst der Wanderprediger zu bettachten, die sich nunmehr auch „nationale Prediger" nennen. Als solcher.stellt sich uns Herr Chaim Katz vor, der Verfasser von drei Predigten, die uns als erstes Heft einer Sammlung in hebräischer Sprache vorliegen. Das'Hebräisch ist klassisch und, dabei so leicht und fließend, daß'es auf eine glänzende Rednergabe schließen läßt. Diese Reden bestätigen wohl das Urteil über die Wanderpredigten des Verfaffers, das mir aus vielen Städten Galiziens vom Hörensagen' bekannt ist. Wenn das geschriebene Hebräisch eine solche Wirkung erzielt, wie müssen es erst die gesprochenen Reden dieses Preoigers tun, wenn er zu den großen Massen in der lebendigen Volkssprache redet, die sie selbst reden, in der sie sinnen und denken, weinen und lachen! Dem.Jnhalt nach sind, die Predigten u r j ü d i s ch und national, vom Geiste des Midrasch getragen, der durch Jahrhunderte das jüdische Volk "zu ausdauerndem hackem Kampfe für seine nationale Existenz erzogen hat. Aus jeder Zeile spricht ein tiefer sittlicher Ernst und. grenzenlose Liebe zu den idealen Gütern des Volkes ist der Grundton, in dem die Predigten Satz für Satz ausklingen. Sie verraten -einen umfaffenden historischen Sinn und schlagen einen erschütternd traurigen Tön an, wenn sie von. unserer Leidensgeschichte sprechen. Unser Prediger versucht es den Frommen nachzuweisen, wie sehr sie gesündigt haben und noch heute sündigen, wenn sie untätig auf übernatürliche Hilfe warten, und führt inft glänzender Weise die Verttauungsseligkeit unserer Assimilationshelden »ä.absurdum, die von einem Trugscheine geblendet, es noch immer nicht einsehen, wie schlecht es um ihre Rechenkunst steht, wenn sie alles Heil von, ihrer Selbstverleugnung^ erwacken. " . Es ist leider nicht möglich, im Rahmen einer Besprechung Auszüge aus diesen Predigten in deutscher Uebersetzung zu bieten. Ich kann es mir jedoch nicht versagen, in kurzem der zweiten Predigt zu erwähnen, , die sich mtt der Assimilation besagt. Die Lehre von " der Assimilation sei in Zeiten der Unruhe entstanden, als um Freiheiten gekämpft wurde. Den Völkern war jede Hilfe im Kampfe willkommen, auch die der Juden. Aber schon die alte Agada sagt: „Weshalb wurde Israel mit der Vernichtung besttast? Weil es an der Tafel eines Frevlers Platz nehmen wollte." Als es zum Genüsse der erbeuteten Freiheiten kam, sei der alte Haß zum Vorschein gekommen. Katz erläutert dies mit folgender Parabel, die uns lebhaft an die Parabeln Jakob Dubno's erinnert: Zwei arme Schnorrer kamen in ein Haus, wo , eräde eine Hochzeitsfeier stattfand. Der reiche Hauserr und seine ebenfalls reichen Gäste waren bereits angeheitert und in ihrer freudigen Stimmung zogen sie auch die ungeladenen Schnorrer in ihren Kreis, unterhielten sich und tanzten mit ihnen. Da sagte einer zu seinem Genossen: „Siehst du, wie brüderlich man uns behandelt! Morgen werden wir vom Hausherrn verlangen, er möge uns größere Summenleihen." Als sie aber am nächsten Tag ihren Wunsch äußerten, war. der Freudenrausch des Reichen bereits verflogen und die Schnorrer wurden unter Hohngelächter zur Tür hinausgewiesen. (S. 26.) — Noch ein Beispiel aus der dritten Predigt: In Anlehnung an einen Midrasch, nach welchem der Schutzengel Aegyptens mit dem Genius des Esau (im Midrasch gewöhnlich für Rom. Anm. d. Ref.) zusammentrifft und über das Judenvolk diskutieren, entwirft der Verfasser folgende Schilderung: Der Genius Aegyptens begegnete einst dem des Esau und er ckchtete an ihn die Frage: „Weißt du nicht wo. die Söhne Jakobs sich jetzt aufhalten? Seitdem sie nämlich , aus meinem Lande zogen, habe ich nichts von ihnen gehöck." . ' „In den Ländern meiner Herrschaft wohnen sie," antwortete der Genius des Esau. „So? Ist es schon lange her?" „Seit fast zweitausend Jahren." „Aber ich bitte dich, wie ist es denn möglich? Wie vermochtest du sie solange unter deiner Herrschaft zu behalten? Mir ist es bekanntlich nicht gelungen, und-ich wurde obendrein tüchtig geprellt und geprügelt, sodaß ich sie schon nach zweihundert und zehn Jahren freigeben mußte, trotzdem von ihrem Gotte ihnen bestimmt gewesen war vierhundertjährigen Frohndienst zu-leisten.' Wie brachtest du es denn zustande, sie tausende Jahre zu knechteu?" „Ganz einfach", — schloß der Genius Esau's—. „du hattest ihre Art nicht erkannt und ließest sie beisammenwohnen. in einem einzigen Ghetto, in der einen Stadt Gosen, wo sie miteinander über ihre

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