Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Zeitung Seite 3 Alle Gnade des Zaren, dem wahrscheinlich demnächst von den Pogromtschiki eine goldene brillantbesetzte Ehrenhacke überreicht werden wird, hat ihnen nicht geholfen. Selbst die Oktobristen, die um einige Millimeter mehr nach links stehen, sehen bisher sehr schmal aus. Inzwischen ist die ruffische Regierungsbande damit beschäftigt, die „I u d e n r e i n h e i t" d e r D u m a zu sichern. Das soll durch „n at io n a l e Kurien" oder was die gewissenlosen Verwüster eines ganzen großen Reiches so nennen, erreicht werden. In Wilna, Kowno und Krementschug ist schon der Anfang gemacht. Dort hat es schon frsther eine russische und eine nichtruffische Kurie gegeben. Jetzt wird die nichtrussische in eine, jüdische und nichtjüdische Kurie geteilt. Die nationale Kurie bedeutet aber in Rußland nicht wie anderswo eine Sicherung eigener nationaler Abgeordneter, sondern gibt nur das Recht, eigene Wahlmänner zu wählen, die zusammen mit den Wahlmännern der anderen Nationen die Abgeordneten wählen. Durch die Bestimmung der Zahl' der Wahlmänner ist nun aber dafür gesorgt, daß die jüdischen Wahlmänner in hoffnungsloser Minorität bleiben. In Wilna speziell ist dadurch, daß die Polen mit den Letten in eine Kurie zusammengetan sind, in welcher die ersteren die Majorität haben, die Majorisierung der Juden durch die Russen und Polen tote Gewißheit geworden. Der russischen Huliganendespotie sind die polnischen Nationaldemokraten noch immer lieber als die Juden. Demgemäß ist auch die Wahlstimmung unter den Juden sehr flau. Man erinnert sich auch daran, daß die beiden vorhergegangenen Dumas für die Juden nichts geleistet haben. Und besonders gegen die Kadetten ist man sehr gleichgiltig geworden, namentlich auch seitdem einer ihrer Hauptsührer Miljukow in seinem Blatte zwischen „Jude" und „Jid" unterschied und scharfe Ausfälle gegen die nationalen Bestrebungen der Juden machte. Und wie lange wird denn überhaupt die Herrlichkeit der dritten Duma dauern? —tt— Ein Brief von Morris Rosenfeld. Im New-Iorker „Vorwärts" ist folgender Brief Morris Rosenfelds abgedruckt: - - „Erlauben' Sie .mir. meine Freunde in Europa mit der Versicherung zu beruhigen, daß ich noch lebe. Man irrt sich auch im Auslande betreffs des Interesses, das die amerikanischjüdischen Arbeiter an meiner jetzigen Lage nehmen. Es würde ein großes Unrecht sein, ihre Güte zu unterschätzeu, denn sie sind fast die einzigen, die mir bis jetzt geholfen haben und sie werden mich auch weiterhin gewiß nicht verlassen. Es ist wahr, daß ich für die Literatur vorläufig tot bin. Ich kann mein Lebenswerk, das ich so sehr liebe, nicht fortsetzen. Ich lebe aber fiir die Aerzte, für die Apotheker und für die verschiedenen Kurorte, die meinen letzten Heller verschlingen. Ich muß auch der jüdischen Presse, den fortschrittlichen jüdischen Vereinen, sowie meinen literarischen Genossen verschiedener Lager für ihre Sympathie, dirette und indirekte Hilfe meinen herzlichsten Dank aussprechen. Ich tröste mich mit der. Hoffnung, daß sie nicht aufhören werden, ihre moralische Pflicht gegen mich und meine Familie zu erfüllen, denn ohne ihre Freundschaft bin ich vorläufig hilflos und verlassen. Es ist auch wichtig, das Ausland auf die falsche Nachricht aufmerksam zu machen, ich sei zwei Jahre elend und verlassen im Krankenhaus geckegen. Das ist nicht wahr.- Die intelligente jüdische Bevölkerung Amerikas bot mir die Möglichkeit, mit meiner Familie zusammen zu bleiben und bis zur Stunde keine Not zu leiden. Meine Freunde versichern mir auch, daß ein Plan bestehe, mich für meine letzten paar Jahre zu versorgen. Man hat mich eben benachrichtigt, daß ein „Brief" von mir in einer Londoner Zeitung, im „Jüdischen Journal" erschienen ist. Ich weiß zwar nicht was in „meinem Briefe" steht, doch protestiere ich gegen das Unrecht, Briefe in meinem Namen zu verfertigen und zu veröffentlichen. Ein derartiger Skandal soll öffentlich von allen rechtlichdenkenden Menschen verdammt werden. Mit Hochachtung Morris Rosenfeld. Neues Krankenhaus in Palästina. Baron Edmund v. Rothschild wird wie es heißt, in Safed auf seinem dorttgen Bodenbesitz, ein großes Krankenhaus erbauen lassen; die. Arbeiten sollen in Kürze in Angriff genommen werden. Bon da und dort. Bethausskandal in Leoben. Jom Kippur in Leoben bot ein trauriges Bild, da sich wüste Szenen im Bethauslokale abspielten. Ein Herr Kraus, der trotz zweier Vorbeter beten wollte, wurde seitens eines Herrn zur Rede gestellt, daß er den Anforderungen eines Vorbeters nicht entspreche, da er am Samstag rauche und Karten spiele. Dies führte zu stürmischen Auftritten. Herr Kraus griff die ganze Majorität an, indem er ihnen „Polnische Bagage" und „Von den Polnischen laßen wir uns nichts vorschreiben" zurief. Er wurde hiebei in tatkräftiger und besonders ordinärer Weise von einem Herrn Blau, ferner von einem slovakischem Trödler, der mit erhobenem Stocke operierte, unterstützt, während der Vorbeter weiter betete. Der besonnenen Haltung der angegriffenen Menge, die in einer antisemitischen Stadt keinen Skandal verursachen wollte, ist es zu danken, daß keine Wache emschritt. Einige Herren, die die Angelegenheit schlichten wollten, wurden von Sette des Präses, Herrn Glefinger, aus dem Saale geschafft. Ein derartiger Fall dürfte in Oesterreich einzig sein und es wäre nötig, daß die Grazer Kultusgemeinde andere Herren an die Spitze stellte, damit derartiges sich nicht mehr ereigne. N. N. Eine nationale Kundgebung. Man berichtet uns aus Czernowitz: Die wegen ihrer nationalen Betätigung gemaßregelten Professoren des Radautzer Gymnasiums Dr. Engel und Lieb en,von denen der erstere strafweise versetzt, der andere ganz vom Amte enthoben wurde, waren am 19 d. M. auf ihrer Durchreise am hiesigen Bahnhöfe Gegenstand lebhafter Ovationen. Sie wurden von sämtlichen jüdischen Verbindungen erwartet, in deren Namen cand. jur. Stecher eine Ansprache hielt, für die Prof. Engel in warmen Worten dankte. __ Am Israel. Aus der jiid. Oeffeiltlichkeit. In dieser Rubrik finden u. a. Verlautbarungen jüdischer Körperschaften — ohne Unterschied der Richtung — Ausnahme. Jüdischer Turnverein. Das Verbandsschauturnen der jüdischen Turnvereine, das zu Pfingsten d. I. in Wien stattgefunden hat, ist noch in ftischer Erinnerung. Die jüdischen Turnvereine haben die Kraftprobe glänzend bestanden. Das Verbandschauturnen äußerte aber auch eine nachhattige Wirkung auf die Wiener Turnvereins, Durch Berührung mit den anderen Turnvereinen, speziell Deutschlands, kam ein frischer Zug in unser Turnen. Der Sommer brachte darin keine Unterbrechung und nunmehr gehen die Wiener Turner mü fnscher Kraft daran, zur Beteiligung für das Schauturnen in Graz und für dasjenige das der I. Wiener jüd. Turnverein im Winter in Wien abhatten wird, zu rüsten. Die diesjährige Saison hat bereits begonnen. Das Herrenturnen findet wie alljährlich auch heuer, Montag und Donnerstag, von 'l2Q—9 Uhr, das Damenturnen Mittwoch und Samstag von 7—'/.9 Uhr, statt. Für das Kinoerturnen sind die Stunden wie im Vorjahre für Dienstag und Freitag von 1/j6—‘7 Uhr festgesetzt. Anmeldungen für den I. Wiener Jüd. Turnverein werden während der Turnstunden am Turnplätze I., Mötterbastei 5 entgegengenommen. Am 30. Septem*ber und 1. Oktober d. I. findet in Lemberg die erste Konferenz der jüdischen jugendlichen Arbeiter und Handelspraktikanten in Oesterreich mit folgender Tagesordnung statt: 1. Eröffnungsrede, 3. Wahl des Präsidiums, 3. Rechenschaftsbericht des provisorischen C.-K. 4. Unsere ökon. Aufgaben ») Lehrlingsftage h) Reiseunterstützungsfond. 5. Unsere kulturellen Aufgaben a) Gruppen-Kurse b) Gewerbeschulreform c) Presse und Broschüren, 6. Organisation. 7. Agitation, 8. Wahl eines neuen C.-K. 9. Anträge. Aus der Territorialistischen Bewegung wird uns berichtet: Warschau. Hier fand durch drei Tage eine Konferenz russischer Territorialisten statt, die zu Schluß an Mr. Zangwill ein Telegramm sandte, welches vom Präsidium der Konferenz: Mandel stamm. Paperin und Fink elfte in gezeichnet war und folgenden- Wortlaut hatte: „Eine in dieser Stadt tagende Territorialisten-Konferenz übermittelt Ihnen nach dreitägiger eingehender Beratung aller reifen Probleme der Bewegung ihre Grüße und den Dank für Ihre unermüdliche Tätigkeit im Interesse des Wohles unseres Volkes." Die Konferenz gab auch ihrer Beftiedigung über die Tätigkeit Dr. Jochelmann's im Emigrations- Departement der „Jto" Ausdruck. Es wurde der Beschluß gefaßt, den Sitz des Aktions-Komitees der russischen Territorialisten-Organisation von Warschau nach Kiew zu verlegen (nicht umgekehrt, wie ein hiesiges Blatt berichtet hat. Anmerk, der Red.), wo Dr. Mandelstamm als Präsident, unterstützt von den Herren Dr. Jocheimann, Lipetz, Leo und Paperin dasselbe leiten wird. Außer diesen fünf Mitgliedern des Zeniral-Komitees wurden in die Leitung gewählt: Advokat Jassinowski, die Herren Finkelstein, Jatzkan, Jo/selesf und Hillel Zeitlin aus Warschau, die Herren S chviro und Tropp aus Baku, Dr. Stein aus Elisabetgrad, Dr. Goldberg aus Aeletz, Dr. Dorfmann und die Advokaten Rabinovich und Gerstein aus Odessa. Manchester. Das ständige Komüee der British I. T.O.-Federation hat die Einladung der Manchester-Organisation — den nächsten Delegierten-Tag Sonntag, den 3. Dezember 1907 abzuhalten — akzeptiert. Burma. Mr. D. Daniells aus Rangoon begründete hier eine Jto-Ortsgruppe. Tribüne. Jüdische Schülerheime in der Brrko- Der Zweck jüdischer Schülerheime ist außer der Erziehung der in der Fremde studierenden Mittelschuljugend auch noch der, fähigen, aber mittellosen Mittelschülern durch Verleihung von Freiplätzen die Fortsetzung des Studiums zu ermöglichen. In der Bukowina werden wir in kurzem vier solcher Schülerheime haben: Das Storozynetzer Privatgymnasium, als Erziehungsanstatt unter diese eingerechnet, das Serether Schülerheim und die zu errichtenden Schülerheime in Radautz und Czernowitz. Faßt man nun z. B. die Serether Anstatt ins Auge, so läßt sie, was jüdische Erziehung betrifft, vieles zu wünschen übrig. Das tägliche, - verständnislose Beten macht noch keine nationale Erziehung. Diese sollte ja schon im Elternhause beginnen. Doch leider wollen die Ettern die Kinder noch immer „modern", was bei ihnen gleichbedeutend mtt nicht jüdisch ist, erziehen. Und sie merken nicht, daß sie schon der Vorwurf der Mitmett trifft, und derjenige ihrer Kinder, die in eine neue Aera mit jüdischen Anforderungen eintreten, sicherlich nicht ausbleiben wird. Auch bewußt nattonale Familien tun wenig, für wahre nationale Erziehung ihrer Kinder — zum Teil, weil es ihnen an manchen hiezu nöttgen Bildungsmitteln mangett. Wenn aber - nicht einmal solche Familien und wenn nicht die Neligionsstunden für jüdische Erziehung sorgen, so' sollten doch wenigstens Erziehungsanftatten diese Pflicht erfüllen. So wäre es höchst wichttg, daß zur Aus» bildung des Sinnes für die Landwirtschaft Schulgärten errichtet würden. Auf dem Gebiete der geistigen Ausbildung ist vor allem ein moderner Unterricht in jüdischer Sprache, ferner Einführung in die jüdische und hebräische Ltteratur erforderlich. Am Storozynetzer Privat- Gymnafium wird zwar Hebräisch obligat gelehrt. Aber auf das Jiddische wird dort gar kein Gewicht gelegt. Wie^ sollte die Jugend als Vorkämpferin des Volkes die Anerkennung der jüdi» schen Sprache fordern, wenn sie selbst nicht in ihr zum Volke spricht? Erfordert denn die Pflege des Hebräischen eine Vernachlässigung der jüdischen Sprache?! . . . In Gymnafialstädten hätten jüdische Schülerheime lediglich als nationale Erziehungsstäüen Existenzberechtigung. Hingegen ist trotz des obligaten Hebräisch-Unterrichts die Existenznotwendigkeit des Storozynetzer Privatgymnasiums nicht einzusehen. Gibt es nicht genug Privatgymnasien? Klingen den Förderern der Gymnafialwut nicht die Notschreie der Absolventen und die allseittgen Warnungen in den Ohren? Anstatt die wegen Raummangels Abgewiesenen auf andere Berufe zu lenken, werden noch Privatgymnasien gegründet! Man sagt, daß man sich an Gymnasien größeres Wissen als an anderen Schulen aneignen könne. Aber an den Fachschulen wird doch der Aneignung allgemeinen Wissens auch Aufmerksamkeit zngewendet, und der Rest kann ja durch Fleiß nachzehott werden. Nach Absolvierung des Gymnasiums, die nach manchen Entbehrungen, Kraft- und Gesundheilsverlusten erfolgt, zu einem Handwerk oder sonstigen Fachstudium zu greifen, geht sehr schwer oder vielmehr gar nicht und man muß dirett einen Kampf mit dem Hungertods führen. Die Schülerheime glauben, armen Schülern durch die Verleihung von Freiplätzen eine besondere Wohttat zu erweisen. Im Gegenteil! Sie