Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 16 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 16 . werden die Oeffentlichkeü zu Hilfe rufen, wir werden den Kultusminister befragen lassen, ob ihm dieser Goühandel bekannt ist und was er dagegen zu tun gedenke. Auch die Westjuden müssen einmal aus dem Sumpfe heraus, x. x. eines einfachen Juden mit einem Schlachzizen. Neulich hatte ich eine Kontroverse mit einem Schlachzizen. Er warf uns Nationaljuden Undankbarkeit gegen das polnische Volk vor, das uns als Flüchtlinge zur Zeit Kasimirs des Großen gastlich aufnahm, dem wir aber jetzt feindlich entgegen treten, während wir mit den Ruthenen, feinen erklärten Feinden, liebäugeln. Meine Antwort lautete: Nicht dem polninischen Volke als solchem sind wir Nationaljudea abgeneigt. Das polnische Volk ist arbeitsam, verträglich und der Gesellschaft ebenso nützlich wie jedes-andere Kulturvolk. Wir finden uns mit ihm ebenso gut ab, wie mit den übrigen Völkern, unter denen wir leben, lllur die Schlachfizen, die ebenso ihr eigenes, als das ruthenische und das jüdische Votk terrorisieren, nur ihr Uebermut rufen der Ruthenen und unsere Gegenwehr hervor. Er: „Was wäret ihr denn zur Zeit eurer Einwanderung ins polnische Land anders als rechtlose Flüchtlinge, und seid ihr jetzt nicht freie Staatsbürger, ebenso wie wir Altpolen? Was haben wir euch voraus?" Ich: »Ich muß gegenftagen: Was wäret ihr denn zur Zeit unserer Einwanderung und was seid ihr jetzt? Aus, der Erörterung dieser Frage, werden wir die Antwort aus beide gewinnen. Als Kasimir der Große die Regierung antrat, fand er die Schlachzizen als Raubritter, die dem vorüberziehenden Wanderer auflauerten, ihn ausplünderten und ausgepeitscht liegen ließen, das Volk im eigenen Lande als Sklaven, als Viehstücke behandelten und ihm keine menschlichen Rechte zuerkennen wollten, selbst allen groben Lüsten fröhnten und Freude hatten, allen besseren Maßnamen des Königs dummen Trotz entgegen zu setzen. Der Regent konnte keine Verständigung erzielen, bei Zusammenkünften und gemeinsamen Beratungen schlug das Veto eines einzigen alles in die Brüche. Kasimir der Große versuchte den Bauernstand zu heben, ihm Menschenrechte zu geben, ihn zu Bürgern heranzuziehen. Das konnte ihm nicht gelingen, weil ihm die Schlachzizen Hindernisse entgegenstellten, ihn verspotteten, ihn „Bauernkönig" nannten. Andererseits waren die Leibeigenen der Schlachzizen so entmenscht, daß ihnen die Fähigkeit fehlte, freiheitliche Ideen fassen und ihnen nachleben zu können. Kasimir konnte mir diesem Menschenmateriale nicht erst eine vierzigjährige Wüstenwanderung durchmachen, um ein neues Geschlecht heran zu ziehen, und ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit, die Juden in sein Land zu ziehen. Er lud sie ein, sich in Polen anzusiedeln, gewährte ihnen alle freiheitlichen Rechte und begünstigte ihre Niederlassungen. Die Juden kamen. Sie brachten Reichtum, Leben, Intelligenz, Handel, Bettiebsamkeit, Verkehr im Jnlande und mit dem Auslande, sie belebten die Bauern und die Großen; es wurde regsam im öden Polenlande. Wie arm das Polenland war, ist daraus zu ersehen, daß die Juden aus Eigenem Gold- und Silbermünzen, auf welchen die Namen der polnischen Könige mit hebräischen Schriftzeichen prangten, prägten und in Kurs brachten. Und diese Münzen. besitzen wir noch. Das gesittete Familienleben der Juden imponierte, ihre Intelligenz regte die Geistestätigkeit aller Stände an, ' ihre Rührigkeit spornte zur Nachahmung, die Kultur begann auf allen Gebieten zu keimen, zu sprossen, Blüten zu tragen; der Staat fing an, sich lebendig zu fühlen. Die Juden waren die Lehrer, die Erzieher des polnischen Volkes, .der Kleinen wie der Großen. Und diese Vorzüge des jüdischen Volkes erkannten und schätzten nicht blos der große Kasimir, sondern auch seine Nachfolger Wladyslaw Jagiello, Kasimir IV., Sigmund I. rc. re. und sie alle gewährten den Juden Schutz und Schirm. , Was aber taten die übermütigen Schlachzizen? Ohne Verständnis für das Wohl des Neue Zeitung Landes wurmte es sie, daß die Könige durch die Juden und durch das gemeine Volk immer mehr erstarkten, und sie waren deshalb immer darauf bedacht, oas Volk zu unterdrücken und den Juden den Garaus zu machen. Mit der Geistlichkeit im Buüde fanatisterten sie das Volk gegen die Juden, das diese anfiel, in Mafien zur Taufe, zur Schlachtbank, zum Scheiterhaufen, zum Rade und zum Henkersblocke schleppte. So verfuhren die alten Schlachzizen mit ihren Lehrern und Wohltätern. Kein Blatt unserer Geschichte im Polenlande ist ohne Blutflecken." Er: „Aber jetzt seid ihr doch freie Staatsbürger und. entwickelt euch wie wir." Ich: „Das wir es jetzt sind, ist ja nicht euer Verdienst, es ist Oesterreichs Gesetzgebung, die alle Völker gleichstellt. Gleichwohl streben die mißgünstigen Schlachzizen, obzwar politisch und wirtschaftlich schon stark heruntergekommen, unablässig nach der Hegemonie im Lande und möchten alle anderen Völker an die Wand drücken, Ueberall suchen sie den Herrn zu spielen und welche krasse himmelschreiende Ungerechtigkeiten haben sie nicht bei den letzten Reichsratswahleu zu Tage gefördert! So. offen ungescheut die Gesetze mit Füßen treten, so schamlos zeigen, daß die Gesetze nur Andere binden sollen. So frech der Sittlichkeit mit Hohn entgegen treten und vor den Augen der ganzen Welt sich durch Gewaltakte und Gewissenlosigkeit elend blamieren! Und das. alles, blos um einige Abgeordnete mehr in den Reichsrat hineinzuschwindeln. Aber es wird euch nichts nützen. Ihr seid nicht allein im Lande. Die Ruthenen und Juden sind euch an Zahl überlegen und wissen, wessen sie sich von Euch zu versehen haben,, wissen wie Ihr bisher mit ihnen gewirtschafet und wie ihr Euch auf ihre Kosten üverhoben habt. Loskommen wollt ihr von Oesterreich! Um einen Staat zu gründen, muß man zuerst Mittel haben, die Euch immer fehlen werden, weil ihr nur verschwenden, aber nicht erwerben könnt. Darum war ja auch euer Land stets 'industriearm und wird es bleiben, so lange ihr euch zuden Leitern und Lenkern aufwerfet." — Er:„Und doch soll tch uiciucn,' wissen cS eure Intelligenten, eure Kultusvorsteher, eure Rechtsgelehrten besser. Sie haben bei den letzten Reichsratswahlen uns unterstützt und unserer Sache gedient." Ich: „Unsere Intelligenten? Unsere Kultusvorsteher?! Unsere Rechtsgelehrten?.. . Unsere Apostaten! Die paar Auswürflinge, welche keinen Sinn für Judentum haben, feige Knechte, die kein Selbständigkeitsgefühl kennen, und sich gerne den fremden großen Thieren als . Schwänze anhängen. Fluch über sie und Fluch über ihr schändliches Handwerk! Sie gehören dem Judentiime nur so an, wie eine häßliche Warze einem schönen Körper. In dieser Warze pulsiert kein Blut, sie macht den Körper nicht fetter, nicht gesunder, nicht kräftiger. Diese garstige Warze verunstaltet den schönen Körper nur, und ihr einzig Los kann nur das Operationsmesser des Chirurgen sein. Ich erinnere mich an einen Kultusvorsteher unserer Stadt, der sich polnisch gebärdet, obzwar er polnisch weder sprechen, noch lesen konnte, sonst keine einzige.gemeinnützige Tat aufzüweisen hat und unfähig ist, etwas anderes zu tun, als seine Volksgenossen zu verraten. Aehnlich ist es mit-dem Rechtgelehrten, auf die ihr hindeutet. Ich kenne einen, der vor der Bundeslade, im Angesichte der Thora Gottes geschworen hat, die jüdischen Interessen zu wahren und sich bald als Verräter entpuppte. , Aber das Judentum zählt auch echte, warme, wackere Kämpfer und ihre Ziele werden, wenn auch spät, doch sicher erreicht werden — trotz der Bosheit, die nur augenblicklich triumphieren kann.- ,'.'r. „Rozwichrzeniec“.*) Die Herren Bürgermeister von Tlumacz, Buczacz u. s. w., die nicht zu Gerichte gehen dürfen, haben — vielleicht gar in illustrer Begleitung — den Weg in die Redaktion der .Rozwichrzeniec" heißt soviel wie .Störgeist". „Zerstörer". Da der Aufsatz gegen mich als Herausgeber der „Neuen Zeitung". gerichtet ist, bin ich gezwungen, in ein paar Worten auf ihn zurückzukommen. ' D. B. „Jednosc" gefunden. Dort nahmen sie die einzige Rache, die sie — bis zur nächsten Reichsratswahlkampagne — an mir nehmen können. Siebewogen, einen liebenswürdigen Herrn, der sich m. zeichnet, einen Artikel: „Rozwichrzeniec" gegen mich zu schreiben. Wer ihn gelesen hat, Freund oder ehrlicher Gegner, wird mir zugeben, daß ich es wirklich nicht nötig habe, ihn ausführlich zu wieder- Jch kann mich ja nicht mit einem Menschen herumschlagen, der nach Allem, was in den Maitagen vorgefallen ist, die Stirn, hat, mich als vom Lande abgelehnt hinzustellen. Was er von meinem Haß, Neid und Rachedurst faselt, glaubt er wahrscheinlich selbst nicht. Und sollte er's glauben, — wie konnte ich ihm begreiflich machen, daß. meine heiße Entrüstung über diejenigen, die das Land mit seinen drei Völkern in einem Meere von Schmutz und Rohheit ersäufen, nicht aus trüben Quellen kommt? ' Und soll ich etwa die verlogene Tücke abwehren, mit der er zwischen ' mir und meinen zionistischen Kampfgenossen Unfrieden stiften will? Sollte er dem Einen oder Anderen bereden, ich müßte es tragen; habe mich ja schon durch genug üble Nachreden — von Fälschern erfunden und Kindsköpfen weitergetragen — durch gerungen, , Uebrigens wird ihm wohl fast niemand von denjenigen, auf die er es abgesehen hat, aus dem Leim gehen. Die allpolnisch-denunziatorische Hinweisung auf „Wien" geniert mich auch nicht. Ich werde mir das Staatsbürger- und Judenrecht nicht nehmen lassen, daß ich mir mein Arbeitsfeld dort wähle, wo es am ^meisten zu erhalten und zu gestalten gibt. Und ich werde nach wie vor mit der ganzen Leidenschaftlichkeit, deren fähig zu sein ich mich rühme, gegen jene, Sippen und Personen kämpfen, die diesem Erhalten und Gestalten in Galizien im Wege stehen. „Rozwichrzeniec" ist umsonst geschrieben. Es bleibt seinem Verfasser wirklich nichts übrig, als sich zu schämen. Und das sollte er gründlich tun. Er hat alle Ursache dazu- Dr. Nathan Birnbaum. Wochenschau. PP. S. und Z. P. S.; Die jüdische Sektion der polnischen sozialdemokratischen Partei leugnet öffentlich ab, daß sie, ■ wie die jüdisch-sozialdemokratische Partei Galiziens: verkündet hat, Annährungsversuche gemacht hat, die schließlichscheiterten.weil diejüdischen Sozialdemokraten auf die gestellten Bedingungen nicht eingehen wollten. Der „Sozialdemokrat", das Organ der Z. P. S. hält seine Meldung aufrecht und veröffentlicht zum Ueberfluß einen offizielen Brief der „Sektion". —Wir glauben der „Z. P. S." Die Pogrome nehmen ihren Fortgang. Auf den verschiedesten Punkten des Ansied-, lungsrayons, namentlich B ess erab i ens, wüteten sie wieder. So in Kischenew. Eine bewaffnete Bande überfiel auch das Städtchen Perlitz, mißhandelte die Juden und warfen mehrere jüdische Kinder in einen Brunnen, wo sie ertranken. In O d e s s a fand am 16. Sep-. tember wieder ein großer Pogrom statt, der viele Opfer kosteten. Am Jom Kippur drangen Militär - und Polizei zwecks Durchsuchung,,in die Synagoge ein. Dafür hat aber der neue Stadthauptmann schon am 12. das jüdische Hospital, besucht/ wo die Opfer der scheußlichen arischen Äarbarien liegen und der Zar, dieser Mustermonarch, mit dem die anderen Monarchen noch 'immer zu verkehren den seltsamen Geschmack haben, begnadigt in Stattgebung einer Eingabe der „echten Russen" sämmtliche wegen der Oktober-Pogrome von 1905 verurteilten Pogromhelden!!! Die „judenreine" Duma. Man schreibt uns aus Rußland: ' Die Dumawahlen, resp. die Wahlen der Wahlmänner haben begonnen. Das Resultat ist, bisher für die Regierung nicht besonders erfreulich. Zwar die Sozialdemokraten und sonstige Revolutionäre fehlen gänzlich und auch die Kadetten sind unsichtbar. Aber sie sind eben nur unsichtbar. In der Duma werden sie plötzlich sichtbar werden, und neben ihnen gewiß auch Viele von der äußersten Linken. Das maskierte ‘ Auftreten ist neueste Tattik der fortschrittlichen Elemente geworden. Von Siegen der „echt, russischen Leute" ist bisher blutwenig zu merken.