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Neue Zeitung · 1907-09-27 · Heft 16 (27.9.1907) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 16 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE ZEITUNG illistratimi: ÄttttaggSHS Unabhängige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Lreitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Fm Ausland Nr. j6. Wien, Freitag, den 27. September 007. 2. Jahrgang. Inhalt' D." Pogrom-Bagatelle. — West- ^)Ul|Ull indische Kultur. — Kontrov erse. „Rozwichrzeniec". — Wochenschau: P. P. S und Z. P. S. Die Pogrome. Die „judenreine" Duma. Ein Brief von Morris Rosenfeld. Neues Krankenhaus in Palästina. — Von da und dort: Betbausskandal in Leoben. Eine nationale Kundgebung.' ~ Aus der jüdischen Oeffentlichkeit: Jüdischer Turnverein. Konferenz der jüd. jugendl. Arbeiter. Aus der territorialistischen Bewegung. — Tribüne: Jüdische Schülerheime in der Bukowina. Von jur. Salomon Menkes. Literarische Gesellschaft „Sinai". — Kunst und Literatur: Mekor Chajim. Der Börsenkönig. Von Thekla Blech Heinrich Heines letzter Liebesträum. Die Lösung der Judenfrage. Schabbes- ' Schmus. Uns er Interviewer. — Eingesendet: Ssimchess tojre. Von S. Frug. — Wiener Jüdisches Bioskop. — Auf dem Wege nach Schemenitz. Von Schalom Asch. Handel und Verkehr. — Briefkasten. — DicPogrom-Baqatelle. In einem Ausrufe des „Vereines russischer Schriftsteller" heißt es u. A.: „Wir wissen, wie man im Kaukasus die Armenier erdrosselte, wir kennen die entsetzliche Grausamkeit, mit der die Regierung die Intelligenz und alle Kämpfer für die Freiheit behandelt; aber in der Judenfrage, diesem blutigen, dauernden Schreckbild, das über dem Judentum hängt, sind wie in einem Brennpunkt in ganz eklatanter Weise die -russische Willkür und der völlige Mangel an Rechten, der ganze Schrecken und die ganze Schmach. des russischen Lebens konzen- Es sind dies Worte, die sich diejenigen merken sollten, die der Meinung sind, daß man hon den Judenpogromen zuviel Aufsehen mache. Die Pogrome seien zwar tief bedauerlich, aber doch nur ein gleichwertiges Glied in den Ketten blutiger Verfolgungen gegen alle Elemente, die sich der wildwütenden Bureaukratie und dem sogenannten Selbstherrschertum entgegenstellen. Man kann diese Ansicht sehr oft auch von jüdischer Seite äußern hören. Ja selbst in national-jüdischen Kreisen, die ja sonst geneigt sind, das Ausnahmsweise am jüdischen Schicksal über Gebühr zu übertreiben, ist sie neuestens gangbar. Umso dringlicher ist es, diese falsche Anschauung, durch die man sich.offenbar vor dem Vorwurfe chauvinistischer' Gesinnung retten -will, zu bekämpfen. . Vor allem muß darauf hingewiesen werden, daß es ein großer Unterschied ist, wenn „Aufrührer" als solche verfolgt werden oder wenn ein Volk als. solches,, ein ganzes Volk deshalb verfolgt wird, weil man diesem Volke eine besondere Neigung zum „Aufruhr" zuschrcibt. Es ist nicht dasselbe, wenn jene Leute von der strafenden Regierung ergriffen werden, die sich nach-den Vorstellungen der leitenden Kreise schuldig gemacht haben, oder wenn Tausende von Greisen, Weibern, Kindern und auch Männern nur deswegen gemordet und gemartert werden, weil aus ihrem Valke mehr „Aufrührer" hervorgehen sollen als aus einem andern. Weist man aber wieder darauf hin, daß ja auch andere Völker des russischen Reiches an Unwillen des Zaren und seiner Knechte schwer zu tragen haben, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß ihr Unglück dem jüdischen gleichzustellen ist. Da spielen Dauer und Nebeuumstände doch noch eine sehr große Rolle. Es wird wohl in ganz Rußland kein Volk aufzutreiben sein, — selbst die vielverfolgten Armenier zählen nicht mit — das Jahre hindurch immer und immer wieder sich erneuernde Pogrome über sich ergehen laffen muß. Hie und da eine vereinzelte Bluttat, manchmal vielleicht ein von den Regierungsbestien bestelltes Gemetzel, aber das fortgesetzte Dezimieren als Staatsprinzip, als Zarenparol,e als Allheilmittel — damit ist ja doch nur das jüdische Volk gesegnet. Nur gegen das jüdische Volk, das ja keine Gleichberechtigung, dafür aber den Ansiedlungsrayon hat, ist. ein; Vernich--; tungskrieg eröffnet, ist eine Mörderbande von staatswegen gedungen, die ohne Unterlaßseine Harmlosesten zu Tausenden hinschlachten, verstümmelt und schändet. Und daher hat das jüdische Volk das Recht, mehr zu stöhnen und zu klagen als die anderen Völker des Zarenreiches. Und die Juden außerhalb Rußlands haben das Recht und die Pflicht, diese Klage in eint Anklage zu verwandeln und der europäischen Oeffentlichkeit so zuzusetzen, wie sie es wahrlich verdient. Das fehlte noch, daß sich selbst die Nationaljuden die bagatellisierenden, abwiegelnden Plattheiten der leichtesten Kavallerie unter den jüdischen Revolutionären einreden laffen. Daß sie vergessen, 'woher diese Plattheiten psychologisch stammen? Das fehlte noch, daß selbst Nationaljuden dem westeuropäischen Antisemitengesindel, — dem die Pogrome von Kischinew, Bialystok, Siedlce und Odessa nur als Vorgänge erscheinen, wo „einigen Juden auf die Hühneraugen getreten wird," — seine niederträchtigen Geschichtsfälschungen erleichtern. Man braucht übrigens nur irgend einen Revolutionär russischen Stammes oder irgend einen Armenier, Polen, Letten, er mag die russische Hölle noch so sehr zu kosten bekommen, zu ftageu, ob ihm sein Los nicht doch noch lieber sei als das eines russischen Juden. Und man wird nach der Antwort sicherlich die Lust verlieren, den Juden mehr Zurückhaltung in ihren Klagen über die Pogrome zu empfehlen. Man wird dann vielleicht doch erkennen, daß eher zu viel Zurückhaltung gcüßt wird, und daß die Juden, wenn sie nicht innerlich so entkräftet und in ihren blassen Abstraktionen so befangen wären, schon längst einen Protestschrei hätten herausbringen müssen, depen tragische Tiefe und erschütternde Kraft auch die berüchtigte Trägheit des europäischen Gewissens besiegt hätte .... Ja, wenn. . . Westjndischc Kultur. Seit dem 16. Jahrhundert war es im Königreiche Polen Brauch, daß die Edelleute ihre Hausjuden vor die Kirchenpforten setzten, damit sie von den Andächtigen, die in die Kirche wollten, Eintrittsgelder einheben. Die verdiente Strafe ließ nicht lange auf sich warten. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts kam der Kosakenaufstand und schwer mußten die Edelleute und die Hausjuden ihre Schuld büßen. Leider hatten auch viele Unschuldige darunter zu leiden. Mag einer noch so sehr jüdisch gesinnt sein, oder vielleicht eben darum, die Seele muß sich bis in ihr Innerstes ihm empöHn, wenn er von dieser Schandtat hört. Und doch! Das war im' 16. und 17. Jahrhundert, in einer Zeit, wo die , Weltgeschichte geistigen Tiefstand konstatiert! Was. soll man aber sagen, wenrr man hört, daß sich ähnliche Dinge heute im 20. Jahrhundert zutragen. Nicht die unzivilisierten Ostjuden find diesmal die Schuldigen. Nicht in Rymanow und nicht in Dombrowa hat sich das zugetragen. Zivilisierte Westjuden sind die Uebeltäter und die Stadt an der blauen Donau ist der Schauplatz. Allein es ist doch nicht ganz so, wie es vor 300 Jahren war. Damalshaben sich Juden bloß dazu hergegeben, vor fremden Kirchen Zerberus zu stehen, die eigenen Gotteshäuser hielten sie hoch in Ehren. Heute ist es umgekehrt, die ' ftemden Gotteshäuser läßt man in Ruhe und nur mit den eigenen wird schändlich verfahren. Das ganze Jahr hindurch haben die Wiener Juden mit den Gotteshäusern blutwenig zu tun, 'höchstens wenn Frau Grete, eine Tochter verheiratet oder wenn dem Hans der Vaters stirbt. Wenn aber die hohen Feiertage kommen, dann sperrt der Herr Moritz um zehn Uhr seinen Laden, um für zwei Stunden in den Tempel zu gehen. Er findet sofort Einlaß. Dagegen müpen diejenigen, welche die Betgemeinde des ganzen Jahres bilden, zu Hause oder im Vorhofe der Synagoge ihre Gebete verrichten. Da heißt es nach dem bekannten Wiener Volkslied: „Wer a Geld hat, kann in's Theater geh'n, wer keins hat, muaß draußen steh'n". Bei den galizischen Juden (abgesehen von Lemberg und Krakau), Herr Dr. Alfted Stern, kommt sowas nicht vor. Dort werden die Gotteshäuser nicht zu Theatern herabgewürdigt. Dort stellt man keinen Wachmann vor die Tempelpforte, um den Mittellosen den Eintritt zu verwehren. Unseres Wissens sind bloß Theater für die Reichen, — und auch in dieser Beziehung wird es allmählich besser — sind es denn die Tempel auch? Man gehe durch ganz Europa, nach Asien, nach Amerika und Australien und man wird kein Volk, keine Konfession finden, deren Führer die Stirne hätten, armen Andächtigen den Eintritt ins Gotteshaus zu verwehren. Selbst bei den Hottentotten kommt so etwas nicht vor. Und da hält man Ostjuden für unzioilisiert, die Westjuden aber für die Repräsentanten der Gesit- Da ist es gar nicht zu verwundern, wenn in Wien gar so häufig Taufen Vorkommen. Wie soll man einer Religionsgemeinschaft angehören wollen, die den Eintritt ins Gotteshaus verwehrt. Wo ist da die öffentliche Moral, wo die religiöse Ethik? Wir sind von vornherein überzeugt, daß wir Rufer in der Wüste sind, daß unsere Vorstellungen, mögen sie in noch so gelindem Ton gehalten werden, vergeblich bleiben werden. Die Herren brauchen Geld und da läßt man das No» ölet gelten. — Etwas weniger Protektionswirtschaft, etwas weniger Angst vor dem Verlust der fetten Kultuspftünden und dem Nebel könnte abgeholfen werden. Die Opposition zu Steuern heranziehen, sie stimmberechtigt machen und Geld wird zur Genüge vorhanden sein. Ja, aber für diesen Fall wären euere Mandate gefährdet und darum werdet ihr das nicht tun. Wir aber werden diese Schmach nicht weiter ertragen, wtc

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