Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 15 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 wollen wir .selbst sein: Unabhängig und selbständig wollen wir uns im Lande die Stellung sichern, die uns gebührt! Gebt ihr noch keine nationale Kurien, weil euch das Geschäft doch zu riskant zu sein scheint und ihr vorläufig noch eine andere Wahl zu haben glaubt,? — so wollen wir unsere eigenen Wahlkreise haben. Entschließt ihr euch aber zu den nationalen Kurien, dann verlangen wir auch eine für uns und wollen nicht in eine fremde hineingestopft werden, in der wir nichts zu suchen und nichts zu finden haben. Das muß unsere Losung sein und wir dürfen sie nicht flüstern! Wir müssen sie ins Land hinausschreien, wir müssen das Volk für sie mobilisieren und müssen unsere Politiker mit Respekt vor ihr erfüllen, damit sie sichs doppelt und dreifach überlegen, ehe sie sich ihr etwa entgegenstemmen. In der Bukowina liegen die Dinge wesentlich anders. Hier im Lande der vielen Nationen, wo also die Voraussetzungen für nationale Kurien geradezu einzig sind, sind hauptsächlich die Juden die Träger der Idee. Hier ist auch ihre politische Stellung schon soweit gediehen, daß sie sich diesen Luxus erlauben können, ohne, wie . anderswo, befürchten zu müssen, daß sie dadurch der Sache vielleicht mehr schaden, als nützen. Hier haben sie auch einen gewalligen Vorsprung, was die besondere jüdische Kurie betrifft. Und darin liegt die große Bedeutung speziell der bukowinischen Bewegung für die ganze österreichische Judenheit. Gewiß ist die Bukowina viel kleiner als Galizien, und die Zahl der dortigen Juden ist nur ein Bruchteil der Zahl der g'alizischen. Gewiß ist auch in der Bukowina die Reform nicht so überaus dringend, wie in Galizien, — wenn auch die bukowinischen Juden rechtzeitig lernen sollten, ihrem Landfrieden nicht, zu sehr zu trauen. Das Entscheidende ist aber, daß nirgends in ganz Oesterreich die besondere Nationalttät der Juden im öffentlichen Leben so anerkannt ist, wie in der /Bukowina. Wenn es sich darum handelt, in Ga- ' lizien den nationalen Wahlkataster einzuführen, so können sich, wiewohl dort das jüdische Volk noch am mrsgeprägtesten^und eigensten ist, die Feinde einm besonderen jüdischen Kurie doch noch auf. alte, verlogene Formeln und Schlagwörter berufen.. Nicht so in der Bukowina. Wenn hier die 'Frage der nationalen Kurien ins Rollen kommt oder gar praktisch wird, dann ist eine solche Berufung sehr schwer oder ganz unmöglich. Die besondere Nationalität der Juden ist in der Bukowina dermaßen ms Bewußtsein aller Völker und Parteien sowie der Regierungskreise übergegangen, daß man sich eine Verletzung dieses stabil gewordenen Begriffes nicht mehr vorstellen kann: Es würde nur Lachsalven äuslösen, wenn Jemand ernstlich mit. dem Vorschläge austräte, die Juden sollen sich in die Kurien der Anderen, hauptsächlich der Deutschen, einreihen lassen. So kann dje Bukowina leicht das Einfallstor weiden, durch das für uns Juden die nationale Kurie und damit die Anerkennung als eigene Nation einzieht.-Die Judenschäst dieses östlichsten Ländchens der Monarchie kann von der Geschichte Möglichkeiten länger aufbewahrt wird. Darin ändert sich aber nichts, sobald es sich nicht mehr um die Geschicke des einzelnen, sondern schon um die einer Gemeinschaft hardeft. Jeder dient mit seiner Illusion und seiner Anwaltschaft unmittelbar der Illusion und der Anwartschaft des großen Ganzen. Jeder Jude/der sich als Jude leidend und hoffend erhält, Hilst damit ein Stück Mischen Volkes in Leiden und Hoffen erhalten. Und darum ist der leidende Wille in jedem Falle der jüdischen Sache, wo sie einmal auf ihn angewiesen ist, mehr nützlich als schädlich. Er ist da wohl keine unmittelbare Quelle neuen Glücks, das bestimmt wäre, Unglück zu verdrängen, aber immerhin Glück im Unglück. Anders ist es mit dem tätigen Willen. Ihn _ üben jene Leute, die durch Ererbung, Erziehung Umgebung und Gesetz hiezu in der Lage sind. Ihr Wille erhält nicht bloß das Alte, oder erhält es überhaupt nicht, sondern baut Neues. Dieses Neue braucht nun für den einzelnen und für die Gesamtheü nicht dasselbe zu bedeuten,: wird es auch in den seltensten Fällen. Sehen wir uns die obigen Willensbeispiele an. Die Mischen Hausiererjungen, die es zu Millionären bringen, schaffen ein Neues, das ihnen sehr'gut kommt, aber, zumindest nach Ansicht sehr vieler, der Gesamtheit schadet. Mit den strebenden ChederMgen ist es vielleicht besser. Im Ganzen ist deren Enttvicklung auch der Gesamtheit züträg- Neue Zeit»ng als Ausgangspunkt einer Entwicklung für die ganze österreichische, ja sogar M den größten Teil, der außerösterreichischen Judenschäst ausersehen sein. Möge, sie sich der großen Aufgabe gewachsen zeigen. An die Arbeit,- Brüder in Galizien und in der Bukowina! In Emen Händen, Hirnen und Herzen ruht ein gewaltiges Stück Schicksalswende unseres Volkes! :■."'■■■ . B. Czernowiyer Brief. Wir stehen vor der Wahlreform für den Landtag. Alle Fragen, die im Wahlrechtskampfe des vorigen Jahres für die Galizisch-Bükowinische Judenheit äufgetaucht sind, fordern von uns neuerlich Antwort.-Die große Masse der Bukowinischen Judenheit muß sich ihren Einfluß auf den Gang der p olitischen und kulturellen Entwicklung des Landes sichern, damit man ihn nicht gegen die Juden richte. Zwar sollte man es nicht erst betonen müssen, daß ein Versuch, die Juden aus ihrer Stellung gewaltsam oder durch Rechtsbruch zu drängen, nur neue Schwierigkeiten, Hemmungen und Konflikte für das Land bringen muß. Es ist zwar jedem klar denkenden Politiker unzweifelhaft, daß man eine Volksgruppe, welche ein Siebentel der Gesamtbevölkernng (96.150 von 730.195) ausstiacht, von soviel geistiger Regsamkeit, Kapitalskraft. und politischer Initiative, wie es die Bukowinaer i Juden sind, nur zum Schaden der -Gesamtentwicklung und nur für eine kurze Spanne Zeit zurückdrängen/kann, : aber im Judenpunkte hört ja gewöhnlich die politische Erwägung auf und beginnen die Instinkte zu sprechen. So bleibt es nach wie vor die: Aufgabe der Juden, selbst ihre Interessen, die schließlich mit dem Gesamtinteresse kongruent sind, sich selbst zu wahren. Und es ist gut, daß unser Volk ein wachsames Auge für seine nationalen Jntereffen haben muß, es ist gut, daß es sich seine Interessen nur im Kampfe und mit Opfern bewahren kann. Das schärft das nationale- Schwert und behütet vor Erschlaffung. Heute sind wir, die Jüdisch-Rationalen, in diesem Lande,, wo ^es keine Majorität,, wohl aber, fünf verschiedene Konfessionen Ä, sechs Nationalitäten gibt, die Vorkämpfer des Gedanke ns der nationalen Autonomie. So paradox es auch klingen mag, daß in diesem Lande, wo es eigentlich nur zwei einsprachige Bezirkshauptmannschasten gibt, nicht alle Nationen auf dem Standpunkte der nationalen Autonomie stehen, so ist es wahr, und für uns eine stolze Wahrheit, daß die Jüdisch-Rationalen hier zu Lande biedersten Träger und Verfechter dieses Gedankens sind. . . - . Aber er muß sich durchringen. Die offizielle Nationalitätenstatistik zählt in der Bukowina 297.798 Ruthenen. 229.018 Rumänen und 9516 Magyaren. Bei einer Gesamtbevölkerung von 730.195 Personen.-Nicht einmal die Ru- , thenen also können die Macht der Zahl für sich lich. Aber man kann nicht leugnen, daß sich aus dem Nachdrängen bildungsuchender östlicher Juden, natürlich ohne deren-Schuld, doch auch schwere Uebelstände mannigfacher Art für das Judentum ergeben. . . Man sieht, die Willenstüchtigkeit der Juden beschwört für die Gesammthell Gefahren herauf, die umso größer sein können, , als solche verhängnisvolle Willenshandlungen fortwährend zu allen Zellen und Stunden, auf allen Ecken und Enden,: *ohne jedes Bewußtsein von ihrer antisozialen und anttnationalen Beneutung, aus innerer Notwendigkeit begangen werden. In ihrer Massenhaftigkell wachsen sie zu einer Macht der Wirkung an, zögen. die ein allfälliger, unmittelbar auf das/Schicksal der Gesamtheü gerichteter Wille nicht äufkommen kann. Hierbei hilft ihnen mitunter noch der leidende Wille der großen Menge, die sich infolge der Anpassung an das Ertragen / nur schwer zum tätigen Willen fort-, reißen läßt. Es wird den Mischen Menschen,.die etwas für die Allgemeinhell wollen, unmöglich,: die Wirkungen dieser.ungeheuren. Summe von tätigen und leidenden Einzelwillen aufzuheben, denn im Grunde stellt ja7 diese' Summe die notwendige Entwicklung selber vor — und zwar die allernotwendigste von der Well, weil sie die von den stärksten, ausdauerndsten. und zähesten Individuen der Welt getragen ist. 7; Nr. 15 in die Wagschale werfen.--Sie sind immer auf Bundesgenossen 7 angewiesen. .Und so 7 wie sie/ Bundesgenossen gegen andere finden, - können andere Bundesgenossen gegen sie finden. Gegen die rein mechanischen Versuche der Wahlbezirks-/: Mitteilung spricht daher die Statistik schon in diesen /einfachen Zahlen. Ihre detaillierte Erörterung würde noch viel feinere Argumente für eine Sicherung der nationalen Autonomie vorführen. Vor allem werden natürlich die kleinen Gruppen dafür zu gewinnen sein, die Deutschen und.die Polen. Ihnen ist schon heute klar, und ihre reifsten politischen Köpfe beginnen - auch schon der Sache - nachzugehen, daß durch, eine territoriale Abgrenzung die Wahlrechtsfräge nicht erledigt werden kann. Wir Juden/ die wir im letzten Wahlkampfe ein Mandat eingebüßt haben, haben/ nicht nötig erst darüber nachzudenken, daß territoriale Abgrenzung der Wahlkreise für uns keine Lösung bietet. Was bedeutet heute. Czernowitz-West, wo unser Kandidat in der Stichwahl unterlegen ist? Dieser Wahlkreis, wo der Sozialdemokrat Grigorowicz gewählt wurde, ist für alle Zukunft nicht der Sozialdemokratie, nein, der ausgesprochen judenfeindlichen Reaktion gesichert und schon ' heute wirst sich, — es ist das ein deutliches Merks, — der Abgeordnete Grigorowicz mit seinen Mandatsbestrebungen auf einen anderen Bezirk. Dieser Kampf in Czernowitz-West hat also nur den Feinden unserer Entwicklung und unserer Arbeit und den Feinden der Kultur der Gesamtheit gedient. Aus der Verwirrung der Situation gewinnen nur die dunklen Mächte. : < . Aber noch ein anderes kommt dazu. Was für die Bukowinaer Judenheit die.Forderung nach dem Katasterwahlrecht dringend macht. In einer ganzen Reihe von Gerichtsbezirken,: aus denen doch die Wahlbezirke gebildet werden . sollen, sind die Juden' in so bedeutender Zähl vorhanden, daß sie das berühmte „Zünglein an der Wage" bei der Wahlschlacht abgeben. Heiß umworben und heiß angefeindet vor, jeder Wahlhandlung, müssen sie nach der Wähl den Haß, sei es auch des kleineren Teiles der Bevölkerung, mit der sie leben, auf sich laden. Und so :7 konnten wir insbesondere beiden letzten Wahlen beobachten, daß beispielsweise im rumänischen Bezirke. Gurahamora, wo beide rumänischen Wahlwerber einander ungefähr die: Wage hielten, sich der Haß beider Parteien auf die Juden entlud und jede Partei der anderen vorwarf, sie wolle - mit Hilfe der Juden .siegen. Äls im ruthenischen Wahlbezirke Waschkoutz sich die Chancen des. jungruthenischen Kandidaten verschlimmerten, weil die Attruthenen einen in diesem Bezirke sehr einflußreichen und beliebten Pfarrer ihm als Gegenkandidaten entgegenstellten, hieß es sofort, die Juden unterstützen die Altruthenen. Aber niemals werden es die Juden vermeiden können,: zum einen oder zum anderen Kandidaten dritter Parteien Stellung zu nehmen, solange .sie sich nicht um ihren eigenen Kandidaten werden kümmern müssen. Damit aber nicht genug! Der Wille der für die Allgemeinheit Wollenden ist nicht' nur von der Summe der Einzelwillen gestört, ja lahmgelegt. Er kranft von Haus aus auch daran, was für jene Gesundheit ist: an seiner individualistischen Art. Die jüdischen Menschen, die - sich zu Verkündern und Trägern: des Volkswillens machen, , sind ja in keine andere Willensschule gegangen als die anderen: Juden. Und so ist ihr Wille für die Allgemeinheit Meist kein Allgemeinhettswillen, wie er in den großen Men- : schen der anderen Nationen sich so großartig zu äußern vermag, sondern nur ein Wollen für die 7 Allgemeinheit nach der allen Methode. / Nur das Motto hat sich geändert, hat sich gemäß der edleren Natur der Wollenden veredett, aber das Können, hat nicht: Schritt gehalten, ist: im Banne des- Mischen Einzelwillens geblieben: Zumeist will ein Mischer Führer nicht, was er kraft - einer in der' Allgemeinhell lebenden Intuition erschaut, sondern was er mit seinem ganz eigenen Willen, 7 mit seiner. Willkür sich erschafft. Diese Willkür aber, die dem. engeren Bereich der Privatinteressen'meist gewachsen ist und dort prallisch austrittverliert sich in der: ungewohnten Weite . der - Allgemeinheit ins; Uferlose, wird / phantastisch. Der jüdische Führer denkt nicht im Wollen, wobei, er der Notwendigkeit/ begegnen würde/ sondern will im Denken, was ja gleichbedeutend mit Phantasieren ist.