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Neue Zeitung · 1907-09-20 · Heft 15 (20.9.1907) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 15 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE ZEITUNG Srdllktim illlii Admillistkrti-a: Ms. JJ/3, Haasgasse 8. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 4-6 Uhr Nachmittag Inserttonsprelse s Sät die dreimal gespaltene Nonpareilleelle oder der Saarn 12 h, bei wieder hoUnqen Rabatt. Postspaikassen-Uonto Nr. 89.867 Uuabhiingige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag Herausgeber und Lhefredakteur: Dr. Nathan BirnbaNUl. AlioMkmelltspttise: In Oesterreich-Ungarn Gauzjähr K 8—, halbj. K4.— Vierteljahr. K 2- -. Im Ausland: Ganzjähr. L l l.— halbj. ki 5.50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. Linzelnammer in Wien 20 h, ' auHerhaib Wien, im Inlande 24 h. Nr. P. Wien, Freitag, den 20. September WO?. 2. Jahrgang. ' ^in großer Augenblick. — Czernowitzer Brief. Von Dr. Max Diamant. — „Ed le" Verleumder. Von Andreas Czeck a n o w s k y j. — Etwas über den jüdischen Willen I. (Feuilleton). Von Mathias Ach er. — Wo chenschau: Eine neue Partei. Scheiden tut weh. Die Pogrome. Der Pogrom und Oesterreich. Dia jüdischen Bauern in Rußland. Russische Notizen. Rumänisches. Amerika und ' Rußland. Auch in Amerika. Die jüdische Sprache ‘ in Südafrika. —Von da und dort: Der Wiener Kultusvorstand." Justiz in Kolomea. Der Uebergriff eines Rebben. Ein freundlicher Herr. Eine nette ltlueser Drosolie. Wieder ein Korytowskyscher Musterbeamter. — Aus der jüdischen Oeffentlichkeit. — Tribüne. — Eingesendet. — Kunst 'und Literatur:'Die letzte Hoffnung. Von A. Reisen. — Handel und Verkehr. — Briefkasten. — I n s er ate. , Em großer Augenblick. Wir haben in dem letztveröffentlichten Aufsatz der Artikelserie „Nationale Autonomie" *). den Standpunkt vertreten, daß nur auf dem Wege der „nationalen Kurien" die Idee der nationalen Autonomie den Politikern . und der Regierung mundgerecht gemacht werden' könne. Wir nannten die nationale Kurie „eine wunderbare Schule, um die Völker und die Politiker an die nationalen Selbständigkeiten^ innerhalb des Staatswesens — und das ist ja der Urgrundgedanke der nationalen Autonomie — zu gewöhnen." Und wir wiesen darauf hin, daß die *) Wir glauben diese Artikelserie vorläufig abbrechen zu sollen und beschäftigen uns oben statt mit der nichtaktuellen Stellung der Juden in der Einzelfragen der „Nationalen Autonomie" mit dem sehr aktuellen Kampfe um jüdische Wahlkurien. . ' nationale Kurie schon in einem Lande Oesterreichs (Mähren) .staatsgrundgesetzliche Institution ist. „Um wie viel leichter ist es," schloffen wir, „eine kleine Tatsache zu verallgemeinern, als aus einer Idee eine kleine Tatsache zu schaffen!" Wie sehr wir mit diesem Schluffe Recht hatten, beweist der gewaltige Fortschritt, den die Idee der nationalen Kurie seitdem gemacht hat. Urplötzlich ist sie in zwei weiteren Ländern der österreichischen Monarchie auf die Tagesordnung gekommen: In Galizien und in der Bukowina. Im ersteren sind es die herrschenden Kreise selbst, die sie zur Sprache brachten. Und wenn diese es tun, so ist es bei allen Fälscherplänen, mit welchem sie umgehen, doch der beste Beweis, wie sehr die Notwendigkeit der Entwicklung auf sie drückt. Für uns Juden ist es aber von. ganz besonderer Bedeutnng, daß die nationale Autonomie jetzt gerade in jenen Ländern vor ihrer Verwirklichung steht, in welchen wir einen sehr beträchtlichen Bruchteil der Bevölkerung bilden und wo allein sich überhaupt ein volles jüdisches Volksleben, ein ganzer jüdischer Typus erhalten hat. Wenn wir hier den Gang der Ereignisse .nicht so zu beeinflussen wissen, daß auch wir an die gedeckte Tafel kommen, — dann bleiben wir mit unseren Bestrebungen und Hoffnungen auf absehbare Zeit im Hintergründe. Wenn wir bei der Einführung des nationalen Katasters in Mähren als nationale Individualität übergangen und genötigt wurden, uns entweder als Deutsche oder Tschechen einzuschreiben, — so war der Schlag noch zu verwinden. Die mährische Judenheit ist weder, was ihre bewußt und unbewußt nationalen Voraussetzungen betrifft, noch nach ihrer Zahl, ausschlaggebend für uns. Wenn sich aber in Galizien und in der Bukowina derselbe Vorgang wiederholte, dann wäre dies eine Katastrophe, über die uns nur die starke Zuversicht unseres Volkes einigermaßen Hinweghelsen könnte. Auch hat der Satz, daß der Weg zur nationalen Autonomie nur über die nationale Kurie führt, für uns Juden erhöhte Geltung. Denn während den anderen Völkern niemand die Nationalität bestreitet, ringen wir noch schwer um unsere nationale Anerkennung.' Und dies umsomehr, als wir im Augenblicke den formellen Nachweis unseres Volkstums nicht ganz so leicht .führen können wie die anderen. Wir brauchen Zeit, um uns noch nach manchen Richtungen hin national zu konsolidieren, und brauchen Anerkennung, damit unsere Ansprüche mittlerweile nicht verjähren. Beides würde uns die nationale Kurie in reichem Maße gewähren. Haben wir sie einmal für die Landtagswahlen, dann kann sie uns auch für die Reichsratswahlen, — sowie die Einrichtung auf diese ausgedehnt wird, — nicht entgehen. Und dann fällt uns schließlich die nationale Autonomie ganz so wie den Anderen als reife Frucht in den Schoß. Darum dürfen wir um keinen Preis den'' Augenblick vergessen. In Galizien haben die machthaberischen Herren ihre Absicht, wenn es zur Einführung nationaler Kurie kommt, uns zwischen der polnischen und ruthenischen Kurie verschwinden zu lassen, schon offen ausgesprochen, und rechneten dabei ziffernmäßig aus, daß wir doppelt so. gut fahren würden, wenn wir uns für die Polen entscheiden. Da gilt es nun sich zu wehren, den Herren ohne Umschweife zu sagen, daß wir auf ihre Güte verzichten. Nicht darum . geht es uns, daß wir einige Prozente indirekten Einflusses mehr herausschlagen und einige jüdische Schlachzizenknechte mehr in den Landtag hineinbekommen. Wir wollen nicht bei den Polen, aber auch nicht bei den Ruthenen hospitieren. Wir Etwas über den jüdische« ■ Willen. Übereinstimmend wird von allen Seiten der Wille als einer der wesentlichen Züge im jüdischen Charakterbilde bezeichnet. Die; Antisemiten, geben,. was diese Ansicht betrifft- ' den Philosemiten, Juden und Unpateiischen nicht nach. Eher im Gegenteil! Seit ChaMberlain, dem germanischen Rassenphantasten, können sie; nicht genug die ungeheuere und einseitige Kraft des^ jüdischen Willens hervorheben. Dieser Wille brauche so viel Raum, daß. er-der Vernunft viel und dem Gemüte fast allen Platz wegnehme. 1 Die Juden seien eigentlich so eine Art seelenloser Willensmaschinen, — sich zu ewiger Befriedigung und den andern zu ewiger Qual. Diese Schlußfolgerungen' sind nun lange nicht so weise, wie sie aussehen. Es gibt gar keinen zwingenden theoretischen Beweis für eine unbedingte Konkurrenz der seelischen Kräfte Und die Tatsachen sind sicherlich noch weniger beweismachend. Doch darüber .'läßt sich 'mit Antisemiten nicht rechten/ und.ist.auch hier.meine Absicht nicht. Mögen sie aus dem hervorragenden jüdischen Willen machen, was sie 'wollen, — wenn sie ihn nur gleich . unseren.Freunden und. gleich Uns selbst zügeben müssen. '.', ö' -"':"-'V; . Daß dieser jüdische . Wille. geschichtlich /geworden ist, kann nicht in Frage stehen. Er mag schon sehr alt sein, der jüdischen Rasse schon seit Jahrtausenden innewohnen,, aber auch dann ist er nicht ihr spezifischen Eigentum, sondem einer Mutterrasse entnommen und in. diese aus irgend welchen natürlichen oder politischen Entwickelungen hineingetragen. Und außerdem haben die Ereignisse der letzten zwei Jahrtausende die Kraft dieses Willens sicherlich verdoppelt, vielleicht verhundertfacht. Wer kann das sagen? Man kann nur die Kräfte sehen, die Willen erzeugen, und muß annehmen, daß ihre Wirkung nicht ausblieb, zumal dort, wo ohnehin schon Wille vorhanden war. Der jüdische Wille äußert sich in erster Linie und auf den ersten Blich sichtbar im privatem Leben. Durch den jüdischen Willen ist die Laufbahn jener Tausende von Jünglingen gekennzeichnet, die sich aus dem engen Horizonte des Cheders, trotz Verfolgung und Kränklichkeit, durch Sprachschwierigkeiten und Zivilisations- .ftemdheiten hindurch jedenfalls zu europäischbürgerlichen sozialen Stellungen, in vielen Fällen aber auch zu ansehnlichen Höhen der Weltanschauung emporarbeiten. Ebenso gehören in das Kapitel: Jüdischer Wille jene weniger sympathischen Fälle, in welcher es Haufiererjüngen und dergl? mit der Zeit dahin bringen, ihre Töchter. oder Enkelinnen an Fürsten verkuppelt zu sehen. Und jüdischer Wille auf dem Höhepunkte seiner Stärke ist es, der die Mllionen jüdischer Proletarier des Ostens belebt, daß sie ' niemals ihre Hoffnungen auf Besserung aufgebey, nie ins seelische Hindämmern verfallen. So wird der jüdische Wille jedenfalls zu einem Werkzeug relativen Glückes für jeden einzelnen, eines Glückes, daß den individuellen und sozialen Möglichkeiten eines jeden angepaßt ist. Aber damit ist eine andere Frage nicht beantwortet. Was bedeutet dieser jüdische Wille für die Gesamtheit? Wie wirft er auf die Gestaltung der Schicksale der jüdischen Gemeinschaft und damit der einzelnen zurück? Bereichert er das ganze Volk um neue Glücksquellen oder nicht? Oder ist er vielleicht gar überhaupt nur ein Narkoticum, welches in dem durch das Individuum repräsentierten Augenblicke des Volkslebens wie Heil aussieht, bei der nationalen und sozialen Schlußabrechnung aber als Unheil sich entpuppt. Um sich diese Fragen beantworten zu können, muß man vor allem den leidenden vom tätigen Willen unterscheiden. Der leidende Wille wird oft etwas verächtlich behandelt, als bloße Zähigkeit abgetan. Im Grunde ist aber zwischen beiden kein seelischer Unterschied, sondern nur ein Unterschied in den äußeren Schranken vorhanden. Wo diese: Ererbung, Umgebung, Erziehung, Gesetz so stark find, daß sie das Tun hemmen, flüchtet sich der Wille auf das Gebiet des Ertragens. Der Erfolg dieses ertragenden Willens besteht in der Illusion, hauptsächlich aber darin, daß die Persönlichkeit für wirkliche Hilfs-

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