Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 14 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Neue Zeitung Nr. 14 Nach tausend Jahren. Aus dem Entwurf zu einem jüdischen Roman. Von Mathias Ach er. (Schluß.) Die Nationalversammlungen pflegten nicht gerade oft einberufen zu werden, — und dann jedes Mal in ein anderes der vielen geistigen Zentren des jüdischen Volkes. So war es ein seltenes und großes Ereignis für eine Stadt, wenn die Nationalversammlung in ihren Mauern Schon Monate vorher begannen die Vorbereitungen, an . welchen die ganze Bevölkerung teilnahm. Von Woche zu Woche stieg das Fieber der Erwartung, um in der letzten den Höhepunkt zu "erreichen. Da stellte dieoberste Wirtschaftsbehörde das ganze Triebwerk der - Warenerzeugung und Warenverteilung ein, — stur die allernotwendigsten Betriebe dursten fortarbeiten. Und Tag für Tag gab es neue und gehäufte Sensationen. Denn immer zahlreicher trafen aus'allen Ländern die Delegierten und sonstigen Gäste ein, die eine wachsende Flut von Ereignissen.mitbrachten. Endlich kam der große, der größte Tag, der sich im Gedächtnisse von Generationen fest- Äkikerte: der Tag, an dem die Gewählten der Nation in' feierlichem Zuge dem Volkshaufe zuschritten . . . . ' - Heute war er für Wilna angebrochen. -Auf dem Platze vor der großen Akademie ordnete sich der Zug. Sieben Posaunenbläser schritten an seiner Spitze. Dann folgten die Delegierten^ nach Landsmannschaften gruppiert, — die aus größerer Ferne Gekommenen zuerst. Der Delegierte voy Wilna als Letzter. Die ganze Stadt war - feit den 'ersten Morgenstunden in Bewegung. Das seltene Schauspiel hatte auch die-Lithauer, Polen, Japaner und Russen cherbeigelockt. Inden Sttaßen, durch die der Zug zu gehen hatte, wogten die Menschenmaffen. In mäßiger Höhe .über den Häusern und Gärten wiegten sich dichtbesetzte Leine Luftschiffe. Und alle die Hunderüausende, an denen, unter deren Blicken die Männer und Frauen aus der Fremde vorüberzogen, schwiegen wie dieseselbst. So war das Gebot des Tages. Nur die 'Posaunen schmetterten von Zeit zu Zeit. Aber es war, als gehörten ihre dröhnenden Stöße dem großen Schweigen selbst an, als wären sie sein Symbol, seine eigene geheimnisvolle Sprache.... In weißen, wallenden Gewändern, zogen die Delegierten. Nur hie und da eine Gestalt in schwarzer, düsterer Tracht. Dann sahen sich die Leute mtt vielsagenden Blicken an. Und manches Kind unterdrückte kaum einen Aufschrei seiner Angst .... Sieben gewaltige Posaunenstöße zeigten den Augenblick an, da der letzte Delegierte in das Nationalhaus getreten war. Der Bann des Schweigens war vom Volke genommen. Aber es blieb still und nachdenklich . .... . -„Sahst Du den Mann mit dem großen, weißen Bart, Taubeles", ftagte ein Knäblein, das etwa sieben Jahre zählen mochte, sein jüngeres Schwesterlein, das er an der Hand „Mt einem Weißen Bart, Berele?" „Ja, mit dem weißen Bart. Das war Elioh, der Profet, Taubele." „Elioh, der Profet?" ' „Ja. Ich Hab' ihn erkannt. Er war ja erst Peflach bei uns. Als man die Tür aufmachte, kam er herein. Ich hatte gar keine Furcht vor ihm. Auch heute hatte ich keine Furcht." .„Hat er denn keine schlimmen Angen, Bereles" „Schlimme Augen! Wie kannst Du das sagen? Er hat große schwarze Augen, die brennen wie Feuer!" „Was zündet er denn an damit?" „Ganze Häuser, wenn er will. Aber er will das nicht. Er baut lieber." 1 „Was baut er denn Berele?" „Er hat eine große Stadt gebaut, eine sehr große Stadt . . ." „Eine Stadt?" „Ja, Mojschestodt heißt sie. Ich Hab'es selbst gelesen. In goldenen' Buchstaben auf seiner Schärpe." . „Wie baut , er denn die Stadt, Berele?" „Mit den Augen baut er sie. Tändele." „Mit den Augen, hat er denn Hände in den Augen?" „Sprich doch keine Dummheiten, Taubele. Wie wird er Hände in den Augen haben?" ■ „Dann kann er ja aber nicht bauen." „Ec baut sic aber doch. Ich weiß es ganz bestimmt. Es haben auch schon andere Menschen Städte mit den Augen gebaut." Das kleine Mädchen schwieg. Es glaubte seinem Gefährten schon. Und dieser fuhr fort: „Auch König Schlojmo hat Jeruscholajim mit den Augen gebaut." - „Hat er auch einen weißen Bart, der König Schlojmo?" „Nein, einen schwarzen. Aber er ist schon lange tot. Schon hundert Jahre oder noch Sie' ahnte den Tod .noch nicht und schwieg. . / „Das war ein lustiger Mann," erzählte Berele weiter, „er hatte tausend Königinnen..." „Tausend Königinnen ..." „Ja, tausend,' und sie wohnten in tausend Schlössern in Jeruscholajim. Möchtest Du nicht in Jeruscholajim sein, Taubele?" „Oh, sehr gern. Führ' mich doch hin, Berele." „Das kann ich jetzt noch nicht. Erst bis ich größer bin und auf das Luftschiff darf... Aber ich war schon in Jeruscholajim ..." Sie sah ihn staunend an. „Wenn ich träume. Wie schön es da ist! Die Häuser sind aus Blumen gebaut. Bäche fließen aus Milch und Honig, und schöne kleine Brücken auS buntem Glas führen darüber Die Kleine klatschte in die Hände vor. Entzücken. . „Und über die Brücken trippeln kleine Mädchen wie Du, und singen mit Vogelstimmen und die Vögel in den Lüften sprechen wie die Menschen . . . ." .... „Und die tausend Königinnen?" „Die tausend Königinnen?". Er dachte eine Weile nach. „Die habe ich noch nicht gesehen. Nur Eine, die Königin von Schwo hieß sie. Sie war schwarz, ganz schwarz. Denke Dir, schwarz wie die Nacht war sie. Aber nach ' Schlojmos Tod ist sie weiß, geworden und hat goldene Haare bekommen . . ." „Goldene Haare! . . . ." „Ja, goldene Haare; ich Hab', sie ja-erst heute gesehen. Sie ging ‘ im Zuge mit. Ein schwarzes Kleid trug sie, schwarz wie die Nacht. Und ich hatte Furcht vor. ihr . . . ." „Hat sie schlimme Augen?" . „Und ob: . .." Die Kleine sah sich furchtsam nach allen Seiten um. „Sie ging neben. Elioh, dem Profetem Der sah sie aber.nicht an. Er muß ihr. wohl böse sein „Weil sie so schlimme Augen hat . . " flüsterte das kleine Mädchen, und zitterte am ganzen Leibe. Der Knabe sprach nichts mehr. Er spann im Stillen an seinen Gedanken weiter. % Wurden die Anträge der Ribboniten angenommen,' dann stand Israel vor einer kulturellen Revolution sondergleichen. Dann mußten sich die Schulverfassung und das gesamte Kulturbild des jüdischen Volkes durchaus ändern. Kein Stein des gewaltigen, licht«, und fteudedurchfluteten Baus konnte auf dem andern bleiben ...... Jermi Woldmans Rede war. zu Ende. Kein Beifallsruf wagte sich hervor. So erschüttert waren die Versammelten. Aber auch , die wenigen Widerstrebenden schwiegen. Die Wucht seiner Größe und seines Sieges hatte sie getroffen. Bis Einer von ihnen sich ermannte, ein wachsbleicher junger Wahrheitsoerkünder. .Er erhob sich und sprach, und was er sagte, klang, »wie Ahnungen, die man in Worte gießt, — so hohl und schrill: . „Brüder und Schwestern.! Ich. sehe, es an Euren Mienen: Es ist entschieden. Die Zeit. Eurer Einkehr ist noch nicht ^gekommen. Von diesem Mittelvunkte der Eitelkeiten hier werdet Ihr ungebessert z zu Euren heimischen Eitelketten znrückkehren. Aber ich sage Euch: Eure Verstocktheit wird keinen Bestand haben! ... Lügenbote hat mich einst Woldman genannt. Ein Lügeubote ist er selbst . . : Verblüffung bannte noch den Sturm. Und; der junge Mann fuhr fort: „Denn, nahe ist der Tag, an den Israel Buße tun und sich wieder in den göttlichen Mantel der Wahrheit hüllen wird. Dann wird es den Götzen Kunst zerbrechen, vor dem es im Staube liegt, und die Dirne Schönheit davonjagen, mit der es buhlt." Nun brach erst der Sturm los. Hunderte drangen scheltend auf den Redner ein, , manche hoben sogar die Fäuste. Und nur etwa zwanzig Leute umringten ihn, um ihn zu decken. .Doch er stand ruhig da und sah mit bitterem, höhnischen Lächeln auf die. Andrängenden. , - Endlich wurde es stille. Ein junger Londoner kam. zu Worte, — eine etwas behäbige Erscheinung. Er sprach leise und lehrhaft. „Was will der Vorredner eigentlich?" sagte er. „Was hat ihm der Götze Kunst angetan und was die-Dirne Schönheit?"' Die Versammlung murrte, als sie die Worte' wieder, hörte. „Was ist das für eine Wahrheit, von der er immer spricht? Jst's jene Wahrheit, die der , Verstand erforscht, oder jene, die der Glaube *' entdeckt, oder jene, die das Herz sucht? Meint er Erkenntnis oder Inbrunst oder Güte. Wenn Erkenntnis — ist sie denn wenig, weit gediehen? Leben wir nicht sozusagen in einem Reiche von Erkenntnis? Wenn Inbrunst — fehlt sie uns denn? Ist nicht. Inbrunst die Würze unserer Seelen?. Wenn aber Güte? Was bleibt uns' übrig, von ihr zu üben, seitdem die Armut keine Stätte mehr hat aus Erden?" Ein junges, zartes Weib stand auf. Sie wolltehebräisch sprechen, es gelang ihr aber nicht. Immer Meder verfiel ste ins Jüdische, das sie mit dem nordamerikanischen Dialekte sprach. Sie bebte vor Zorn, als-sie begann. Ihr Gesicht war gerötet — bis-zu den goldblonden Haaren hinauf. ... „Schämt ihr Euch nicht?" rief sie, „daß ihr den Mann anfallet, der euch^ sein Bestes^ gibt. Sind wir deshalb nach Wilna gekommen/ um mit unseren Meinungen hinter dem Berge zu halten? Ihr habt genug Erkenntnis, wurde uns soeben gesagt. Nur rechnet ihreben - die Jrrtümer nicht zu. Auch mit Euerer Jnbrunit seid ihr zufrieden.. Ich bin es nicht. Güte ist ein überwundener. Standpunkt für Euch. Ihr laßt sie mit den Armen gestorben sein. Und die Kranken? ..." „Wir haben Spitäler," rief 8er Lehrhafte dazwischen. „Spitäler, in denen die Kranken vergeblich nach Liebe seufzen, weil die schönheits- und freudebeflissenen Aerzte und-Wärter nur kaltblütig ihre Pflicht tun." „An Eurer. Trübsal werden sie warm werden!" rief eine derbe Stimme. Sie gehörte einem starken, hagern Manne, einem Landmanne aus Südamerika. „Wir wollen nicht Trübsal, nur Selbstbesinnung," fuhr die junge Frau fort. „Den schönen Trug wollen wir bannen, der uns zu lächerlichen Tändlern macht, aber nicht die wahren, starken Heiterkeiten und Wonnen des Lebens. Wahrheit auf allen Wegen.!"- Und wieder sprach ein Weib. Diesmal eine Greisim Das silberne Haupthaar deckte den Scheitel wie eine Krone aus Mondstrahlen. > .In den Augen leuchtete eine' milde Glimmglut. Und um ihren runzligen Mund spielte ein Lächeln. >,Jhr schmäht die - Schönheit," rief sie, „und .seid -ihr doch'untertan. Seht..Eure, schwarzen Mäntel und Kleider an. Ihr wollet, daß sie mit der Dirne Schönheit nicht buhlen. Und doch tun sie's. Denn, bei meiner Seele, sie sind schön,— von einer unheimlichen, wirkungsstarken Schönheit. Wiesie nur Dich kleiden! Du beredtes, junges, goldiges Weib! Wahrlich, besser, als mich die weißen Sie lächelte. Und viele lachten. ' „Ein billiger Witz," rief die junge. Frau. „Kein Witz, .meine Liebe! Ein Spiegel bist Du mir des jüdischen Volkes. - Wie Du versucht es, Schönheit und Leben einer äußer-.