Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 14 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. Neue Zeitung nach ihrer Fasson selig zu werden, hat allge- /meiue Entrüstung hervorgerufen. Wir haben, zu der Affairenoch zu melden, daß der Verein ' „Schomrej hadaß" gemäß tz 99 der Statuten, der israelitischen Kultusgemeinde ein Schiedsgericht einberusen hat, in das er selbst die Herren Dr. Josef Zipfer und Dr. David R o t h b l u m entsendet. Die ' Verhandlungen des Schiedsgerichtes dürsten sich Mt Rücksicht auf den Gegenstand sehr interessant gestalten. Es scheint,- daß der Kultusvorstand, der für den „Kultus" der Wiener Juden so viel wie gar nichts tut, diesmal .einen bösen Geist heraufbeschworen hat/ der ihm viel zu schaffen geben wird. Der Uebergriff eines Rebben. Man schreibt uns aus Mielnica: Unser Städtchen/das einen allpolnischen Grafen zum Besitzer hat, bildet auch die Residenz eines Wunderrabbi, der sich hier, vor einigen Tagen niederließ. Seine Anmaßung ist unglaublich groß. Zur Illustration derselben diene folgendes Faktum: Bon der hiesigen Kultusgemeinde wurde vor einigen Monaten der Konkurs auf eineRabbinerstelle ausgeschrieben, mehrere Bewerber meldeten sich. Um darüber schlüssig zu werden/ welcher von den sich gemeldeten Kandidaten ausgenommen werden sollte, wurde der ganze Kultusrat sowie die zu diesem Behufe gewählten Vertrauensmänner, unter denen sich auch der Rebbe befindet, dieser Tage zu einer Sitzung eingeladen. Der gesamte Kultusvorstand samt Vertrauensmänner, zusammen 30 Mitglieder/ bestehend aus den Notabeln des Städtchens, begaben sich >a et»po>« ins Bethaus (Klaus) des Rebben wo die Sitzung, um dem Rebben den Gang in die Kultuskanzlei zu ersparen, abgehal- 'ten wurde. Der Rebbe erschien nun nicht und sprach, über die von ihm geübte Abstinenz von einem seiner Anhänger befragt, von Impertinenz des Kultusvorftandes und Eingriff in seine Rechte; die Gemeinde sei zur Aufnahme eines Rabbiners nicht berechtigt, dieses Recht stehe blos ihm zu, (er hat es von seinen Ahnen ererbt). Die Gemeinde sei verpflichtet, den von - ihm vorgeschlagenen Rabbiner, (welchem von mehreren rabbinischen Autoritäten die Qualifikation abgesprochen wurde), aufzunehmen. Die Versammelten die über diese Zurücksetzung, welche den Gesprächsstoff des ganzen Städtchens bildetsehr entrüstet waren, faßten einstimmig den Beschluß, nach den Feiertagen, den ihnen-'genehmen Rabbiner aufzunehmen. Dem -Rebben, der seinen Anhängern weiß macht, er werde eine eventuelle.. Rabbinenvahl durch ein „AlojtW- : (Wunder) . vereiteln, wird es wohl ebensowenig gelingen, wie es ihm gelang, den allpolnischen Minoritätskandidaten Mühlner, für den er sich sehr einsetzte, gegen den Ruthenen Okuniewski durch ein „Moj!'e»s" zum Siege zu verhelfen. M. St. Nemesis in Galizien. Die zahlreichen Beschwerden 'und Anzeigen Lei Ler k. k. Staatsanwaltschaft wegen der. unglaublichsten Wahlschwindeleien und Mißbräuche im 32. Wahlkreise beginnen endlich doch .zu wirken. In den Städten Tlümacz, Borszczow und Zaleszczyki hat die rächende Justiz einen strengen Anlauf genommen. In sämtliche d^ei Städte wurde' von den zuständigen Obergerichten ein Untersuchungsrichter delegiert, zur Erhebung über die angebrachten .Klagen. In .Zaleszczyki weilte ein Tarnopoler Untersuchungsrichter fünf-Tage. Um mit Niemandem in Berührung .zu kommen, ließ er im Bezirksgerichte ein Amtszimmer für sich und. einen Auskultanten zu einem Schlafzimmer einrichten. Fünf ernste Tage, aber unangenehme für die polnischen und. jüdischen Schlachtamameluken/ am unangenehmsten für den berüchtigten Blutreich und dessen Komplizen Pawloivski (gew. Wahlkommissär). Herr Bezirkshauptmann Belzö kann sich von seinen Strapazen während der Wahl nicht genug erholen, seit Wochen ist er irgend wo zur Erholung und es scheint, daß er noch länger weilen wird. Es ist ihm offenbar unangenehm, dem Tarnopoler Untersuchungsrichter Rede zu stehen. Schade um ihn. Er war einer der besten Bezirkshauptleute hier, , und kam nur aus blindem, unbedachtem Gehorsam gegenüber dem Wahlschwindel-Oberkommandanten Potocki in eine peinliche Lage. Aber Potocki wird ihm schon helfen, wahrscheinlich wird er für sein durchwegs illegales Verhalten während der Wahlen Statthaltereirat oder noch mehr. Der hiesige Bezirkskommissär Dr. Franz Krzysek wurde wahrscheinlich wegen zu legalen Verhaltens während der Wahl nach Lemberg transferiert. Er hat sich wegen seines taktvollen Benehmens den Parteien gegenüber und seines überaus loyalen Wesens bei der hiesigen Bevölkerung besonders beliebt, gemacht, und. die Sympathien aller folgen ihm nach seinem neuen Dienstorte. Er war gar nicht galizischer ..Bezirkskommissär, sondern ein Beamter,wie er dem -Gesetze nach sein soll. Ergo Versetzung! Und Minister Bienerthwird im Parlamente erklären können, daß zahlreiche Versetzungen politischer Beamten aus den ..„wahlbeschwindelten" Bezirken vorgenommen worden ' l' Aehnlich wird wohl die Justizbehörde mit den Untersuchungen g. In Tlumacz vorgehen. Belastende Aussagen werden nicht protokolliert, nur was irrelevant ist. Die Anzeigen werden als grundlos verworfen. Ein Mutwillensprozeß oder gar Verleumdungsprozeß wird von den betreffenden Elementen künstlich fabriziert werden. Endresultat: Die vorgebrachten Beschwerden über die gemeinste Art der Gesetzesverletzung, die Wahlschwindeleien rc. haben sich als grundlos erwiesen, die vorgebrachten Klagen im Parlamente als übertrieben, hiemit hat Excellenz -Korytowski recht, „die galizischen Beamten find Musterbeamtenl" Es kommen dann Auszeichnungen für Dr. Homurka^in Tlumacz, Orden für seine besonderen' Fähigkeüen bei „wahltechnischen" Demolierungen von Häusern, für die blutverwandten Korruptionisten und Bürgermeister Berisch Stern und Blutreich Schutzbriefe, lebenslänglich keine Schulden zahlen zu müssen und die Gemeindekassen stets stier zu halten oder gar ein Adelsprädikat „von Pumpwart". Dann wird sich der Grundsatz bestätigen: Fiat Justitia, pereat mundus!“ .. Sollten die Justizbehörden aufrichtig und ehrlich dem Gesetze Geltung verschaffen wollen, dann müßte der Delegierung von Untersuchungsrichtern, ein Ende gemacht, eine Verhandlung anberaumt und sämtliche Zeugen persönlich vorgeladen und in . Gegenwart der Beschuldigten und des Senates verhört werden. Dann wird es kein Fälschen, Verdrehen und Verduschen geben und die Wahrheit aus Licht kommen. Jnsolange. die galizische Handhabung derösterreichischen Justiz. vorherrschen wird, kann unmöglich die Gerechtigkeit 'und Wahrheit siegen. Möge endlich Excellenz Klein sein Auge auf die ostgalizischen Gerichte richten und dann loben, wenn er sich von der Tadellosigkeit dieser Behörden überzeugt haben wird. Möge Excellenz Klein neben seinem guten Rufe niqt den Schein auf sich laden, daß er schlachzizo-galizische Justizgebarung gucheißtl Freisprechung. Herr Moses Horowitz, der Leiter der jüdisch-nationalen Wahwewegung in Zaleszczyki, hatte wegen seiner unermüdlichen und unerschrockenen Tätigkeit während der Reichsratswahlen natürlich viel zu leiden. Was ihm die korrupte Bureaukratie und die verworfenen Moschko-Juden antun konnten, unterließen sie nicht. Einen Hauptschlag führten die Letzteren, indem sie die Anzeige machten, daß er die Behörde in ungualifizierbarer Wrise beleidigt habe. Sie erlebten auch die Freude, daß Herr Horowitz vom Zaleszczykier Strafrichter Dr. Merzbowski zu 14 Tagen Arrest verurteilt wurde. Allein die Freude währte nicht lange, das Tarnopoler Kreisgericht hob das Urteil auf, beraumte eine-neuerliche Verhandlung an, und bei dieser, die am 3. d. M. vor dem Richter Melzer stattfand, wurde Herr Moses Horow itz fteigesprochen. Der Herr Bezirkshauptmann, der die Kosten wird bezahlen müssen, hat nun den Schaden davon, daß er den Denunziationen nichtswürdiger Menschen Glauben schenkte. Ans der jüd. Oesfentlichkeit. In dieser Rubrik finden u. a. Derlautbarungen jüdischer Körperschaften — ohne Unterschied der Richtung — Aufnahme. Die jüd.-akad. Ferialverbindung „Gamala" in Göding feierte am 14. und 15. August l. I. ihr zehnsemestriges Stiftungsfest, das einen wahrhaft -glänzenden Verlauf nahm.-Als interne Vorfeier fand am 14. August eine sowohl von der Bürgerschaft als auch'von auswärtigen Bb. Bb. zahlreich besuchte Festkneipe statt, die sehr animiert war. Besonders hervorzuheben ist die vornehme Leitung durch dxn X Bb. cand. phil. Hugo Stern und die Festrede des Bb. cand. ing. Siegfrieg Steinitz. Am 15. August fand im großen Saale des Hotel Europa der Festkommers statt, der einen glänzenden Anblick bot. Fast die gesamte jüdische Bürgerschaft Gödings, an ihrer Spitze der Kultusvorsteher Herr Dr. Körner, war erschienen. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gesimt. Besonders imposant war die Beteiligung der befteundeten Verbindungen, die aus allen Richtungen herbeigeeilt waren. Es waren vertreten: Die jüd.-akad. Verbindungen Jvria (Wien), Unitas (Wien), Berit as (Brünn), die Ferialverbindungen Ach iw ah (llng.-Hradisch), Hermonia (Gaya), Massada (Prerau), Giskalah (Proßnitz), Ossid (Kremsiec)^ Als Vertreter des innerösterr. Distriktskomitees war -Dr. Kadi sch erschienen. Der X Bb. cand. phil. Hugo Stern hielt die Eröffnungsrede, in der er in formvollendeter Weise einen Rückblick auf die fünf Wirkungsjahre der Verbindung hielt. Nachdem das Bundeslied der „Gamala" -verklungen war, hielt A. H. Victor Kohn die Festrede. In dieser glänzenden Rede Iegt£ er die Prinzipien und den gegenwärtigen Stand des Zion-smus auseinander, widerlegte alle Einwände der Gegner und übte auf die andächtig lauschenden Zuhörer einen mächtigen Eindruck aus. Im Namen der isr. Kultusgemeinde sprach Kultusvorsteher Dr. Körner, der in vornehmer Weise'die Jugend zu ihren Idealen beglückwünschte. Einen glänzenden Eindruck machte die fein pointierte Rede des langjährigen Gönners der „Gamala" Herrn Dr. Josef Winters (Ung. Hradisch). In der chm eigenen formvollendeten Weise trat Herr Dr. Winter für den Zionismus ein und emtete langanhaltenden wohlverdienten Beifall. Im Namen der ständigen Verbindungen sprach Bb. cand. jur.'Theodor Kohn (Unitas), ftir die Ferialverbindungen Bb. cand. jur. Karl Sonnenfeld (Achiwah). Zum Schluß sei noch der Damentoaft des Bb. stud. mg. Julius Goldschmidt erwähnt, der in launiger Weise den Uebergang zum inoffiziellen Teile besorgte. Der darauf folgende Tanz hielt die Anwesenden bis in die späten Morgenstunden beisammen. Uno so war das Gründungsfest ein frohes, gelungenes Studentenfest. aber auch ein animiertes und gemütliches Fest der jüdischen Bevölkerung. - Samstag, den 31. v. M. fand in Brody eine große Volksversammlung, einberufen vom Lokalkomüee der jüdischen sozial-demokratischen Partei statt. Auf der Tagesordnung war die Wahlreformin den Landtag und die Verteuerung der Lebensmittel. Nach der Wahl des Präsidiums referierte St beiden Punkten der Tagesordnung Herr kand. jur. . Lew in sen. Der Referent unterzog die galizischen Wirtschastsverhältnisse und das Regime der berüchtigten Schlacht« einer scharfen aber sachlichen Krüik, bezeichnete die Statthaltern als eine Expositur der Schlachzizenherrschast und Galizien als eine Verlängerung des Zarenreiches. Der Referent wurde vom Regierungsvertreter wiederholt unterbrochen und.. aufgefordert sich in den Ausführungen zu mäßigen und die Person des Herrn Potocki nicht anzugreifen, widrigenfalls er die Versammlung auflösen werde. Der Referent bezeichnete dieses Vorgehen des Regierungsvertreters als die galizischg Maulkorbpolitik und Galizien als das klassische Land, wo die Gesetze mit Füßen getreten werden. In Galizien, sagte er, gibt es soviel Gesetze als Kommiffäre. Keinen ebenen Boden, auf dem stehend man weiß, was Gesetz ist. In seinen wetteren Ausführungen bezeichliete der Referent die von Tag zu Tag zunehmende Verteuerung der unentbehrlichsten Leben-mittel, die Dimensionen eines Slementarereignisses annimmt, als einen schädlichen Wucher des -kleinen Häufleins der Großgrundbesitzer ^mit den armen Waffen der Bevölkerung. Zum Schlüße wies der Referent darauf hin,, daß eordnete Zustände und eine europäische Wirtschaft ierzulande nur dann möglich sein werden, wenn in das faule und verrottete System der Schlachzizenwtttschast durch das allgemeine Wahlrecht in den Landtag belebender Odem eingeführt werden wird. Mit dem Badeni'schen Bettel wird sich die galizische Bevölkerung nicht abfftchen laßen. Sie wird nicht blos mit Demonstrationen und Massenmeetings, sondern auch mit dem Massenstreik vorgehen. Die Ausführungen des Referenten riefen große Begeisterung hervor und tosende Protestrufe gegen die galizischen Machthaber erschallten einmütig seüens der tausendköpfigen Menge. Zu demselben Punkte der Tagesordnung referierte auch Herr Molk aus Krakau; auch seine Ausführungen lösten Begeisterung aus und ernteten vielfachen Beifall. Man schreibt uns aus K o s s o w: Bei der hier am 3. d. M. abgehaltenen Volksversammlung wurde beschlossen, hierorts ein jüdisches Nationalhaus zu errichten. Herr David Eltis, Präsident des Vereines „Zion" spendete für diesen Zweck K. 500.—. Der Beschluß ist nicht zum mindesten auf einen der in Galizien berühmt gewordenen Vorträge zurückzusühren, den Herr Abrahamsohn am 31. August hier hielt. Das Gotteshaus war bis aus den letzten Platz gefüllt. Viele Zuhörer wurden zu Tränen bewegt. Der Beifall war ein enchusiastischer. Der'am 3. September a. c. abgehattene Wahlkonvent der jüd.-akad. Ferialverbindung „Gamala" in Göding ergab folgendes Resultat: cand. ing. Siegfried Steinitz X, cand. phil. Gustav Drechsler XX, cand. phil. Siegfried Holz XXX- Tribüne. S)te ^jüdische Sprache im praktische» Wir erhalten folgende Berichttgung: ,Jn meinen Artikel in der „N. Z." Nr. 13 haben sich zwei Jrrtümer eingeschlichen. So soll es Z. 27 anstatt: „Es gibt fast keinen Juden, der eine europäische Sprache vollkommen beherrscht. Dennoch bedient er sich nicht der jüdischen Sprache als Gesellschasts- und Umgangssprache", heißen: „Es gibt fast keinen Juden, der, eine europäische Sprache vollkommen beherrschend, sich der jüdischen Sprache als Gesellschastsl^und Umgangssprache bedient". Zelle 40 soll der Satz: „als .bessere" Manschen zu gelten", an den Anfang kommen: „Um als,bessere" Menschen zu gelten, ziehen sie es vor" u. s. w. Moses Wiesenf.eld.