Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 14 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue Zeitung Nr.-14 Der Gerechtigkeit kam der Zufall zu Hilfe. Es starb plötzlich der „Nossi" Schreiber und ein anderer mußte gewählt werden. Nun verfchlimmerte sich die Situation für die Machthaber sehr. Die Verwalter mit den an der Sache -interessierten Rebbes hielten Geheimkonferenzen ab und wollten ganz einfach den . Sohn des verstorbenen Schreiber, der in Preßburg wohnt,, zum „Nossi" ernennen, Das gelang ihnen jedochdank den Bestrebungen der fortgeschrittenen Rabbinernicht, und sie mußten.— selbstverständlich nachdem sie sich in der 'Majorität gesichert; wußten . — eine Rabbinerkonferenz einberufen. Vorige Woche fand diese Konferenz in Sadowa-Wisznia bei Lemberg statt. Obzwar diese Konferenz in der Chalukaverwaltnng noch nicht Ordnung herbeiführte, gelang es den fortgeschrittenen Rabbinen doch, eine Reform durchzuführen.. Laut Wahlordnung hat der Rabbiner und der „Gabai" einer jeden Stadt das Recht zu stimmen, ohne Rücksicht auf die Spenderzahl,' die diese repräsentieren. Und so war vorauszusehcn, daß die Rebbes der kleinen Städtchen in der Majorität sein werden, Wortführer waren die Rebbes unter dem Kommando des Cieszanower Rabbi Halber-, stamm. Dieser junge Rebbe hat es sich zur Aufgabe gestellt, der Entwicklung entgegenzuarbeiten. Er hatte die Frechheit, auf der Konferenz den Lemberger .Raobriier Braude und den Rzeszower Rabbiner zu beschimpfen. Jedenfalls war diese Konferenz eine interessante Erscheinung und würden solche Konferenzen öfters stattfinden, dann würde es vielleicht den Rabbinern gelingen, die Massen der Judenschaft aus dem Joche der Rebbes zu befreien. Das Resultat der Wahl war, daß der junge Schreiber aus Preßburg zum „Nossi" gewählt wurde, mit einer Majorität von 55 Stimmen. Es wurden aber noch zwei Vizepräsidenten, die Herren Eisig Paporisch aus Brovy und Samuel Schenker aus Krakau gewählt. So wird der „Nossi" nicht mehr allein die Macht haben. Es wurde auch ein zwölfgliedriger Ausschuß gewählt, der die Zustände zu prüfen und die nötigen Reformen herbeizuführen hat. Wie man sieht, wurden also teilweise Verbesserungen gemacht. Es ist aber noch viel Schlimmes zu beseitigen. Der Sekretär Josel Friedmann muß beseitigt und auch andere Verwalter in Palästina eingesetzt werden. Die ganze Sache hätte uns nicht gekümmert, denn die „Chaluka" ist eine veraltete und unmoderne Institution, ein Ueberbleibsel aus alten Zeiten. Wir hätten leichten Herzens die „Chaluka" auf bessere Zwecke verwendet, aber solange sie existiert, können wir als gute Juden absolut nicht erlauben, daß sich Privatpersonenvom Gelde der Armen bereichern. Wir haben das Unsrige getan, indem wir-in unserer Presse darauf aufmerksam machten. Wir legen es den Spendern ans. Herz, die weitere und vollkommene Reform selbst zu erstreben. Sie dürfen nicht erlauben, daß ihr Geld, das sie für Palästina geben, gattzischen Verwallern zufällt. Sie müssen vor Allem Machten, daß sie selbst über das Geld entscheiden und nicht die Rabbiner. Sie'sollten einen Delegiertentag einberufen, der nach der Zahl der Spender und Spenden bestimmt werden müßte. Und so ein Kongreß sollte über das Geld bestimmen. Nur auf diese Weise kann Ordnung in die „Chaluka" gebracht werden. Rzeszow, den 5. September 1907. Moses Wiesenfeld. Wochenschau. Der ruchömsche Studentenprozeß war gesund. Die Fernstehenden, von den schlachzizischen und allpolakischen Staatshochstaplern tausendfach belogen und betrogen, konnten - sich die Herrschaften einmal in der Nähe ansehen. Das kann man sagen: Selten noch hat die .gleißnerische Gesellschaft so schlecht abgeschnitten. Man mußte sie nur sehen, diese Professoren-Zeugen mit ihrer widerlichen Süßlichkeit, mit ihrer erheuchellen Liebenswürdigkett: Der Eine ein Fälscher, der es „unter seiner Würde hält"/ den Mann zu klagen, der ihm die Fälschung vorwirst, der Andere ein Held, der den Kollegen in der Stunde vermeintlicher Gefahr im Stiche läßt. Und den von der Sippe mtt schlauem Vorbedacht ausgesuchten polako-jüdischen Vertreter des geschädigten Aerars, der in der Prozeßsache "selbst, die ihn nichts, angeht, - streberisch herumschnüffelt -. . . -l Der Prozeß hat vielen die Augen geöffnet. Man begreift jetzt die Ruthencn. Vielleicht wird man auch bald die Nationaljuden begreifen. Gut haben sich dieruthenischen Studenten benommen. Die Antwort, die us einer der Freigesprochenen auf die Frage, ob die Verurteilten in gedrückter Stimmung sind, gab, ist bezeichnend: „Nein, aber wir, die Freigesprochenen ... Heil dem Volke, das solche junge Kämpfer, hat! Sabbathrnhe in — Italien. Es wird gegenwärtig von der Regierung ein Reglement, betr. die Einführung der Feiertag sru h e, ausgearbeitet.QberrabbinerT e d eschi in Ancona wandte sich angesichts dessen an seinen Florenzer Kollegen Dr. Margulie s und regte eine Aktion zur Erlangung einer Bestimmung an, durch welche den den Sabbath beobachtenden Juden die Möglichkett, am Sonntag zu arbeiten, gewährleistet würde. Herr Dr. Märgulies stellte vom Auslande aus, wo er jetzt weilt, einem der Minister den Wunsch einer solchen Bestimmung vor-und bat ihn um Unterstützung desselben- In seinem Antwortschreiben wies der Staatsmann zwar auf gewisse Schwierigketten hin, sagte jedoch zu, daß er den Minister für Handel und Industrie ersuchen'werde, dem Verlangen, das im Prinzip ein vollkommen berechüges sei, Rechnung zu tragen. Zu dieser Mitteilung ist zu bemerken, daß der Prozentsatz der'jüdischen Gewerbetreibenden in Italien, namentlich derjenigen^ die auf Sabbathruhe Gewicht legen, ein äußerst geringer ist. In Galizien, wo die Juden die Mehrheit der Gewerbetreibenden bilden und mit wenigen Ausnahmen den Sabbath halten, konnten sie dank ihren Versorgern ° keine Sabbathruhe bekommen. Jüdische Arbeiter in England. Der Fabrikinspektor Herbert Evans, der durch seine" loyalen Aussagen vor der Aliens- Kommission, rühmlichst bekannt ist, hat gegenüber einem Vertreter der Jewish Chronicle sich in bemerkenswerter Weise über, die Verhältnisse der eingewanderten-jüdischen Arbeiterbevölkerung inLondon ausgesprochen. Man erfährt aus seinen Mitteilungen, ^wie irrig es'ist, daß die Einwande, ung jüdischer Arbeiter die Lage der Bevölkerung des Ostends verschlechtert habe. Die Zustände sind auch in hygienischer Beziehung sett den 90er Jahren, in denen die Einwanderung bedeutend zu wachsen begann, sehr viel besser geworden. Während es bis dahin gang-und gäbe war, daß. derselbe Raum als Wohn-, Schlafzimmer und Küche, und zugleich auch als Werkstatt diente, ist im Laufe der . Jahre hier mehr und mehr die Einrichtung besonderer Arbeitsräume Gepflogenheit geworden. In Soho, dem Arbetterviettel im Westen, liegt fteilich die Wohnungsftage noch sehr im Argen. Evans spricht ferner die Ueberzeugung aus, daß die eingewanderten Arbeiterscharen an dem Aufschwung des englischen Handels einen bedeutenden Anteil haben. Inden Gewerben, in, denen diese Arbeiter vorzugsweise beschäftigt sind, in der Kammgarn- und Wolle-Manufaktur, in der Konfektions- und Schuhwarenbranche ist seit den 90er Jahren eine außerordentliche Verminderung der Einfuhr und ein nicht minder bedeutendes Anwachsen der Ausfuhr zu konstatieren. Daß die Immigranten ein sehr tüchtiges Arbeitermaterial darstellen, beweist ' die Tatsache, daß sie durchschnittlich doppell so hohe Löhne wie die eingeborenen Arbeiter erzielen. Dies gilt auch von den Arbeüerinnen hinsichtlich deren Evans, die interessante Bemerftrng macht, es sei ihm niemals ein Fall vorgenommen, daß eine jüdische Frau noch nach ihrer Verheiratung als Lohnarbeiterin beschäftigt gewesen sei. - Er rühmt das als ein Zeichen des hohen moralischen Niveaus der jüdischen Bevölkerung und als ein Glück für die zukünftigen Generattonen. Als sehr,, beklagenswert, bezeichnet Evans die Tatsache, daß im Gegensätze zu der -jüdischen Bevölkerung von Whitechapel im Ostend..die Arbeiter im Westen, in in Soho, zum größten Teil am Sabbath werktätig sind. Zum Schluß hebt Evans auch die Mchternheit und Mäßigkeit des jüdischen Arbeiters rühmend hervor. Für die Jude« von Casablanca kommt zu wenig Hilfe — wahrscheinlich, weil man das Elend, das über sie hereingebrochen ist, unterschätzt. Es muß daher bettntt werden, daß die Not der marokkanischen Opfer, hinter der der Opfer eines russischen Pogroms nicht zurücksteht- Eine 6000 Seelen zählende Gemeinde ist zugrunde .gerichtet, - ihre Wohnungen sind zerstört, die Habe geraubt oder verlorene Viele sind nach anderen marokkanischen, Städten und nach . Spanien geflüchtet. .Große Summen sind notwendig. .— Der geschäftsführende Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden beschloß 5000 Franks zu spenden. Die Alliance .- Jsraelite Universelle hat weitere -15.000 Franks überwiesen.. Das deutsche Bureau der Alliance. (Berlin N. 24, Oranienburgerstraße 42—43) bittet um Zuwendung von Beträgen. Chaluka und Arbeit. , Im neuesten : Hefte der Zeitschrift „Palästtna" macht Davis Trietsch in Jaffa .folgende - Mitteilung: „Ein interessanter Beitrag zu der Frage, wie das Chalukah-Element Palästinas -, in ein. wirtschaftlich produktives verwandelt werden kann, wird von der Jaffaer Handwerkerschule „Beth- Melachah" .geboten. Diese im. Sommer 1906 aus den Kreisen cher Jaffaer Orthodoxie (Schomre .; Thora) hervorgegangene. Gründung bezweckt denjenigen Kindern, von denen . eine übermäßige talmudische Gelehrsamkeit nicht zuj erwarten ist, eine handwerksmäßige Ausbildung zu geben, die ihnen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit -verhelfen soll. Vorerst wurde Eisenarbeit in Angriff genommen. Bisher sind einfache Schlösser, Riegel und ähnliche Arbeiten aus dem Institut-hervorgegangen, - daneben auch kleinere eiserne Klappmöbel' und recht hübsch gearbeitete Hämmer. Außer dem diretten Handwerks-Unterricht haben die Kinder auch Kurse im Zeichnen, - Rechnen, Physik rc., woneben auch das Dalmudstudium einige Stunden des Tages in Anspruch nimmt. — Die Schule, der vorerst nur sehr spärliche Mittel zur Verfügung stehen, - beabsichtigt eine' Fabrik kleiner Eisenwaren zu etablieren, in der .die Schüler auch nach dem Verlassen der Schule Verdienst finden können." Literarische Gesellschaft „Sinai". Am 19. August dieses Jahres fand. im Haag die erste konstituierende Versammlung dieser Gesell- . tchaft statt, die sehr zahlreich besucht war. Das Zentralkomitee des „Sinai", das seinen Sitz m Berlin hat, konnte mit Genugtuung darauf Hinweisen, daß das gemeinnützige Institut trotz der Ungunst der Zeit viele. Freunde und Gönner gefunden , hat, durch welche die Gesellschaft sich in den Stand gesetzt sieht, schon jetzt ein bedeutendes Werk ins Leben, zu rufen. Als Organ des „Sinai" erscheint vom 1. Oktober ab die hebräische Quartalschrift „Haathid"- jedes Heft 18 Bogen Großottav stark, welcher die bedeutendsten hebräischen Schriftsteller und viele nicht hebräisch schreibende hervorragende -jüdische Gelehrte, .(deren wissenschaftliche Beiträge für die Zeitschrift ins Hebräische übertragen werden sollen) ihre Mitarbeiterschaft zugefichert haben. Die Leitung der Gesellschaft „Sinai" geht nundaran, alle Kräfte zur Förderung des hebräischen Schrifttums zu sammeln und die Gesellschaft „Sinai" zu einer Organisation aller Freunde der hebräischen Sprache auszubilden. In erster Reihe sollen hebräische ' Bücher von wissenschaftlicher Gediegenheit, und zwar gerade solche, die wegen ihres ernsten Inhalts vonvornherein auf einen buchhändlerischen Erfolg-nicht rechnen können, mit Hilfe, der Gesellschaft veröffentlichtwerden. Hebräisch schreibende Gelehrte, und Schriftsteller sollen die Möglichkeit erhalten,, ruhig und unabhängig wissenschaftlich zu arbeiten, unbekümmert um den materiellen Erfolg ihrer geistigen Produtte. In allen Ländern, ja in allen Weltteilen ist ein zahl-< reiches Publikum vorhanden-- das' für das hebräische Schrifttum Verehrung und Liebe hegt, und die Leitung der Gesellschaft „Sinai" hasst mit aller Bestimmt- - heit darauf, daß das jüdische Volk, das alljährlich für religiöse und philantropische Zwecke viele, Millionen aufbringt,' auch für die Pflege seiner historischen, Sprache und seines historischen Schrifttums Opfer bringen will und wiro. Dem neuen Jnstttut ist bereits von verschiedenen Kreisen,' ohne Unterschied - der Parteirichtung. lebhafte Zustimmung . zuteil geworden, sodaß man auf dessen gedeihliche Entwicklung hoffen darf. Von da und dort. „Schomrcj kadass“. i . Wir beichästigten uns in der vorigen, Nummer mit der Behandlung, die sich dieser. Verein vom Kultusvorstande gefallen lassen muß." Unser Bericht über die Unduldsamkeit der Kultusbehörde, die unter Assistenz des Magistratesund der Polizei Juden verhindern will, -