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Neue Zeitung · 1907-09-13 · Heft 14 (13.9.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 14 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Neue Zeitung Seite 3 seit vielen Jahrzehnten fast erstickten, befreit. Wir übertreiben nicht, wenn wir behaupten, daß der letzte Wahlkampf eine nationalpolitische Revolution in der galizisch-jüdischen Bevölkerung war. Tausende Juden, die man zu politischer Demoralisation erzogen, die man daran gewöhnt hat, ihre Stimmzettel, ihre Bürgerrechte für ein paar Kronen zu verkaufen, weil es so - den Kahalsmachern uud den polnischen Grafen paßte, gaben jetzt von ihren magern galizischen Verdiensten freudig für den Wahlfond, für die jüdisch-nationalen Kandidaten. Welche Größe, welche Stärke muß ein Volk besitzen, das nach so vielen Verfolgungen und Entrechtungen, unter so schweren ökonomischen Bedingungen, jiffen, mutig und. gefaßt, den Schikanen der Bezirkshauptleute und den Denunziationen der Kahalsschergen zu Trotz den Volkswillen, den Willen eines geschichtlichen Volkes durchsetzt. Mir stehen die Demonstrationen der B o le ch o w e r chassid isch en Jud en vor Augen, die wie eine Volkserhebung nach vielem . Leiden und Dulden aussahen. Ich erinnere mich an den Empfang des nationalen.Kandidaten Dr. Zipper im chassidischen Stäbchen T u r k a, wie „Mikwe-Juden" zusammen mit „Datschen", mit Frauen und Kindern in einem Züge marschierten und mit einer rührenden Hingebung ausriefen: „Möge das gesunkene jüdische Volk wieder aufgerichtet werden." „Möge unser Volk schon,einmal frei werden ..." Das find Minuten im Volksleben, die nicht so oft wiederkehren. Es hat sich also gezeigt, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens nur verführt aber nicht verloren ist und die neue nationale Partei hat nun die große Aufgabe, die galizische Judenheit auf dem Wege, auf welchem sie zu schreiten begann, weiterzuführen. Die nationale Partei braucht nur das Volk verstehen zu lernen, die nationale Kraft aus dem Volke zu schöpfen und der Weg zur politischen Selbständigkeit wird ein sicherer.sein. Denn wir unterscheiden uns von andern. Völkern: Während bei diesen die Führer, die nationalen Politiker, das Volk aufklären, befruchten, durch ihr tieferes Volksempfinden mitüeißen müssen, Ist es bei uns Juden anders. Bei uns ist. das Volk das Pulvers die treibende Kraft, die die Führer, mttreißt. Unsere Führer sind von fremden Kulturen beeinflußt und darum fehlt ihnen die innere seelische Anregung, die sie 4 zu großen Opfern befähigen soll. Daher müssen sich jetzt unsere jüdischen nationalen Politiker mit den Volksmassen-vereinigen. Dies aber ist nur in einer politischen - Organisation möglich, in welcher alle nationalen Kräfte in einem politischen Kräftezentrum gesammelt werden. . Die politische Organisation muß durch und durch national sein, damit sie die nationalpolitische „Funktion", den ökonomischen Verhältnissen der galizischen Juden angepaßt, durchfuhren kann. Wir sagen national. Denn national fühlen 99 Prozent der galizischen Juden. Alle Gegner des Zionismus, alle Chassidim kämpften . jetzt mit Aufopferung für die nationalen Kandidaten. Und darum müssen die Leiter der. nationalen Politik sehr vorsichtig sein, daß sie diese nicht in eine Parteileidenschast hineinzerren, welche der ganzen Sache einen nichtwiedergutzumachenden Schaden zufirgt. Wir wollen damit . sagen, daß der Name) den Herr Dr. Zipper dem neuen Lemberger Vereine für jüdischnationale Landespolitik geben will den Grundprinzipien der Gegenwartspolitik sowohl, als auch dem zionistischen „Ideal" widerspricht. Im jüdischen „Tagblatt" lesen wir einen Arttkel von Dr. Zipper über die Wichtigkeit des politischen Vereines, der den Namen „Tchiaß Zion" führen soll. Wir fragen uns verwundert, wie kommt dieses rein zionistische Wort mit rein zionistischer Tendenz dazu, die Sache. der Goluspolitik, der österreichischen Politik zu decken? . Der achte Zionistenkongreß, wie alle früheren, hat deutl ch erklärt, daß die zionistische Organisation als solche mit den inneren politischen Zuständen der betreffenden Länder gar nichts zu - tun habe. Gegenwartsarbeit, ' nationale Arbeit im Golus oder anders ausgedrückt „Goluspolitik" ist das Eigentum aller jüdischen Klassen ohne -Unterschied der theoretischen Ueberzeugungen und : Ansichten, und es ist nickt praktisch und nicht klug, den Weg zur politischen Partei allen jenen zu verlegen, die vom Zionismus nicht überzeugt, aber gute Juden und Kämpfer für die jüdischnationale Auferstehung sind. Es ist naiv und falsch, einem Vereine den Namen „Tchiaß Zion" zu geben, wiewohl das Statut nicht ein Wort enthält, das auf die zionistische Kulturarbeit hindeuten würde. Wir müssen lernen, wenn wir überhaupt wirken wollen, inhaltlich und nicht rein formell-zu wirken. Der Inhalt unseres nationalen Fühlens und Denkens soll unsere nationalpolitische Arbeit aus- Men und dazu ist der Name wirklich nicht notwendig. Große Firmenschilder find kein Beweis von Kreditfähigkeit. Hüten wir uns eine Reklamepartei zu werden! Wir fordern Volksernst, Volkstreue, Volksergebenheit, Volksliebe und wir hoffen, das die jüdischnattonale Partei die Schädlichkett des falschen Namens begreifen und ihn ändern wird. *. * * " lieber denselben Gegenstand schreibt uns auch Herr Moses H o r o w i tz, dessen Aufsatz wir ^nachstehend ebenfalls veröffeMlichen. Es ist eine traurige Tatsache, daß bei unserem Auftreten als politischer Faktor in der Reichspolttik der Mangel einer einhettlichen Organisation sich durchwegs bemerkbar machte. In der jüdischnationalen Presse ist auch die Notwendigkeü einer derarttgen Organisation von mehreren Seiten hervorgehoben worden. Nun erscheint im ^'Lemberger „Tagblatt" vom 4. d. ein Arttkel des Herrn Dr. Gerschon Zipper, welche sich mit der Organisation befaßt und zwar mit dem nun in Lemberg bereits begründeten politischen Vereine „T ch i a ß Z i o n". Der Name ist unglücklich gewählt, wett er das besagt, was er er eigeMlich nicht besagen soll. Herr Dr. Zipper verquickt den Zionismus mit der Landespolüik. Es gibt viele gute Zionisten, welche in dem Hineinzerren des Zionismus in die Landespolittk eine Verflachung des ersteren erblicken und glauben, daß der Zionismus nicht führend, sondern bloß fördernd der jüdischnationalen Landespolitik zur Sette stehen dürfe. Und auf der anderen Sette ist der weüaus größte Teil des jüdischen Volkes in Galizien wohl streng jüdischnational gesinnt, aber ohne jedwede zionistische Färbung. Wenn also Herr Dr. Zipper für die Landespolttik eine zionistische Organisation haben will, so stößt er sowohl einen wertvollen Bruchteil der Zionisten als auch die jüdische Masse ab. Als zionistische wäre auch die neue Organisation dem jüdischen Volke nicht vorteilhaft. Den Vorteil hätten nur unsere Gegner, weil eben früher oder später eine Spaltung in zwei Lager eintreten müßte, in das der zionistischen und der nicht zionistischen Nationaljüden. In dem Artikel wird ferner mitgetellt, daß der Verein „Tchiaß Zion" seinen Sitz in Lemberg hat und auch außerhalb Lembergs Wohnende dem Vereine als Mttglieder beitreten können. Wie die Organisation in Galizien vor sich gehen soll, ist nicht ausgeführt. Aber wenn in irgend einem Orte Galiziens einige wenige Mttglieder des „Tchiaß Zion" in Lemberg sind, so ist damtt noch lange nicht der restliche Teil der jüdischen Bevölkerung in dem Orte organisiert. Nur eine Organisation, die alle auf dem jüdischen Volkstume beruhenden Richtungen uMfaßt, kann fruchtbringend sein. Nur wenn in jedem Orte polittsche Vereinigungen sich bilden, wird die Zusammengehörigkeit und Einheit der Juden in Galizien gefördert. Daraus folgt aber, daß die Organisationsftage nur gemeinsam mtt Vertretern aller jüdischnational gesinnten Richtungen, zur Zufriedenheit gelöst werden kann. Wir sind noch nicht in einer derart gefestigten politischen Position, daß wir Spattungen in unserem Lager vertragen könnten. Noch haben wir neben anderem einen schweren Kampf mit den größten Schädigern unseres Volkes, den Moschkojuden auszufechten. Um diese insbesondere aus den Kulmsgemeinden dauernd verdrängen zu können, müssen wir die jüdischen Volksmassen stramm organisieren. Haben wir diese, dann können wir, wo nicht allein, so Schütter an Schütter mtt den wahrhaft fteiheülich gesinnten ruthenischen und polnischen Parteien, den gemeinsamen Feind, die reaktionärste nnd gemeinste aller - österreichischen polttischen Parteien, die polnische Schlachta, ihrem längst verdienten Ende zuführen. Frei von jedem Chauvinismus, müssen wir uns einigen, um zum Frommen und Besten des jüdischen Volkes die polittsche Bewegung letten zu können. Schließlich beseelt ja ein Gedanke Me, Zionisten und Nichtzionisten, die Befteiung des jüdischen Volkes vom fremden Drucke. Mit diesen wenigen Zeilen will ich durchaus keine Polemik gegen Herrn Dr. Zipper, den ich persönlich achte und schätze, führen, sondern zum Heile unseres gemeinsamen Zieles die leitenden Kreise der zionistischen Bewegung in Lemberg auf das Unfruchtbare ihres Vorhabens aufmerksam machen. Die Chaluka nt Galizien. Die Chaluka ist eine sehr alte und unter den religiösen Juden sehr verbreitete Einrichtung. Sie hat den Zweck, arme Juden, die in Europa schon alles aufgegeben haben und ihre letzten Lebenstage in Palästina mit Beten und Fasten verbringen wollen, zu unterstützen. Wenn diese Institution auch unpraktisch ist, so ist sie doch im Volke, tief eingewurzelt und erfreut sich einer Popularität, wie keine zwette. Sie ist allen teuer und heilig und es äußert sich darin ein Gefühl von Liebe und Verehrung. Auch viel Mystisches ist daran geknüpft. Wenn jemand einen Kreuzer für die Chaluka spendet, glaubt er etwas Großes geleistet zu haben. Er fühlt sich mtt Palästina, dem Lande seiner Väter, seiner religiösen Ideale, verbunden und glaubt alles Schlechte von sich entfernt zu haben. Er meint, daß durch das Klagen und Beten der Alten an der Klagemauer in Jerusalem die baldige Erlösung herbeigeführt werde. Es gibt daher fast kein jüdisches Haus in Galizien, in dem sich keine Chaluka-Büchse findet, in die der Jude bei jeder Gelegenheit etwas hineinwirst. Diese Büchsen haben kolossale Einnahmen und werden in jedem Jahre durch die „Geboim" (Verwalter) ausgeleert und an den „Rosst" vom „Kolel" (Obmann der Hauptverwaltung) in Drohobycz abgeliefert. Rechenschaft wurde niemals erteilt und auch gar nicht verlangt. Der „Rosst" und die „Geboim" waren auf- Lebenszeit gewählt oder ernannt und regierten, wie sie wollten- Schon lange liefen Klagen aus Palästina ein, daß die „Memunim" (die von den ausländischen Verwaltungen in Palästina eingesetzten Beamten zur Verteilung der Chaluka) die Armen sehr grausam hxhaudeln, daß sie das Geld veruntreuen. Auch viele Reisende haben die schrecklichen Zustände, die in der „Chaluka" herrschen, genau geschlldert. Unter Anderem hat auch der Dichter Ludwig August Frankl die Mißwirtschaft in der Chaluka beschrieben. Aber das Alles nützte nichts und es blieb wie ftüher. Erst im vorigen Jahre wagte es der Rabbiner Nathan Lewin aus Rzeszow, in die Verwaltung Einsicht zu nehmen, und er fand höchst traurige Zustände, die er auch in einer ganzen Reihe von Artikeln in der hebräischen Wochenschrift „Hamicpe" veröffentlichte. Diese Artikel von einem so angesehenen Rabbiner riefen großes Aufsehen hervor. Sowohl der „Kolel" wie auch die Bevölkerung brachte ihnen großes Interesse entgegen, sodaß die Verwalter die öffentliche Meinung zn scheuen begannen. Seitens der Verwaltung wurde ein Artikel im Organ des Belzer Rebbe „Machfike hadaß" voll Beschimpfungen gegen den Rzeszower Rabbiner veröffentlicht. Der Rabbiner Lewin wurde schon seit langem von den Fanatikern als gebildeter und fortgeschrittener Rabbiner gehaßt, und nun wollten sie die Gelegenheit benützen, ihn zu beschimpfen und als Ketzer zu verschreien und auf diese Weise unschädlich zu machen. Das gelang ihnen aber nicht. Das erwachende Interesse der Oeffentlichkeit wollte sich nicht beruhigen, bis die Sache in Ordnung gebracht werde. Die „Hamicpe" machte es sich zur Ausgabe, alles zu reinigen und so deckte diese Zeitung unglaubliche Tatsachen auf. Es zeigte sich, daß die Verwaltung eine Bande von Dieben sei, die den armen Juden das Geld stehlen und sich so ein Vermögen machen. Hinter dem „Nosfi" Schreiber aus Drohobycz stand sein Geheimsekretär Josef Friedmann, der gemeinsam mit den „Memunim" in Palästina ein ungeheures Unrecht beging. Auch die Chalukanehmer erwachten, und fingen an, sich zu rühren und die ganze Handlungsweise der „Memunim" bekanntzugeben. Aber man wußte sie schnell zum Schweigen zu zwingen, da in Palästina die Fanatiker noch große Macht besitzen, und dort noch der „Cherem" angewendet wird. Auch die Rebbes standen auf Seiten der Machthaber, und daher glaubten die Letzteren gegen die Angriffe gesichert zu sein.

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