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Neue Zeitung · 1907-09-13 · Heft 14 (13.9.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 14 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue Zeitung Nr.. 14 diesem Sinne: Wehe uns, wenn wir uns nicht endlich aufraffen. . .? Sagen wir nicht, daß schon genug geschehen sei und nur nichts gefruchtet habe. Was ist denn geschehen? Die paar Protestversammlungen, die in einigen Städten gemacht wurden — ist das auch schon was? Diese abgeriffenen Klänge, die einsam mr&. ohne Konsonanz hallten und verhallten!^ Oder meinen wir vielleicht die paar freundschaftlichen Unterredungen, die das einemal dieser, das anderemal jener jüdische Notabel mit diesem oder jenem Diplomaten ersten oder zweiten Ranges hotte. Als ob solche Besprechungen nach den üblichen Abschiedsverbeugungen bei dem liebenswürdigen Steatmann mehr als einen dankbaren Vergeflensstoff zurückließen! Oder wollen wir gar mit den Garantien paradieren,. die sich die Anleihevermittler angeblich sicherten, ehe sie den ruffischen Finanzministern das Geld in die ewig empfangsbereiten Schnorrerhände zuzLhlten? Wer konnte je daran glauben? Und wer-durste, wenn er schon so leichtgläubig war, auch nur einen Augenblick zweifeln, daß ruffische Minister es verliehen würden, ihre Zusagen mit kaltem Schurkenlächeln nicht zu halten? Nein, nichts ist geschehen! Mchts, durchaus nichts! Es sei denn, daß wir den Streit der tausend Meinungen, in dem wir leben, schon als etwas betrachteten. Oh, über diesen Streit! Nicht, daß die Menschen alle nach einer Fasson selig werden müßten oder könnten! Es ist ja wahr: die einen müssen dahin, die andern dorthin wollen und erst die Entwicklung der Dinge führt alle die verschiedenen Willen zu einem Ergebnisse zusammen. Aber, soll es ein gutes, ein reiches Ergebnis werden, dann müssen es reife und fruchtbare Willen sein. Reife Menschen müssen es sein!" Die ihres Weges sicher sind und nicht fürchtender Gegner könnte ihn verlegen. Die sich nicht in Disput und Zank erschöpfen, sondern handeln! Jeder in seiner Gruppe, sofern und solange keine Ursache zur Gemeinsamkett da ist; alle zusammen, sobald die Not des Augenblickes an alle herantritt. Und auch das - ist das Zeichen des reifen Menschen, des reifen Volkes, daß es erkennt, wann dieser Augenblick gekommen'ist, daß es diesem Augenblick nicht mit kleinlichen Alltagsgedänken, aber auch nicht mit der Eifersucht der Ideen gegenübertritt. . . Ein solcher Augenblick ist auch .für uns Juden gekommen. Zeigen wir, daß wir reif sind! Lassen wir alle Meinungs- und Parteigegensätze vorläufig links liegen und vereinigen wir uns zur Tat, zu. der Tat, die möglich und dringlich ist. Wie wir uns auch die Zukunft der Judenheit vorstellen mögen, — darin sind wir doch alle einig, daß wir uns die lebendigste Voraussetzung dieser Zukunft, die Juden selbst, erhalten müssen. Das wissen wir alle, daß mit jedem hundert russischer Juden, das man uns da Und die Sänger helfen dem alten Chasen, die Kol nidrej-Melodie drechseln. Das Gotteshaus ist voll Menschen. Auch Fremde sind da, der Gutsherr, der Pristaw, einige Offiziere, die gekommen sind, um die Juden in ihren Kitteln zu sehen und sie „Lol nidrej“ singen zu hören. Deindarno udeischte-faaano... Der alte Chasen und der junge Sopran. winden uud verirren sich zu den höchsten Tönen herauf, und ich sehe die einzelnen Kittelträger vor mir, die bei ihren Lebzeiten selbst ihr Seelenlicht anzündeten, wie Kol nidrej als Totenlied singen. Bei Loj nidrej fällt der ganze Chor ein, und in Sekunden-Jntervallen senkt sich der Sang tief hinab, um noch vor dem Erlöschen in eine Quint auszuklingen. Vor meinem Auge wird das Md größer, deutlicher, schwärzer ... Mcht nur die Einzelnen, das ganze jüdische Volk zündet sich selbst sein Seelenlicht an, das ganze jüdische Volk befreit sich von seinen Gelübden und Schwüren, steht und singt „ Kol nidrej" vor der ganzen Welt, und schämt sich nicht einzubekennen, daß es ohne Kraft'und Leben ist, daß seine Hoffnungen und.Träume verrauscht sind, weil es ein Toter ist. Ein altes Gelübde ist auch gelebt, ein alter Schwur erneuert worden: „Im eschkochacho Jeruscholajim.“ Mit welcher Begeisterung, mit welchem Feuer wurde der Schwur getan! Wie ein Donner rollte er aus den Sälen in die Gassen und durchhallte die ganze Welt. Herzen entflammten, Geister erhitzten sich. Doch lang Hats nicht gedroben im Lande der. Huligane abschlachtet, ein Stück dieser Zukunft schwindet. Wollen wir wirklich so ein Stück nach dem andern schwinden sehen, ohne uns zu . rühren? . . . Rühren wir uns! Vereinigen wir uns, die ganze Judenheit, zu einer gewaltigen, unwiderstehlichen Kundgebung, die unsere und der Völker Gewissen erwecken soll. Entsenden wir unsere Vertreter zu einer großen Versammlung, die irgendwo in einer Stadt des freien Europa baldigst zu tagen hätte! Sprechen wir dort über alles, was sich zur Rettung unserer Brüder tun ließe! Vor allem aber rufen wir, alsein geeintes, ein ganzes Volk, unser „Wir klagen an!" in die Welt hinaus! Und wir werden nicht umsonst rufen! Was war es denn, das Zolas berühmten Ausruf „Ich klage an", so erfolgreich machte, wenn nicht die Wucht, mit der die Anklage aus solchem Munde kam, wenn nicht die Macht des Genius, der die Schäm der Menschen aus ihrem Verstecke hervorholte? - Wie könnte sich aber der größte 'Einzelgenius mit dem Genius eines ganzen Volles messen, das in einer mächtigen feierlichen Kundgebung der Welt sein Leid, aber auch seinen Willen und sein/Urteil offenbart? ■ O, lassen wir diesen Genius für uns sprechen! Schaffen wir für all den Schmerz, der uns durchwühlt, für alle die Entrüstung,' die uns durchzittert,. einen großeneinen geschichtlichen Ausdruck! Und auch wir werden Erfolg haben. 2Bte werden unsere Kräfte erkennen und sammeln. Und wir werden die Scham der Völker und Regierungen hervorlocken, auf daß sie ihr Pflicht- und Machtwort sprechen, von der sich die heruntergekommene russische Mordregierung wird beugen müssen. Ueberlegen wir, nicht lange! Siedlce liegt hinter uns,- vor uns'liegen —— — --— Um das jüdische Wahlsecht. Also, das Wahlrecht in den galizischen Landtag soll doch reformiert werden. Man glaube aber nicht, daß die sattsam bekannte Kaste plötzlich von Volksfreundlichkett ergriffen wurde. Nein, die . jetzige. Wahlreform, die für längst vergangene, „gute 'Zeiten" zugeschnitten war, bedeutet heute für die Schlachzizen eine Gefahr. Der wachsende demokratische Strom, der sowohl die. städtische, wie-auch die Landbevölkerung ergriffen hat, nahm solche Dimensionen an, daß die schlachzizischen Hütten an seinen Ufern vbr einer gefahrvollen Üeberschwemmung stehen., Und was die Hauptsache ist: Die galizischen Juden sind anders geworden. Die langjährige Arbeit der Jüdischnationalen hat tiefe Spuren in der jüdischen Bevölkerung zurückgelassen, die Emanzipationsbewegung hat sie zu einer politischen Reife emporgehoben,, die die Herrscher Galiziens mit vollem Grund erschreckt. Die polnischen Adeligen rechnen nicht mehr auf eine gedankenwährt. Noch ist das Echo des alten Gelübdes nicht verklungen, und schon zieht man die Kittel, zündet Seelenlichter an und singt „Lol nidrej". Gurgelt mtt Kraft und Vergnügen, wiegt sich bei „Deindarno udeischtebaano“ und hält mit Andacht die Kadenz auf „ftoj nidrej“. . . Und ein zweites Mal'singt der alte Chasen „Kol nidrej", um einen halben Ton höher. In sein Weinen um alle" die Kittelträger mischen sich Seufzer um den großen Toten, um das ganze jüdische Volk, das sich jetzt von seinen Gelübden losspricht... Der alte Chasen beginnt nun das dritte Mal und will wieder um einen halben Ton höher hinauf. Er singt mit gebrochener Stimme, es ist ein Gesang aus Seufzen -und Wimmern. Er dünkt mir zu klein und zu schwach, um die Trauer auszudrücken, die im „Kol nidrej“ liegt, und ich fliehe aus dem Bethause. Nur Baßgeigen mit ihrem tiefen Brummen könnten vielleicht das jüdisch-nationale Begräbnislied, chas „Lol nidrej" heißt, zum Ausdruck bringen. Nachbemerkung, der Redaktion. Um allen Mißverständnissen vorzubeugen, bemerken wir, daß wir das vorstehende Feuilleton nur wegen seiner feinen Stimmung. veröffentlichen. Es liegt uns aber natürlich ferne, uns mit diesen Stimmungen selbst, oder gar mit irgend welchen Anschauungen, die etwa hinter diesen Stimmungen liegen, zu identifizieren. ' lose, sklavische Gefolgschaft der Juden und sehen vielmehr eindaß die wirtschaftliche Entwicklung. und die immer tristere Lage der jüdischen Be-./ völkerung, diese im ganzen Lande den radikalen Parteien nähern muß, insbesondere aber-in Ostgalizien das sich erhebende ruthenische Volk schon genug Kraft besitzt, um ein . weiteres Zusammen- ' gehen der Juden mit den Polen überflüssig zu machen. Anläßlich der letzten Reichsratswahlen konnte auch der blödeste Schlachzize sich von diesem Umschwünge der Verhältnisse überzeugen." - Den Radikalen und- .der nationaljüdischen Partei fällt das Verdienst zu, daß sie aus den;' Juden, die bisher stets zugunsten der Schlachzizen den Ausschlag gaben, ein für' sie unzuverlässiges.. Material gemacht haben und dadurch die Machthaber zwangen, an die Wahlreform heranzutreten, die den breiten Schichten '"mindestens bescheidene Konzessionen bringen wird. Da nun die Juden die' Achillesferse der herrschenden Klique bttden, so werden die polnischen Raubritter und die allpolnischen Streber ihr ganzes Raffinementaufwenden, um die Machtstellung der Juden herabzudrücken und durch hundert Klauseln ihre freie Willensäußerung zu unterbinden. Auch wird man bestrebt sein, in den . Landtag möglichst viele und sichere eigene Leute herein zu bekommen, - die Juden dagegen aus dem „polnischen" Landtag zu verdrängen, v . Daher gebet acht galizische Juden! Die landesautonomistischen Bestrebungen der Polen, die dank der erschreckenden Nachgiebigkeit der Zentralregierung dauernde Fortschritte -machen, stellen uns vor die Tatsache, daß das, Schicksal einer'" Million'Juden von der Zusammensetzung des galizischen Landtages abhängen kann. Welche Gefahr für die galizische Judenschaft diese Entwicklungsmöglichkeit bedeutet, wissen Alle, mit Ausnahme jener Individuen, die sich aus Eigeninteresse den Verrat ihrer Brüder zur Lebensaufgabe machen. Im jetzigen Landtag sitzen unter 161 Abgeordneten 4 Juden. Man denke: Statt.des siebenten Teiles der vierzigste. Ein solches Unrecht kann die jüdische Masse nicht länger ertragen. Sie tritt heraus,- nicht mit bettelnder Hand, sondern mit geballter Faust, um das Ihrige zu verlangen. Die ' Revolutionierung der galizischen Juden, vor kurzem noch ein Scherz, beginnt Tatsache zu werden. Und nicht nur wählen, auch jüdisch wählen wollen wir. Der Sprecher, der Allpolen, Abgevrdneter Prof. Buzek, tritt für die Einführung eines polnischen und ruthenischen Katasters ein, mit Ausschaltung der Juden als Volk. Die Juden sollen den. Polen angehängt werden oder sich in zwei Lager teilen. Diese offene, Brutalität gegen das jüdische Nationalbewußtsein, das erst anläßlich der Wahlen mtt solcher Majestät zur Geltung kam, würde die Judenschast in eine Erbitterung versetzen, deren Folgen die allpolnischen Flachköpfe gar nicht ahnen. Mögen sie nicht vergessen, daß die Juden im polnischen Kataster mehr als unbequem werden können. Mit den-Gefühlen eines Volkes treibt man nicht ungestraft-Scherz. Die Wahlreformkommission beginnt bereits ihre Beratungen, um den Gesetzentwurf für den Landtag-vorzubereiten. Das polnische und ruthenische Volk wird mit donnernder Stimme sein Recht verlangen. Auch das aufwachende jüdische Volk ruft den Machthabern zu: Wir wollen stimmen, wir wollen jüdisch stimmen! ■ ■ : E. Licht Jüdisch-politischer Verein von Salmen Herz. Die jüdische Bevölkerung Galiziens geht einer neuen Zukunft entgegen. Dies dank der Wiedergeburt des politischen Empfindens, dank dem Erwachen einer neuen nationalpolitischen selbständigen Tätigkett, die mit der Einführung des allgemeinen, geheimen und gleichen Wahlrechts in Oesterreich beginnt. Wer ■ mit den galizischjüdischen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß. seit den letzten Reichsratswahlen eine förmliche Umwälzung im jüdischen Leben vor sich gegangen ist. Die tausende Juden, die in der abscheulichsten und niedrigsten Sklaverei erzogen sind, denen man das letzte Gefühl von Selbständigkeit herausgerissen hat, die breiten jüdischen Massen, die zusammen mit den Assimilationskreaturen vor der Schlacht« in Furcht und Schrecken gehalten wurden, haben sich wie ein Sturm erhoben und sich von der Assimilationskuratel, mstec der sie^

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