Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 13 XL, Wir erhalten folgende Zuschrift: Um den böswilligen Bemerkungen gewisser Kreise über den Theatergesetz-Entwurf des Dr. Ofner unter der Spitzmarke „Hat der Abgeordnete der Leopoldstadt keine andern Sorgen?" vorzubeugen, müssen wir konstatieren,, daß der 2. Beznck eine Kunst-Zentrale er st e n Ra n'g es ist: Im Intimen Theater erlÄt „Das Bett" bald die 500. Aufführung, Eisenbach hat eine neue Kunststätte errichtet und die Sitzungen des Freiheitlichsozialen' Vereines sind auch ein Theater. Einige Stammgäste des Cafee Donau.' XIL „Meine Freundin Elsse K. ist eine begeisterte Zionist in; keinen Vorttag läßt sie aus, keine Versammlung. In jeder Gesellschaft predigt sie bewußtes Judentum. In der Wahlkampagne arbeitete sie mit den Kadimahnem um die Wette." „Mit den Studenten? Du, das finde ich sehr schön — Ich bin auch eine Zionistin, weißt Du! Ich möchte auch zu Vorttägen, Versammlungen und. so. Dieser Nordau ist doch so süß!" „Aber, na — Nelly!" . „Nein, Du kannst, das verstehn! Du bist keine Idealistin. Du bist nur für praktische Sachen — pfui. Ich will etwas Höheres, Edleres, sozusagen Selbstlos es. Ö, wenn Du eine Ahnung hättest, wie — aber das verstehst du nicht!" „Voila, Mrrchen! So werde ich dich behufs zionistischer Betätigung meiner Freundin Else K. und ihrem Bräutigam vorstellen." „??Bräuügam? Ist sie verlobt?" „Schon lange." ' , „Soooo —! (Längere Pause.) Du, hörst, sag' mir unter vier Augen, wozu geht sie dann noch zu Vorttägen, Versammlungen und dergleichen. Wozu ist sie überhaupt Zionistin?" Beda. Kunst uud Literatur. Die hebräische Sprache. Dr. Leo Metman in Jaffa hat in Jerusalem eine Schrift „Die hebräische Sprache" erscheinen lassen. Wir entnehmen dieser Schrift zwei besonders interessante Stellen. „Den größten Einfluß auf das neuere Hebräisch übte aber der jüdisch-deusche Dialekt aus, der sogenannte Jargon. . Dieser Dialekt hatte sich im Laufe der Zeit, besonders in den slavischen Ländern von dem Deutschen losgettennt und'zu einer beinahe selbständigen Sprache ausgebildet. Die vielen Wörter und Ausdrücke, die er aus dem Hebräischen, hauptsächlich aus dem nachbiblischen ausgenommen hat>-machten eine mannigfache Entwicklung durch. Sie wurden in etwas verändertem Sinne gebraucht, bekamen sogar eine vom eigentlichen Hebräischen ganz verschiedene Bedeutung, von der aus wieder ganz neue, willkürliche Ableitungen gebildet wurd-n. Dieser Dialekt fing allmählich an, einen Rückeinfluß auf die hebräische Sprache auszüüben. Höchst fühlbar macht sich derselbe in der chassidischen Literatur, besonders in ihren Legenden, die von der Naivität des anspruchslosen, einfältigen Volksmannes durchttänkt sind. Aber auch in die neuere hebräische Literatur, deren Gebiet hauptsächlich die mittleren und niederen Klaffen des Volkes wurden, drängt sich dieser Einfluß hinein. Derselbe ist ein zweifacher. Erstens brachte er einen Zuschuß von gcinz neuen Wörtern und verlieh anderen Wörtern eine Nebenbedeutung; zweitens läßt sich auch ein Einfluß der eigentümlichen Ausdrucksweise und des Satzbaues dieses Dialekts auf das Hebräische Nachweisen. Immerhin .sind die „Jargonismen" viel weniger dem Geiste der hebräischen Sprache zuwider als die „Russizismen" und „Germanismen", me sich auch nicht fetten in .der hebräischen Literatur bemerkbar machen. Denn der Jargon hatte' ja von jeher unter dem Einfluß des Hebräischen geständen' und. hat noch manches mit ihm gemein. Daß dieser Einfluß sich bei manchem hebräischen Schriftsteller nicht als etwas Fremdes fühlbar macht, zeigt am besten die schöne typische Sprache in den Äunsterzeugniffen des Altmeisters S. I. Abramowitsch (mehr unter dem. Pseudonym „Mendele- Mocher-Sforim" im Volke bekannt). Ebensogut paßt sich auch besonders der chassidische Jargon den genialen Kunstschöpfungen von I. L. Perez an, nicht fetten auch den Werken Dr. Berdiczewsky's. Dieselbe Sttllung.nimmt er auch in den Werken der guten Nachahmer dieser Autoren ein. Ganz > an seinem Platz zeigt er sich auch bei den Berufsfeuilletonisten A. N. Lev ins ky u. a. Der Sprachedieser Schriftsteller geben die im Volle üblichen Ausdrücke und naiven Wendungen einen eigentümlichen humoristischen Reiz." (Zu bemerken wäre, daß von den hier angefühtten Dichtern Mendele Mocher-Sforim, I. L. Perez und Dr. M. I. Berdiczewsky mindestens ebensoviel und ebenso gut in jüdischer Sprache („Jargon") als, in hebräischer schreiben. Die Red.) - - - , Die zweite Stelle knüpft-un die Versuche an, 3 in Europa dem Hebräischen als Umgangssprache er Eingang zu veffchafsen. Sie lautet: ---Immerhin fehlt der. hebräischen Sprachein Europa die- Natürlichkett und Lebendigkeit, die sie in ihrer eigentlichen Heimat Palästina besitzt. In Palästina kann dem Bedürfnis , nach neuen Sprachbildungen, wie es der lebendige Verkehr mit sich bringt, im Hebräischen als Umgangssprache ganz, anders entsprochen werden als in Europa, wo es doch Schriftsprache geblieben ist. Während der Schreibende veranlaßt wird, nachzudenken, um für jeden Gedanken den passenden Ausdruck zu finden oder jedes in der Sprache fehlende Wort durch eine entsprechende Umschreibung zu ersetzen — ist das alles beim mündlichen Verkehr gänzlich ausgeschlossen. Hier muß sich auch der ungebildete Volksmann und das. lallende Kind im Momente des Redens selber rasch helfen; , und auch ihre spontanen und ffMrlichen Sprachbildmigen schleichen sich in die Sprache hinein wie die künstlichen der Gelehrten und Grammatiker. Auch der äußerliche Einfluß macht im Orient die Entwicklung der hebräischen Sprache viel natürlicher als in Europa. Während er hier ein nichtsemitischer ist, kommt er dort mehr und mehr durch die nahe Berührung mit dem Arabischen zur Geltung. Zwar ist dies bis jetzt noch in geringem Maße der Fall.. Denn nur die Judenaus Asien und Afrika sind von der arabischen Sprache stärker beeinflußt, während denjenigen aus Europa das Arabische noch fremd ist. Doch läßt sich eine solche Einwirkung schon Nachweisen. Zunächst macht sich der arabische Einfluß in der Aussprache des Hebräischen bemerkbar. Nach und nach schwindet die euriHäische „aschkenasische" Aussprache in allen ihren Abzweigungen vor der asiatischen „sefardischen"; und diese befestigte sich, besonders in Galiläa, am meisten in ihrer syrischen Abart,' welche der Aussprache des Vulgärarabischen in^ Palästina sehr nahe steht.' Dann zeigt sich dieser Einfluß in ganzen Klassen von arabischen Wörtern, die ins Hebräische übergehen. Auch sind vielleicht manche grammatische Abweichungen in der hebräischen Umgangssprache auf den Einfluß der arabischen Umgangssprache zurückzuführen." Perez-Abend in Lemberg. Aus Lemberg wird uns berichtet: Dieser Tage weitte ein berühmter Gast bei uns: I. L. Perez. Der Dichter trug auf einem Abend, der ursprünglick. für Morris Rosenfeld bestimmt war, einige seiner Sachen vor. Von minutenlangem Beifall begrüßt, wurde er . auch - während seines Vortrages von stürmischem Applaus unterbrochen. Nach Beendigung des Abends, der von den Poale-Zion im Verein mit der akad. Verb. „Emunah" veranstaltet worden war, wurde ein. Kommers, abgehalten an welchem, auch die Reichsratsabgeordneten Stand und Dr. Gabel teilnahmen und ersterer sprach. Mit einer Ansprache in jüdischer Sprache wurde der Abend von Perez selbst geschlossen. . : Für Morris Rosenfeld sind uns weiter zugegangen: Von Herrn Lazar Sandler in.Stanislau Kr. 5.—, gesammelt von jüdischen Mittelschülern in Grzymalow Kr. 6.—, zusammen mit den bereits Ausgewiesenen Kr: 186-77. Druckfehler-Berichtigungen. In der Rezension von Thekla Blech über „Beruria" von Dr. MaxGrunwald in Nr. 11 der „Neuen Zeitung" hat der Druckfehler-Teufel durch Auslassung mehrerer Worte in den letzten Sätzen des vorletzten Absatzes eine arge Verwüstung angerichtet. Die Sätze sollen richtig lauten: „Mich speziell aber fteut es, daß ein gesunder Jnstintt den Ton moralisierender! Litanei-fallen ließ und - ein lebensftoher Funken Brise weht. Denn, gestehen wir es uns — und der Verfasser wird mir diese Ketzerei gewiß verzeihen — von streng moralisierender Frömmigkeit bis zur Langweile in einem Buch, das den Frauen gewidmet ist, ist nur ein Schritt und bedeutet für deren Kopf zumindest einen geschmacklosen Hut. — : Bei dem Gedichte, von I. L. Perez, das wir in der vorigen Nummer unter dem. Tttel „H a st gezielt!" veröffentlichten, wurde aus einem unliebsamen Versehen der Name, des Uebersetzers Ausgelassen. Sie wurde von Jochanan Th au besorgt. Nach tausend Jahren. Aus dem Entwurf zu einem jüdischen Roman.- Von Mathias Acher. (Fortsetzung.) Die . drei Alten gingen nicht zur Ruhe. Ihre Sehnsucht"war stärker als die aller Anderen. In den ersten Morgenstunden mußte das Land in Sicht kommen. Sie wollten nicht Gefahr laufen, seine ersten Grüße zu verlieren. Vom ersten Augenblicke wollten sie dabei fein, wenn . es aus Finsternis und Flut emporstieg. " . Sie hatten sich einen dunklen Winkel des Vorderdecks aufgesucht, wohin das gleißende Licht des Schiffes nicht ^drang, so daß ihnen die Schimmer des Meeres nicht gerombt wurden: Da saßen sie und, spähten den weißen: Schaumlinien nach, die immer wieder aus den schwarzblauen Fluten gurgelnd austauchten, in spielerischem Auf . und Nieder sich wölbten, flüsternd in die Ferne rollten, um dort still Ins Dunkel zu verrinnen.' Stumm spähten sie. Ihre Sehnsucht vertrug die Rede nicht. Nur einmal, als der Scheinwerfer des Schiffes sie grell beleuchtete, fanden sie die Worte wieder. „Es ist traurig," sagte Jbn Hilmi, „daß wir mit allem unserem Lichte bloß die Ferne verdunkeln." „Ja, wir wissen eben noch nicht die Sonne zu handhaben," meinte Jermi Woldman lächelnd. . „Aber, schrittweise vor uns hinleuchtend,' dringen wir doch weiter und weiter in die Tiefen der Finsternis," entgegnete Ott Dörflen. „So ist es", nickte Woldman. „Doch gilt dieses. Gesetz' nicht für unser Inneres. Dg ist Sonnenlosigkeit oder Sonne." „Gnadlosigkeit oder Gnade," sagte Dörflen. „Eblis, der ewige Schatten, oder Allahdas ewige Feuek," rief Jbn Hilmi. Und er dachte an Hussein, den Erneuerer, der in einer Nacht wie heute vor siebenhundert Jahren demselben .Strande sich näherte. Er war gekommen, bevor er nach Mekka ging, um mit den großen menschheitläuternden Seelen zu sprechen, die hier - in Leibern wandelten 'oder gewandelt waren... Und sehnsüchtig verloren sich'die Blicke des Arabers in die weite Wassernacht . . . Die Wellen gurgelten, zischten und flüsterten, das 'Schiff - ächzte. Aber die drei alten Leute hörten es nicht. Das große Schweigen war wieder über sie gekommen. Ihr ganzes Wesen war in Blick und Wunsch getaucht . . . Und Stunden vergingen ... Der Kapitän kam und störte sie für eine Weile.. , - „Sehen Sie den blassen Streifen dort," sagte der junge salonikische Jude in seinem muntern Tone. „In einer Stunde ist es ganz hell." - , „Und dann?" fragte Jermi Woldman. „Dann dauert es noch eine Stunde, bis. die Küste in Sicht kommt." „Und dann?" fragte Woldman weiter. „Eine halbe Stunde später landen wir!" ■ . Die drei Alten sahen sich an undsofort, von ein em Willen getrieben, ins Meer hinaus. Mit angestrengten Blickenspähten sie, als könnten sie-damit -Frist und Entfernung kürzen. Der Kapitän verstand sie und wandte sich, ernster geworden, zum Gehen. Da begegnete er Chawe, die -gerade' aus ihrer Kajüte kam, und wurde noch ernster. Wie eine Sommerwolke glitt es über sein schönes, kühnes Gesicht. Er grüßte verlegen und ging vorüber. - Ihr Schritt-hatte eine Weile gestockt. » Sinnend kam sie zu den Sinnenden, setzte; sich zu ihnen und sah auch hinaus, nach dem Streifen, der immer-lichter wurde. Und träumte. . . . Träumte von dem Lande, das ganz in der Nähe schon hinter diesem Streifen lag, von den goldenen Getreidefeldern, den dunklen, geheimnisvollen Zedernwäldern, von den weißen, stillen Dörfern, von den bunten Städten, die sich im blauen Meerespiegelten, von dem gewaltigen . Jaffa und von, dem von heiligen Schauern erfülltenJeruscholajim. Wie schön mußte essein! Wie ein Märchen, das Gott selbst erzählt — hatte ihr der Großvater gesagt. Und es geschah ihr, wie im Märchen. Sie sah sich allein, so klein und' allein in der großen ewigen Stadt. Und Furcht kam über sie, Furcht vor den übermächtigen Gewalten des'-Schicksals, die im Hintergründe jeder Seitenstraße auf sie zu lauern schienen. Da aber kam-plötzlich ein Mann auf. ' sie zu^— wie war er doch so schön und wie war sein Blick'so kühn! und nahm sie bei der Hand. Und führte ,sie so sorgfältig und so weise, daß sie jede Angst verlor . . . Und sie bat das Märchen: Verweile! . . . Es war hell geworden,- . und dach Verdeck hatte sich immer mehr mit Menschen gefüllt. Sie ' standen in Gruppen beisammen und lugten, während sie sich flüsternd.unterhielten, nach der Küste aus' ... ' •_: „Dort!" rief plötzlich Jermi Woldman mit zitternder und gellender Stimme in Glück und Schreck. Und allen entrang sich ein einziger Schrei. Dort! Dort, winkte es weiß und grün herüber— das Land der.Länder, das Land der erhabenen Erinnerungen, der jungen, heiligen Schönheit und der tiefsten Zukunsten . ... Von mächtiger Empfindung übermannt, san-.. ken manche in die Knie; manche falteten die