Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 13 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Neue Zeitung Seite 3 nationale Idee nicht durch/ kleinliche Mittel ver-! sumpfen lassen will,, wer den Kampf für die Verwirklichung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte mit politischen - und großen Mitteln führen will, .muß sich jetzt um die Fahne. Zangwills scharen, ' muß den sterilen Boden unpolitischer, kleinlicher Arbeit verlassen und sich dem Manne anschließen, der durch Wort und »Tat bewiesen hat, daß er der würdigste Nachfolger Herzls ist. Insbesondere gilt unser Ruf den alten treuen Mitstreitern Herzls. Sie mögen sich uns mutig und kühn anschließen, um die Ideale -des Judenstaates zu verwirklichen. Im Lager Zangwills ist der politische Zionismus,, ist Herzls Erbe. Und dafür gilt es jetzt zu kämpfen allen, die für die Freiheit des Judentums begeistert und entschlossen sind. Schart Euch alle um uns! Der jüdische Bürgeroerein „Jto" in Wien XV. Dir. Dr. S. Krenberger, Obmann. Anmeldungen XIII,8, Auhofstraße.Nr. 221. Man wird uns das Zeugnis nicht versagen, daß wir gegenüber den verschiedenen Strömungen innerhalb der gesamtjüdischen Bewegung, — namentlich soweit sich diese auch mit kolonisatori- Wen Problemen und Idealen beschäftigt — volle Unparteilichkeit walten lassem? Gehen wir ja von der Ansicht aus, daß sie im Grunde einander keinen Abbruch tun, und keine von ihnen der notwendigen Entwicklung schaden kann. Gerade darum empfinden wW es umso schmerzlicher, wenn man auf der einen oder anderen Seite die Gewohnheit nicht lasten kann, den „Gegner" anzurempeln. Und als solche'unnötige Anrempelung müssen wir leider den obigen „Aufruf" ansehen. Konnten nicht dieselben Grundgedanken in positiver Form ausgesprochen werden? Oder glaubt Herr Dr. Krenberger — auf dessen Persönlichkeit allein wir den Aufruf zurückführen — wirklich die Westjuden und „Intellektuellen" nur dann in Massen heranzuziehen, wenn er so streitbar schreibt? Da irrt? er. Im Uebrigem: Der Parallelismus zwischen Westjuden und Intellektuellen imponiert uns. Das müssen wir schon sagen. Wochenschau. Christlichsoziale Minister sollen wir kriegen und einer von ihnen wird Herr Hofrat Geßmann sein. Wie verlautet, spekuliert er jetzt gar auf das Handelsportefeuille. Dafür wartet das Ackerbauportefeuille auf Eberitz o ch, und irgend ein anderes auf Pattai. — Minister haben aber das Gute, daß sie am Ende wieder gehen. Das darf unser Trost sein. Und dann: Verantwortliche Minister sind noch immer ungefährlicher als unverantwortliche Nebenminister. ' Der ruthenische Studerrtenprozeß hat begonnen und schon die ersten zwei Verhandlungstage erregen das sensationelle Aufsehen, die eben galizische Angelegenheiten zu erregen pstegen. Dieselben Bilder, wie.sie. schon so oft 'an uns vorüberzogen: Willkür, ( Lüge, Schwindel! Ein ganzes Land in den- Händen einer Verbrechersippe, die sich leider — Schmach und Schande genug! - des Schutzes einer österreichischen Regierung erfreut I Lumpen, Fälscher, Räuber, — Leute, die ein anständiger Mensch nicht anspuckt, — als großmächtige Herren mit ausgesuchter Höflichkeit, Orden und Würden, statt mit der Reitpeitsche und dem Kriminal behandelt! ,. - Wir kommen auf den wichtigen Prozeß noch zurück. Und dennoch! - Trotz aller Verbrechen der galizischen Machthaber ist ihr Stern im Sinken. Das haben schon die Reichsratswahlen gelehrt, denn den Sieg, den sie da erfochten, war ja doch nur ein Pyrrhussieg. Noch deutlicher wird ihr Niedergang durch die Niederlage, die sie soeben bei der Landtags-Ersatzwahl' im Bezirke Zbaraz erlitten. Kein allgemeines Wahlrecht im Wege, alle gewohnten Wahlmittel im Betriebe — und konnten doch nicht verhindern, daß der sozialdemokratische ruthenische Bauer Szmigielskyj gewählt wurde. Die „Deutsche Zeitung"' wird von mehreren Blättern die dümmste Zeitung Wiens genannt. Wir wollen nicht untersuchen. mit wie viel Recht. Aber soviel steht jedenfalls fest: Dümmer als sie frech -ist, kann sie nicht sein. Da. brachte sie jüngst ein Feuilleton: „Israel an der Sommerfrische" oder so ähnlich hieß es. Gerade in dieser Nummer bringen wir nun ebenfalls ein Feuilleton über diesen Gegenstand, und man. wird uns das Zeugnis nicht vorenthalten dürfen, daß die Verfasserin recht streng ins Gericht geht. Wir find eben keine von wahnwitzigem'Rassendünkel besessene Arier, sondern Juden und suchen an uns herumzubessern. Wir wissen, daß das kulturelle Halblicht, in das weite Kreise des jüdischen Volkes, namentlich im Westen geraten find, diese Kreise in vielen Beziehungen verderbt und lächerlich gemacht hat. Und geben es zu, weil wir keine Dunkelnarren find wie die Herren „Jndogermanen". Aber wir weisen es zurück, wenn so ein antisemitischer, von Beschränktheit und Arroganz stinkender Schmierfink alle jüdischen Sommerfrischler und Touristen mit seinen eklen Sudeleien begeifert. Als wenn nicht Tausende und Abertausende von Juden, die im Sommer Gottes freie Natur suchen, um an ihr zu genesen und sich zu freuen, in einer Zehntausendmal mehr Bescheidenheit und Stille hätten, als so ein Schmierer und das Milieu, aus dem _er herausgequollen ist, im Ganzen. Und als ob^ die arischen Landaufsucher lauter, lauter fromme Gemütsmenschen wären! Tut sich was — möchten wir fast im Jargon des uns nicht sehr lieben Quais sagen .... Eins aber können wir dem frechen Kerl versichern: Seine lichten arischen Himmelskinder werden sich am Ende doch an uns gewöhnen müssen. Wir find ihnen manchmal zu laut, sie sind uns oft zu roh. Ist auch nicht nach unserem semitischen'Geschmack. Und müssens doch schlucken! . . . Na also, wir können auch grob sein. Und könnens noch mehr werden, wenn die antisemitische Bande wieder üppig werden sollte. Sie habe« Auge« und sehen nicht, Ohren und hören nicht... . An diesen Satz wird man gemahnt, wenn man dem sinnlosen Treiben der ungarischen Juden zusieht. Die Koalition zerfällt, eine christlichsoziale Partei rüstet sich, morgen schon auch das ganze magyarische Volkselement gegen die Juden zu führen. Die gepeinigten Nationalitäten warten nur auf die Stunde der Rache dafür, daß die Juden den magyarischen Unterdrückern Hilfe leisten ... Das alles sehen sie nicht und hören sie nicht. Und einer von ihnen Kardos, natürlich reets Klein, ist bei der berühmt gewordenen vorwöchentlichen Wahl in Belenyes auf das Programm der Unabhängigkeitspartei gegen einen rumänischen Gegenkandidaten aufgetreten. Er fiel 'durch, aber die Wut der Rumänen gegen die Juden ist deshalb nicht kleiner .... Schwer ist die Verantwortung, die diese verblendeten Magyaro- Juden auf sich nehmen .... Russische Notizen. Kürzlich wurde Oberst Schröder, einer der Hauptbluthunde von Bialystok, der straflos ausging, ja noch befördert wurde, auf Grund eines Todesurteils der revolutionären Parteien erschossen. Die Juden fürchten jetzt die Rache der „Echt russischen Leute," — dies umso mehr als ein Hetzvfaffe, der Mönch Jlidor, in die Nähe von Bialystock, zu einer Abteilung der patriottschen Bandüen auf Besuch gekommen ist. Im Tomaschpol (Gouvernement Podolien) wurde eine Judenhetze veranstaltet. Am Sonntag brach zwischen einem Ladenbesitzer und Bauern, welche ihm ein Stück Zeug gestohlen" hatten, ein Streit aus. Darauf erfolgte eine vollständige Verwüstung der jüdischen Läden.' Sehr verspätet traf.ein Landpolizist mit mehreren Reitern ein, die von der plündernden Menge mit einem Steinhagel empfangen wurden, worauf sie Feuer gaben. Zwei der Plünderer und ein jüdischer Knabe wurden getötet. Nach der Salve flohen die plündernden Bauern, wobei sie einen großen Teil des Eigentums der von ihnen ausgeraubten Juden auf Wagen mtt sich führten. Jetzt wird Tomaschpol von 18 Polizisten und mehreren Reiterpatrouillen bewacht. Während des vorjährigen großen Pogroms in Bialystock wurde , ein junger Mann militärpflichtigen Atters, ein gewisser Samuel S., Sohn eines jüdischen Volksschullehrers,' erschlagen. Die Beerdigung erfolgte wenige. Tage darauf. Jetzt hat ihn aber die Rekrutenaushebungskommisfion in aller Form aufgefordert, sich zu stellen. Da er dieser Aufforderung aus begreiflichen Gründen nicht Folge leisten konnte, wurde sein Vater von Rechts wegen zu einer Geldstrafe von 300 Rubeln verurteitt. Vergeblich wandte er ein, daß er nichts dafür könne, daß sein Sohn tot ist. Die Kommision war unerbittlich und ließ ihm seine Habseligkeiten pfänden. Ec sah sich nun genötigt, eine Bittschrift an den Kaiser zu richten, damit ihm die Strafe für die Fahnenflucht seines toten Sohnes im Gnadenwege erlassen werde. Der Gouverneur von Jekaterinoslaw hat den jüdischen Handwerkern erlaubt, ihre jüdischen Angestellten Sonntags zu beschäftigen. Die Annahme von Bestellungen und der Verkauf ihrer Erzeugnisse ist 'jedoch den jüdischen Handwerkern an Sonntagen untersagt. Pogrom in Odessa. In Odessa wütet wieder der sogenannte „schleichende Pogrom." Das heißt jüdische Passanten werden in den Straßen „ohne alles Aufsehen" zu hunderten meuchlerisch ermordet oder schwer verwundet. Die Spitäler sind überfüllt. Einer Deputation des Börsenkomitees gab der Gouverneur Glagolerw zur Antwort, er könne nichts tun, die Juden seien durch ihr revolutionäres Verhalten selbst an diesen Ausschreitungen schuld. — Als ob den Juden in diesem verfaulten Staate, in welchem ein schwachsinniger Zar mit Mördern und Plünderern sich verbrüdert, eine andere Wahl bliebe! A«s Marokko. Der französische Platzkommandant von Casablanca erwiderte auf die Frage, des jüdischen Gemeindevorstands welches Programm er für die Juden aufgestellt habe: „Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze übrige Stadt. Auch hierbei rechnen wir auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut. daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlaffen haben. Wir werden Ihnen die einzuführenden Reformen anzeigen und werden sie gemeinschaftlich mit Ihnen durchführen. Ich werde die gegenwärttge Uebergangsperiode benutzen, um das Judenviertel als solches aufzuheben Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzufüh en. Ich bitte Sie deshalb, mir über iolgende 4 Punkte Bericht zu geben: 1) Schaffung einer israelitischen Gemeindeverwaltung; 2) Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung und der städtischen Zentralverwallung; 3) Hygienische Vorschriften für den Mellah; 4) Einrichtung einer Polizei." Eine eigentümliche Laufbahn. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Wie man erfährt, ist der neuestens zum Gegensultan von Marokko ausierufene Mulay Hafid ein Judenfteund. Als Beweis wird angeführt, daß sein Leibarzt, Privatsekretär und Intimus ein gewiß ev Dr. H o l z m aJMV ist, der ja auch schon eine jüdische Deputation vönMarakesch seines Schutzes versichert hat. — Dieser Dr. : Holzmann ist nun eine in Wien und Berlin ganz gut bekannte Persönlichkeit. Er ist in Jerusalem geboren, stammt aber aus Ungarn, hielt sich lange Zeit in Wien auf, wohin seine Ellern aus Jerusalem übersiedelten und sein Stiefvater ist heute noch Religionslehrer in Wien. Holzmann selbst, der übrigens sehr gut deutsch spricht, gerierte sich gerne als Dollblutorientale, trug in Wien mit Vorliebe den roten Fez auf dem Kopfe und benützte jede Gelegenheit, wo er arabisch oder hebräisch sprechen konnte. Er beteiligte sich auch an der zionistischen Bewegung. Später kam er nach Berlin, wo er Medizin studierte und klinisch tätig war. Bor zehn Jahren ging er nach Marokko, wo er sich sehr rasch eine große Praxis verschärfte und zugleich als Apocheker tätig war, bis er schließlich Mulay Hasids Leibarzt wurde und — wie wenigstens eine Nachricht wissen will — zum Islam übertrat. Jacob H. Schiff, der bekannte jüdische Finanzmann in New- Dork hat neulich eine ganz interessante Rede über „den amerikanischen Juden der Zukunft", gehalten. Er bekannte sich entschieden als Anhänger der nationalen Bestrebungen im Judentum, seine Zukunstsbettachtungen aber gatten mehr dem Amerikanismus der Nachkommen, als dem Bilde, das er sich etwa von ihrer jüdischen Kultur vorstellt. Mahnungen „unseren Glauben zu erhalten und ihn den späteren Geschlechtern in seiner ganzen Reinheü zu überliefern" können über diese Lücke nicht hinweghelfen. — Was den