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Neue Zeitung · 1907-08-30 · Heft 12 (30.8.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 12 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Zeitung - Nr. 12 Tisch. Er schreit, indem, eine feine Träne langsam, ganz langsam hinter seinen Kragen tropft: „Ich,auch! Ich auch!!! Wann Du?" ' Wendström schweigt. Tönend schweigt er. Der Kellner aber sagt: „Wahrscheinlich am Jom-Kippur." Die drei. Künstler lächeln wie ferne Märchen. - ' Beda. Kunst und Literatur. Für Morris Roseufeld find uns weiter zugegangen: Von Herrn M. A nd ermann in Buczacz K. 4.—, Reinerträgnis des von Zaleszlzykier Mittelschülern veranstalteten Rosenfeld-, Abends K. 66.77. — Zusammen mit dem bereits Ausgewiesenen SL 145.77. Hast gezielt. Aus dem Zyklus „Eine Träne". Uebersetzung aus dem Jüdischen des I. L. Perez^ . Hast, gezielt und hast getroffen. Und nun lächelst du vergnügt. Hast gezielt und hast getroffen. Mir in's Herz — ich sag' es offen. Hast gesiegt. . Fein wie Gold ist dein Verstand Klar dein Auge, fest die Hand Scharf sind deine Spieße: Nun es sei! Ich sag es offen. Hast gesiegt, du hast getwffen, Siegerin, du süße! A-rWat. Eine Erzählung von Schul em-Alejchem. — Aus * dem Jüdischen übersetzt von L. L. (Schluß.) Sie istjedoch sehr launenhaft: Bald lacht ste und ist ausgelassen wie eine wilde Ziege, bald weint sie wie ein kleines Kind 'und frage ich sie, was ihr ist, was ihr fehlt, so gibt sie keine Antwort und bleibt stumm wie die Wand. Dies wäre aber noch zu ertragen, denn wie alle Frauen, weint sie so lange,, bis sie sich — ausweint. Das schlimmste an der Sache ist vielmehr die Schwiegermutter. Wenn diese etwas davon vernimmt, kommt sie sofort außer Atem gelaufen, einen türkischen Shaw! um die Schultern und beginnt mit ihrer tiefen Stimme im Klagetone: „Was ist Dir, geliebtes Kind? Weder ist er daran schuld, dieser Räuber, dieser Mörder! Wehe mir!" so schimpft sie und überhäuft mich mit Vorwürfen ohne Ende. Das bringt mich in eine solche Wut, daß ich ihr am liebsten den türkischen Shawl herunterzerren, zerdrücken, zertreten und in tausend Stücke zerreißen möchte. Doch eigentlich, wenn man bedenkt, was hat mir ihr Shawl getan? Ein Shawl, wie alle anderen türkischen Tücher, die man aus Brody mitbringt; sie sind rot, gelb, grün, weiß, schwarz karriert, getupft und mit kleinen Fransen verziert." — : „Entschuldigen Sie, junger Mann," fiel ich ihm ins Wort, „Sie wollten sich doch mit mir beraten." „Nehmen Sie es mir nicht übel," erwiederte er und schöpfte tief Atem, „störe ich Sie vielleicht? Glauben Sie mir, was ich Ihnen vorhin erzählte, ist zur Aufklärung der Sachlage sehr notwendig; denn erst bis Sie mit all diesem vertraut sind, können Sie über meine Lage ur- ——- Also, wenn meine Frau ein schiefes^ Gesicht macht, fängt sofort die Schwiegermutter zu brummen an, der Schwiegervater läßt gleich den Wagen einspannen, und schickt um den Doktor, nm den „neuen Doktor", wie er bei uns in der Stadt genannt wird — der Teufel soll ihn holen! Und da fängt erst das eigentliche Unglück an, wovon ich, ihnen erzählen und Sie -um Rat bitten will."; Bei diesen Worten stand der junge Mann auf, wischte sich den Schweiß vom Gesicht, schob den Sessel noch näher zu mir und erzähtte weiter. Dabei nahm er etwas in die Hand, denn er schien zu. jener Menschenrasse zu gehören, die die Gewohnheit haben, beim Sprechen stets irgend'ein . Ding in der Hand zu hallen, ' sonst bringen sie kein Mort .heraus. Auf meinem Schreibtisch standen verschiedene Gegenstände, Rarlläten; und Nippsachen, darunter auch ein Zigarrenschneider in Form eines Fahrrades, -das dem jungen Mann sehr gut. zu gefallen schien. Vorher' ' bettachtete er es nur, später nahm er es in die Hand, und zum Schluß wollte er es, während er in seiner Erzählung fortfuhr, gar nicht mehr loslaffen.. „Also, Aerzte gibt es, wiffen Sie, in unserer' Stadt wie Hunde. Es sind christliche da, jüdische und auch zionistische Dolloren fehlen nicht, das sind solche, die sich mit dem Zionismus befassen. Der in Rede stehende Doktor ist noch ganz jung. Sein Vater war früher einmal Schneider, jetzt ist er es natürlich . nicht mehr, denn Sie müssen verstehen, daß es ihm nicht mehr paßt, Schneider zu bleiben, wenn sein Sohn Dollar ist. Ich aber meine. .umgekehrt, daß es eher dem Sohne - als Dollor nicht angenehm sein kann, einen Schneider Vater zu nennen, noch dazu einen solchen, der blos Gehilfe ist. Sie müssen wissen, es ist dies ein kleiner, schielender. Jude mit einem ttummen Finger und ratschender Stimme. — „Mein Sohn ist der gesuchteste Arzt in der Stadt. Gestern hatte er wieder einmal sehr viele Pattenten, denn mein Sohn kann alles, wenn er nur will". — So rühmt er sich fortwährend, seines Sohnes' und jedem einzelnen muß er. es sagen. Zu all dem, müssen Sie wissen, ist dieser Dollor ein Frauenarzt und wehe der Frau oder dem Mädchen, welches in seine Hände fällt, denn gleich weiß der Vater davon, und durch ihn die ganze Stadt. So spielte sich vor kurzer Zeit' eine Geschichte bei uns ab. Ein junges Mädchen — — ----- „Erlauben Sie," unterbreche " ich' ihn, „wollten Sie sich nicht einen Rat von mir holen?" ' „Sind Sie nicht ungehalten, lieber Herr, — störe ich vielleicht? Ich erzählte Ihnen bisher nur deshalb vom Dollor, weil er an meinem ganzen Unglück die Schuld trägt. Ich hätte doch, sonst nichts zu wünschen und wäre mit meinem Leben recht zufrieden, denn im Grunde genommen habe ich eine sehr brave und kluge Frau, Kinder haben wir noch keine und da sie die Einzige bei ihren Eltern ist, so fällt deren ganzes Vermögen nach ihrem Tode.— Gott möge sie noch lange Zeit erhalten - an mich, auch bringt man mir als dem Schwiegersöhne dieses reichen, angesehenen Mannes, viel Achtung entgegen. So bin ich immer ‘ der erste nach dem Schwiegervater, sei. es am Samstag oder an Feiertagen beim Thoraaufrufen, sei es irgendwo .bei einer Beschneidung, und selbst wenn ich ins Bad komme, macht man mll mir großes Aufheben. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir dies alles recht unangenehm ist. Schmeicheln und ehren läßt sich zwar ein jeder gerne, aber mich kann es absolut nicht freuen, da ich mir bewußt bin, daß ich es nicht verdiene. Wenn ' mein Schwiegervater ein reicher, wohltätiger Mann ist, wohlan, mögen' sie ihn doch ehren und achten soviel sie wollen, doch wie kommt es mir ju? ... . - -... , Mit solchen Leuten, sehen Sie, bin ich. zu verkehren gezwungen und will ich eine andere Gesellschaft aufsuchen, so zürnt gleich, der Schwiegervater und meint, es schicke sich für mich, als seinen Schwiegersohn nicht, mit jedweden zu verkehren. Mll dem Schwiegervater selbst kann ich mich aber nicht unterhalten, da er — er möge es mir verzeihen — ein ganz ungebildeter Mensch ist, und mit ihr — der Tocher meine ich — ist auch kein Wort zu reden. Wie gesagt, bald lacht sie, bald weint sie. bald ist sie ausgelassen lustig und bald wieder wirft sie sich aufs Bett, beginnt zu jammern und — — man schickt nach dem „neuen Dollor". Wieder der Dollor — zum Teufel mit ihm! Wenn ich nur an ihn denke, vergeht mir die ganze Lust zum Leben. Sie können mir aufrichtig glauben, es ist mir oft so zu Mute, daß ich mich am liebsten erschießen oder ertränken möchte, so verhaßt ist mir dieser Dollor." Und der junge Mann wird ernst und nachdenklich. ■ „Sie haben sie also im Verdacht," warf ich kurz ein. Wie von einer Vipper gestochen, sprang, er auf. „Gott behüte", sagte er und rückte noch. näher zu mir, „sie in Verdacht haben? Eine jüdische Tochter, ein frommes Wesen. Von ihm spreche ich ja, vom neuen Doktor, zum Kuckuck mit ihm. Und nicht der Doktor ist einmal so sehr schuldig, > als wie sein sauberer Vaterdas schielende Schneiderlein, das 'alles• in' der ganzen Stadt erzählen muß. Wissen Sie, .ich würde mich schließlich. gar nicht - darum kümmern, aber das Unglück dabei ist, daß .der.Mensch Ohren hat und Dinge , mit anhören muß, die er am liebsten nicht vernehmen, möchte, besonders in unserer Stadt. . Es ist . eine Stadt voll Verläumdern und Spöttern und Klatschbasen, die ^inen Weltruf haben und wenn diese eine Person ins Gerede bringen, ist es um sie geschehen. Man hütet sich zwar, mir offen etwas zu sagen, doch hinter dem Rücken flüsterte man solange, bis ich endlich aufmerksam darauf wurde und nun fing ich an, das Paar zu beobachten, aber, trotz der größten Anstrengung konnte ich nichts entdecken. Ich fand nur das. Eine, daß meine Frau bei Ankunft des Arztes ein ganz anderer Mensch wird, mit einem anderen Gesicht, mit änderen Augen, -das heißt, der Mensch bleibt derselbe, mit dem gleichen Gesicht, mit den gleichen Augen, jedoch der Blick verändert sich. Sie verstehen doch, die Augen leuchten förmlich auf. Und nun raten Sie, was sie mir auf meine Frage: wie kommt es, meine Liebe, Laß Du dich beim Erscheinen des Doktors so sehr verändert? antwortet. — Erst. Mgt sie plötzlich so zu lachen an, daß es mir ganz unheimlich wird, und gleich .darauf wirst sie sich auf's Bett, weint, jammert, und sofort ist . natürlich die Schwiegermutter mit dem türkischen Shawl .da, umHsie zu trösten. Der Schwiegervater läßt inzwischen den Wagen einspannen und schickt um den „neuen Dollor", und zwar niemanden anderen als mich selbst. Kaum ist aber der Dollor da, ist es ihr sofort besser, das: Gesicht bekommt allmählich Farbe und die Augen beginnen zu funkeln wie Brillanten in der Sonne. — Sie können sich nun lebhaft meine. Läge vorstellen, wenn ich gezwungen bin, in sein Zimmer zu treten. Es wäre mir lieber, in die Hölle zu gehen. Was .Zsein Aeußeres betrifft, ist es auch nicht -sehr einnehmend, ein - . aufgedunsenes, rotes ' Gesicht voll Wimmerl, und unheimliche - Augen. Er hat die Gewohnheitbei jeder Gelegenheit zu schmunzeln, , und liebt es, sich bei jedem einzuschmeicheln, besonders bei mir, wie grob' ich auch ihm gegenüber sein mag. -Immer wieder kommt - er mirmit seinem zuckersüßen .Gesicht und seinem einschmeichelnden Lächeln entgegen. Seine,. Liebenswürdigkeit, zu mir übersteigt oft alle; Grenzen. Neulich als ich nicht ganz gesund war— ich hatte nämlich, die moderne Krankheit, die Influenza — da hätten sie sehen, sollen, wie er sich für mich förmlich aufgeopfert hat. Je mehr er mir jedoch.schmeichelt, umso weniger kann ich ihm ausstehen Gott möge es Mr verzeihen. — Ihn anzusehen ist mir geradezu eine Qual, und besonders wenn-, er bei uns sitzt und mll ihr liebäugelt. Ich glaube, wenn ich ihn. beim Kragen packen und herauswerfen könnte, würde ich erleichtert aufatmen. Ich kann die. Blicke, die er ihr zuwirst und sein Lächeln zu. ihr nicht länger ertragen und habe mir fest vor-, genommen,-all dem" ein Ende zu bereiten. Wie. lange soll ich noch das Gerede der Leute mit-, anhören? Somit bleibt mir nichts anderes übrig, als mich scheiden zu lassen; einen anderen Aus-, weg sehe ich nicht, nicht wahr? Zum-Teufel mit allem Guten,- das "ich besitze, und das ich zu erhoffen habe. Zum Teufel mit dem reichen Schwiegervater und der reichen Erbschaft. Was. habe ich denn früher getan und was tun alle anderen jungen Leute? -Wie glauben Sie, es bleibt mir doch nichts.anderes-übrig, als mich scheiden zu lassen " Hier hörte der junge Mann auf, setzte sich ' zurecht und erwartete eine Antwort von mir. „Weiß ich's? Auch ich bin derselben Ansicht. Es gibt für Sie keinen anderen Ausweg als sich scheiden zu lassen, und übrigens habt ihr euch — wie es scheint — nicht gar so tteb; Kindersind ohnehin keine da, also wäre es am besten,' glaube ich, ihr geht in Frieden auseinander. Während ich sprach, drehte der junge Mann beständig an dem Veloziped herum und schaute mich mit seinen tiefen, schwarzen Augen, nachdenklich an, rückte noch näher zu mir und sobald ich zu sprechen aufhörte, fuhr er, laut - aufseufzend, fort: „Ob ich sie lieb habe, fragen Sie? Warum soll ich sie-denn nicht lieb haben? Ich habe sie lieb, sogar sehr lieb und was das Gerede der. Leute betrifft, kann es mir doch gleichgiltig sein.- Meinetwegen können sie reden-was und. wieviel e sie wollen. Rur auf ihn habe ich einen Zorn' — auf ihn und auf siel. Erklären Sie es mir, ich bitte Sie, weßhalb sie bei seinem Eintreten gleich ftöhlich und munter wird. Warum freut.'

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