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Neue Zeitung · 1907-08-30 · Heft 12 (30.8.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 12 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 Neue Zeitung Sette 7 sie sich 'nicht, wenn sie - mich erblickt? Bin ich denn weniger wert als er, weil er ein Doktor ist? .Ich weiß nicht, ob ich nicht ein ebenso guter, und vielleicht noch ein besserer Doktor geworden wäre, wenn man mich hätte studieren Und nun, um aufs frühere zurückzukommen, glaube ich eigentlich gar-keinen Grund zu haben, mich von ihr scheiden zu lassen. . Und der Doktor! Ist er denn der Schuldige? Geradeso gut könnte an seiner Stelle ein anderer Leusel sein. Und wo steht es geschrieben, bajreine Frau nicht mit einem Doktor verkehren kann? Was habe ich schließlich davon, wenn ich mich von ihr scheide? Ich bin ja doch nur ein armer, alleinstehender Mensch, ohne Verwandte, ohne Freunde — — — und dann wieder heiraten? Ich bin ja noch nicht überzeugt, daß es so besser wird.' Hier weiß ich wenigstens, wo^an ich bin; ich bin ja doch der Schwiegersohn dieses reichen, bekannten Mannes und habe noch ein bedeutendes Erbe zu erwarten. Warum soll ich da viel spekulieren?" „Ja, ich glaube es wohl. Wahrhaftig es ist besser, Frieden zu halten, als sich scheiden zu Nun glaubte ich mit ihm fertig zu sein und war froh, wieder Frieden gestiftet zu habön. Doch weit gefehlt! Mein junger Mann griff wieder nach dem Veloziped, schob seinen Sessel noch - näher zu mir und begann von neuem: „Frieden, sagen Sie, Sie haben vielleicht Recht. Aber da muß ich wieder an den Doftor mit seinem häßlichen Gesicht denken. Und dann an seinen Vater, das schielende Schneiderlein, welches den ganzen Tag umherläuft und ins Gerede bringt, daß die Tochter dieses reichen Mannes ' beim Scheiden hält. Beurteilen Sie selber die niedrige Gesinnung dieses Menschen! Würde er wenigstens alles wahrheitsgetreu wiedergeben!— Sobald man schon in der Stadt davon spricht, habe , ich doch nichts mehr zu verlieren, wenn ich mich scheiden lasse. Solange es noch ein Geheimnis ist, drückt man ein Auge zu und' alles kann wieder gut werden. 'Jetzt aber,, wo ein jeder bereits von der Scheidung - spricht, muß es schon dabei "bleiben. "Sind Sie nicht auch derselben Ansicht?" „Ich glaube. Sie haben nicht Unrecht, das Beste wäre noch die Scheidung." „Gibt es wirklich keinen andern Ausweg als die Scheidung? Bedenken Sie einmal genau die Sache. Nehmen wir an. Sie wären der Rabbiner und hätten über . diesen Fall zu entscheiden. Als Ursache könnte ich Ihnen doch nur anführen, daß meine Frau den Doktor und der Doktor sie anschaut. Versetzen Sie sich nun in meine Läge. Wie stehe ich da, einfach blamiert! Kann ich ihnen denn die Augen zuhalten? Man könnte mich ja einfach für verrückt halten, sollte ich mich von dieser Frau scheiden lassen. Ist sie doch dieses reichen, angesehenen Mannes einzige Tochter, ' durch die mir eine so große Erbschaft bevorsteht. Und nun, wie glauben Sie, verhält es sich nicht so?" „Auch ich müßte Sie für verrückt ansehen," gab ich ihm zur. Antwort/ Nach diesen Worten rückte er ganz nahe an mich heran; an Stelle des Velozipedes hatte er bereits ein Tintenfaß in der Hand, schöpfte von neuem Atem und begann: / ' „Sie können mich leicht für verrückt halten, aber ich wäre neugierig zu wissen, was Sie an meiner Stelle täten," wenn Sie zum Schwiegervater einen groben Menschen hätten, eine Schwiegermutter mit einem türkischen Shawl, die fort- . während brummt, ein Weib" — Gott erhalte sie gesund und . stark — die sich in dinemfort kuriert, und -wenn die ganze Stadt mit Fingern, auf Sie weisen würde. Ich glaube. Sie ständen um Mitternacht auf, um sich scheiden zu lassen und 'bann auf und davon zu gehen. Vielleicht nicht?" ' „Ich glaube, ich täte so," gebe ich ihm zur Antwort. , „Natürlich, Sie haben leicht reden," sagt er. „Sich scheiden zu lassen und auf und davon zu gehen, --7 aber warum, und dann wohin? Bedenken Sie — sie ist doch das einzige Kind -die große Erbschaftbedeutet dies nichts? Und übrigens habe ich. ja nichts gegen sie." „Ich glaube auch so, was haben Sie gegen sie." „Wie, und an den Doftor vergessen Sie ganz? Kaum daß ich an ihn denke, ist sie mir gleich verleidet." „Wenn dem so ist, müssen Sie sich doch scheiden lassen." „Was profittere ich dabei? Was kann ein armer, junger Mann gleich mir bei solch schweren Zetten anfangen? Nun geben Sie mir endlich einmal einen guten Rat." „Also scheiden Sie sich nicht." . „Nicht scheiden? Und wo bleibt der Doktor?" „Da bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich scheiden zu lassen," sage ich zu ihm und will ein Ende machen." „Wieder scheiden, was gewinne ich dabei?" „Scheiden Sie sich nicht." „Und der Doktor?" Ich weiß nicht, wie es kam; plötzlich stieg mir das Blut in den Kopf, es wurde mir finster vor den Augen, ich sprang auf, packte den jungen Mann bei der Gurgel und indem ich ihn an die Wand drückte, schrie ich unaufhörlich:- „Scheiden sollst Du dich lassen, scheiden, scheiden und noch einmal scheiden." Auf den Lärm lief das Hausgesinde zusammen um zu fragen, was geschehen sei. „Nichts, nichts," antwortete ich; dabei sah ich in den Spiegel und erschrak heftig, als ich mein fahles Gesicht darin erblickte. — Und nun bat ich den jungen Mann mehrmals um Entschuldigung, gab ihm zu verstehen, daß der Mensch sich in der Auftegmlg nicht beherrschen" kann, drückte ihm immer wieder die Hand; und bat ihn, er möge ja den unliebsamen Vorfall vergessen. Der junge Mann war zwar etwas betroffen, doch sah er ein, daß ein Mensch in der Auftegung unüberlegt handeln, kann — und mit demselben Gruß, mit dem er gekommen, mtt derselben Verbeugung, mü demselben Händereiben ging er wieder. . „Sind Sie nicht böse, wenn ich Ihnen vielleicht zu viel Zeit geraubt habe — und besten Dank für den Rat — ——;- nochmals besten Dank-und bleiben Sie gesund." — „Lassen Sie es gut sein. Glück auf den Die Redaktion lehnt die Verantwortung für Stilisierung nnd Inhalt der Inserate ab. 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