Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 12 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Neue Zeitung Seite 5 Allgemeine Poslo-Lon-Konferenz. Anläßlich des Zionistenkongresses fand in Haag auch eine allgemeine Poale Zion-Konferenz statt. Montag, den 12. August war die erste Sitzung. In der zweiten Sitzung erstattete der Delegierte Sch o che (Palästina) Bericht über die Lage in Palästtna. Äiathan Groß (Wien) sprach über Oppenheimers Ansiedlungsgenossenschasten und A b n e r (Palästtna) über „Reale Arbeit in Palästtna". Er erzähtte von dem ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung.in Palästtna und was sich bei guter Organisation alles machen ließe, ferner von der Arbeit der jüdischen Sozialdemokratie „Poale-Zton" in Palästina. Nach längerer Diskussion wurde der Beschluß gefaßt, der von dem Kongreß zu wählenden Palästina-Kommission einige wichtige auf. die reale Arbeit bezügliche Postulate der Konferenz vorzulegen. .. Freitag, den 16. August war der Stand der Poale-Zion-Bewegung in allen Weltteilen auf der Tagesordnung. Ueber Rußland referierte Ständiger, über Oesterreich Schußheim, über Amerika Apfelbaum, über Rumänien Goldhammer, über England Marmor, über Argentinien Kalman und schließlich über Pgtästtna Abner. Wir erfuhren, daß es in Rußland 8000 organisierte „Poale-Zion" gibt, in Oesterreich 4000, in besonderen gewerkschaftlichen Vereinen, in Amerika 2000 Mitglieder poalezionisttscher Vereine. In Palästtna sind die .„Poale-Zion" die einzige sozialdemokratische Partei und wurde daselst Heuer zum ersten Mal der 1. Mai als Arbeiterfeiertag gefeiert.. Die Gruppe gründete auch in der letzten Zeit ein eigenes Organ. Die wetteren Sitzungen haben sich hauptsächlich, mit der.Stellung der „Poaie-Zion" zum internationalen Sozialistenkongreß, mit der nationalen Arbeit, im „Golus" und mit der Stellung zu den zionistischen Institutionen zu beschäftigen. Vertrauensmänner- Konferenz der jüdischen Sozialdemokratie („Separa- (Fortsetzung.*) In seinem Schlußworte sagt der. Referent, über.den Punkt „Organisation", Herr P apier u. A.: „Wir müssen auch von dem Staat und der Gemeinde Schulen fördern, in welchen die Kinder des jüdischen Proletariates den Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten." Namens der jüdischen Sektton der polnischen Sozialdemokratie sprach Herr S t en g«e l.-Er stellte sichganz auf den Boden der Notwendigkeit einer selbständigen jüdischen Sozialdemokratie und erzählt, die „Sektion" selbst habe sich an angesehene Führer der österreichischen Sozialdemokratie' wegen Anerkennung der jüdischen Sozialdemokratie gewendet, überall aber zur Antwort bekommen, erst müsse es zu einem Vergleich zwischen der jüdischen Sozialdemokratie und den anerkannten sozialdemokratischen Parteien Galiziens kommen. Die in einem Briefe überbrachten Vorschläge der „Settion" wurden nun verlesen und enttäuschten nach der freimütigen Rede Stengels doppelt. Die Vorschläge sind widerspruchsvoll, indem sie zwar eine selbständige jüdische'Partei anerkennensie aber nicht direkt der österreichischen Gesammtpartei, sondern zuerst der polnischen Sozialdemokratie unterordnen. Warum ' nicht auch der ruthenischen? fragen die „Separatisten" mit Recht und lehnen die Vorschläge ab. Sie wollen gleichwertige Gruppe der österreichischen Sozialdemokratie sein. S e re t h,. Am 24. d. M. veranstaltete der Verein Poale-Zion eine 'Rosenfeldfeier mit darauffolgendem Tanzkränzchen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Hr. Windisch wurde von einem Männerchor, das Arbeiterlied „der Schwur" vorgetragen. Hierauf hielt Hr. stud. jur. Ro senberg die Festtede, der durch seine Ausführung viel Beifall erntete. Es wurden dann noch mehrere Rosenfelo'sche Gedichte von den Herren Trachtenberg, Klein und P r eßner deklamitt. Nach Schluß des offiziellen Teiles wurde recht flott getanzt. Um das Gelingen der Veranstallung gaben sich die Herren P litt er, Julius Krummholz und stud. ttechn. I. Krummholz redliche Mühe. Das dem Dichter zu gute kommende Reinerträgnis war ein recht erhebliches. Verein „Poale Zion", Wiznitz. Am 5. d. M. wurde die Generalversammlung abgehalten. In die Nationalfond-Kommission wurden die Genossen - M. Zellermayer, Sch. Kami! jun., D. . Pauker, O. Rosenhek und F. Schapira ' gewählt.; ') Anfang des Berichtes in Nr. 1ü. Wissenswertes. Das Londoner „Ghetto". In seinen Impressionen: „Aus meinem Londoner Sommertagebuch" schreibt Dr. S. Simchowitz in der „Franks. Zeitung": *) An einem Sonntag Vormittag begab ich mich nach Whüechapel, um das Ghetto zu sehen, das die aus Osteuropa einwandernden Juden in London geschaffen haben. In der City herrschte tiefste Sonntagsruhe, bei Aldgate wird es lebhafter, viel Arbette» publikum zeigt sich, das unfehlbar an der Mütze, an Stelle des Hutes zu erkennen ist. Whüechapel Road, das seit mehreren Jahren, infolge einer damals vor» . genommenen Straßenregulierung eine breüe, gutgehaltene Avenue ist, zeigt noch nicht spezifisch jüdischen Charakter, obwohl man schon sehr viele jüdische Physiognomien, jüdische Firmen, hebräische und Jargon-Plakate bemertt. Eine echte Gh'ttosträße ist dagegen'die enge, winklige Parallelstraße von Whitechapel Road, Wenterorth-Street! Für denjenigen, der die großen jüdischen Städte Rußlands kennt, hat der Anblick des Sonntagsmorktes, der gerade abgehalten wird, etwas wahrhaft Verblüffendes. Es ist einem zu 'Mute, als wäre man mü einem Zauberschlag plötzlich aus London in die Geschäftsstraßen von Warschau oder Wilna, von Minsk oder Kowno versetzt, und der Einschlag von Englisch, der natürlich in dem Ganzen sich merkbar macht, ergibt einen ganz eigenartigen, pikanten Reiz. Das Londoner Ghetto hat ja in Israel Zangwill seinen. klassischen Schilder« gefunden, und man kann hier konstatteren, dag Zangwill seine. Bilder Zug für Zug nach dem Leben gemalt hat. In einem alten Zitronenhändler, der ganz mechanisch „drei für einen Penny" murmelle, während das Auge aus dem abgehärmten durchgeistigten Gesicht träumerisch in die Ferne blickte, glaubte ich das Vorbild ves Moses Ansell aus den „Kindern von. Ghetto" zu finden und bei längerem Suchen hätte man unschwer, schon nach dem bloßen Aussehen, die Modelle auch für die übrigen Ghetto-Kinder Nachweisen können. Das jüdische Jargon-Theater konnte ich leider nicht besuchen, es hatte gerade Fetten. Ich sah nur noch die Plakate, die den Passanten verlockend zuttefen: „Kommt und lacht, kommt und amüfiett Euch!" In Whitechapel Road hat auch die Juden-Misfion ihr Heim, und kündigt für jeden Nachmittag „Drosches" d. h. Predigten an. Von der durchschlagenden Kraft dieser Bekehrungsreden bin ich nicht fest durchdrungen, und ich glaube, auf jeden im Londoner Ghetto glücklich getauften Juden kommt ein ganzes Heer von Missionspredigern. ' . Deutsche Unternehmungen in Palästina. Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Deutschen in Palästina sind, nach einem Bettchte des deutschen Konsulats in Jaffa, in ruhiger und steter Entwicklung begriffen. Der Bettteb der Landwittschaft in Sarona hat trotz mancher Schwierigkeiten doch im Laufe der Jahre zu einem gerochen Wohlstand gefühtt. Zu dem Hauptbetrieb, der Weinbereitung, hat man sich in einer Genossenschaft, dem Weinbauverein, organisiett. Die deutschen Landwitte bei Jaffa'gehen mehr und mehr zum Apfelsinenbau über, doch ist die Anlage einer solchen Kultur verhältnismäßig kostspielig, und die Etträge beginnen erst im 7." Jahr. — Die Deutschen in Palästtna haben sich ftühzeittg industtteller Tätigkeit zugewendet und sich dattn eine führende Stellung erworben. Sie begannen zunächst mit mechanisch betttebener Müllerei. Derzett befinden sich im Konsularbezirk acht Dampfmühlen in deutschen Händen. Außerdem werden von Deutschen eine mechanische Werkstatt und Eißengießerei bettteben, die sich schon so wett entwickelt hat, daß sie Derzett 40 Arbeirer beschäftigt. Von ihr wurden , auch, seitdem die Petroleummotoren in Palästtna zu Bewässerungszwecken Eingang gefunden haben, rat ganzen 198 Motors aus Deutschland eingefühtt. Von den Hotels der Stadt Jaffa befindet sich ein gutes in deutschen Händen. Gute deutsche Hotels befinden sich ferner in Jerusalem und in Ramleh, einfachere Gasthäuser außerdem in Jaffa, in Asdod und Wilhelm» bei Lydda, ferner hat das Reisebureau der Hamburg- Amettka-Lime Hotels in Nablus und Djemin eröffnet. Die Deutsche Palästtnabank hat sich im Laufe der letzten Zett gut entwickelt und konnte sogar eine Male in Haifa eröffnen. Eine deutsche und eine belgische Gesellschaft haben Studien für Straßenbahnen in Jaffa und Jerusalem gemacht. Die natürlichen Bedingungen lassen für Jaffa den elektttschen Bettteb am zweckmäßigsten erscheinen, da der zwar kurze, aber nächst dem Jordan wasserreichste Fluß Palästinas, der Audsche, in einer Entfernung von noch nicht 10 Kilometern nördlich von der Stadt eine mehr als ausreichende Triebkraft abgibt. Derselbe Fluß würde auch in hervorragendem Maße geeignet sein, eine wette mü Apfelfinenbäumen zu bepflanzende Fläche zu bewässern. *) Wir können natürlich nichts dafür, wenn Herr Dr. Simchowitz die Worte .Ghetto" und »Jargon" ohne Anführungszeichen schreibt, bezw. sie überhaupt, gebraucht. Der Unfug, daß man jüdische Stadtteile Ghetti und die jüdische Sprache Jargon nennt, wird Wohl nicht so bald auszurotten sein. Eingeskildet. (Für die Veröffentlichungen in dieser Rubrik übernimmt die Redattion keinerlei Verantwortung). (Verein der „Wiener Jüdischen Toynbee-Halle). Geehrte Redaktion! In der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 23. August d. I. erschien unter dem Tttel „Einweihung des Vereinshauses B'nei Brüh" ein Bericht, in welchem mttgeteilt wurde, daß „am 4. d. M. die feierliche Einweihung der ehemaligen, zu einem Bettsaale adaptierten Toynbee-Halle staüfand." Diese Darstellung ist geeignet, irrige Auffassungen zu erregen, so daß sich der Unterzeichnete Vorstand bemüssigt findet, nachstehende Aufklärung zu veröffentlichen: Der Verein der Wiener „Jüdischen Toynbee- Halle", deffen Sitz sich nach wie vor IX. Uni* verfitätsstraße 4 befindet, hat unverändert für den XX. Bezirk sein Vortragslokale in der Othmargaffe 46 beibehalten und es wird der Beginn der Vortrags-Saison.190718 in diesem Lokale, als auch im XlV. Bezirke, Herklotzgaffe 21 rechtzeitig publiziert werden. Hingegen hat ein Bethausverein im XX. Bezirke, der sich „Bene Berith" nennt, ohne jedoch mit den hier bestehenden Israel. Humanitätsvereinen „B'nai Brith" identisch oder in irgend welchen Beziehungen zu sein, in einem Lokale, das vor fünf Jahren als Vortragsraum der Toynbee-Halle in Verwendung stand, ein Betlokale eingerichtet, aus deffen Einweihung sich der eingangs erwähnte Bericht bezieht. Indem wir bitten, dieser Aufklärung in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu gebenzeichnen wir . hochachtungsvoll Der .Vorstand der „Jüdischen Toynbee-Halle in Wien" Dr. I. Samuely, Obmann. -1 Amstetten. Zu der am 18. d. M. stattgefundenen Feier anläßlich des allerhöchsten Geburtstages Sr. Majestät, bei der außer den Gemeindemügliedern auch die Spitzen der Behörden, unter diesen Bezirkshauptmann Baron Lederer erschienen war, traf unser neugewählter Rabbiner Sr. Ehrw. Dr. CH. G. B erlisch aus Wien ein und hielt die mtt vollem Beifall aufgenommene Predigt, in welcher er auch auf das „allgemeine gleiche Wahlrecht" zu sprechen kam. Nach dem Minchagebete hiett unser neuer Rabbiner seine Antttttsrede, in welcher er sein Programm entwickelte, Pflichten und Verbindlichkeiten des Rabbiners wie der Gemeinde, das Heranziehen der Jugend zu jüdischem Denken und Fühlen betonte. Diese mit oratottschem Schwünge vorgettagene Predigt machte auf alle einen tiefen Eindruck. Der Vorstand unserer Gemeinde erachtet es als seine Pflicht unseren neuen Rabbiner auf diesem Wege herzlichst zu begrüßen und ihm ein „Rchaw Uzlach" zuzurufen. — Die kantoralen Funktionen versahen die Herren Kantor A. Deutsch und Religionslehrer S. F r i e d aus Purgstall. Für den Vorstand Alexander Deutsch, Tempelvorsteher. Wiener jüdisches Woskop. VIII. „Herr, wenn Sie Karriere machen wollen, müssen Sie sich über lächerliche Kleinigkeiten hinwegsetzen können." „Was verstehen Sie, Herr Hoftat, unter lächerlichen Kleinigkeiten?" „No, Religion, Nattonalität und den übrigen Plunder!" IX. . 'Cafe Wedekind. Die niedern Wände blaßgrün, mü lila Blütenzweigen bemaft. Kapriziöse Stühlchen von chinesisch gefärbtem Sttoh und buntdurchädette Marmorüsche. Braungedämpftes Licht. Heinz Rolph Pandarello gähnt. Kaspar Kranz auch. Hjalmar Jörg Wendsttöm sagt ganz langsam: „Ich habe Momente, in denen ich die Leerheit des Jnempfindens physisch perzipiere. Pandarello nickt düster und erwidert: „Bäh". Mü einem seltsam sehnsüchtigen Klang. . Kaspar Krantz erhebt seine fast transparente Hand und schlägt mü greller Wucht auf den