Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 12 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Neue Zeitung auch zusammen, daß Stapinski seine seinerzeitigen Enthüllungen nur in polnischer Sprache vorbrachte, und daß die amtliche Uebersetzung gerade die diesbezüglichen Stellen übersah. Er hat es ja auch nicht für nötig gehalten, auf die Uebersetzung zu dringen oder sonst für eine weitere Publizität seiner Aeußerungen zu sorgen. Es macht uns kein Vergnügen, diese Mitteilung, zu bringen, -und es wäre uns eine wahre Herzenserleichterung, könnten wir sie wieder ernstlich dementieren. In jedem Falle geben wir die Hoffnung noch nicht auf, daß sich schließlich auch die polnischen bäuerlichen Waffen eine ehrliche Vertretung ihrer Jntereffen gegen das demoralisierende und zerstörende Wüten der polnischen Machthaber schaffen werden. Wochenschau. Eine „jüdische Erfindung". Ein Wiener Freund unseres Blattes schreibt uns: Neulich ging ich in einem der äußeren Bezirke spazieren. Da radelten ein Herr und eine Dame vorüber, — beide waschechte Arier. Vor einem Haustore standen zwei Frauen aus dem Volke, — -die eine anscheinend eine Hausbesorgerin. Und diese sagte mit einem Ernste, als spräche sie die verbriefteste Wahrheit, in Bezug auf die Radfahrer zur Andern: „Da treiben's allerhand Spurt, und hinten kummt dann der Jud' nach." An diesen blühenden Blödsinn, der die von 1 den Christlichsozialen betriebene Volksverdummung so recht, deutlich charakterisiert, muß ich mich immer wieder erinnern. Ganz besonders in den letzten Tagen, wo die» „christlichsoziale Lebensanschauung" wieder einmal ein ordentliches Debacle erlebt hat. Ich meine die Wiener Blatternepidemie. Sie ist ja, nachdem sie immerhin genug Opfer gekostet hat, gottlob schon fast vorüber. Aber mux mit Zuhilfenahme einer „jüdischen Erfindung", wie die Antisemiten jede Sache nennendie mit wissenschaftlicher Forschung oder überhaupt mit modernem Kulturfortschritt etwas zu tun hat. Ueber ein Jahrzehnt schon hetzen-sie gegen die-Impfung-und-haben es damit zu Wege gebracht, daß die Schutzimpfung gegen die Blattern von der Bevölkerung immer mehr vernachlässigt wurde, so daß die Seuche jetzt verhältnismäßig so große Dimensionen annehmen konnte. Nun rächte sich die Gewissenlosigkeit — qber leider an den Verführten. .. Großösterreich und Antisemitismus. Wir Haben me ein Hehl daraus gemacht, daß wir mit der großösterreichischen Bewegung sympathisieren. Wir warnen auch immer unsere Volksgenoffen, durch einseitige Parteinahme für macht. Dieses trat, wie Ihr wißt, vor ungefähr achthundert Jahren in die gewaltige Bewegung des sogenannten reinen Chassidismus ein — ich erinnere Euch an dessen großen Urheber, Rabbi Leib Bärensohn aus Krakau, sein Andenken sei gesegnet. Immer höher und höher stiegen die Wellen einer lauteren, von allem Mittlertum freien extatischen Gottsuche und ein gewaltiger Segen kam damit über unser Volk. Seine Philosophen suchten Lichter in jenen Tiefen, in die die gläubige Sehnsucht des Volkes ahnend drang. Seine Tondichter holten dort wunderbare Stimmen hervor, mit welchen sie alle Völker erbauten und entzückten. Seine Baumeister schauten hinunter und hoben mit ihren Seherblicken jene gewaltigen Werke empor, vor welchen sich jetzt eine Welt ehrfurchtsvoll neigt. Seine Dichter und Maler hausten in den Inbrünsten des Lebens und gestalteten sie. Seine Forscher versenkten die erratende-Kraft ihres Wesens in die Dinge und groß war die Beute, die sie gewannen und unter alle Menschen fteigiebig verteilten. Seine Werkleute woben das stetige heilige Feuer ihrer Seelen in ihre Arbeit hinein, so daß bei den großen Weltwarenaustäuschen die jüdische Arbeitsmarke den verdienten Ruhm fand . . . So wuchs das Volk in Reinheit und-Schöne zur Größe und Heiligkeit . . Seine Stimme bebte bei den letzten Worten, seine Blicke schienen sich nach innen zu bohren. Er schwieg eine Weile, die jungen Leute wagten kaum zu atmen. „In den letzten zwei Jahrhunderten" begann er wieder, „sind wir allerdings-,ein wenig zurückgegangen. Es ist eine Schlummerlust in die Magyaren nicht auch wieder diese Bewegung dem Antisemitismus auszuliefern. Um so mehr fühlen wir uns berechttgt gegen die antisemitischen Anwandlungen des hiesigen Blattes „Großösterreich" — mit dem wir übrigens trotz unserer vorerwähnten. Sympathien ganz und gar nicht sympathisieren -■=— entschieden Stellung zu nehmen. Die Sache ist umso schlimmer, als der betreffende Artikeljchreiber gar nicht den Versuch macht, seinen Antisemitismus auf die Magyarenfreundlichkeit der „liberalen" Juden zurückzuführen, sondern ein- - fach die „theoretischen" Argumente des zünftigen Antisemitismus, benützt, indem er dabei von mehreren österreichischen „Fällen" der letzten Zeit ausgeht. Die Fälle sind: „Der Fall Eysler", „der Fall Hilsner", „der Fall Fuchs", „der Fall Kuranda-Ofner". In einer anscheinend maßvollen Sprache wird da jene winkelige und schamlose. Logik getrieben, die wir von den wildesten Antisemiten her kennen, und in der die antisemitischen Skribenten wahrlich auch von den kniffigsten jüdischen Journalisten nicht -erreicht werden. Graf Sternberg «nd die Judenfrage. Graf Sternberg hat neulich in einer jüdischen Versammlung in Marienbad über die Judenftage gesprochen. Es scheint, daß er . seine, Exzentrizitäten nur' im Parlamente vorbringt, denn was er in Marienbad vorbrachte, war ganz normal, folgerichtig und einheitlich gedacht. Schon daß er aufrichtig bekannte, nur von der Judenftage in Westeuropa zu sprechen, macht ihm alle Ehre. Es ist dies eine Selbstbeschränkung auf das, was''man kennt und daher beurteilen kann, die man so manchem anderen wünschen möchte. Ganz gut stellte er auch das Kastenhaste des Westjudentums, dem „der Mann in der blauen Bluse fehlt," dar. Im Uebrigen entwickelte er ein affimilatorisches Programm, 'was ihm nicht weiter übelgenommen werden soll. Es scheint in ihm aus dem Zusammentreffen antisemitischer Triebe, toleranter Grundsätze und einer Ueberschätzung der schon vollzogenen „Assimilation" entstanden zu sein. — Daß mit der Anerkennung der Mittelstandspolitik durch die Juden der Antisemitismus aushören würde, ist j umsoweniger anzunehmen, als das westjüdische Kleinbürgertum — und das find neun Zehntel des westjüdischen Volkes — ohnehin „mittelstandspolitisch" gesinnt ist und nur durch den Antisemitismus von intensiverer Betätigung seiner Gesinnung abgehalten wird. Das allpolakische Profetenblatt. Wir nieiuen den „Gomee polski", das allpolakischeste galizische Blatt, das von Chauvinismus und Antisemitismus förmlich stinkt und ebendeswegen in sehr innigen Beziehungen unsere Volksseele gedrungen. Schwarzseher sprechen bereits von Entartung. Und leider find in letzter Zeit auch sonderbare Aerzte ausgetreten . . ." In diesem Augenblicke enstand eine starke Bewegung in der großen Halle. Personen erhöben sich» Seffel wurden gerückt, Gläser klirrten, Rüse wurden laut. „Er kommt!"' Die Auftegung und die ''Rufe gatten einem noch jungen Manne, der ehe iXlringetreten war. Er war klein und hager, ft ^n eingefallenes Gesicht war gelblich, der Bartr §uchs schütter, während das kohlschwarze Hauptha ar in dichten Mähnen auf die Schulter herabfie Die Augen lagen tief in. ihren Höhlen und glüht Er schritt auf dea gtogen Springbrunnen zu, stellte sich auf di t Stufe, die das Becken umgab und begann -mü dünner, schneidender Stimme zu reden. Er sprach he' Echdessen, der mich schickt, des Zidnahu Rwbo a auä Jeruscholajim, des großen Proseten!" „Lügen? Jotey< ^rie jetzt eine zürnende Stimme, & Unfalls in hebräischer Sprache, dazwychen. v Jermi Woldman an. . . ®tn Sturm erhob sich, Leidenschaften don- Ilette"’ and losten. . *■ tnd mitten in diesem Sturm standen zwei aer wie die Säulen des Zornes da, immer immer wieder die gleichen Worte wieder- 9° .eni>: „Im Namen des großen Profeten! it Eine, »Lügenbote!" der Andere . . > _____ (Fortsetzung folgt.) zum Ehrenmanne und Statthalter Grafen Potocki steht. Besagter „Gomee" weiß schon jetzt, welche galizischen Wahlen das Abgeordnetenhaus annullieren wird. Es sind die des Dr. Kolischer und Breiters. Wir «haben keinen Grund, an der Profezeiung des edlen Blattes zu zweifeln und verstehen auch den Sinn: Um Breiter hinauswerfen zu können, muß auch ein wirklicher Schwindel gesühnt werden. Und da ist es doch am gescheidtesten, einen Inden fallen zu lassen, zumal es sich um Kolomea handelt, Lessen Potocki ganz besonders sicher zu' sein glaubt. Wieder ei» Stück Sonderstellung. Bisher mußten alle Schriftstücke an die galizischen Gendarmerieposten in deutscher Sprache . ausgefertigt werden. Die galizische Statthalterei hat nun die Behörden darauf aufmerksam gemacht, daß sie fortab polnisch an die Gendarmerieposten schreiben können. (Nur bezüglich des Abteilungsgendarmeriekommandos und des Landesgendarmeriekommandos bleibt die alte Vorschrift in Geltung). — Ja, warum denn dann nur polnisch? Es wohnen doch auch noch Ruthenen und Juden im Lande, und, wie bekanM, mehr als Polen. „Echt russisch" In mehreren ruffischen Städten find Pestfälle beobachtet worden. Natürlich ist die Beunruhigung darob in der Bevölkerung eine sehr große. Was sagt man nun dazu, wenn in solcher Zeit das Organ des Zaren, oder, wadasselbe ist, der echt ruffischen Leute unter dem Tüel „Eine neue Revolution" folgenden Traum eines „Judenhaffers" erzählt? „Ich träumte", erzählt dieser, „daß ich mich in einem medizinischen Experimentiersaale befinde. Ringshemm stehen Schränke mit Glaskolben und Glasgefäßen. An der Wand hängt das Bild von Herz.-nstein. Aus seinem Munde spricht eine Stichflamme, welche den ganzen Saal beleuchtet. Bei dem Lichte dieser Flamme begann der Saal sich mit Polen und Juden zu füllen, welche in weißen Kitteln gekleidet waren. Jeder tmg auf der Schüller ein Doktorabzeichen und auf der Bmst einen samtnen Totenscyädel angehängt mit der Auffchrist „Gift" in roten Buchstaben. Die versammelten „unheilverkündenden Aerzte" nahmen ihre Plätze ein, und dann ' erschien aus Dem Schranke ein „grauenerregender Arzt" mit einem „Talles" aufdem Haupte. Dieser Redner forderte die Polen und die Juden auf, gegen die russische Regierung nunmehr mit Hilfe von Cholera- und anderen Bazillen zu kämpfen. Die Bazillen sollen sie in den Kosakendörfern und unter den dunklen „Bauermagen" verbreüen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß dieser Vorschlag des „grauelserweckenden Redners" mit dem „Talles" auf dem Haupte, von den „unhellverkündenden Aerzten" mit Jubel und Begeisterung ausgenommen wurde; sie schrieen, sprangen empor und applaudierten. Als der Redner sich von ihrem fteudigen Einverständnis mit seinem Plane überzeugt hatte, ging man gleich ans Werk: Aus den Schränken wurden die Bazillen herausgeholt. Zuerst Pest und dann Typhus und zuletzt endlich auch Cholera". . . . Liebe Leute das, die publicistischen Freunde Väterchens Nikolaus. Russische Notize«. Die Odessaer Hafenarbeiter haben die Forderung aufgestellt, daß nicht mehr als 50# jüdische Hafenarbeiter angestellt werden dürftn. Sie warteten auch nicht die Entscheidung der Chefs ab. die übrigens negativ aussiel, sondern vertrieben die jüdischen Kollegen von den Arbeitsplätzen. Im „Rjetsch" findet sich folgende kurze die russischen Zustände charakterisierende Nachricht: Die Untersuchung in Sachen des zwellägigen Pogroms in Kischenew vom Jahre 1805 wurde gänzlich eingestellt, well — gar keine Beweise gegen die Beschuldigten vorhanden find. Jüngst fand in Kiew ein intereffanter Prozeß statt:.Eine Hauptmanns-Gattin hatte zwei Tage vor dem Kiewer Pogrom einem jüdischen Uhrmacher eine Uhr zur Reparatur übergeben. Das Geschäft wurde nun ganz ausgeraubt und der Uhrmacher konnte weder die Uhr zurückgeben noch das,. Geld ersetzen. Die untere Instanz verurtellt ihn zum Ersatz. Er appellierte aber und siegte die Kopie eines Polizeiprotokolles dem Appellationsgesuche bei. Das erstgerichlliche Urteil wurde nun aufgehoben. K iss ch i n e w e r Meldungen besagen, daß die Huligans sett einigen Tagen der jüdischen Bevölkerung gegenüber eine sehr drohende Haltung angenommen haben. Sie erklären es überall offen, daß sie einen neuen Pogrom gegen die Juden vorbereiten und rühmen sich, daß sie die Juden diesmal gänzlich -ausrotten würden. Die jüdische Bevölkerung, befindet fich in großer Auftegung, da ihr Leben und ihr Vermögen in ernstester Weise bedroht erscheinen. Viele ..jüdische Famllien haben sich geflüchtet. Die in der Stadt zurückgebliebenen Juden haben den Gouverneur um Schutz gebeten.