Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-08-30 · Heft 12 (30.8.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 12 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430920--254-2431242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Neue Zeitung Nr. 12 so schreckhaften Regierungen beginnt erst dann die für die Völler so entscheidungsvolle Zeit, um sie sich „soll ich?" „soll ich nicht?" fragt. Im Grunde kann, sich überhaupt nur auf diesem Wege, jener Teil der Realisierung vollziehen, den wir als ein nulens volens Geneigtmachen der Politiker bezeichnet:». Es ist eben der Weg der Macht. Diese wird innerlich gesammelt und dann auf den Feind sozusagen losgelaffen. Nun darf man sich aber nicht mit diesem , innern Machtsammeln bescheiden. Man darf nicht zu viel Zeit mit dem Warten auf Macht verlieren, sondern muß ftühzeitig trachten, die Politller, ohne daß sie es recht merken, auf den Weg zu führen, der entwicklungsgemäß geradeaus zur nationalen Autonomie führt. Oder anders ausgedrückt: Man darf nicht blos für das Endergebnis kämpfen und überzeugen wollen, sondern muß auch die Widerstrebenden zu positiven Leistungen bringen, die ihnen beffer passen und, wenn auch noch lange nicht nationale Autonomie sind, so doch schon auf dem Wege zu ihr liegen. Von diesem Gesichtspurckte aus gewinnt die Idee, daß die Wahlen in die politischen Vertretungskörper, Abgeordnetenhaus und Landtage, nationenweise geschehen sollen, die Idee der nationalen Kurien, ganz besondere Bedeutung. Freilich gibt es selbst unter den Anhängern der nationalen Autonomie Gegner der Idee der nationalen Wahlkurien.. Sie stamme aus einem ganz andern Geisteslager als die Idee der nationalen Autonomie. Diese bedeute die dauernde Absetzung der nationalen Angelegenheiten-von den parlamentarischen Tagesordnungen, jene aber die Befestigung des nationalen Gegensatzes in rein politischen Fragen. Dies ist in keiner Weise richtig. Ob man nun die Frage an der Oberfläche faßt oder tiefer geht. Gerade durch die nationenweise getrennten Wahlgänge werden die nationalen Gegnerschaften aus dem Wahlkampfe ausgeschaltet, innerhalb eines jeden Volles die politische Gegensätze geweckt,: und die Aussichten auf ein Zusammengehen nationsverschiedener politischer Gesinnungsgenoffen in den- Parlamenten gesteigert. Von einer Belastung der Tagesordnungen mit nationalen Punken kann also sicherlich keine Rede sein. Aber auch,' mittelbar tragen . die nationalen Kurien in keiner Weise zur Aufrechterhaltung oder gar etwa Verstärkung nationalen Gegensatzes bei. Sie gehen nur von der Anerkennung der nationalen Verschiedenheit, aus, und diese Anerkennung sollte doch Freunden der nationalen Autonomie picht so auf die Nerven fallen, wie etwa den naiven Kosmopoliten einer überwundenen Epoche. Wenn aber gesagt wird, daß diese Verschiedenheit sich überall äußern dürfe, nur eben nicht in dem politischen, gemeinsamen Fragen vorbehallenen Parlamente, so sei darauf aufmerksam gemacht, daß die Wahl zum Parlamente kein Parlamentsgegenstand ist. Die Er lächelle glückselig, und Lejser und Chawe mit ihm. Es mar ihnen allen, als hätte jeder von ihnen eine neue Seele zu seiner alten mitgeborenen hinzugewonnen. Eine sabbatliche feierliche Fröhlichkeit war über sie gekommen. Sie fühlten die Heimat . . . . Mit strahlenden Antlitzen gingen sie durch die Straßen, froh der brüderlichen Aufmerksamkeit, die ihnen überall folgte . . ........ - ,. Und sie freuten sich an der Schönheit der Stadt und der Kraft des Volksgeistes, die bei jedem Schritte, den sie weiter gingen, lebensvoll vor sie hintrat: Der stattlichen Wohnhäuser, von welchen keines dem anderen glich und die doch so gut zu einander paßten; der hübschen heiteren Schulgüäude, der herrlichen Synagogen, von deren Kuppeln und Thürme die goldenen Davidswappen im siegreichem Glanze prangten; der großartigen Theater; der wunderbaren Gärten; und — des Einzigen, was ihnen ganz neu war, der traumschönen, duftenden Kaffeehallen. . . . Dort an der Ecke stand wieder eine. Sieträten ein. Eine mächtige, laub- und blumenreiche Springbrunnenhalle umfing sie, nach oben hin offen, kühl und von feinem Mokkaduft durchzogen. Sie setzten sich an einen der unregelmäßig über den Raum verteilten Tische und blickten neugierig um sich. Es waren nur wenige Gäste da, die meistens lasen, während sie die bestellten Erfrischungen zu sich nahmen. Nur manche plauderten im Flüsterton. „Ist die Halle immer so schwach besucht?" srug Woldman den Aufwärter. speziellen nationalen Forderungen haben im Parlamente nichts zu tun. Die Nationalität als Gut muß jedem Volke garantiert und daher dem Parlamente entrückt sein. Aber die Nationalität ' als Kraft/'— als eine Kraft die dem politischen'Wollen eine , eigene Note, eine besondere. Methode verleiht — hat das Recht, am Aufbau des Parlamentes entsprechend mitzuwirken, im Parlament so stark vertreten zu sein, als das betreffende Volk seiner Zahl und Bedeutung nach Anspruch hat. . __ Und das ist nur durch nationale Kurien, in keinem Falle, wie manche wollen, durch das sogenannte proportionelle Wahlverfahren erreichbar. Dieses ist gewiß'wünschenswert und notivendig, würde jedoch, wenn nicht gleichzeitig nationale Kurien hinzukämen, wieder nur die Parteibildüng nach Nationen, also den nationalen Zank begünstigen.. Nun wollen wir aber ganz vom prinzipiellen Standpunkt absehen, wollen annehmen, daß. die Anderen Recht haben, die die nationale Kurie in grundsätzlichem Gegensätze zur nationalen' Autonomie sehen; die vielleicht nicht einmal zugeben, daß sie eine gute Uebergangs-Einrichtung für die Zeit ist, wo es noch keine nationale Autonomie gibt oder diese noch nicht genug wirksam gewesen ist. Wir wollen ihnen Recht geben und uns nur auf das Gebiet der Taktik zurückziehen, nur fragen: Ist die nationale Kurie nicht eine wunderbare Schule, um die Völker und die Politiker an die nationalen Selbständigkeiten innerhalb des Staatswesens — und das ist ja der Urgrundgedanke der nationalen Autonomie — zu gewöhnen? Ist die Gefahr wirklich so groß, selbst wenn der prinzipielle Gegensatz bestünde? Ist es ein Zufall, daß jetzt allgemein die Idee der nationalen Kurien mit'der Idee der nationalen I Autonomie verwechselt, für diese gehalten wird? Ist die nationale Kurie nicht wenigstens als eine, wenn auch noch auf dem anderen Ufer gebliebene Annäherung zu betrachten? Ist es nicht beffer, wenn das Volk schon uns, gegenüber steht und unser-Jdealschon. sieht, so daß es auf den Gedanken kommt, eine Brücke zu ihm zu schlagen, als daß es. ganz ferne ist, wo. seine Blicke das Ideal noch gar nicht treffen .können? Oder kann wirklich jemand den " nationalen Kurien eine direkt zerstörende, eine das Prinzip der nationalen Autonomie in den Grund bohrende Wirkung zuschreiben? Das. wäre denn doch zu lächerlich. Sie könnte doch im schlimmsten Falle nur eine kühle Entfremdung selbständiger Nationen, nie. aber die Etablierung der nationalen Vorherrschaft eines Volkes bedeuten. Und doch liegt nur in einer solchen eine ernste, ans Leben gehende Gefahr für die nationale Autonomie. Mit diesen Anschauungen stimmt übrigens — wahrscheinlich, ohne es zu wiffen und vielleicht wird er sich auch wehren — der sozialdemokratische Publizist, dessen Vorschlag-wir zitterten. , „Oh nein, in einer kleinen halben Stunde wird es schon, sehr lebhaft zugehen. Wenn die großen Warenmagazine geschloyen werden. Und eine weitere Viertelstunde später wird hier kein Plätzchen mehr zu haben sein. Dann treffen nämliche auch noch die Leute aus der Werkstättenstadt ein". - Die..Vorhersage des Aufwärters bestätigte' sich. Bald war die ungeheure Halle dicht gefüllt. Hunderte von Männern und Frauen saßen da, . aßen und tranken, schwatzten und lachten. Viele promenierten auf den breiten Kieswegen. Die - Leser hatten sich in stillere Nebenräume zurückgezogen. Man-sprach allgemein, jüdisch. Doch konnte man auch japanisch, tschechisch und deutsch, vereinzelt auch andere Sprachen hören. Eine deutsch sprechende Gesellschaft, die in nächster Nähe saß, fiel dem alten Woldman besonders auf. „Kennen Sie diese Herren dort?" ftug er den Auswärter.; ’ „Nein, es sind keine Stammgäste, kamen nur im Vorübergehen herein. Diese Leute pflegen nicht zu uns zu kommen". . , - „Wohnen denn gar keine" Deutsche in den jüdischen Vierteln?" „Deutsche wohl und wir haben verhältnismäßig viele von ihnen zu Stammgästen. Aber das hier sind keine Deutschen". . . „Sie sprechen doch gut und geläufig deutsch", warf Woldman ein. „Allerdings, weil es Deutschjuden sind". überein. Wie hätte er sonst seinenationalen .Kulturparlamente aus den zu nationalen Gruppen zusammenttetenden Abgeordneten unseres heutigen Abgeordnetenhauses bilden können? Ist das nicht auch schon Befassung des politischen Vertretungs-; .körpers mit „nationalen Angelegenheiten?" Ist das nicht auch schon Widerspruch in sich selbst? Kurz, es gilt in erster Linie, alle dogmatischen Bedenken, alle. theoretischen Haarspaltereien links, liegen zu lassen und mutig auf das nächste Ziel, die nationalen Kurien loszusteuern. Auf ein Ziel, das eben den praktischen Vorzug hat, nicht ganz mehr Ziel zu sein, weil es eben schon teilweise Tatsache,- daher für den Rest schon mehr Weg als . Ziel ist.-Für die nationale Kurie, diese ganz unkomplizierte Idee kann man ungleich mehr Interessenten finden, ungleich mehr Politiker in Bewegung setzen, eine ungleich größere parlamentarische Gruppe zusammenstellen, als für die reine und volle Idee der nationalen Autonomie, die eben noch ganz Ideal ist. Die nationale Kurie ist ja sogar schon in einem Lande Oesterreichs. (Mähren) -staatsgrundgesetzliche Institution. Um wie viel leichter aber ist es, eine kleine Tatsache zu verallgemeinern, als aus einer Idee eine kleine Tatsache zu schaffen! . B. (Weitere Artikel folgen.) Die polnische Volkspartei. Wir müssen es gestehen: Wir haben auf die polnische Volkspartei viel Hoffnungen gesetzt. Wir erwarteten, daßwenigstens sie unseren Glauben an das polnische Volk, den wir uns trotz der Schandtaten, der Schlacht« bewahrt haben, rechtfertigen werden. Wir waren nicht zu anspruchsvoll, verlangten keine Neigungen von ihr, verziehen ihr so.manche Schönheitsfehler, nur. um des ehrlichen Kampfes willen, den sie der galizischen Korruption und Reaktion angekündigt hatte. Als neulich eine Nachricht durch die Blätter^ .'ging, daß sich S.tapinski, der Führer der Volkspartei, direkt für die Jüdischnationalen ausgesprochen habe, schien sie uns viel zu schön.. Und richtig, . wurde, .sie dementiert. Aber wir warennicht enttäuscht. Wir waren ja vorläufig mit weniger zufrieden. : Nun erfahren wir aber aus'einer Quelle, die leider verläßlich ist, daß auch unsere bescher-, denen Erwartungen über das Ziel schaffen. - Es besteht, so berichtet unser Gewährsmann ein geheimer Pakt zwischen S t a pinski und dem Polenklub, wonach die Volkspartei in „natio-' nalen" (d. h. also in so ziemlich allen Fragen) mit dem Polenklub - zu gehen hat. Der Nicht- - eintritt.in den Klub ist direkt auf den Wunsch des Abrahamowicz zurückzuführen,-der eine . Verstärkung der. demokratischen Elemente im Polenklub, befürchtete. Mit dem Pakt, hängt.es , /,Ach, ja die Reste dieses unglückseligen Zweiges unseres - Volkes! Gibt es viele hier?" „Ach nein! Sie werden immer , weniger. Mein Großvater erzählte'mir, daß es zu seiner Jugendzeit noch dreitausend in Wien gegeben habe." , „Und heute?" ' ■! - „Heute werdens wohl nicht mehr als - tausend oder zwölfhundert sein". -- ■■■ „Und wohin verschwinden sie?- Wandern sie aus? „Das glaube ich nicht. Die Mischehen sind es wohl,-die sie dezimieren".. - ■ „Mischehen?" -- - ' »Ja — mit Deutschen oder, wenn man dann noch-diesen Ausdrück gebrauchen darf, mit uns."' „Wo lassen sie sich denn nationsrechtlich einreihen,- bei uns oder bei den Deutschen"? ' „Das ist eben die ewige Streitfrage, auch unter ihnen selbst. Sie haben immereinige wackere Leute, die zu uns gezählt sein wollen, die Mehrheit möchte allerdings bei den Deutschen sein. Leider -finden die ersteren bei uns kein besonders freundliches Entgegenkommen und noch weniger die anderen, bei den Deutschen^ - „Und wie steht es in religiöser Hinsicht mit ihnen?" „Da ist auch so Vieles verschieden. In ihren selbständigen Synagogen wird mehr deutsch als hebräisch gebetet. Und das ist noch dasKleinste". Der Aufwärter mußte fort. Der- Alte gab seinen Enkeln-eine ergänzende Erklärung. „Sie haben", sagte er, „die religiöse Entt Wicklung des übrigen Judentums nicht mitge- -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.