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Neue Zeitung · 1907-08-23 · Heft 11 (23.8.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Neue Zeitung Seüe 3 Einer von den Zwei. Es ist also nicht richtig, daß Herr von Abrahamowicz einem Warschauer Journalisten gegenüber die Aeußerungen getan hat, die mir, wie alle Blätter, dem Publikum mitteilten. Er erklärte dem Herrn Abgeordneten Nikolaj von Wassilko, den er in Marienbad traf, das ganze Interview für erfunden. — Wird zur Kenntnis genommen, ohne daß deshalb ein anständiger Mensch sein Urteil über den würdigen Polenklub-Obmann ändern müßte. Sonntagsruhe ist ein schönes Ding. Für die galizischen und bukowinischen Juden wäre aber Sabbatruhe unstreitig besser und gerechter. Die nicht durchgesetzt zu haben, ist eine Schuld derjenigen, die den richtigen Augenblick übersahen. Die Schwere dieser Schuld wird jetzt besonders sinnfällig, wo drei Sonntage nacheinander bevorstehen, die Vortage von jüdischen Feiertagen sind. Der Schade der jüdischen Geschäftswelt ist kaum auszurechnen, wenn da nicht bei den einzelnen städtischen Behörden Ausnahmsverfügungen erwirkt werden. Mit den dähinzielenden Anträgen muß sofort begonnen werden. Ob sie überall Gehör finden werden, wird sich erst zeigen. Jedenfalls hätte man's sicherer und billiger haben können . . . Ritualmordhetze in Böhmen. Das Rechtschutzbureau der Oesterreichisch Israelitischen Union hat an das Justizministerium folgende Eingabe gerichtet: „Hohes k. k. Justizministerium! Wiederholt waren wir in der .peinlichen Lage, auf die verhetzende Tätigkeit des in Königgrätz erscheinenden Wochenblattes „Nage obrana" hinzuweisen, welches insbesondere die fortgesetzte Behauptung, daß die Juden zu rituellen Zwecken Christenblut brauchen, die Leidenschaften der christlichen Bevölkerung gegen die Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft aufzuwühien sucht. In einem am 19. Juli d. I. unter dem Titel „Hilsneriada" publizierten Artikel stellte das genannte Blatt die verleumderische Behauptung auf, daß das Blut der ermordeten Agnes Hruza und Marie Klima sich in einer galizischen jüdischen Synagoge, als Parfüm bezeichnet, vorfand. Als dieser Artikel der Konfiskation verfiel, bespach die „Nage obrana" diese Beschlagnahme in der Nummer vom 26.- Juli d. Iin einem Artikel unter dem Titel: „kitualm vraLdzr a stätm 2astupitelstvo", in dem es wörtlich heißt: „Gewiß ist, daß Agnes Hruza und Marie Klima von Hilsner erilldrdet worden sind, die Leichen dann vom Blut entleert wurden, das Blut verschleppt und erst in Galizien, als „Parfüm", bezeichnet, beschlagnahmt iverden konnte." Die Fortsetzung des Artikels gibt den Teil der Kuttenberger Schwurgerichtsverhandlung wieder, in welchem sowohl der Vorsitzende, wie ein Votant und namentlich der Vertreter der Privatbeteiligten, Dr. Baxa, verfängliche Fragen wegen eines rituellen Mordes an den Sachverständigen stellen und dieser in sehr zweideutiger Weise die Möglichkeit des Ritualmordes zugibt. Ferner erzählt das Blatt von einer Schrift des Pfarrers Dr. Karl Mommert, worin die Uebung des Ritualmordes seitens der Juden behauptet wird, und schließt mit den Worten: „Nie kann der Verdacht des Ritualmordes im böhmischen Volk verwischt werden". Esftst uns nicht bekannt geworden, daß die kk. Staatsanwaltschaft in Königgrätz auch in diesen zweiten Artikel ein Vergehen nach § 302 St.-G. erblickt hätte und gegen das Blatt eingeschritten wäre. Aber nicht nur gegen die jüdische Religionsgemeinschaft als solche, sondern auch gegen einzelne Angehörige dieser Religionsgemeinschaft richtet die „Naäe obrana", wie die Notiz: „2id Freund alans" in Nr. 50 vom 26. Juli d. I. beweist, die gehässigsten und verlogensten Beschuldigungen, durch welche - die Betroffenen an ihrer Ehre und ihrem materiellen Erwerb schwer geschädigt worden. Die straflose Duldung solcher Hetzereien muß auf Seite der jüdischen Bevölkerung zu dem Gefühle vollkommener Rechtlosigkeit, auf Seite der christlichen Bevölkerung zu der Annahme führen, daß den Juden gegenüber jedes Verbrechen erlaubt sei. Wenn die wiederholten feierlichen Erklärungen oer hohen Regierung, daß sie auch gegenüber den Staatsbürgern jüdischen Glaubens die Gesetzlichkeit in vollem Umfange wahren wolle, einem praktischen Wert haben sollen, so müffen sie auch gegenüber so schmählichen Erscheinungen, wie sie sich in der Königgrätzer „klage obrana" darbieten, in die Tat umgesetzt werden. Wir stellen demnach die Bitte: Das hohe k. k. Justizministerium geruhe die k. k. Staatsanwaltschaft in Königgrätz anzuweisen, gegen die systematischen Aufreizungen der „klage obrana" mit allen gesetzlichen Mitteln einzuschreiten. Aktuelle Fragen in Jüdifch-Ruffland. Zwei Fragen sind es besonders, die jetzt in der russischen Judenheit, namentlich in ihrer Presse stark diskutiert werden. Die eine ist die ' Frage, ob die in die dritte Duma entsendeten! jüdischen Volksvertreter eine besondere jüdische i Gruppe bilden sollen, oder nicht. Die Frage! wird von den Nationalisten, deren Hauptorgan j das in Petersburg erscheinende jiddische Tag-! Blatt „Der Fraind" ist, bejaht, von den aus den alten Assimilationskreisen hervorgegangenen, nun aber so ziemlich national gewordenen „Dergreichern", an deren Spitze der alte parlamentarische Kämpfer Winawer steht, verneint. Noch heftiger wütet der Kampf zwischen den Anhängern des Hebräischen und des Jiddischen. als Nationalsprache. Große Artikel Men die Spalten der Blätter und häufen Argumente auf Argumente. Man schreibt auch auf jiddisch gegen jiddisch und auf hebräisch gegen hebräisch als Nationalsprache. An dem Kampfe beteiligen sich hauptsächlich der oben erwähnte „Fraind", die in Wilna täglich erscheinende bundiftifche „V o l k s z e i t u n g" und „H a o l a m", die in Köln herausgegebene aber meist von russischen Juden gelesene und von dem hervorragenden russischen Hebraisten Sokolow redigierte hebräische Ausgabe^ der zionistischen „Welt". „Haolam" hat die Fehde abgeschlossen, nachdem er einen längeren sehr lesenswerten Artikel von Mathias Mises für das Jiddische und einen glänzenden Gegenartikel des Redakteurs gebracht hatte. Die „Volkszeitung" ist entschieden antihebräisch und für das Jiddische. Der „Fraind" läßt Freund und Feind zu Worte kommen, ist aber offenbar in Konsequenz seiner realistisch-nationalistischen Tendenz dem Jiddischen geneigt. — Wir werden uns mit dieser interessanten und bedeutungsvollen Frage noch eingehender zu befassen haben. Tolstoj über die Moschko-Jude». Der berühmte russische Dichter und Sittenprediger Tolstoj äußerte sich gegenüber dem Journalisten Gorodetzky, der mit ihm über die Judenftage sprack, u. A. folgendermaßen: „Ich liebe jene Juden nicht, die sich bemühen, der. Welt zu beweisen, daß sie keine Juden find und die jüdische Gemeinschaft leugnen. Denn erstens glaube ich ihnen nicht, und zweitens kann ich sie deshalb nicht leiden, weil sie das ableugnen, was ihnen nahe und teuer sein sollte." Aus der territorialistische» Bewegung. Von territorialistische Seüe wird uns mitgeteilt: Kiew. Mit Rücksicht auf die glänzenden Erfolge der Emigration nach Galweston, welche durch die „Jüdische Territorialistische Organisation (Jto)" eingeleüet wurde, fand hier eine ganz außerordentlich gut besuchte Volksversammlung statt. Es wurde ein siebzehngliedriges Komüee, bestellend aus führenden Juristen, Aerzten rc. gewählt, welches die Arbeiten überwachen wird. Zur Deckung der Spesen dieses Komitees, welches ein eigenes Secretariat und Bureau haben wird, wurden auf der Stelle 1000 Rubel gesammett. Bukarest. Am 28. Juli hat die erste Gruppe jüdischer Auswanderer mit der Londoner Unterstützung der „Jto" uno des „Emigration- Regulation Departement" das Land verlassen. Die Auswanderer trafen in Bremen mü der vierten Gruppe russisch-jüdischer Auswanderer zusammen. Mit der Vorbereitung und der Ausrüstung der jüdischen Auswanderer in Rumänien ist der Vertreter der „Jto" in Rumänien, Dr. Oskar Nacht in Jassy betraut. In 2 Wochen wird eine zweite und nach den jüdischen Feiettagen, im Herbste, eine dritte Gruppe jüdisch-rumänischer Emigranten auswandern. Bon da und dort. Auch ein Preis. Ein tragikomischer Fall von Korruption gelegenttich der letzten Reichsratswahlen wird aus Kolomea gemeldet. Herr I. Marmorosch kam zu einem Obsthändler, um den Stimmzettel für den Polenklubjuden einzufordern. Der Obsthändler wollte ifjn Anfangs um keinen Preis hergeben. Endlich aber stellte Herr Marmorosch ein Angebot, das den braven Mann zu Falle brachte. Er versprach ihm im Bethause „Schischi zu geben" (d. h. die besondere Ehre angedeihen zu lassen, als „Schischi" (Sechster) zur Thora gerufen zu werden.) — Da weiß man wirklich nicht, soll man lachen oder weinen? Nenes Nationalhaus. Man schreibt uns aus Rymanow. Seit einem Säculum Sitz von Wunder-Rabbis, die jeden fteien und fortschrittlichen Gedanken im Keime zu erdrücken wußten, war unsere Stadt vom tiefsten Obskurantismus beherrscht. Dieser Zustand dauerte bis in das 20. Jahrhundert hinein. Da fanden sich einige wackere Jünglinge, die, nachdem sie außerhalb Rymanows das Licht der Freiheit und der Kuttur erblickt hatten, das kühne Wagnis unternahmen, demselben in ihre Vaterstadt Einzug zu verschaffen. Schwere Kämpfe hatten sie auszufechten, besonders aber die Nichtstuventen unter ihnen. Von den Gegnern denunziert und geächiet, von ihren Müttern geplagt und sekiert, hatten sie doch, der dem jüdischem Volke eigentümliche Kraft und Ausdauer, und durch den Kampf gestählt sind sie zu Männern herangewachsen. Vorkämpfer jüdischer Kultur — wenn auch im kleinen Maßstabe — wollen sie jetzt dem. so heiß verteidigten Gute ein Heim, unserer jüdischen Bevölkerung ein Hans, ein Nationalhaus erbauen. Eiu Symbol unserer Auferstehung soll es sein und ein Grundstein für unsere spätere Entwicklung! Sie wollen zugleich der Heranwachsenden Generation die Gelegenheit bieten schon im Kindesalter jüdische Kuttur einzusaugen und jüdische Zucht sich anzueignen, damit sie zu fteien und starken Männern heranwachsen, und dem Kampfe um ihr Volk und um ihr Leben mit besserer Schulung entgegen gehen. Eine jüdische Schule wollen sie gründen! Ihre bewährte Ausdauer läßt uns hoffen, daß sie ihr Borhaben auch ausführen werden. Möge ihnen dies gelingen! Antisemitischer Kurort. Nach einem Berichte der antisemttischen „Reichspost" werden in dem Kurorte Szczawnica, dem galizischen Gleichenberg, obwohl von den 1900 Kurgästen mindestens 1500 Juden find, in allen der Kurverwaltung gehörenden Wohnungen keine Juden ausgenommen. Auch die schönsten Gärten und Promenaden dürfen von Juden nicht betreten werden. An der Kurquelle müssen die Juden außerhalb der Barriere warten, bis vorerst alle christlichen Kurgäste abgefertigt worden sind. Als kürzlich eine größere jüdische Gesellschaft im Kurhause einen Gattenpavillon okkupierte, wurde sie aus demselben polizeilich verjagt und mußte sie den Platz zu Gunsten christlicher Kurgäste räumen. Die Juden haben nun an die Akademie der Wissenschaft in Krakau, welche Eigentümerin des Kurortes -L-zczawnica ist, eine mit mehreren Hunderten von Unterschriften versehene Beschwerde geächtet, worin sie gegen diese systematischen Zurücksetzungen protestieren. Wir glauben nicht, daß die Beschwerde viel nützen wird. Die Geschichte zeigt uns wieder einmal, wie die viel gepriesene Extra-Judenfteundlichkett der schlachzizischen und allpolakischen Polen in der Nähe ausschaul. Gegen diese sauberen Adelsmenschen wird nur eine immer mehr sich ausbauende Organisation Versammlung «ach russischem Muster. Dienstag, den 6. Juli fand in Sereth ein altruthenisches Meeting mit der Tagesordnung „Die Austeilung der Güter des gr. orth. Religionsfondes", statt. Die Versammlung wurde von dem durch seine attruthenische Propaganda bekannten Dr. Bohatyretz eröffnet. Hierauf ergriff derGecichtsadjunkt Dr. Mogilnicki das Wort, um in längerer Rede gegen alle in der Bukowina lebenden Nationen und insbesondere gegen die Juden zu hetzen. Während seiner Rede wurden mehrere Personen von den aufgehetzten Bauern in roher Weise mißhandelt. Der österreichische k. k. Gerichtsadjunkt ließ sich aber in keiner Weise stören, sondern setzte seine Hetzred e - mit vollster Gemütsruhe fort. Es wäre Pflicht und Schuldigkett dieses Herrn gewesen, die Bauern zu beruhigen. Er und die andern dort anwesenden angeblich Intelligenten taten aber nichts derartiges. — Es muß unserer Regierung und der Gendarmerie der Vorwurf gemacht werden, daß sie nichts zum Schutze der Bevölkerung getan haben. Unsere Negierungsbeamten sind überall, nur nicht dort, wo man sie braucht. Der Bürgermeister vo» Zaleszczyki, Dr. Isidor Blutreich, wurde in Nr. 9 unseres Blattes von unserem Cheftedakteur aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Daraufhin hatte dieser Verbrecher die Stirn, folgendes Schreiben an Dr. Birnbaum zu richten: „Zaleszczki, am 11. August 1907. Euer Hochwolgeboren; Sehr geehrter Herr Doctor! Wenn Sie „geehrter Herr Doctor" im 32. Wahlbezttke Reichsratsabgeordneter werden, dann werde ich meine Würde eines Bürgermeisters in Zaleszyczki sofort niederlegen — bis dahin bitte sich zu gedulden. — Euer Hochwolgeboren ergebenster Diener Dr. Isidor Blutreich, Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Zaleszczyki. — Auch Vizepräsident der isr. Kultusgemeinde rc. rc. . . ." Wir werden uns nicht damtt aufhatten, die erbärmliche Gesinnung zu charakterisieren, die aus diesem Briefe spricht. Aber wir glauben ein allgemeines Interesse zu wahren, wenn wir den Frechling eine Weile festhalten. Mtt rc. rc. und einigen Gedankenpuntten schließt seine Epistel. Natürlich ist es uns nicht möglich, die

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