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Neue Zeitung · 1907-08-23 · Heft 11 (23.8.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue Zeitung Nr. 11 jüdischen Kultureinheit schwebt ebenso über unseren Kämpfen als über unseren Spielen und Festen. Und Zwietracht wird nur eine Form der Eintracht für uns. Manchen wird diese Schilderung zu rosenfarben Vorkommen und sie leidet auch wirklich unter dem notwendigen Fehler, daß sie die Entwicklung von Jahren in einige Sätze bannt und Unterschiede in lokalen Verhältnissen nicht berücksichtigt. Gewiß werden uns die Nationalhäuser nicht gleich all das Gute geben, das wir von ihnen erwarten, und gewiß wird nicht jedes kleine Städtchen Nationalpaläste aufführen können, in welchen die Auslese der nationalen Geisteswerke den Besuchern geboten wird. Aber es genügt, daß immer und überall die Tendenz zur Vollendung, zur Ausschöpfung des Ganzen, zur Verwischung des vollen jüdischen Lebens vorhanden ist. Es genügt, daß die Judenschast des kleinsten galizischen Nestes durch ihr Nationalhaus in den kulturellen Blutkreislauf des ganzen Volkes miteinbezogen wird. Von diesem Gesichtspuukte aus erweitern sich sogar die Perspektiven, die uns die Bewegung zur Errichtung von Nationalhäusern eröffnet. Wir sehen, wie die Volkskräste aus all den kleinen Quellen in den Kulturbassins der großen jüdischen Geisteszentren zusammensiießen, wie sich dort die gewaltigsten Kulturschätze aufstapeln. Wir sehen diese Schatzkammern des jüdischen Volksgeistes zu den ersten Stätten werden, an welchen sich hohe Schulen jüdischer Wissenschaft und jüdischer Kunst etablieren. Danken wir dem mächtigen unüberwindlichen Lebenswillen in uns, der uns diese bescheidene und doch so ragende Aufgabe geschenkt hat. Halten wir fest an ihr, tragen wir den Sinn fix sie in die entlegensten und entftemdetsten Gruppen unseres Volkes! Und helfen wir dort aus, wo der Wunsch waltet, aber die Mittel fehlen. Wir bauen überall für uns. B. Wochenschau. Die Landtags-Wahlreform. Die Altmodischen unter den jüdischen Polittkern können nicht begreifen, was die Wahlreform für die Landtage uns Juden nützen könnte. Sie ° haben vor der Reichsratswahlreform ja ebenso gesprochen. Daß uns schließlich jeder Fortschritt in fteihettlicher und gleichheitlicher Richtung nur zustatten kommt, verstehen sie nicht. Ebensowenig, von welcher. Bedeutung die Aufmunterung und Erweckung der Massen ist. Das gllt für Niederösterreich z. B. gerade so wie für Galizien und die Bukowina. Nur „Nenne mir die schönsten und wichttgsten!" „Nun also . . London, Jeuneville, Frankfurt, Wien, Rom ..." „Ach!" „Salonik, Stambul, Jeruscholajim ..." „Jeruscholajim," wiederholte das Mädchen leise, wie betend. „Oh, wie schön muß es sein!" „Wie ein Märchen, das Gott selbst erzählt, Chawinju." „Oh, oh . . . und dann?" „Dann fahren wir nach Neu-Babel, und von da kehren wir um und ziehen in die Länder des europäischen Ostens, wo die alten Slavenvölker und unter ihnen seit Jahrhunderten wieder Millionen unseres Volkes Hausen. Da kommen wir zuletzt nach Wilna." ,.Jn Wilna warst Du noch nicht?" fragte der Enkel. „Nein! Vor-zwanzig Jahren hätte ich Gelegenheit gehabt. Da war die Nationalversammlung auch dahin einberufen. Aber damals ließ ich mich nicht wählen . - - Doch ich höre Schritte. Wohl die Deputation . . . . " Schwer und dumpf lastete die Hitze über Frankfurt. Es war, als brütete sie unheimliche Pläne gegen die größte Stadt des deutschen Volkes. Doch diese srug nicht darnach. Der Wirbel und die Lust des Lebens erfüllten sie von einem Ende bis zum zweiten ... Und die beiden Wanderer schritten mit Staunen und Unbehagen durch den Wirbel und die Lust. „Die Würde fehlt," sagte Jermi Woldman, die Würde, die unser Amerika so reichlich hat. daß diese Erkenntnis im Osten für uns wichtiger ist. Allerdings wird auch das wieder von vielen bezweifelt. Was wir schließlich davon haben, wenn in den galizischen Landtag statt der Herren die polnischen und ruthenischen Bauern einziehen? Törichte Frage von Leuten, die nie klug werden wollen. Das ist es ja, was die galizischen Juden so tief herunter gebracht hat, daß der Schlachzize die Macht hatte, sie an sich zu zu fesseln und auf die Bauernschaft beider Nationen zu Hetzen. Die Zukunft des galizischen Juden liegt in seiner Selbständigkeit, die aber nur bei ehrlichem guten Einvernehmen mit den Bauern dauernd zu gewinnen ist. Die Bauern sind unzugänglich? Längst nicht mehr in dem Grade wie ftüher. Und wenn auch, in unserer Macht liegt es, den Weg zu ihnen zu finden. Ein Stück dieses Weges ist die Teilnahme am Kampfe für das allgemeine Wahlrecht. Helfen wir den Bauern (und den Arbeitern) — den unverschämtesten Adel der Welt aus der Landstube herauszuwerfen! Helfen wir uns selbst! Alle nationale und polittsche Unterdrückung die wir in Galizien leiden, stammt aus diesem Landtag der schlachzizifchen Parasiten. Schlimmer - kann er jedenfalls nicht werden. Ein „konservatives Herrenhausmitglied" meint in der Korrespondenz „Die Information": „Man kann doch nicht die unkultivierten, vielfach noch im finsterstem Aberglauben und stupidester Unbildung wurzelnden Schichten einzelner Provinzen das Heft in die Hand drücken. Solche Rücksichten treffen gewiß für Galizien, die Bukowina, ja auch für Kram und Istrien zu." Dieses „konservattve Herrenhausmitglied" scheint aus der nächsten Nähe der Herren Schlachzizen zu sein, die das besagte Heft lieber selbst in Händen behaüen wollen, um eben Bauern und Juden „im finstersten Aberglauben und stupidester Unbildung" belassen und so bequem ausbeuten zu können. Vielleicht belehrt das „konservative Herrenhausmitglied" unsere jüdischen Angstmeier und Zögerer, wo der Feind ist und was sie zu tun haben. Die Pioniere der Christlichsozialen. Vom Scheinliberalismus zum extremen Nationalismus, Rassenantisemittsmus und Klerikalismus, das ist die Entwicklung, die wir bei Deutschen und Slaven und nun auch bei den Magyaren beobachten können. Dies nicht rechtzeitig erkannt zu haben, das ist die tragische Schuld der assimilatorisch-jüdischen Politik. Zweiundzwanzig Jahre mach der Sprengung der Fischhofischen österreichischen Volkspartei durch Die Würde, die nur aus der Geschichte quillt, aus lebendig gebliebener Geschichte. Hier aber starb sie und die neue ist'erst im Keime . . . doch was ist das?" Es war plötzlich stille um sie geworden. Eine Toteninsel mitten in der Stadt! Fußhohes Gras, schmale, wirre Pfade, kein Haus, kein Mensch, kein Tier weit und breit! Nur eine grünlichgraue Mauer, die sich langmächtig hinzog und hinter ihr uralte Cypressen und Kastanienbäume, die mit leisem Wipfelwinken traurig und geheimnisvoll herübergrüßten. Die Züge des Alten waren furchtbar ernst geworden. Man sah, wie eine finstere Ahnung über sein Antlitz schlich. „Komm, wir wollen hinüber!" „Großvater!?" „Schweig! Es muß sein." Mit jugendlicher Behendigkeit schwang er sich über die Mauer. Der Enkel staunend und zögernd ihm nach. v Abend umfleug sie, ein Abend, der Eigentum dieses verzauberten Gartens war. Und in der Dämmerung jagten und flogen aufgescheuchte kleine und große Tiere an ihnen vorbei. Ein seltsames Surren begleitete sie. Sie versanken im Grase; sie stießen an Stämme und Aeste. Sie irrten im Kreise umher. Sie keuchten. Plötzlich blieb der Alte schreckgetroffen stehen. „Da!" brachte er nur heraus. Und bloß seine Blicke wiesen die Richtung. Eine große Steinplatte, viereckig, auf einer Seite gerundet, mit einem riesigen Sprung quer durch und mehrfach abgebröckelt, lag unter einer mächtigen Cypresse. Und tausende kleine Scheinliberale und Deutschnationäle, erkennt erst die „Neue Freie Presse" und die ihr gesinnungsverwandten Organe, daß die beiden früher genannten Parteien, die nunmehr im deutschnationalen Verbände vereinigt sind, die Geschäfte der Klerikalen besorgen. Die „Narodny Listy" wiederum entdeckt jetzt die klerikale Gefahr, nachdem Jungtschechen und tschechische Staatsrechtler durch ihren wüsten Chauvinismus und das Kokettieren mit dem Antisemitismus den Boden für die tschechisch-klerikale Propaganda vorbereitet haben. Und die magyarische, angeblich demokratische Koalition, die sich der besonderen Protektion der Wiener „Zeit" erfreute, entpuppt sich jetzt bereits für die „Neue Freie Presse" als eine klerikale antisemitische Gesellschaft. Die assimilatorisch jüdische Polittk aber ist es, die durch die Förderung dieser Parteien nicht, etu a nur das ihr gleichgiltige jüdische Volksintereffe, sondern auch den von ihr immer im Munde geführten fteisinnigen Fortschritt auf's empfindlichste geschädigt hat. Veras. Großösterreichertunr und Antisemitismus. Die jüdisch-assimilatorische Politik und die ihr dienende Presse versteht es prächttg, den Christlichsozialen es zu ermöglichen, nun auch das großösterreichische Programm mit dem Antisemitismus zu verquicken, und. die Juden als Gegner des einheitlichen Reichsgedankens und als Gegner der Befreiung der pichtmagyarischen Völker vom magyarischen Joche hinzustellen. Wäre diese Presse tatsächlich freisinnig, dann stände sie auf Seiten der nichtmagyarischen Demokratie und nicht auf Seiten der magyarischen Reaktion, wäre sie eine wirklich Judenpresse, das heißt die Vertreter jüdischer Volksinteressen, dann stünde sie ebenfalls als Sprachrohr eines unterdrückten Volkes auf Seiten der unterdrückten Nichtmagyaren. So aber ist diese Presse ein ausschließliches Sprachrohr gewisser^ kapitalistischer Mächte, welche der wahren Gleichberechtigung, sowohl in sozialer als auch in nationaler Hinsicht, gleich feindlich gegenüberstehen. Andererseits aber ist der großösterreichische Reichsgedanke, der taufende begeisterte Anhänger unter der jüdischen Moderne findet, direkt unvereinbar mit nationaler und religiöser Intoleranz, er ist vielmehr das Symbol der individuellen Freiheit, der nationalen Autonomie und der wirtschaftlichen Gerechtigkeit für alle Nationen und alle Klassen des Reiches. Darum wird der Antisemitismus einzelner Großösterreicher die Vertreter der großen jüdischen Reinaissancebewegung niemals abhalten, für ein wirklich modernes soziales, allen seinen Völkern die nationale Autonomie gewährendes Großösterreich einzutreten. Kieselchen lagen auf ihr und Millionen Ameisen hasteten durch die Kieselchen hindurch. „Lejser, weißt Du, wo wir sind?" fragte endlich der Alte mit schwerer Stimme. Und behutsam strich er an einer Stelle die Steinchen weg. „Sieh', sieh'! ..." Noch waren sie deutlich zu lesen — die hebräischen Lettern. Eine Jahreszahl: 6134. „Weißt Du nun, wo wir find?" fragte er wieder, und seine Stimme zitterte von einem Schmerze, der seinesgleichen nicht kennt auf dieser Erde. Der junge Mann bedeckte sich die Augen mit den Händen. Er wußte die Antwort schon. Aber der Alte sprach sie dennoch aus: „Auf dem Friedhofe des Judentums in Deutschland!" Und die Tränen der Seele des jüdischen , Volkes rannen durch seine. Worte. „Großvater!" „Es war ein langer Todeskampf, Lejser, und im Ganzen voll Heldenhaftigkeit -...." Ganz still und stumm war es ringsum geworden. Die alten Bäume nickten auch nicht mehr; sie lauschten. Und doppelt neugierig lauschten sie, als sie plötzlich Klänge vernahmen, die irgendwo in ihrer Erinnerung ein dunkles Leben führten, Klänge, die auf Deutschlands Erde schon Jahrhunderte lange nicht gehört worden waren-:-— „Jissgadal wejisskadasch schmej rabbo .. .* (Schluß folgt.)

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