Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1907-08-23 · Heft 11 (23.8.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2430890-2430908-2430919--244-2431231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

NEUE ZEITUNG gctmltinn unü Admioistralia»: Wien, 11/3, Haugasse 8. Sprechstunden täglich außer Samstag u. Sonntag 4-6 Uhr Nachmittag Insertionspreise: Zür bte bretmal gespaltene Nonpareille« zette ober ber Raum 12 L, bei wieber» hol».'«qen Rabatt. Postsparkassen-Ronto Nr. 89.867 Unabhilngige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Lreitag Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Nathan Birnbaum. Jlbanntmeatspreife: In Oesterr eich.Ungarn Ganzjähr UL-, halbj. L4.— Vierteljahr. L 2. -. Im Ausland: Ganzjähr. K 11.— halbj. K 5 50 Das Abonnement kann mit jeder Nummer beginnen. autz-rhalb Wien» im Inlande S» ü. Nr. Wien, Freitag, den 23. August $07. 2. Jahrgang. Zur Beachtung! Wir bitten diejenigen Abonnenten, die mit dem Pränumerationsbettage im Rückstände sind, sowie die Besteller, welche ihn überhaupt noch nicht erlegt haben, den betteffenden Betrag güttgst umgehend mittelst Erlagscheines oder Postanweisung zn übermitteln, damit wir in der weiteren Zusendung des Blattes keine Unterbrechung einttete» lassen müsse«. die Administration der „Reuen Zeitung" Die Artikelserie „Nationale Autonomie" wird in der nächsten Nummer fortgesetzt. Jüdische Natioiialhitiiser. In vielen Städten Galiziens und 'der" Bukowina, namentlich aber des ersteren, hat sich in letzter Zeit innerhalb der jüdischen Bevölkerung ein eigenartiges Bedürfnis geltend gemacht: Nach jüdischen Nationalhäusern. In der einen Stadt hat man sich , schon eines gebaut, in einer zweiten hat man mit dem Bau be. gönnen, in einer dritten plant man ihn und sammelt dafür. Der Gedanke breitet sich immer mehr aus, - er erweist sich von jener werbenden Kraft, die der Beiveis starker Volkstümlichkeit und voller Zeitgemäßheit ist. Man würde sehr sehlgehenwollte man die Ursache oder auch nur den Anlaß dieser Be- Nach tausend Jahren. Aus dem Entwurf zu einem jüdischen Roman. Von Mathias Ach er. .Es geht ein Wort durch ganz Amerika: „Stirb .nicht, ehe du nicht das Stadthaus von Mojschestodt gesehen hast, damit du nicht als Unvollkommener sterbest . . Und kommst du am Morgen, es zu sehen, so warre den Abschied der Sonne ab, um seine volle Schönheit in dich aufzunehmen." Auf einem Berge liegt es, über prächtigen Wafferfällen, und hoch über der Städt, die sich weithin in die Ebene ansdehnt. Eine Weile noch vergnügt sich die.Sonne damit, in den krystallenen Fenstern rote Fenerbrände zn entzünden. Dann gibt sie das eitle Spiel ans, verschwindet, und läßt nur die Weiße des Hauses zurück, der Welt zu künden, daß auch mitten in den Finsternissen das Licht nicht stirbt. Weiß ist das Haus — heilig weiß im zitternden schwarzblauen Nebel der Nacht. Und voll dieser weißen Heiligkeit sind auch die Linien des Hauses: Schwer und ernst und gerade steigt es aus der Erde heraus.. Plötzlich wölben sich mächtige, kühne Bögen, die sich, in die Höhe zu verlieren scheinen, um sich dann doch irgendwo 'oben zu schlanken, fragenden, keuschen Türmen zu sammeln . . . . . ' Aber heute Ijaberi wohl nur wenige Leute in Mojschestodt Sinn für die heilige Schönheit des Stadthauses, die wenigsten sind überhaupt wegung in gesellschaftlichen Verhältnissen suchen. Durch solche konnten höchstens -die jüdischen Kasinos entstehen, deren es ja zieinlich viele in Galizien gibt, die doch aber sicherlich nicht einmal a ls Vorläufer der Nationalhäuser betrachtet werden dürfen. Mit viel mehr Recht lassen sich gewisse politische Erfahrungen zu der Nationalhäuser- Bewegung in Beziehung bringen. Wenn jüdischpolitische Gruppen in ihrer Agitation auf Schritt und Tritt durch den Mangel großer Versammlungsräume gehemmt sind, wenn diese Uebelstände in Wahlzeiten sich verzehnfachen und noch außerdem zehnmal fühlbarer werden, dann muß der Gedanke eigener jüdischer Nationlhäuser selbstverständlich leichter ins Rollen kommen. Immerhin hat _man es auch da nur mit einem Anstoß oder besser mit einem der Anstösse, keineswegs aber mit der tieferliegenden Ursache zu tun. Diese liegt eben dort, wo auch die Ursache der neuen jüdisch-politischen Strömungen selbst liegt: Darin, daß das jüdische Gemeinschaftsgefühl aus .einer langen Periode unnützer. Ruhe" in enie" 'neur Zeit' von Tättgkett und Tatenlust eingetreten ist. Nur daß die National- Häuser-Bewegung als erfteuliches Symptom dafür'gelten kann, daß der neue Schaffensdrang nicht an der Oberfläche haften bleiben will. Der neue Jude hat nicht nur Lust bekommen, in die politische Arena zu steigen, um sich endlich wieder sein Schicksal selbst zu gestalten; sein Wollen dringt ttefer, seine Seele sehnt sich weiter. Es ist ein neues Lebensinhaltsuchen über ihn gekommen. Er will nicht nur um des Lebens süßer Gewohnheit willen leben, sondern will sich dem was ec ist und werden kann, zuliebe erhalten, — für sein Judesein, für unten in der Siadt. Hunderttausende lagern in der abschüssigen Umgebung des Hauses. Tausende hocken auf den sieben breiten und hohen Stufen, oie sich rings um den Ban hinziehen. Hunderte umschwirren ihn auf ihren Luftschiffen. Es war Wahl heute, nun zählt man die Stimmen. Nur noch kurze Zeit und der Name' des Gewählten muß bekannt werden! Ob Jermi Woldman gesiegt hat, der Mann, der seit fünfzig Jahren Schönheit sammelt und sie wieder ansstreut in Israel, der dieses weiße Wunder erbaute, — oder Wolf Tobbes, der junge Mensch mit dem Doppelklicke des Stürmers und des Schwärmers, der in seiner Seele neue Welten baut, und just allem Volke sie öffnen will ...- Jermi Woldman! Jermi Woldman! . . Die Kunde fliegt von Mund, zu Mund. Tausende hören sie unwillig. Hunderltausende jubeln ....- Jermi Woldman sitzt auf der Terasse seines Hauses und blickt — einer der Wenigen an diesem Abend — in stiller Labnis zu seinem weißen Werke empor. Sein Enkel, ein Jüngling — der Sohn lebt nicht mehr — nach- und mitempfinvend neben ihm . : . Da stürmt die Enkelin herbei, eine Sechzehnjährige. Noch hat sie nicht gesprochen und er weiß es schon, erkennt es an ihren leuchtenden Augen- Unwillkürlich erhebt er sich: „Also, doch noch einmal?" „Ja, Großväterchen!" das Judentum, um es in sich auf-, jaus sich heraus-, in die Welt hineinzubauen. Diesem großen, übermächtigen und einzig bedeutungsvollen kulturellen Wollen dient der Gedanke, allenthalben jüdische Nationalhäuser zu errichten. Schon der Anblick eines solchen Hauses muß das nationale Kraftgefühl — diese erste Voraussetzung nationaler Schöpferkraft — um ein bedeutendes steigern. Als weithin leuchtendes Symbol nationaler Solidarität, nationalen Lebens steht es da. Ein Heimatsfluidum geht von ihm aus, ein stiller Lockruf klingt aus seinen Steinen, wie die ersten Meilenzeiger einer reichen nationalen Entwicklung ragen vielversprechend seine Mauern. Und wenn man eintcitt, auf allen Wegen die Seele des Volkes, die gesuchte und endlich in den mannigfaltigsten Formen gefundene. Aus Büchern und aus lebendigem Worte strömt die Lehre von uns selbst, von unseren Ahnen, von unseren Brüdern, von unserem Denken, Empfinden und Glauben. Was aber das lehrende Wort mcht mehr verinag/ eL'gänzr das^DtrDelkende, - ergänzt die Macht der Töne, die Pracht der Farben. Wir sind gewürdigt, der Seele des Volkes ins Angesicht zu schauen. Hier lernen ivir Feste feiern, die über der Langweile des Alltags stehen, Zerstreuungen genießen, die unserem tiefsten Wesen und seinem Bedürfnisse entsprechen, und unsere Körper stählen, stärken und bilden, auf daß sie unser geistiges Schaffen ertragen und stützen. Hier werden selbst politische Kämpfe, die wir unter uns ausfechtcn, zu kulturellen Förderungen, denn wir fechten sie eben weit inniger unter uns aus, als je zuvor. Die Idee der Und sie kniet neben ihm nieder und küßt ihm die Hände. Er aber seufzt leise, wie Einer, der Gefahren „Diesmal sollst Du mit, Lejser!" sagt er plötzlich. „Großvater?!" „Ja, Lejser! Uud auch Du, Chawinju!" „Großväterchen, Grotzväterchenl" Und hängt schon an seinem Halse! Kaum macht er sich frei. „Und schon nächste Woche fahren wir." Kaum kann er einen neuen Uebersall ihrer Dankbarkeit abwehren. Und, den fragenden Blick des Enkels bemerkend, fügt er hinzu: „Wir fahren nicht direkt, sondern machen erst eine kleine Reise. Diesmal darf ich mich nicht auf fremde Berichte verlassen. Ich muß überall selbst sein, überall selbst untersuchen, wie es mit Israel steht. Ob sie wirklich mächtig geworden sind, die neuen Eiferer, die das Schöne und das Starke Haffen, und die ich dafür Hape — mit der ganzen Kraft meiner Seele. . . ." „Errege Dich nicht, Großvater!" Aber der Alte hörte die Mahnung nicht, sondern ging, die Hände zu Fäusten geballt, mit großen Schritten auf und ab. „Großväterchen!" zirpte das Mädchen. Der Ton weckte ihn wieder. Er lächelte. „Mein Kind?" „Wo werden wir überall sein?" „Ach, in vielen, vielen Städten, wo es Juden gibt, und auch in solchen, wo keine sind."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.